miniatur|Nestor und sein Becher. Emblem Andrea Alciatos (1492–1550) von 1584. Nestorbecher bezeichnet den mythischen Mischbecher Nestors von Pylos, wie Homer ihn in der Ilias beschrieb. Die griechische Bezeichnung für das Gefäß lautet („Nestoris“). Weil der Iliasdichter nur wenige und unklare Informationen zum Aussehen des Bechers gibt, wurde dieser bereits in der Antike ausführlich diskutiert. Die mythische Nestoris war auch Namenspatron für einen doppelhenkligen, italischen Vasentyp aus dem fünften und vierten Jahrhundert v. Chr. Auch im Mittelalter und in der Neuzeit beschäftigte die Nestoris Philologen wie Eustathios und Literaten wie Andrea Alciato oder Friedrich Schiller gleichermaßen.Vgl. Alciatos Epigramm „Scyphus Nestoris“. Andrea Alciato: Les emblemes. Lyon 1549/1550, S. 110–111.Vgl. Schillers Ballade „Das Siegesfest“. Anton Doll (Hrsg.): Friedrich Schillers sämtliche Werke. Bd. 10. Wien 1810, S. 199–204, insb. V. 121–128. Heinrich Schliemann fand 1876 in Mykene einen Goldbecher, der in seiner Gestalt dem von Homer beschriebenen nahekommt; er glaubte daher, das reale Vorbild der Nestoris gefunden zu haben.

„Nestorbecher“ nennt man ferner ein 1954 auf der Insel Ischia entdecktes Trinkgefäß mit einer Inschrift, die einen Bezug zu Nestor und seinem Becher herstellt. Ob sie auf den Nestorbecher der Ilias oder den Nestor des epischen Zyklus anspielt, ist allerdings noch umstritten. Die Inschrift ist dennoch von großer historischer Bedeutung, weil es sich um eine der frühesten datierbaren griechischen Inschriften in Alphabetform handelt. Da die Schriftzeichen schon deutlich von den phönizischen abweichen, lässt sich schließen, dass die Übernahme des Alphabets einige Zeit vor der Anbringung der Inschrift erfolgt sein muss.

Der iliadische Nestorbecher Der Becher in der Ilias Im elften Buch der homerischen Ilias, Verse 632–637, wird ein Mischgefäß beschrieben, das Nestor aus Pylos mit in den Trojanischen Krieg gebracht hat. Es steht zusammen mit Honig, Gerstenmehl und einem Korb voll Zwiebeln auf dem Tisch in Nestors Zelt:

miniatur|275px|11. Gesang der Ilias, V. 632-637, in einer Handschrift von 1488. πὰρ δὲ δέπας περικαλλές, ὃ οἴκοθεν ἦγ' ὁ γεραιός, χρυσείοις ἥλοισι πεπαρμένον· οὔατα δ' αὐτοῦ τέσσερ' ἔσαν, δοιαὶ δὲ πελειάδες ἀμφὶς ἕκαστον χρύσειαι νεμέθοντο, δύω δ' ὑπὸ πυθμένες ἦσαν. ἄλλος μὲν μογέων ἀποκινήσασκε τραπέζης πλεῖον ἐόν, Νέστωρ δ' ὁ γέρων ἀμογητεὶ ἄειρεν. (gemäß der Ausgabe von Martin L. West) … dazu den überaus schönen Becher, den von zu Hause mitgebracht der Alte, Mit goldenen Nägeln beschlagen, und Ohren hatte er Vier, und zwei Tauben pickten auf beiden Seiten Eines jeden, goldene, und zwei Standbeine waren darunter. Jeder andere bewegte ihn mit Mühe vom Tisch, Wenn er voll war, Nestor aber, der Alte, hob ihn ohne Mühe. (Übersetzung: Wolfgang Schadewaldt)

Hekamede, eine Dienerin Nestors aus Tenedos, füllt den Kelch mit pramnischem Wein und streut weiße Gerste und geraspelten Ziegenkäse darüber. Diesen Kykeon trinken Nestor und der an der rechten Schulter verwundete Machaon, den Nestor vom Schlachtfeld gefahren hatte, um ihn zu versorgen.

