mini|Offizielles Logo, das bei Hilfsprojekten des Marshallplans verwendet wurde

Der Marshallplanzur Schreibweise: , offiziell European Recovery Program (ERP), war ein historisch bedeutendes Wirtschaftsförderungsprogramm der USA für den Wiederaufbau der Staaten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zeitraum von 1948 bis 1952 wurden Hilfen im Wert von ca. 13,12 MilliardenDas Ende des Marshallplans wird in der Literatur unterschiedlich angesetzt (31. Dezember 1951 oder 30. Juni 1952), daher differiert auch die Höhe der Hilfsleistungen. Vgl. Curt Tarnoff: The Marshall Plan: Design, Accomplishments, and Relevance to the Present. In: Report for Congress. Received through the CRS Web, 6. Januar 1997, S. 9–10 (englisch). US-Dollar (entspricht heute rund Milliarden Dollar) an viele, insbesondere westeuropäische Staaten geleistet. Die BRD erhielt hiervon 1,41 Milliarden US-Dollar. Unter den am Programm teilnehmenden Staaten befanden sich neben den im Zweiten Weltkrieg mit den USA verbündeten Staaten wie Großbritannien, Frankreich und den Beneluxländern auch die Kriegsgegner Deutschland und Österreich. Den mittel- und osteuropäischen Staaten und der Sowjetunion wurden die Hilfen ebenfalls angeboten. Allerdings zog sich die Sowjetunion bald aus den Verhandlungen zurück und verbot auch den unter ihrem Einfluss stehenden europäischen Staaten die Teilnahme.Der Marshallplan. In: geschichte-lexikon.de.

Die Hilfsleistungen bestanden zu einem großen Teil aus Krediten sowie Lieferungen von Rohstoffen, Lebensmitteln und Industriegütern. Das Programm verstand sich als Hilfe zur Selbsthilfe und war an Bedingungen geknüpft, wie den Abbau von Handelshemmnissen, die Stabilisierung der eigenen Währung oder die zwischenstaatliche Kooperation. Die Initiative ging vom damaligen US-Außenminister George C. Marshall (Amtszeit 1947 bis 1949) aus, nach dem das Programm benannt und der deshalb auch 1953 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Da in den westeuropäischen Ländern spätestens ab 1950 der Nachkriegsboom einsetzte, galt und gilt der Marshallplan in der Bevölkerung als sehr erfolgreich, insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland. Wie groß sein tatsächlicher Anteil am Wirtschaftsaufschwung war, ist aber umstritten. Ohne Zweifel beschleunigte der Marshallplan die wirtschaftliche Erholung in Europa. Zudem war er ein entscheidender Impuls für die europäische Integration und den Abbau von Handelshemmnissen zwischen den westeuropäischen Staaten. Im Rahmen des Marshallplans wurde die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD bzw. erst OEEC) gegründet. In Deutschland verwaltet die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) noch heute das ursprünglich aus dem Marshallplan entstandene Sondervermögen.

Ausgangslage nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland und Österreich Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg waren sowohl Deutschland als auch Österreich in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Auf der Konferenz von Potsdam hatten sich die Alliierten zwar noch auf eine gemeinsame Haltung verständigen können, jedoch traten die Interessengegensätze immer deutlicher hervor.

Die Besatzungsmächte hatten mit großen Problemen bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Wohnraum zu kämpfen. Viele Städte waren zerstört und die Infrastruktur stark beschädigt. Außerdem mussten sehr viele Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Gebieten zusätzlich versorgt werden. Die Demontage von Industrieanlagen und die Ausfuhr von Kohle zu Entschädigungszwecken verschärften die Probleme, weil so dringend benötigte Güter für den Wiederaufbau bzw. die Versorgung der Bevölkerung fehlten. Bereits 1946 sahen sich die USA gezwungen, die ehemaligen Kriegsgegner mit Hilfsgütern (GARIOA) zu versorgen. Trotzdem brach im strengen Winter 1946/47, dem sog. Hungerwinter, die Versorgung in vielen deutschen Städten zusammen.

