Der Gelbbauch-Saftlecker (Sphyrapicus varius) ist eine kleine nordamerikanische Spechtart aus der Gattung der Saftlecker (Sphyrapicus) innerhalb der Familie der Spechte (Picidae). Der obligate Zugvogel ist im nördlichen Nordamerika östlich der Rocky Mountains weit verbreitet. Er lebt von kleinen Insekten, vornehmlich von Ameisen, sowie von Baumsäften unterschiedlicher Baumarten, die er durch Anlage kleiner Löcher (engl. sap wells) gewinnt. Diese Saftquellen werden zwar bewacht und gepflegt, dienen aber dennoch vielen anderen Vögeln und Insekten als Nahrung oder Nahrungsergänzung. Auch als Höhlenlieferant für kleinere höhlenbrütende Arten spielt diese Spechtart in ihrem Lebensraum eine sehr wichtige Rolle. Die Art ist monotypisch. Gemeinsam mit dem Feuerkopf-Saftlecker (Sphyrapicus ruber) und dem Rotnacken-Saftlecker (Sphyrapicus nuchalis) bildet sie die Superspezies Sphyrapicus varius.Walters et al. (2002) Systematics Nach Einschätzung der IUCN ist der Bestand nicht gefährdet.Factsheet auf BirdLife International

Aussehen

Der Gelbbauch-Saftlecker ist mit einer Körperlänge von maximal 21 Zentimeter und einem Gewicht von durchschnittlich 50 Gramm ein kleiner Specht. Er entspricht in der Größe etwa dem heimischen Mittelspecht, ist aber etwas leichter als dieser. Er ist ein stark kontrastierend schwarz-weiß gezeichneter Vogel und weist meist bei beiden Geschlechtern eine auffallende rote Kopfzeichnung auf. Im frischen Gefieder sind die später fast rein weißen Gefiederanteile am Hals und an den oberen Bauchseiten gelblich. Winkler (1995) S. 221 Der Geschlechtsdimorphismus bezüglich der Färbung ist relativ gering und beschränkt sich auf die unterschiedliche Kehlfärbung. Weibchen sind marginal kleiner und leichter als Männchen.Walters et al. (2002) Measurements Jungvögel unterscheiden sich wesentlich von ausgefärbten. thumb|upright|Weibchen in Bruthöhle. Rotzeichnung nur auf der Stirn angedeutet Der Nacken und der proximale Schulterbereich sind bis zum oberen Rücken auf weißem, zuweilen gelb behauchtem Grund unregelmäßig schwarz gebändert. Die Innenfahnen der Federn der unteren Rückenseite, des Bürzels bis zu den Oberschwanzdecken sind weiß, ihre Außenfahnen schwarz. Die Oberflügeldecken sind schwarz und weisen ein deutliches und ausgedehntes weißes Band auf, das beim geschlossenen Flügel ein deutliches weißes Flügelfeld ergibt. Die Schwingen sind auf schwarzem Grund weiß getupft, wodurch eine weiße, streifenförmige Flügelzeichnung entsteht. Die Oberseite der Steuerfedern ist schwarz. Die Innenfahnen des Zentralpaares sind weitgehend weiß, die äußeren zwei bis drei Federpaare weisen nur geringe Weißzeichnungen vor allem an den Spitzen der Außenfahnen auf. Die Unterseite ist ab dem schwarzen Brustschild blass gelb, an den Flanken und in der unteren Bauch- und Steißregion eher schmutzig weiß. Die Brustseiten und die Unterschwanzdecken weisen eine feine, schwarze, pfeilspitzenartige Zeichnung auf; auch die Schäfte dieser Gefiederareale sind mehrheitlich schwarz. Die Unterflügeldecken sind schmutzig weiß, die schwarzen Schwingen weißlich bis hellgrau gebändert. Die Färbung der Schwanzunterseite entspricht jener der Oberseite. thumb|upright=0.75|Immaturer Gelbbauch-Saftlecker im Übergangskleid, wahrscheinlich Männchen Die Füße und die vier Zehen sind blaugrau bis grünlich-grau, der relativ kurze, spitze, an der Basis sehr breite Schnabel ist schiefergrau bis schwärzlich. Die Iris ist satt braun.

Beim adulten Männchen sind die leuchtend rote Stirn und der rote Scheitel zur Gänze schwarz eingefasst. Der Überaugenstreif ist weiß; er verläuft an den Nackenseiten bis zum Mantel. Ein schwarzer Augenstreif erstreckt sich von der Stirn über die Augen, die Ohrdecken, die Halsseiten bis zu den Schultern. Er wird wieder deutlich von einem weißen Band begrenzt, das am Schnabelansatz beginnt und halsseitig bis zur oberen Brust verläuft. Ein schmaler schwarzer Bartstreif begrenzt diese Gefiederregion. Er vereinigt sich mit dem deutlichen, schwarzen, halbmondförmigen Brustlatz, indem der die leuchtend rote Kehle zur Gänze umfasst.

Das Weibchen unterscheidet sich nur durch das Fehlen der roten Kehle vom Männchen. Diese Region ist bei ihm weiß. Bei nicht wenigen Individuen fehlen auch die Rotfärbungen der Kopfoberseite oder sind zumindest sehr stark mit Schwarz durchmischt.

