mini|Blick von Koyodai auf den Aokigahara Aokigahara (jap. ), auch Aokigahara-jukai (jap. ; dt. „Aokigahara-Baummeer“Hiroko Yoda, Matt Alt: Yurei Attack!. S. 100) oder Fuji no jukai (jap. ; dt. „Fuji-Baummeer“) genannt, ist ein weitläufiger und dichter Wald in der Präfektur Yamanashi in Japan.
Der Aokigahara ist Teil des Fuji-Hakone-Izu-Nationalparks, er umfasst unter anderem drei Naturdenkmäler, einen lokalen Wallfahrtsort sowie eine natürliche Fledermaushöhle. Der Wald ist deshalb ein beliebtes Ausflugs- und Reiseziel, er steht allerdings unter besonderem Natur- und Denkmalschutz. Trotz seiner kurzen Entwicklungsgeschichte leben in seinem Inneren viele, zum Teil seltene Tier- und Pflanzenarten. In der breiten Öffentlichkeit, besonders in den westlichen Medien, ist der Aokigahara als „Selbstmordwald von Japan“ bekannt, weil hier jährlich viele Menschen versteckt Suizid begehen. Lokale Behörden bemühen sich um ein Verhindern weiterer Selbsttötungen. In verschiedenen urbanen Legenden wird behauptet, in dem Wald spuke es und der Ort sei verflucht. Speziell dieser negative Ruf des Waldes hat zahlreiche Literaturwerke, Horrorfilme und Videospiele inspiriert.Robert B. Durham: Modern Folklore. Seite 18. Naturschützer beklagen eine zunehmende Vermüllung des Waldes.
Geografie und Geschichte mini|Waldweg, der in den Aokigahara führt Der Aokigahara befindet sich am Fuß des Fuji an dessen Nordseite, westlich des Saiko-Sees und nordöstlich des Shōji-Sees, zwischen den Gemeinden Fujikawaguchiko im Osten und Narusawa im Westen. Beide Ortschaften gehören dem Kreis Minamitsuru an und liegen in der Präfektur Yamanashi. Der Wald erstreckt sich über etwa 30 km² und gedeiht bis in Höhen um 1300 m T.P. Er entstand um 864 n. Chr., nachdem der Fuji zehn Tage lang kontinuierlich ausgebrochen war, breite Lavaströme seine Nordflanke hinabgeflossen waren und ein breites, poröses Feld aus Olivinbasalt, Vulkanitgeröll, Bimskies und Tuffgestein gebildet hatten. Die besondere Zusammensetzung der Lava führte zu der heutigen, auffällig feinkörnigen Bodenstruktur und brachte ihr eine eigene Bezeichnung ein: Aokigahara-Lava.Hirokazu Katō, Harufumi Noro: Volcanoes and geothermal fields of Japan (= 29th IGC field trip guide book, 4. Band). Geological Survey of Japan, Tsukuba 1992, S. 16 & 27. Auf dieser Fläche entwickelte sich nun der Aokigahara und breitete sich rasch aus. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet ist der Wald mit seinen etwa 1200 Jahren recht jung, die ältesten Bäume sind schätzungsweise 200 Jahre alt.Damien Rudd: Sad Topographies. S. 206.
Im Inneren des Aokigahara liegen die Narusawa-Eishöhle, die Fugaku-Windhöhle und die Drachenpalasthöhle, alle drei sind seit 1929 als Naturdenkmäler registriert. Die Höhlen entstanden durch unterirdische Lavaströme, welche nach ihrem Versiegen Hohlräume und Tunnel hinterließen. Am westlichen Rand des Aokigahara befindet sich die Saiko-Fledermaushöhle.Kuniyasu Mokudai, Mahito Watanabe u. a.: Natural Heritage of Japan. S. 170. Der Aokigahara selbst ist seit dem 24. Februar 1926 Hauptbereich eines vielbesuchten Naturschutzgebietes; dieses wiederum gehört seit 1950 vollständig dem Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark an, weshalb der Wald seitdem unter besonderem Natur- und Denkmalschutz steht. Durch den Aokigahara führt heute eine Schnellstraße, die Nationalstraße 139.