Auf der Pariser Außenministerkonferenz im Mai 1946 wurden die Spannungen und das Misstrauen zwischen den USA und der Sowjetunion immer deutlicher. Dieses führte zu einem Umdenken der Amerikaner und Briten bei der Besatzungspolitik. Ende Mai 1946 stellten die USA die Reparationslieferungen aus ihrer Zone an die Sowjetunion ein. Großbritannien und die USA vereinbarten eine stärkere Kooperation und beschlossen 1947, die Bizone zu gründen. 1948 wurde diese unter Einschluss der französisch besetzten Gebiete zur Trizone erweitert.

Andere westeuropäische Staaten In Großbritannien gewann die Labour Party unter Clement Attlee die erste Nachkriegswahl im Juli 1945 gegen den konservativen Amtsinhaber Churchill. In diesem Wahlsieg zeigt sich die Ungeduld und Frustration der Bevölkerung nach dem gewonnenen „Volkskrieg“. Die Labour-Regierung setzte in den folgenden Jahren umfangreiche Reformen, wie die Gründung des National Health Service und die Verstaatlichung von Industriezweigen, um. Zugleich verstand sich Großbritannien als Kolonialmacht und unterhielt eine kostspielige Flotte und Armee, während gleichzeitig die Dekolonialisierung begann.

In Folge des Krieges war Großbritannien stark bei den USA verschuldet. Da die noch auf den Krieg ausgerichtete Wirtschaft kaum für den Export produzierte, war das Land kaum in der Lage, seine Schulden zu bedienen. Als die USA im August 1945 ihre Kreditzahlung faktisch stoppten, stand das Land kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Mit dem British Loan Act wurde das Problem zwar wieder entschärft, offenbarte aber die Schwäche der ehemaligen Weltmacht Großbritannien und deren Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten.

In Frankreich und Italien brachte die Armut der Nachkriegsära den kommunistischen Parteien, die auch eine wichtige Rolle in den Widerstandsbewegungen gespielt hatten, Zulauf. Die Parti communiste français wurde bei der Wahl zur Nationalversammlung 1945 stärkste Kraft. Dazu stand die provisorische Regierung unter de Gaulle vor erheblichen Problemen. Nach der vier Jahre dauernden Besetzung Frankreichs durch Deutschland musste das Land neu aufgebaut und eine Verfassung erarbeitet werden. Im Januar 1946 erklärte de Gaulle wegen Konflikten mit der sozialistischen Mehrheit in der Nationalversammlung seinen Rücktritt. Bis 1947 folgten ihm drei weitere Ministerpräsidenten. Ähnlich instabil war die Lage in Italien. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass Frankreich und Italien kommunistisch hätten werden können, heute von Historikern als gering angesehen wird,John Lewis Gaddis: We Now Know. sahen einige Politiker der Westmächte darin eine reale Bedrohung und den Marshallplan als mögliche Abhilfe.

USA und der Beginn des Kalten Krieges Die Vereinigten Staaten von Amerika gingen als einziges Land gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervor. Das Land hatte verhältnismäßig geringe Kriegszerstörungen in ihren Gebieten außerhalb der USA zu verzeichnen. Zudem erlebten die USA während des Zweiten Weltkrieges einen Wirtschaftsboom, da sehr viele Kriegsgüter dort produziert wurden. Die Umstellung der Wirtschaft nach dem Krieg auf Güter für den privaten Konsum war allerdings nicht unproblematisch, da die Absatzmärkte in Europa nicht existierten. So war der Bedarf an Lebensmitteln und Industriegütern aus den USA in Europa zwar groß, allerdings verfügten die Länder dort nicht über die notwendigen Dollarreserven.

Die künftige außenpolitische Ausrichtung des Landes war keineswegs unumstritten. Vor allem von Seiten der Republikaner gab es Forderungen nach einer Rückkehr zum Isolationismus. Der demokratische Präsident Truman war hingegen der Ansicht, die USA müssten ihre weltpolitische Verantwortung wahrnehmen. Die Angst vor dem Kommunismus war allerdings auch bei den Republikanern weit verbreitet.

mini|US-Hilfslieferungen für Griechenland im Rahmen der Truman-Doktrin des Marshallplans

Ein Auslöser für die Entscheidung, die europäischen Länder einschließlich Deutschland zu unterstützen, war die Containment-Politik unter Präsident Truman. Als ein Wendepunkt und damit auch der Beginn des Kalten Krieges wird häufig die Rede des amerikanischen Präsidenten am 12. März 1947 gesehen. In der Rede versprach er allen „freien Völkern“ Unterstützung gegen Umsturzversuche durch die Sowjetunion. Anlass war die Situation in Griechenland und der Türkei, wo die Sowjetunion versuchte, ihre Einflusssphäre auszubauen. Aufgrund der 1947 einsetzenden finanziellen Hilfen durch die USA gelang dies der UdSSR nicht.

