Die Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth ist eine pflichtschlagende, farbentragende Studentenverbindung im Korporationsverband Deutsche Burschenschaft (DB). Die Burschenschaft vereint Studenten der Universität Bayreuth und ehemalige Studenten der Universitäten Prag, München, Regensburg und Bayreuth. Die Mitglieder der Burschenschaft werden „Thessalen“ genannt.
Couleur und Wahlspruch Die Burschenschaft Thessalia zu Prag trägt seit dem Jahr 1871 die Farben „Schwarz-Weiß-Rot“ mit silberner Perkussion. Als Studentenmütze wird seit 1897 eine schwarze Kranzmütze mit bordeauxrotem Samtring getragen, der mit silbernem Eichenlaub und Pailletten bestickt ist.Hans-Georg Balder, Die Deutschen Burschenschaften. Ihre Darstellung in Einzelchroniken (Hilden 2005), S. 351f. Die Füchse der Thessalen tragen kein eigenes Fuchsenband, sondern ebenfalls das schwarz-weiß-rote Burschenband, die Konkneipanten nur die Mütze. Der Wahlspruch lautet seit der Gründung Unus pro omnibus – omnes pro uno! (deutsch: „Einer für alle – alle für einen!“).
Geschichte mini|Die Gründungsburschen der Burschenschaft Thessalia zu Prag im Jahr 1865
Gründungszeit bis zum Ersten Weltkrieg Von Mitgliedern der studentischen Tischgesellschaft „Tesseralia“ wurde am 7. Dezember 1864Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 186.Herman Haupt (Hg.), Handbuch für den Deutschen Burschenschafter (3. Auflage, Frankfurt a. M. 1925), S. 103 an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Prag auf Anregung eines Angehörigen der akademischen Verbindung Austria, des heutigen Corps Austria, die „Pharmaceutische Verbindung Thessalia“ zu Prag gegründet. Thessalia führte zunächst die Farben schwarz-rot-silber. Aufgrund der zunehmenden Verbreitung des Fechtwesens, nahm Thessalia am 13. Oktober 1870 das „konservative Prinzip“ an und wurde pflichtschlagend und nannte sich von nun an „konservative Verbindung“.Hans-Georg Balder, Die Deutschen Burschenschaften. Ihre Darstellung in Einzelchroniken (Hilden 2005), S. 352 Die ersten Mensuren wurden damals noch unter Verwendung der sog. Prager Plempe gefochten. Aus Anlass der Gründung des Deutschen Reiches 1871 änderten die Thessalen, als Zeichen des Zugehörigkeitsgefühls zum Deutschen Nationalstaat, die Farben des Bundes in schwarz-weiß-rot. 1880 wurde auf ihre Waffen die erste burschenschaftliche Korbschläger-Mensur in Prag ausgetragen (Paukant: Eduard Gerson, Hilaria Prag). Die Thessalia erfuhr innerhalb des jungen Prager Verbindungswesens schnell Anerkennung und trat schon in den 1860er Jahren innerhalb dieses in Erscheinung.Vgl. Deutsche Volks-Zeitung, 24.12.1869, S. 4 Das erste Vereinsstatut und damit die offizielle Anerkennung bei der böhmischen Statthalterei wurde am 30. November 1876 genehmigt.Deutsche Volks-Zeitung, 14. Dezember 1876, S. 8 Weitere Statutenänderungen und -genehmigungen erfolgten 1878Prager Abendblatt, 29.07.1878, S. 2, 1880 und 1883. Im Juni 1883 wandelte sich die Thessalia in eine Burschenschaft um und schloss gleichzeitig in Wien ein Kartell mit der ebenfalls pharmazeutisch ausgerichteten Wiener akademischen Burschenschaft Alemannia.Hans-Georg Balder, Die Deutschen Burschenschaften. Ihre Darstellung in Einzelchroniken (Hilden 2005), S. 352 Zu dieser Zeit wurde Thessalia auch in den Deputiertenconvent der Prager Burschenschaften aufgenommen, der 1876 von Teutonia und Carolina gegründet worden war. Nach der Zeit der zweiten Burschenschaftserklärung 1896 entwickelte sich auch die Aktivenstruktur weg von einer reinen Fachverbindung pharmazeutischer Ausrichtung hin zu Mitgliedern aller Fakultäten der Deutschen Prager Universitäten. Im Jahr 1902 zählte die Burschenschaft 22 Aktive und Conkneipanten (davon 7 Pharmazeuten), 71 Altherren und 21 Ehrenmitglieder.Prager Burschenschaft Albia (Hg.), Mitgliederverzeichnis der im A.B.O. vereinigten Burschenschaften W.-S. 1901/1902 (Prag 1902), S. 36f
Im Jahre 1905 gründete sich offiziell der Altherrenverband (AHV) der Thessalia. Die Böhmische Statthalterei gehnemigte die Gründung am 9. Januar 1906. Erster Altherrenobmann war der Bürgermeister und Apotheker von Königsberg am Eger Ferdinand Forster. 1906 half die Aktivitas durch die Entsendung von Stützburschen bei der Wiedereröffnung des Aktivenbetriebs der Prager Burschenschaft Constantia.Die Wartburg. Zeitschrift für den ostmärkischen Burschenschafter 5/2, 1904: 47; 7/7, 1906: 114
1907 war Thessalia Gründungsmitglied des burschenschaftlichen Verbands „Burschenschaft der Ostmark“. Seit 1919 ist Thessalia Mitglied der Deutschen Burschenschaft. Diese Mitgliedschaft wurde von 1933 bis zur Auflösung des Bundes 1939 unterbrochen, da die tschechoslowakischen Behörden eine Mitgliedschaft verboten. Diesbezüglich gab es vorab seitens der Behörden Hausdurchsuchungen bei Thessalia, Albia und Constantia.Innsbrucker Nachrichten, 21.01.1933, S. 10
Im Ersten Weltkrieg fielen 6 Thessalen im Dienste der k.u.k.-Armee an verschiedenen Fronten.