Flora und Fauna miniatur|Kragenbärweibchen mit Jungen Die lokale Tierwelt des Aokigahara umfasst verschiedene Fledermaus-, Mäuse- und Vogelarten, von denen einige sehr selten sind.Yamanashi Kankou: The nature found in the Aokigahara "sea of trees". In: yamanashi-kankou.com (englisch); abgerufen am 29. Dezember 2017. Zu den häufigeren Vogelarten zählen zum Beispiel Kohlmeise, Weidenmeise, Schwanzmeise, Buntspecht, Kizukispecht, Scheckendrossel, Gackelkuckuck, Gemeiner Kuckuck und Eichelhäher. In dem Wald leben außerdem der scheue Kragenbär (Ursus thibetanus)Shinsuke Koike, Toshihiro Hazumi: Notes on Asiatic black bears denning habits in the Misaka Mountains, central Japan. In: Ursus, 19. Ausgabe 1. Quartal 2008, ISSN 1537-6176, S. 80–84. und der in Nord- und Zentraljapan endemische Kleine Japanische Maulwurf (Mogera imaizumii).Kimiyuki Tsuchiya, Hitochi Suzuki, Akio Shinohara u. a.: Molecular phyllogeny of East Asian moles inferred from the sequence variation of the mitochondrial cytochrome b-gene. In: Genes Genetic Systems, 75. Ausgabe vom 18. Januar 2000, ISSN 1341-7568, S. 17–24. (PDF-Datei; englisch), abgerufen am 2. Dezember 2017. Ein regelmäßiger Gast des Waldes ist der Sikahirsch.
Der Wald beherbergt des Weiteren zahlreiche Käfer- und Schmetterlingsarten, auch hierunter finden sich Raritäten. Zu den häufigeren Arten zählen zum Beispiel Kaisermantel, Faulbaum-Bläuling, Schwarzbrauner Trauerfalter und C-Falter. Die meisten Schmetterlinge leben in Pflanzen und Sträuchern am Waldrand, manche können aber auch tief im Waldesinneren gefunden werden.Masahiko Kitahara: Diversity and rarity hotspots and conservation of butterfly communities in and around the Aokigahara woodland of Mount Fuji central Japan. In: Ecological Research, 18. Ausgabe September 2003, Springer-Verlag, ISSN 0912-3814, S. 503–522. In der Drachenpalasthöhle wurden ungewöhnliche Spinnen entdeckt, deren Lebensweise an die permanente Kälte im Höhleninneren angepasst ist.Hajime S. Tori: A Consideration of the Distribution of Some Troglobionts in Japanese Caves. In: Japanese Journal of Zoology: Nihon Dōbutsugaku Shūhō, Bände 12–13. Science Council of Japan, Tokio 1956, ISSN 0368-2889, S. 559. Zu den Waldschädlingen gehören die kiefernfressenden Raupen von Epinotia piceae.John A. Stanturf: Restoration of Boreal and Temperate Forests, Second Edition. S. 371.
Der Aokigahara als Wald setzt sich überwiegend aus Hemlock-Tannen und Hinoki-Scheinzypressen zusammen. Daneben dominieren verschiedene Stechpalmen-Arten sowie Mongolische Eichen, Japanische Blütenkirschen und Japanische Ahorne das Unterholz. Weiters kommen vor: Sicheltanne, Japanische Rotkiefer, Mädchen-Kiefer, Acer distylum, Kleinblütiger Ahorn, Siebolds Fächer-Ahorn, Acer tschonoskii, Zierkirschen-Birke, Chengiopanax sciadophylloides, Clethra barbinervis, Glockige Prachtglocke, Euonymus macropterus, Pieris japonica, Japanische Blütenkirsche, Rhododendron dilatatum, Skimmia japonica f. repens, Sorbus commixta und Toxicodendron trichocarpum. Zu den zahlreichen Blütenpflanzen zählen unter anderem: Artemisia princeps, Corydalis incisa, Maianthemum dilatatum, Oplismenus undulatifolius, Japanischer Staudenknöterich, Chinaschilf, Boehemeria tricuspis var. paraspicata, Cirsium nipponicum var. incomptum, Schnee-Felberich, Vogel-Wicke, Vicia unijuga, Punktierte Glockenblume und Weißklee.Masahiko Kitahara, Mitsuko Yumoto, Takato Kobayashi: Relationship of butterfly diversity with nectar plant species richness in and around the Aokigahara primary woodland of Mount Fuji, central Japan. In: Biodiversity and Conservation, 17. Ausgabe 2008, 1. Quartal. Springer-Verlag Tokio, ISSN 0960-3115, S. 2713–2734. Zu den botanischen Besonderheiten im Aokigahara zählt die chlorophylllose, parasitär lebende Monotropastrum humile.
Besonders der bodennahe Bereich sowie der Waldgrund selbst sind dicht und üppig mit Moosen und Farnen überwuchert, an vielen Stellen hängen die Moose wie Bärte herab und verleihen dem Waldesinneren ein urwaldhaftes Aussehen. Aufgrund des porösen und stark geröllhaltigen Vulkanbodens wurzeln Bäume und Sträucher nur sehr flach. Zusammen mit den trügerischen Moosdecken erschwert das Wurzelwerk eine sichere Begehung des Waldes, auch ein Besteigen der Felsformationen nahe der Waldobergrenze ist aufgrund des porösen Bodens mit Risiken verbunden.
Tourismus mini|Eingang zur Narusawa-Eishöhle mini|Eingang zur Fugaku-Windhöhle Wegen der drei Vulkanhöhlen, der Fledermaushöhle sowie der außerordentlichen Stille in seinem Inneren gilt der Aokigahara offiziell als Erholungs- und Wandergebiet; im Sommer finden Wanderer hier zudem Zuflucht vor der Hitze. Der Wald ist dementsprechend ein beliebtes Reise- und Ausflugsziel und spielt daher eine nicht unerhebliche Rolle in der lokalen Tourismusbranche. Die überwiegende Zahl der Touristen sind Einheimische, Chinesen und Europäer. Da sich der Wald direkt an den Saiko-See anschmiegt, werden dessen Ufer gern von Anglern aufgesucht, der Saiko selbst wird besonders im Sommer von Wassersport-Begeisterten genutzt. Einen zusätzlichen Reiz bietet der Aokigahara Naturfreunden durch die zahlreichen seltenen Tier- und Pflanzenarten. Sowohl von Fujikawaguchiko als auch von Narusawa aus führen zwei ausgeschilderte Naturlehrpfade durch den Wald, der Koyodai-Lehrpfad und der Gōten-niwa-Lehrpfad. Neben den drei großen Höhlen als Hauptattraktionen finden sich im Aokigahara weitere kleinere Höhlen, zum Beispiel die Amayadori-Windhöhle und die Hanabusa-Eishöhle. Im Nordosten grenzen der Yasho-no-mori-Vogelpark und das Freilichtmuseum Iyashi-no-satori an den Wald. In der Drachenpalasthöhle befindet sich zudem der Senoumi-Schrein, der seit langer Zeit ein lokaler Wallfahrtsort ist.Yamanashi Kankou: The Aokigahara sea of trees walking course. In: yamanashi-kankou.com (englisch); abgerufen am 19. Dezember 2017.
Suizidanten und Vermisste
mini|Inneres des Aokigahara mini|Rastplatz im Aokigahara
In der Moderne, besonders in den westlichen Medien und Subkulturen, ist der Aokigahara durch die erschreckend hohe Anzahl von Leichenfunden bekannt geworden. Bei den Toten handelt es sich fast ausnahmslos um Suizidanten, die eigens tief in den Wald eindringen, geeignete Verstecke aufsuchen und sich schließlich das Leben nehmen (meist durch Erhängen oder Vergiften). Dass ausgerechnet der Aokigahara häufig als Suizidstätte gewählt wird, soll auf zwei Romane des japanischen Schriftstellers Matsumoto Seichō zurückgehen. Der erste Roman erschien 1957 unter dem Titel Nami no tō (jap. ; dt. „Der Wellenturm“ oder „Turm der Wellen“) und erzählt von einer jungen Frau namens Yuriko, die sich aufgrund verschmähter Liebe in den Aokigahara zurückzieht und sich dort umbringt. Der zweite Roman erschien 1960 unter dem Titel Kuroi jukai (jap. ; dt. „Schwarzes Meer aus Bäumen“) und behandelt ebenfalls Selbsttötungen im Aokigahara, in diesem Falle betrifft es ein Liebespaar.Francesca Di Marco: Suicide in Twentieth-Century Japan. S. 119–121 & 129–131.
Ein heute weit verbreitetes (weil beliebtes) Gerücht besagt, dass bereits im 19. Jahrhundert verarmte Familien in der Region vorgeblich gezwungen waren, Kleinkinder und pflegebedürftige Senioren während Hungersnöten in Wäldern wie dem Aokigahara auszusetzen und zum Sterben zurückzulassen. Diese Praxis wurde als Ubasute bekannt, ist jedoch historisch nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Die Geister der Opfer sollen jedoch noch heute in dem Wald hausen. Aus dieser Überlieferung heraus nahmen die urbanen Legenden um den Wald ihren Anfang.Alfred G. Killilea, Dylan D. Lynch: Confronting Death. S. 187–188. Früheste erfassbare Berichte über tot aufgefundene Suizidanten stammen aus der Zeit zwischen 1950 und 1960, einige davon aus Jahren vor Seichōs Romanen.Peter Robinson, Sine Heitmann, Peter Dieke: Research Themes for Tourism. S. 172. So berichtete die Zeitung Yomiuri Shinbun im Juli des Jahres 1954 von dem Suizid einer Mutter mit Kind, im November 1955 meldete sie die Selbsttötung eines Arbeiters. Auch in späteren Jahren berichtete die Zeitung regelmäßig über Vorfälle im Aokigahara, beispielsweise im Oktober 1993 über zwei Suizidgefährdete, von denen lediglich einer – und dies nur knapp – gerettet werden konnte.