Das Pumpspeicherkraftwerk Matrei-Raneburg war ein von der TIWAG geplantes Wasserkraftwerk in Osttirol (Gemeinde Matrei in Osttirol, Österreich). Vorgesehen war die Aufstauung des Tauernbaches hinter einem rund 90 Meter hohen Damm im Umfeld des Nationalparks Hohe Tauern. Das Projekt war ab 2004 Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen im Bezirk Lienz: Teile der Bevölkerung sowie mehrere Parteien und Interessenvertretungen lehnten es unter Verweis auf die Eingriffe in Landschaft und Gewässer ab, während TIWAG und Tiroler Landesregierung daran festhielten. Das Vorhaben in dieser Form wurde nicht verwirklicht. An seiner Stelle reichte die TIWAG 2013 das kleiner dimensionierte Kraftwerk Tauernbach-Gruben ohne Speicher ein, das 2026 in Betrieb ging.
Planungsgeschichte
Mit ihrem Optionenbericht vom 9. Dezember 2004 stellte die TIWAG das Projekt als Option 15 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vor. Der Gemeinderat von Matrei lehnte das Vorhaben am 3. August 2005 mit 9:8 Stimmen ab; dabei stimmten Vizebürgermeister Johann Steiner und ein weiteres Mitglied der ÖVP-nahen Mehrheitsfraktion Gemeinsam für Matrei gemeinsam mit der Opposition dagegen. Bürgermeister und ÖVP-Bezirksobmann Andreas Köll befürwortete das Projekt. Am 15. August 2005 leitete die Tiroler Landesregierung für dieses und drei weitere der insgesamt 16 Optionen eine vertiefende Studie ein.
Am 28. August 2005 wurde die überparteiliche Bürgerinitiative Lebensraum Matrei gegründet, der neben mehreren Gemeinderäten auch der Landtagsabgeordnete Sepp Brugger (Grüne), Vizebürgermeister Steiner sowie die Obmänner der Ortsbauern, des Alpenvereins und des Wirtschaftsbundes angehörten. Sie koordinierte gemeinsam mit dem Netzwerk Wasser Osttirol die Kritik am Projekt. Die Bezirksgrünen sprachen sich von Beginn an dagegen aus, die Bezirksbauernschaft und die FPÖ schlossen sich der Ablehnung an. In der SPÖ bestanden zunächst unterschiedliche Positionen; die Osttiroler SPÖ legte sich am 3. Oktober 2005 auf eine Ablehnung fest, während die Landespartei, die mit der ÖVP koalierte, den Kraftwerksbau weiterhin unterstützte.
Mitte Februar 2006 legte die TIWAG eine überarbeitete Variante vor. Sie sah eine Verlegung des Dammes um 270 m taleinwärts, eine Verlegung des Ausgleichsbeckens an den Eingang des Virgentals sowie die Beileitung des Frosnitzbaches vor. Eine Teilverlegung der Felbertauernstraße und der TAL-Pipeline wäre damit nicht mehr erforderlich gewesen. Die Bürgerinitiativen hielten ihre Ablehnung aufrecht. Bis Mitte April 2006 sammelte die Bürgerinitiative Lebensraum Matrei nach eigenen Angaben 4227 Unterschriften gegen das Projekt; 15 der 16 betroffenen Grundbesitzer sprachen sich im selben Monat gegen Verkaufsverhandlungen mit der TIWAG aus. Im Juli 2006 fasste die Tiroler Landesregierung einen einstimmigen Beschluss zu den Ausbauvorhaben, dem eine Entschließung des Tiroler Landtages folgte. Im Herbst 2006 erklärten Landesregierung und TIWAG, mittel- bis langfristig an einer Umsetzung interessiert zu sein, den Standort jedoch überarbeiten und Alternativen prüfen zu wollen.
Geplante Anlage
Nach dem Optionenbericht sollte der Tauernbach, dessen Einzugsgebiet etwa 100 km² umfasst, oberhalb der Fraktion Raneburg unter Ausnutzung einer Talverflachung mit einem etwa 90 Meter hohen Damm aufgestaut werden. Für den entstehenden Jahresspeicher wurden ein Fassungsvermögen von 20 Mio. m³, eine Nennleistung von 100 MW und ein Arbeitsvermögen von 150 GWh/a (exklusive Pumpwälzung) angegeben. In diesem Zusammenhang wurde auch eine seit längerem diskutierte Staustufe der Isel bei Matrei genannt, die durch das Pumpspeicherkraftwerk ermöglicht bzw. begünstigt worden wäre.
Umplanung und Nachfolgeprojekt
Ein förmlicher Verzicht auf das Projekt wurde nicht bekanntgegeben; das Vorhaben wurde stattdessen mehrfach umgeplant. Wegen Einwendungen zur touristisch genutzten Proseggklamm und zum Steiner-Wasserfall wurde das Kraftwerksvorhaben Raneburg-Matrei überarbeitet und in Tauernbach-Gruben umbenannt.
Am 9. Jänner 2013 reichte die TIWAG das Projekt Kraftwerk Tauernbach-Gruben zur Umweltverträglichkeitsprüfung ein. Vorgesehen waren nun ein Ausleitungskraftwerk mit 9 m³/s Ausbauwassermenge, 380,2 m Bruttofallhöhe, 27 MW Ausbauleistung und 85 GWh Regelarbeitsvermögen sowie ein 2,2 km langer Druckstollen und eine daran anschließende 6,1 km lange Druckrohrleitung; die Investitionskosten wurden mit rund 74 Mio. Euro (Preisbasis 2012) beziffert. Die TIWAG bezeichnete das Vorhaben als gegenüber den ursprünglichen Plänen deutlich verkleinert und im Dialog mit der Standortgemeinde optimiert. Ein Speicher ist in dieser Variante nicht mehr enthalten; die Wasserentnahme beschränkt sich auf den Tauernbach, der Frosnitzbach bleibt unberührt, und das entnommene Wasser wird vor der Proseggklamm wieder eingeleitet.
Aus Sicht von Projektgegnern war der Wegfall des Speichers kein endgültiger Verzicht; sie äußerten die Befürchtung, ein Speicher könne nachträglich errichtet werden. Der Alpenverein und regionale Initiativen lehnten auch das Nachfolgeprojekt ab und verwiesen unter anderem auf die Murengefahr im Tauerntal.
Die mündliche UVP-Verhandlung fand im Juni 2018 in Innsbruck statt. Nach rechtskräftigem Bescheid erfolgte im Oktober 2023 der Spatenstich im Matreier Ortsteil Gruben. Am 9. September 2026 wurde das Kraftwerk Tauernbach-Gruben offiziell in Betrieb genommen; die Investitionskosten betrugen rund 180 Mio. Euro, die Jahreserzeugung liegt bei etwa 85 GWh.
Einzelnachweise Michaela Ruggenthaler: Knalleffekt in Matrei: Kraftwerk ohne Proseggklamm. In: Kleine Zeitung, 4. August 2011. Siehe Artikel TIWAG, Abschnitt Projekte, mit dortigen Belegen.
Weblinks Kraftwerk Tauernbach-Gruben auf der Website der TIWAG
MatreiRaneburg MatreiRaneburg Kategorie:Matrei in Osttirol Kategorie:Nicht realisiertes Bauprojekt