Entstehen des Marshallplans Erste Konzepte Ein Richtungswechsel in der amerikanischen Deutschlandpolitik deutete sich bereits am 6. September 1946 in der Rede des US-Außenministers James F. Byrnes, der sog. Hoffnungsrede, in Stuttgart an. Die Außenministerkonferenz in Moskau vom 30. März bis 24. April 1947 ging ohne greifbare Ergebnisse zu Ende. Der entscheidende Konfliktpunkt zwischen den USA und der Sowjetunion war die sowjetische Forderung nach einer gemeinsamen Kontrolle der vier Mächte über das Ruhrgebiet. Truman war nicht bereit, die Westzonen dem sowjetischen Einfluss zu öffnen.Gerd Hardach: Der Marshall-Plan, dtv Verlag, 1994, S. 29 ff. Dies führte US-Außenminister Marshall zu der Einsicht, dass die USA mehr zur Stabilisierung der Länder in Europa tun mussten. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Moskau beauftragte er George F. Kennan, die Grundzüge eines Aufbauprogramms auszuarbeiten. In Bezug auf die Besatzungspolitik befand sich das dafür verantwortliche amerikanische Außenministerium in einem Dilemma. Im Rahmen der Containment-Politik musste verhindert werden, dass die Sowjetunion ihren Einfluss auf die westlichen Besatzungszonen in Deutschland und Österreich ausdehnte. Deshalb sah man die Notwendigkeit, Deutschland und Österreich wirtschaftlich und moralisch aufzubauen. Dem wirtschaftlichen Aufbau standen aber die Beschränkungen bei der Industrie und Reparationsleistungen wie der quasi entschädigungslose Export von Kohle und anderen Rohstoffen entgegen. Vor allem Frankreich bestand auf Entschädigung. Deshalb fürchtete Marshall, Wirtschaftshilfe für Deutschland hätte ein „politisches Desaster in Frankreich“ und in der übrigen Welt zur Folge. „Marshall wollte die Vereinigten Staaten nicht dem Vorwurf aussetzen, über die Köpfe ihrer Freunde und Alliierten hinweg dem gerade besiegten Feind zum Wiederaufbau zu verhelfen.“

Rede Marshalls am 5. Juni 1947 mini|US-Außenminister George C. Marshall

In einer berühmten, ca. zehnminütigen Rede vor Absolventen der Harvard University schlug Außenminister Marshall am 5. Juni 1947 erstmals ein Hilfsprogramm für alle Staaten in Europa vor.

In der Rede geht Marshall zunächst sehr allgemein auf die wirtschaftlichen Verwerfungen in Europa ein. Dabei hebt er hervor, „daß die […] sichtbaren Zerstörungen wahrscheinlich weniger folgenschwer sind als die Desorganisation des ganzen Gefüges der europäischen Wirtschaft.“Text der Rede von George C. Marshall an der Harvard University, 5. Juni 1947 im Original: https://en.wikisource.org/wiki/The_Marshall_Plan_Speech

Übersetzung zitiert nach: Themenportal Europäische Geschichte, 2010, https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-28407. Er beschreibt, dass sich durch die NS-Herrschaft sowie den Krieg Handelsbeziehungen aufgelöst haben. Zudem funktioniere „die Grundlage der modernen Zivilisation“, die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land, nicht mehr. Dies habe eine Versorgungskrise insbesondere in den Städten zur Folge.

Er hebt hervor, dass das wirtschaftliche und politische Interesse der USA an einem stabilen Europa offensichtlich sei. Die Hilfe der USA richte sich „nicht gegen irgendein Land oder eine Anschauung, sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos.“ Er lädt alle Länder in Europa zur Teilnahme ein, wobei eine Spitze gegen die UdSSR, wenn auch nicht ausdrücklich genannt, schon deutlich ist:

Der Ansatz Marshalls, der später auch als „Hilfe zur Selbsthilfe“ bezeichnet wird, wird von ihm erst am Ende der Rede erläutert. Er nennt Bedingungen, die mit dem Hilfsangebot verknüpft sind: