miniatur|350px|Goldhutgasse mini|Heutige bauliche Situation am ehemaligen Fünffingerplätzchen mit Schirn-Rotunde Das Fünffingerplätzchen war ein kleiner Platz in der Altstadt von Frankfurt am Main, der durch das Zusammentreffen von fünf schmalen Gassen gebildet wurde. Es lag östlich der Ostzeile des Römerbergs, südlich des Marktes, westlich der Langen Schirn und nördlich der Bendergasse. Das beliebte Postkartenmotiv und Touristenziel wurde bei einem Luftangriff am 22. März 1944 zerstört. Anstelle eines möglichen Wiederaufbaus entschied die Stadt nach dem Krieg, die Trümmer zu beseitigen. Das Gelände wurde erst Anfang der 1970er Jahre mit der sogenannten Höckerzone überbaut, die mit dem Bau der Römerberg-Ostzeile 1981 bis 1983 und der Kunsthalle Schirn 1984 bis 1986 wieder verschwand. Am Ort des ehemaligen Fünffingerplätzchens befindet sich heute der westliche Eingang zur Schirn-Rotunde.

Ursprung, Geschichte und Zerstörung Das Erscheinungsbild des Fünffingerplätzchens war für Frankfurt wie auch im Vergleich mit anderen mittelalterlichen Fachwerkaltstädten einzigartig:

Von Westen nach Osten trafen hier das Schwertfegergässchen, das Drachengässchen und die Goldhutgasse auf die quer dazu verlaufende Flößergasse, welche sich vom Haus Schwarzer Stern (Hausanschrift: Römerberg 6diese und alle folgenden Adressangaben entsprechend dem Frankfurter Adressbuch von 1943) am Römerberg nach Osten bis an das Hinterhaus der Bendergasse 14 erstreckte.

Das direkt hinter der Bebauung des Samstagsberges (heute auch Römerberg-Ostzeile genannt) verlaufende Rapunzelgässchen traf kurz vor dem Eingang zum Plätzchen auf die Flößergasse. Vom Plätzchen führten alle Gassen in Nordrichtung zum Markt. Der Name rührte entsprechend daher, dass sich aus der Vogelperspektive hier die sehr engen Altstadtpassagen bzw. Gebäudezeilen wie die Finger einer Hand vereinigten.

Bezüglich des natürlichen städtebaulichen Ursprungs halten sich zwei verschiedene Theorien die Waage: die eine folgt der Vermutung, dass sich auf dem Gelände des Fünffingerplätzchens das Nordtor der merowingischen Pfalz befand. Ähnlich wie später im Barockzeitalter im Städtebau üblich, seien die Straßen strahlenförmig auf das Tor hinführend angelegt und in den folgenden Jahrhunderten einfach unter Erhaltung dieses Grundrisses überbaut worden. Die andere Theorie besagt, dass auf dem Gelände der Gassen ein weiterer großer Marktplatz ähnlich dem Römerberg angesiedelt war. Im frühen Mittelalter sei er aus Platznot und infolge der sich ohnehin verlagernden Markttätigkeiten überbaut wurde.Johann Georg Battonn griff die Thematik in seinem Hauptwerk (Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main. Verein für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1864) erstmals auf, später auch Heinrich Voelcker in: Die Altstadt in Frankfurt am Main innerhalb der Hohenstaufenmauer. Frankfurt am Main 1937, Verlag Moritz Diesterwegminiatur|Plätzchen und bauliche Entwicklung auf dem Ravenstein-Plan Frankfurts von 1862miniatur|links|Kleines Paradies am Markt, Foto von C. F. Mylius, um 1890miniatur|links|Fleischerbrunnen in Sachsenhausen, vor 2006 Mitte des 14. Jahrhunderts verlief, wie Beschreibungen der Zeit belegenwichtigste Stadtbeschreibung dieser Zeit ist das 1350 vom Kanonicus des Bartholomäus-Stiftes, Baldemar von Peterweil, geschriebene Liber censuum, letzter bekannter Abdruck in: Verein für Geschichte und Altertumskunde (Hrsg.): Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Dritte Folge. Fünfter Band. K. Th. Völcker’s Verlag, Frankfurt am Main 1896, S. 1–54, östlich der Goldhutgasse eine weitere, Löhergasse genannte Passage von der Flößergasse in Richtung Markt. Durch spätere Überbauung wurde der südliche Teil der ehemaligen Löhergasse zu einem Hinterhof der umgebenden Häuser am Markt, der Langen Schirn und der Bendergasse. Dem Haus Kleines Paradies (Hausanschrift: Markt 27) konnte man durch seine auffallend geknickte Vorderseite (s. Bild) noch im 20. Jahrhundert ansehen, dass es etwa zur Hälfte auf einem ursprünglichen Straßeneingang gebaut worden war.

Auf den frühesten erhaltenen topografischen Darstellungen Frankfurts wie dem Plan von Conrad Faber von Creuznach aus dem Jahr 1552 oder dem berühmten Vogelschau-Plan Matthäus Merians des Älteren aus dem Jahr 1628 zeigt sich die Löhergasse dagegen schon überbaut und das Fünffingerplätzchen somit nahezu in dem Zustand, in dem es auf das 20. Jahrhundert gekommen war. Entsprechend lässt sich die Überbauung im Zuge des ständigen Mangels an Baugrund zumindest grob auf den Zeitraum zwischen 1350 und 1552 eingrenzen. Die Gestalt des Kleinen Paradieses erlaubt aufgrund des freiliegenden, übergangszeitlichen Fachwerks im Giebel eine Datierung zwischen 1470 und 1550.

Das Plätzchen blieb nun über Jahrhunderte weitestgehend unverändert. Erst der aufkommende Tourismus Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte es neu und machte es schnell zu einem beliebten Reiseziel und häufigem Foto- und Postkartenmotiv. Neben anderen klassischen Alt-Frankfurter-Ansichten wie der Kannengießergasse oder dem Roseneck an der Ecke Garküchenplatz und Große Fischergasse hatte es binnen weniger Jahre höchsten repräsentativen Status für Schönheit und Typus der Frankfurter Altstadt.

miniatur|Blick in die Flößergasse, um 1900 Andererseits riss man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (zwischen 1862 und 1877die beiden Häuser sind im Ravenstein-Plan von 1862 noch verzeichnet (vgl. Bild), besitzen aber bereits im Frankfurter Adressbuch von 1877 keinen Eintrag mehr) die eher kleinen Häuser mit der Anschrift Goldhutgasse 1 und 3 aus ungeklärten Gründen ab; am ehesten dürfte der Grund, wie so oft in dieser Zeit, in Baufälligkeit zu suchen sein. Denn trotz einiger repräsentativ herausgeputzter Ecken befand sich die Bausubstanz der Altstadt um die Jahrhundertwende in einem katastrophalen Zustand. Die unverputzte und dadurch unansehnliche Brandmauer des sich anschließenden Hauses Drachengasse 5 prägte nun bis in die 1930er Jahre das Plätzchen. Sie erscheint auf den meisten Ansichtskarten aus jener Zeit daher auch gar nicht oder wird nur leicht angeschnitten.

miniatur|Handwerkerhöfchen nach der Auskernung 1938 Ende der 1930er Jahre wurde in Frankfurt am Main eine großangelegte Altstadtsanierung durchgeführt. Sie fand im Gegensatz zu den historistisch geprägten Sanierungen der Jahrhundertwende, die oft mehr Substanz vernichteten als sanierten, und den nur oberflächlichen Maßnahmen des Bundes tätiger Altstadtfreunde der 1920er Jahre weitestgehend unter bereits modernen denkmalpflegerischen Aspekten statt.

1936 wurden auch die Häuser am Fünffingerplätzchen grundsaniert, dabei zahlreiche Fachwerke freigelegt, die Brandmauer des Hauses Drachengasse 5 in eine echte Fassade mit Fenstern umgewandelt sowie östlich der Goldhutgasse durch eine Auskernungsmaßnahme mit dem Handwerkerhöfchen ein völlig neuer Platz geschaffen (s. Plan).

Beim Luftangriff des 22. März 1944 entwickelte sich in diesem Teil der Altstadt ein vernichtender Feuersturm, weil sich hier ausnahmslos Fachwerkhäuser befanden. Viele davon waren bis auf Bodenniveau komplett aus Holz gebaut und brannten völlig nieder. Nur steinerne Mauern der Erdgeschosse einzelner Häuser blieben stehen. Obwohl zumindest bei einem Teil der zerstörten Altstadthäuser ein Wiederaufbau möglich gewesen wäre, verhängte die Stadt 1946 einen Baustopp und ließ die Trümmer bis 1950 abräumen. Der Fleischerbrunnen hatte den Krieg schwer beschädigt überstanden und ragte noch einige Zeit aus den Trümmerhaufen der Altstadt empor, bis er abgetragen wurde und vorerst in einem städtischen Depot verschwand. 1968 wurde er von dem Frankfurter Bildhauer Georg Krämer restauriert und erhielt einen neuen Standort in der Großen Rittergasse in Sachsenhausen neben dem Kuhhirtenturm.Fleischerbrunnen auf der Webseite Kunst im öffentlichen Raum in Frankfurt am Main 2006 wurde der Brunnen wieder entfernt und eingelagert, nachdem die rekonstruierte Puttofigur inzwischen verlorengegangen war. Im Rahmen des Dom-Römer-Projektes liegt der Stadtverordnetenversammlung ein Antrag vor, den Fleischerbrunnen auf dem Platz vor dem rekonstruierten Haus zur Goldenen Waage aufzustellen.Antrag NNR 442 vom 8. November 2017

Das Fünffingerplätzchen blieb nach der Trümmerbeseitigung bis Anfang der 1970er Jahre Teil eines Parkplatzes. Beim Bau des U-Bahnhof Dom/Römer und des Technischen Rathauses entstand in diesem Teil der Altstadt die sogenannte Höckerzone aus Betonquadern, die als Fundament für eine spätere Bebauung vorgesehen waren.

Erst seit dem Wiederaufbau der Römerberg-Ostzeile Anfang der 1980er Jahre kann man in dem dahinter liegenden Rapunzelgässchen mit viel Phantasie wieder einen Hauch der Altstadtenge spüren, die einst vom Fünffingerplätzchen mit Blick auf die zum Markt führenden Gässchen zu sehen war. Andererseits ist seitdem eine Wiederherstellung des Plätzchens auch langfristig unmöglich geworden, da die Kunsthalle Schirn nun weite Teile der ursprünglichen Parzellierung überbaut.

Beschreibung und Topographie miniatur|Haus zum Fleischer, Foto von C. F. Mylius, 1869 Das Fünffingerplätzchen war weniger ein Platz als vielmehr eine Kreuzung mehrerer Gassen, da es außer nach Süden von keiner geschlossenen Häuserfront begrenzt wurde. Der Eindruck eines kleinen Platzes entstand trotzdem durch die verwinkelte Anordnung der Häuser sowie den gekrümmten Verlauf der Gassen. Wer im Schnittpunkt der Gassen stand, konnte nicht herausschauen, obwohl zwei der wichtigsten Knotenpunkte der Altstadt, der Markt mit dem Hühnermarkt und der Römerberg, nur wenige Meter entfernt lagen.

Die Parzellen am Platz waren ungewöhnlich klein und nicht, wie an den umliegenden Hauptstraßen der Altstadt, über die Jahrhunderte für größere Bauprojekte zusammengezogen worden. Um trotz der geringen Grundfläche eine maximale Geschossfläche zu erzielen, kragte jedes Obergeschoss erheblich gegenüber dem darunter liegenden aus. Zur Stabilisierung ruhten die Obergeschosse auf starken Knaggen, wie es etwa entlang der Goldhutgasse überall noch beobachtet werden konnte (s. Bild).

Verstärkt wurde der Platzeindruck durch den Fleischer- oder Flößerbrunnen. Der um 1800 errichtete Pumpenbrunnen bestand aus einer einfachen, ornamentlosen Stele aus Mainsandstein, auf dem ein Knabe stand, der sich an einen reichverzierten steinernen Wasserkrug lehnte; der Name des Brunnens erinnerte noch an das in der Nähe stehende Haus zum Fleischer (damalige Hausanschrift: Römerberg 14), das 1873 aus Baufälligkeit abgebrochen wurde (s. Bild).

Die Straßennamen und ihre Etymologie miniatur|Goldhutgasse in Richtung Süden, um 1900 Die Gassennamen am Fünffingerplätzchen hatten schon in ihren frühesten Erwähnungen immer Bezug zum Handwerk. Daher kann davon ausgegangen werden, dass hier, entsprechend dem mittelalterlichen Verständnis der Zünftigkeit, nach Gassen getrennt hauptsächlich Handwerker ansässig waren:Ausführung von Heinrich von Nathusius-Neinstedts Kommentar zum Abdruck des Liber censuum in: Verein für Geschichte und Altertumskunde (Hrsg.): Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Dritte Folge. Fünfter Band. K. Th. Völcker’s Verlag, Frankfurt am Main 1896, S. 1–54

Die Goldhutgasse (s. Bild), die früher nach den Holzschuhmachern schlicht Schuhgasse hieß, hatte ihren neuzeitlichen Namen nach dem Hutmacherhandwerk im Haus zum Goldenen Hut an der Ecke Markt / Goldhutgasse (Hausanschrift: Markt 31).

Auch die einst östlich der Goldhutgasse verlaufende Löhergasse hatte ihren Namen vom Handwerk erhalten, als man mit Lohe, im Alt- und Mittelhochdeutschen noch als Lö mit Umlaut gebräuchlich, zum Gerben verwendete Baumrinde bezeichnete.