Kulturkampf in Böhmen Die Thessalia war dem seit dem Aufkommen von Nationalismen mit der Revolution 1848 im Kaisertum Österreich dem Kulturkampf in Prag, aber auch in den Bezirken des Königreichs Böhmen ausgesetzt. Nach dem Slawenkongress von 1848 forderte die tschechische Bevölkerung mehr Rechte im überwiegend tschechischsprachigen Böhmen. Dies wurde vor allem nach dem Ausgleich mit Ungarn noch ein Mal mehr betont. Thessalia war burschenschaftlich in Prag, innerhalb der Verbände und in der Grenzlandsarbeit tätig. Die Altherren waren in diversen deutschen (Schutz-)Vereinen ihrer Heimatstädte- und -dörfer, wie dem Bund der Deutschen in Böhmen oder dem Deutschen Schulverein engagiert. Nach Ausschreitungen gegen die deutsche Bevölkerung in Prag, die dazu führten, dass das Unterrichtsministerium die Deutschen Hochschulen frühzeitig schloss, unterschrieb Thessalia als eine von 12 Verbindungen am Ende des Sommersemesters 1881 die nachstehende Erklärung:
Commilitonen! Die Kunde von den rohen, gewaltthätigen Angriffen, denen die Deutsche Studentenschaft Prags in der letzten Zeit ausgesetzt war, habet Ihr sicherlich alle mit Entrüstung vernommen. Es ist offenbar, daß dieselben bezwecken, die deutschen Studenten aus Prag zu verdrängen und so die älteste deutsche Universität überflüssig zu machen, den ehrwürdigen halbtausendjährigen Baum deutscher Wissenschaft in Böhmen zu entwurzeln. […] Denn was vor 400 Jahren gerechtfertigt war, der Auszug der deutschen Studenten aus Prag, das wäre heute ein Verbrechen wider den deutschen Geist, wäre ein verrätherisches Preisgeben der heiligen nationalen […].Prager Tagblatt, 5. Juli 1881, S. 3
Im Zuge der Sprachverordnung des österreichischen Ministerpräsidenten Kasimir Badeni für das Königreich Böhmen, besser bekannt als die „Badenische Sprachverordnung“, kam es im Frühjahr 1897 in Prag zu schweren Ausschreitungen zwischen der tschechischen und der deutschen Bevölkerung. Es ist überliefert, dass dabei unter anderem Thessalen, gemeinsam mit Mitgliedern des Corps Austria und der Burschenschaft Albia, das bei den deutschen Studenten beliebte Wirtshaus „Zum goldenen Kreuzel“ (Vaclavbude), Prag I., Geistgasse 26, mit gezogenen Schlägern verteidigten.Prager Tagblatt, 8. Februar 1910, S. 3
Im Frühjahr 1904 beschuldigten tschechisch-national ausgerichtete Zeitungen die deutschen Korporierten Prags durch das Tragen ihrer Farben (Band und Mütze) der Provokation. Im Zuge der ersten Märzwoche des Jahres 1904 kam es daraufhin zu tschechischen Kundgebungen und Ausschreitungen, die das Ziel hatten, den wöchentlichen Sonntagsbummel der deutschen Studenten zu stören und zu unterbinden.Neues Wiener Tagblatt, 7. März 1904, S. 4 Während dieses Bummels am 6. März 1904, an dem alle Aktiven der Thessalia in Farben teilnahmen, sprach der Rektor der Deutschen Universität in Prag Carl Rabl in seiner Rede die berühmten Worte "Farbe tragen, heißt Farbe bekennen!". Als Antwort auf die Vorgänge in Prag schrieben die Altherren der Thessalia aus Eger einen offenen Brief mit dem Inhalt:
Die in Eger versammelten Alten Herren der Burschenschaft "Thessalia" gestatten sich Eurer Magnifizenz den innigsten Dank für die tatkräftige Wahrung der Interessen der deutschen Studentenschaft Prags zum Ausdruck zu bringen. Gez. Forster.Prager Tagblatt, 12. März 1904, S. 4
Tschechoslowakei Durch die Auflösung des Königreiches Böhmen und der Markgrafschaft Mähren und die Gründung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918, waren die Heimaten der Thessalen in Böhmen (die meisten stammten aus dem Westen und Nordwesten Böhmens) nicht mehr Teil des Kaisertums Österreich. Im nunmehr slawisch ausgerichteten Staat, war die deutsche Bevölkerung, trotz 23 % der Gesamtbevölkerung, eine Minderheit.
Zweiter Weltkrieg, Vertreibung und Nachkriegszeit in München Am 26. September 1939 wurde die Burschenschaft Thessalia im Rahmen der Gleichschaltung durch den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund aufgelöst. Von 1939 bis 1945 bestand sie in der Kameradschaft „Deutschherrenritter“ an den deutschen Universitäten in Prag fort.
Im Zweiten Weltkrieg fielen 10 Thessalen, 6 wurden vermisst und 4 wurden nach Kriegsende noch ermordet.
Im Wintersemester 1949/50 konnte der Bund an der Ludwig-Maximilians-Universität München wiedereröffnen. Die 1949 gegründete Burschenschaft Askania, Münchens erste Nachkriegsverbindung, ging 1961 in der Thessalia auf.
Regensburg und Bayreuth Im Sommersemester 1970 siedelte Thessalia nach Regensburg über, musste allerdings 1978 vertagen. 1991 wurde sie schließlich durch vier inaktive Burschen der Münchener Burschenschaft Stauffia in Bayreuth wiedereröffnet.Vereinsübersicht In: bayreuth.de. Stadt Bayreuth, abgerufen am 24. Juli 2024.Thomas H. Cantz: Wiedereröffnung der Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth. In: Burschenschaftliche Blätter, 106. Jg. (1991), H. 2, S. 48. 2010 verstarb der letzte Thessale, der noch in Prag das Studium absolvierte.
Korporationshaus und Kneipen mini|Haus der Burschenschaft Thessalia zu Prag am Wittelsbacherring in BayreuthDas Gründungslokal war 1864 ein Wirtshaus in der Badgasse 5 auf der Prager Kleinseite. Um 1900 befand sich ihre Couleur-Kneipe in der kurz vorher begründeten „mensa academia“, Prag II., Krakauergasse 16, die man sich mit anderen Korporationen, wie dem Leseverein, der Burschenschaft Ghibellinia oder dem Corps Austria teilte. Neben der Kneipe unterhielt man auch immer ein Couleur-Café, in welchem man sich untertags traf. Später teilte man sich dann die Couleur-Kneipe im Deutschen Vereinshaus, Prag I., Smetschkagasse 22.
Heutzutage ist sie am Wittelsbacherring 16 mit ihrem Korporationshaus ansässig.
Burschenschaftliche Ausrichtung Die Burschenschaft Thessalia zu Prag ist seit dem 11. November 1961 mit den beiden akademischen Burschenschaften Moldavia Wien und Germania Graz im Schwarz-Blauen Kartell verbunden. Das Kartell wurde am 21. Mai 1921 durch Vertrag zwischen Moldavia und Germania gegründet und hat die Bezeichnung „schwarz-blau“ nach den Farben der Mützendeckel der Mitgliedsbünde.Herman Haupt (Hg.), Handbuch für den Deutschen Burschenschafter (3. Auflage, Frankfurt a. M. 1925), S. 125f Unter dem Kartellmotto „Ein Bund an drei Hochschulorten“ wurde es 1961 um Thessalia erweitert und versteht sich als „enges, bundesbrüderliches Verhältnis“.Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth: Wer wir sind – Verband und Kartell. Abgerufen am 27. März 2024, Wiener akademischen Burschenschaft Moldavia-Kartell. Abgerufen am 27. März 2024. Darüber hinaus pflegte die Thessalia von 2001 bis 2024 ein Freundschaftsverhältnis mit der Akademischen Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf.
Sie ist Gründungsmitglied der „Burschenschaftlichen Gemeinschaft in DB und DBÖ“. Im Sommersemester 2008 übernahm sie den Vorsitz der Burschenschaftlichen Gemeinschaft für das Geschäftsjahr 2008/2009.