Es gibt in der Differentiellen Psychologie verschiedene Intelligenztheorien (auch Intelligenzmodelle genannt), die versuchen, die Ursachen und Auswirkungen von menschlicher Intelligenz zu beschreiben.
Faktorielle Theorien Faktorielle Theorien zur menschlichen Intelligenz beruhen auf dem Verfahren der Faktorenanalyse. Dieses Verfahren ermöglicht die Zusammenfassung der Ergebnisse einer Vielzahl von Testaufgaben zu einer durch wenige Faktoren beschreibbaren Datenstruktur.
Zwei-Faktoren-Theorie von Spearman Charles Spearman entdeckte positive Korrelationen zwischen verschiedenen intellektuellen Leistungen; wies eine Person für eine intellektuelle Leistung überdurchschnittlich gute Werte auf (z. B. als Schulnote in Deutsch), so konnten mit höherer Wahrscheinlichkeit auch weitere überdurchschnittliche Leistungen (z. B. in Mathematik) verzeichnet werden. Diesen Umstand definierte Spearman als positive Mannigfaltigkeit. Die Beobachtung dieser positiven (wenn auch nicht vollständig perfekten) Zusammenhänge von Aufgaben, für die intellektuelle Fähigkeiten erforderlich sind, bildete die Grundlage für Spearmans weitere Forschung. Die Interkorrelation verschiedener intellektueller Leistungen müsste – so Spearman – durch eine gemeinsame Dimension gestiftet werden; durch einen Faktor der generellen Intelligenz g (g = general). G soll also eine gemeinsame Grundlage bzw. einen universellen Zusammenhang über verschiedene Aufgaben und Situationen hinweg darstellen.
Spearman entwickelte mit Hilfe des Generalfaktorenmodells der Faktorenanalyse seine Zwei-Faktoren-Theorie. Dabei wird aus den vorliegenden Testdaten ein einziger übergeordneter Faktor extrahiert. Auf diese Weise extrahierte Spearman den Faktor g. Diesen Faktor beschrieb er als generellen, alle unterschiedlichen Leistungsbereiche beeinflussenden Intelligenzfaktor. Die Ausprägung dieser allgemeinen Intelligenz bestimme u. a. Verarbeitungsgeschwindigkeit, geistige Kapazität, intellektuelle Leistung – kurz: ob eine Person insgesamt eher ein „simple character“ oder ein „begabteres Genie“ ist.
Da die Korrelation der verschiedenen intellektuellen Leistungen mit g auch nach einer Messfehlerbehebung nur mittelhoch blieben, stellte Spearman die Vermutung auf, es müsse noch ein weiteres Phänomen geben, das für jede einzelne Leistung steht. Und so etablierte Spearman den spezifischen Faktor s (s = specific). Berücksichtigt man nun beide Faktoren, so würde die Gleichung zur Messung eines Leistungsmesswertes folgendermaßen aussehen: xi = gi + si.
Diese spezifischen Intelligenzfaktoren sind dem Faktor g hierarchisch untergeordnet und bereichsspezifische, voneinander unabhängige Faktoren. Sie bestimmen (jedoch wesentlich vom Faktor g beeinflusst) die Leistung einer Person in bestimmten Bereichen – z. B. bei mathematischen Aufgaben, bei verbalen oder räumlichen Problemstellungen.
Je ausgeprägter die Begabung in einer bestimmten intellektuellen Fähigkeit war, desto mehr verlor der Faktor g zugunsten der spezifischen Faktoren an Bedeutung. Dieser Beobachtung legte Spearman die Begabungsdifferenzierungshypothese zugrunde. Darüber hinaus erwies sich der Faktor g in weiteren Untersuchungen desselben Datensatzes trotz unterschiedlicher Operationalisierungen und Methoden als sehr robust. Diesen Umstand definierte Spearman als Indifferenz der Indikatoren.
Gemäß Spearman wird der Faktor g durch drei basale Operationen charakterisiert:
Begreifen der Erfahrung Entdecken/Ableiten von Beziehungen Entdecken/Ableiten von Zusammenhängen
Da der Faktor s für jede individuelle Leistung existiert (s1, s2, s3, …, sn), ist der Name „Zwei-Faktoren-Theorie“ streng genommen irreführend. Neben dem generellen Hauptfaktor g prägen beliebig viele Faktoren s dieses Modell.
Thurstones Primärfaktorenmodell Louis Leon Thurstone lehnte die Vorstellung eines generellen, übergeordneten Intelligenzfaktors ab. Er betonte die bereichsspezifische Organisation der Intelligenz und sah diese als Zusammensetzung von verschiedenen Einzelfähigkeiten an. Durch sein faktorenanalytisches Vorgehen extrahierte er so sieben Primärfaktoren (primary mental abilities) der Intelligenz:
Space räumlich-visuelle Aufgaben wie z. B. mentales Rotieren von Objekten Perceptual speed Wahrnehmung von Objekten und Relation zwischen ihnen, z. B. Fortsetzung einer Reihe von Objekten Numerical ability rechnerisch-mathematische Fähigkeiten Memory Gedächtnisleistung, z. B. Fragen zu einer für kurze Zeit dargebotenen Szene beantworten Reasoning logisches Schlussfolgern Word fluency Wortflüssigkeit, z. B. Finden von Synonymen Verbal relations verbale Beziehung richtig verstehen und interpretierenH.-M. Süß Intelligenztheorien. In K. Kubinger, R. S. Jäger (Hrsg.) Stichwörter der Psychologischen Diagnostik. Psychologie Verlags Union, Weinheim 2003, ISBN 978-3-621-27472-2, S. 217–224.
Eine oft gegen Thurstone vorgebrachte Kritik bezieht sich auf sein methodisches Vorgehen: Zur Extraktion seiner Faktoren verwendet er eine sogenannte oblique bzw. schiefwinklige Transformation. Diese hat zur Folge, dass die extrahierten Faktoren nicht gänzlich voneinander unabhängig sind – also schwach miteinander korrelieren. Tatsächlich besteht zwischen den sieben Primärfaktoren eine schwache positive Korrelation. Vertreter des Generalfaktorenmodells der Intelligenz sehen den Grund dieser Korrelation gemäß ihrer Theorie in einem übergeordneten, generellen Intelligenzfaktor (zur methodischen Interpretation der Korrelation siehe Partialkorrelation).
Cattells Zwei-Faktoren-Modell
Ein anderes hierarchisches Faktorenmodell haben Cattell (1943, 1963, 1971, 1987) und sein Mitarbeiter Horn (1968) entwickelt. Er identifizierte zwei Intelligenzfaktoren, die fluide (oder flüssige) und die kristalline (auch kristallisierte) Intelligenz. Die fluide Intelligenz ist angeboren bzw. vererbt und kann nicht durch die Umwelt beeinflusst werden. Zu ihr gehören beispielsweise die geistige Kapazität, die Auffassungsgabe, das generelle Verarbeitungsniveau.
Die kristalline Intelligenz (auch: kristallisierte Intelligenz) umfasst alle Fähigkeiten, die im Laufe des Lebens erlernt bzw. durch die Umwelt bestimmt werden. Dabei ist die kristalline von der fluiden Intelligenz abhängig. Sie umfasst sowohl explizites Wissen (semantisches und episodisches, wie z. B. Faktenwissen), als auch implizit Gelerntes (bestimmte Verhaltensweisen, Fahrradfahren, Rechnen etc.). Intelligenz bezieht sich auf die Fähigkeit, dieses erworbene Wissen anzuwenden.Intelligenz, kristallisierte und fluide. In: Dorsch: Lexikon der Psychologie, ISBN 978-3-456-85643-8.