Der Becher in der antiken Homerdiskussion mini|150px|Aristarch von Samothrake, Detail aus: Die Apotheose des Homer (1827) von Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867) Obwohl Homer der Nestoris sechs Verse widmet, bleibt ihr Bild im Vergleich zu demjenigen anderer im homerischen Epos beschriebener Gegenstände auffallend vage. Daher wurde das Aussehen der Nestoris in der Antike breit und ausführlich diskutiert. Die Homerscholien bezeugen Aristonikos, Didymos, Herodian, Ptolemaios aus Askalon, Stesimbrotos und weitere, anonyme Gelehrte, die sich mit dem Nestorbecher beschäftigt haben; darüber hinaus zitiert Athenaios im 11. Buch der Deipnosophistai Aristarch sowie Asklepiades von Myrleia aus dessen verloren gegangener Schrift Über die Nestoris. Asklepiades wie auch Athenaios selbst nennen weitere Personen, die sich mit dem Becher befasst haben sollen: Dionysios Thrax (der auch versucht haben soll, ihn in Silber nachzubauen), Apelles, Promathidas aus Herakleia und Sosibios aus Sparta. Weitere Quellen der Nestoris-Diskussion sind Porphyrios’ Ilias-Scholien sowie der Ilias-Kommentar des Eustathios aus dem 12. Jahrhundert.

In der hellenistischen Homerphilologie standen sich zwei Schulen gegenüber, die alexandrinische und die pergamenische; erstere beschäftigte sich vor allem mit dem Aussehen des Bechers, letztere mit seiner allegorischen Bedeutung.Braun, S. 48. Einige der antiken und mittelalterlichen Vorschläge dazu, wie man sich die Nestoris vorstellen müsse, lauten folgendermaßen:

Mit goldenen Nägeln beschlagen (V. 633) Mit denselben Worten beschreibt der Iliasdichter den Stab des Achilleus (1, 245-246); auch am Schwertgriff des Agamemnon glänzen goldene Nägel (11-29/30). Es handelt sich offenbar um Schmuckelemente in Form kurzer Nieten mit großen Köpfen und nicht, wie Apelles laut Asklepiades meinte, Buckel, die von unten mit dem Stichel aus dem Becher gestanzt wurden und nur wie Nägel aussahen.Athenaios, 11, 488b–d, Bd. 3, S. 75–76. Dies wäre umso unplausibler, als alle antiken Kommentatoren und auch Eustathios davon ausgingen, dass der Becher selbst aus Silber war: „Denn wenn der Becher massiv golden gewesen wäre, warum hätte er (Homer) dann darauf hinweisen sollen, dass die Nägel und die Felsentauben golden waren, wenn er ganz aus Gold gewesen wäre?“ (Eustathios)Eustathios, 869, 54–55, S. 278. Allerdings kommen prinzipiell auch andere Materialien wie Bronze, Holz oder (Elfen-)Bein in Betracht. Ohren hatte er vier (V. 633-634) (úata) wäre mit „Henkel“ statt „Ohren“ treffender übersetzt. Aristarch denkt sie sich paarweise in Form eines kleinen Omega angeordnet, macht aber keine Aussage dazu, ob er sie sich waagrecht oder senkrecht vorstellt. Somit müsste man von unten bzw. von der Seite in die Henkel greifen, um zu trinken.Dindorf, S. 401.Eustathios, 869, 27, S. 276. Apelles dagegen geht von zwei senkrechten, durchbrochenen Henkeln aus, die sich also in der Mitte in zwei Streben teilen, sodass nur der Eindruck entsteht, es wären vier.Athenaios, 11, 488d–e, Bd. 3, S. 76. zwei Standbeine waren darunter (V. 635) Hier bereitet die Überlieferung Schwierigkeiten. Drei Varianten wurden im Altertum diskutiert, von denen aber nur ersten beiden bezeugt sind:West, S. 340. ist die am besten belegte Lesart und liegt auch Schadewaldts Übersetzung zugrunde. (hypò „unterhalb, darunter“) und (êsan „waren“) stehen dann in Tmesis; der Halbvers lautet übersetzt: „und zwei Füße waren darunter“. Fraglich ist aber, warum der Becher zwei Füße gehabt haben soll, und ob nicht auch Böden oder seitliche Stützen bedeuten könnte; allgemein bedeutet es wohl unterster Teil.Furumark, S. 47. Athenaios erwähnt drei Deutungen für zwei Füße: Entweder gehörte der erste, kleinere Fuß noch zum Korpus, der zweite war ihm angeschlossen, sodass beide ineinander übergingen. Oder der sich nach unten hin verbreiternde Fuß hatte in sich noch einen zweiten, kleineren; in beiden Fällen bleibt offen, warum Homer von zwei Füßen gesprochen haben sollte, obwohl nur einer sichtbar war. Schließlich wären noch zwei tatsächlich voneinander unabhängige Füße möglich, deren Nutzen wiederum unklar wäre.Athenaios, 11, 488f–489a, Bd. 3, S. 76–77. wird von den pergamenischen Interpreten bevorzugt. Das aus dieser Zusammenschreibung entstandene Wort wäre ein nirgends sonst bezeugtes Adjektiv und als Epitheton der im vorangehenden Vers genannten „Tauben“ zu lesen. Die Stelle hieße dann übersetzt: „… und zwei (weitere Tauben) waren unten an den Füßen befindlich.“Bachmann, S. 499.Eustathios, 869, 6, S. 275. würde durch den Apostroph den Ausfall eines Dativ-Iotas markieren, die stünden also im Dativ. Der Halbvers würde lauten: „… und zwei (weitere Tauben) waren unter den Füßen“, wobei die Formulierung „unter den Füßen“ die Verständlichkeit der Stelle nicht gerade erhöhen würde.Eustathios, 869, 7–8, S. 275. Jeder andere bewegte ihn mit Mühe vom Tisch, / Wenn er voll war, Nestor aber, der Alte, hob ihn ohne Mühe. (V. 636/637) Wörtlich genommen klingen diese Verse paradox: „Freilich wäre der Mischtrankbecher für Achilleus oder Aias nicht schwer zu heben gewesen.“ (Eustathios)Eustathios, 870.34, S. 281. Das gilt auch dann, wenn man bedenkt, dass es sich nicht um einen kleinen Trinkbecher, sondern ein großes Mischgefäß handelt. Die antike Homerdiskussion machte zu dieser Stelle fünf verschiedene Vorschläge: Am häufigsten wurde die Meinung vertreten, die Zeilen seien tatsächlich als Lob auf Nestor zu verstehen, wenn auch vielleicht nur als Formel ohne tieferen Sinn.Bekker, S. 325.Eustathios, 870, 46–47, S. 281.Porphyrios, S. 168–169. Dazu passt der moderne Ansatz von Arne Furumark, Klaus Rüter und Barbara Patzek, die Aussage ähnlich zu deuten wie diejenige, dass nur Odysseus seinen Bogen spannen könne (vgl. unten).Furumark, S. 52–53; Rüter/Matthiessen, S. 251–252; Patzek S. 199. Athenaios behauptet allerdings, dass für diese Aussage zusätzlich das Indefinitpronomen (tis „irgendeiner“) das Wort (állos „Anderer“) zu „irgendein Anderer“ ergänzen müsse.Athenaios, 11, 493b–c, Bd. 3, S. 86. Viel diskutiert wurde auch die Möglichkeit, dass bei eine Krasis vorliege, dass dieses Wort also eigentlich (ho állos „der Andere“) bedeute und nur zu zusammengezogen sei.Dindorf, S. 401; Erbse, S. 247. Auch wäre es möglich, dass die Stelle (all' hòs mogéon „der (sich Bemühende) aber“) laute.Athenaios, 11, 493a, Bd. 3, S. 86; Eustathios, 870, 35–39, S. 281. Mit dem Anderen sei Machaon gemeint, der an der rechten Schulter verletzt worden war und deshalb wohl nichts Schweres heben konnte. Allerdings wäre es ein fragwürdiges „Lob“ für Nestor gewesen, stärker zu sein als ein Verletzter. Außerdem liegt an dieser Stelle die letzte Erwähnung Machaons bereits 23 Verse zurück, sodass der Bezug recht konstruiert wirkt. Auch grammatikalisch taugt er nicht viel: Die erste Variante scheidet aus, da sie bereits im 8. Jahrhundert hätte lauten müssen.Erbse, S. 247–248. Die zweite Variante ist ebenfalls grammatikalisch falsch; der zum Partizip gezogene Artikel (ho „der“) konnte nicht durch das Relativpronomen (hós „welcher“) ersetzt werden.Athenaios, 11, 493b, Bd. 3, S. 86. Aufgrund der merkwürdigen Gestalt des Bechers wäre es denkbar, dass es einiger Übung bedurfte, um ihn hochzuheben; auf Anhieb gelang das eben nur seinem langjährigen Besitzer. Antisthenes weist laut Porphyrios darauf hin, dass Nestor der trinkfesteste der Heroen vor Troja war und also nicht betrunken wurde. Damit meinte er wohl, dass Nestor beim Gelage der letzte war, der den Becher noch heben konnte, wenn schon alle Anderen nicht mehr dazu in der Lage waren.Porphyrios, S. 168. Sosibios (nach Porphyrios bereits Aristoteles) hat vorgeschlagen, (ho géron „der Alte“) in V. 637 als Koinon einer Apokoinu zu lesen; es bezöge sich dann nicht nur auf (Nestor), sondern auch auf (állos „Andere(r)“) im Vers davor. Die beiden Verse würden also bedeuten: „Jeder andere Alte (!) bewegte ihn mit Mühe vom Tisch, wenn er voll war, Nestor aber, der Alte, hob ihn ohne Mühe.“ – weil Nestor für einen Greis noch sehr rüstig war.Athenaios, 11, 493c–e, Bd. 3, S. 86–87.

Insgesamt muss konstatiert werden, dass es den antiken Kommentatoren nicht gelungen ist, eine befriedigende und in sich stimmige Erklärung aller Elemente der Nestoris zu geben.