1963 stellte Cattell sein Modell der „fluid and crystallized general intelligence“ vor, wobei er auch Spearmans Modell aufgriff und modifizierte. Er führte ebenfalls mehrere Faktorenanalysen durch und kam auf drei Ordnungsebenen. Dabei sind die Faktoren umso allgemeiner gehalten, je höher die Ordnung ist. Es gibt sechs Faktoren 1. Ordnung und zwar verbale, räumliche, logische und numerische Fähigkeiten, sowie Sprachfluss und Gedächtnis. Die Faktoren 2. Ordnung gliedern sich dann in die fluide und kristalline Intelligenz, auf die das größte Augenmerk gelegt wird. Die Faktoren 3. Ordnung schließlich sind die historische fluide Intelligenz und die allgemeine Lernerfahrung. Die beiden Faktoren 2. Ordnung besitzen unterschiedliche Eigenschaften. Die fluide Intelligenz ist für die Analyse von Aufgaben zuständig. Sie beinhaltet vor allem angeborene Leistungsfähigkeiten, ist daher auch als eher allgemein und instinktiv zu betrachten. Die bloße Fähigkeit, die Kapazität, zum Wissenserwerb ist ebenfalls durch die fluide Intelligenz zu begründen. Fähigkeiten wie logisches Denken oder die Herstellung und der Gebrauch von komplexen Bezügen ist diesem Faktor unterzuordnen und bestimmt vor allem das Vermögen, sich neuen Problemen und Situationen anzupassen. Um diesen Teil der Intelligenz messbar zu machen, lassen sich kulturfreie Tests anwenden; das bedeutet, dass sich diese Tests nicht auf Allgemeinwissen beziehen, das ja kulturell unterschiedlich ist. Dabei kann man davon ausgehen, dass die fluide Intelligenz von der jeweiligen Testsituation beeinflusst wird. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass die fluide Intelligenz sehr an intakte neuronale Strukturen und Prozesse gebunden ist und dementsprechend durch Krankheit oder Verletzung beeinträchtigt werden kann. Bei der Entwicklung ist etwa im Alter von 14/15 Jahren ein Stillstand zu verzeichnen und ab dem 22. Lebensjahr ist sie sogar etwas rückläufig.
Die von der fluiden Intelligenz z. T. abhängige kristalline Intelligenz (vgl. Investmenttheorie) bezieht sich hingegen auf die Ausführung einer Arbeit, das Lösen einer Aufgabe, und zwar bezogen auf die Bildung, das Wissen. Hier gibt es nun die erwähnten kulturspezifischen Elemente. Das gespeicherte Wissen, die bisherigen Lernprozesse treten hier in den Vordergrund. Der Faktor zeigt sich besonders in verbalen sowie numerischen oder mechanischen Fähigkeiten im Verstand und der Urteilsfähigkeit. Die kristalline Intelligenz ist am besten mit kulturspezifischen Tests zu erfassen. Dadurch, dass die kristalline Intelligenz das Wissen eines Menschen beinhaltet, lässt sich ein leichter Zusammenhang zur Persönlichkeit herstellen. Sie wird stark von Übung und Interesse beeinflusst. Bei der kristallinen Intelligenz ist die Entwicklung ca. zwischen dem 18. und 20. Lebensjahr weitestgehend beendet, sie kann sich jedoch auch bis zum 50. Lebensjahr erstrecken. Cattell bemerkte 1973: „Die kristalline Intelligenz ist gewissermaßen das Endprodukt dessen, was fluide Intelligenz und Bildung gemeinsam hervorgebracht haben.“
Was zum Verständnis noch erwähnt werden sollte, ist, dass die kristalline Intelligenz nicht gleichzusetzen ist mit der Leistung; denn sie bezieht sich auf den Umgang mit komplexen Zusammenhängen, während die Leistung jegliches schulisches Wissen des Individuums abdeckt. Es lässt sich somit sagen, dass bisher durchgeführte Tests an Gültigkeit verlieren, wenn das Modell angenommen wird, da kristalline und fluide Intelligenz nie getrennt voneinander erfasst worden sind.
Das CHC-Modell
John B. Carroll (1993)J. B. Carroll: Human cognitive abilities: A survey of factor-analytic studies. Cambridge University Press, Cambridge 1993. konnte in seiner Analyse Hunderter Studien zur Intelligenz zeigen, dass sich viele der hier genannten Faktorenmodelle integrieren lassen. Seine Untersuchung resultierte in einem mehrstufigen hierarchischen Modell. Auf der untersten Stufe (Stratum I) finden sich höchst spezifische Aufgaben. Die mittlere Ebene (Stratum II) beinhaltet komplexere Fähigkeiten, beispielsweise fluide Intelligenz Gf oder kristalline Intelligenz Gc. Auf der höchsten Ebene (Stratum III) ist schließlich die allgemeine kognitive Fähigkeit g angesiedelt, mit der alle untergeordneten Eigenschaften mehr oder weniger stark zusammenhängen.