Juvenile und immature Gelbbauch-Saftlecker unterscheiden sich deutlich von adulten. Die Oberseite ist auf dunkel olivbräunlichem Grund unregelmäßig hell-dunkel gefleckt. Brust und Bauch sind schmutzig hell braungrau und unregelmäßig geflockt. Das weiße Flügelband ist schmaler als bei ausgefärbten Individuen und weist oft schwarze Einschlüsse auf. Die markanten Gesichts- und Kopfzeichnungen fehlen Jungvögeln völlig.

Mauser

Der Wechsel ins erste Jugendgefieder erfolgt noch vor dem Ausfliegen. Die Mauser ins Erwachsenengefieder verläuft in mehreren Phasen, wird während der Zugzeit zur Gänze unterbrochen und ist erst im Spätfrühjahr, also mit Eintritt der Brutreife, weitgehend abgeschlossen. Die charakteristische Kopf- und Gesichtszeichnung entwickelt sich langsam während des ersten Winters. Stark abgetragene Reste des ersten winterlichen Übergangsgefieders können bis ins dritte Lebensjahr erkennbar bleiben.Walters et al. (2002) Appearance

Ähnliche Arten

Der Rotnacken-Saftlecker ist im Aussehen und im Verhalten dem Gelbbauch-Saftlecker sehr ähnlich. Ihre Verbreitungsgebiete berühren beziehungsweise überschneiden sich im südwestlichen Alberta, wo es auch zu Mischbruten kommt. Bestes Unterscheidungsmerkmal ist das rote Nackenabzeichen des Rotnacken-Saftleckers, das bei beiden Geschlechtern dieser Art ausgebildet ist, bei Weibchen allerdings stark reduziert sein kann. Bei juvenilen Individuen ist eine Bestimmung im Feld sehr schwierig. Von den beiden anderen Sphyrapicus-Arten sollte der Gelbbauch-Saftlecker immer zweifelsfrei unterschieden werden können.

Lautäußerungen

Die Stimmcharakteristik der in der Balz- und Vorbrutzeit akustisch präsenten Art ist nasal, einige Rufe erinnern an mechanische Geräusche, wie etwa an Ansauggeräusche von Wasserpumpen oder Blasebälgen, oder weisen eine miauende Charakteristik auf, die den Rufen kleiner Eulen ähneln kann. Zu Beginn der Balzzeit sind einzelne oder Folgen pfeifend-qietschender uhii…uhii…uhii die häufigsten Lautäußerungen; oft werden diese Rufe von den langsamen, unverwechselbaren Trommelsignalen unterbrochen, die mit nicht sehr schnellem, akzentuiertem Klopfen beginnen und nach einem kurzen Trommelwirbel im Mittelteil mit rhythmischem Klopfen enden. Warn- und Beunruhigungsruf ist ein eher leises Mijuh, das bei zunehmender Erregung lauter, höher, tremolierender und spitzer wird. In innerartlichen Auseinandersetzungen sind tschjek…tschjek…tschjek-Reihen zu hören. Während der Balzzeit sind auffällige Fluggeräusche und Flügelklatschen zu hören.

Verbreitung und Lebensraum

thumb|upright=1|Verbreitungsgebiet der Art Das Verbreitungsgebiet zieht sich im Westen vom südwestlichen Yukon-Gebiet in einem unterschiedlich breiten Gürtel leicht südwärts bis an die atlantische Küste in Labrador und Südneufundland. In Alaska liegt die Nordgrenze der Verbreitung fast am Polarkreis, im Osten Kanadas bei etwa 55° Nord. Die Südgrenze liegt im Westen im kanadischen Grenzgebiet zu den USA, überschreitet dieses nach Osten hin jedoch bedeutend. Die südlichsten Vorkommen liegen in den Appalachen, in West Virginia, in Tennessee und im östlichen North Carolina. Die Überwinterungsgebiete schließen im Süden daran an, ohne sich aber mit den Brutgebieten zu überschneiden. Sie reichen bis an den Golf von Mexiko, umfassen ganz Mexiko bis auf Niederkalifornien und den äußersten Nordwesten sowie alle mittelamerikanischen Staaten bis Panama, wo die Art aber nur mehr vereinzelt erscheint. Gelbbauch-Saftlecker überwintern auf vielen Westindischen Inseln. Während der Zugzeiten kann die Art in den gesamten USA östlich der Rocky Mountains auftreten. Einzelne Irrgastmeldungen liegen von den Scilly-Inseln, Irland und Island sowie, etwas häufiger, von Grönland vor.Walters et al. (2002) Distribution thumb|upright|left|Die Amerikanische Zitterpappel ist ein sehr wichtiger Brutbaum für die Art, als Nahrungsbaum spielt sie eine weniger bedeutende Rolle In diesem großen Verbreitungsgebiet bewohnt die Art Mischwälder und flussbegleitende Laubwälder. Sie bevorzugt auffallend recht junge Wälder, im Gegensatz zu vielen anderen Spechten spielt bei ihr das Vorhandensein von Totholz keine Rolle. Wichtige Nahrungs- und Brutbäume sind vor allem die Amerikanische Zitterpappel, daneben Birken und Hickorys. Reine Nadelwaldgebiete werden nicht besiedelt. Gelegentlich bewohnt die Art lichte Rotahornwälder, in Hartholzbeständen aus Buchen, Eichen oder Ulmen ist sie weniger häufig.

Auch im Winter meidet der Gelbbauch-Saftlecker reine Nadelwälder, kommt aber in lockeren Gelbkiefer-Beständen vor. Insgesamt sind die Winterlebensräume sehr vielfältig. Er besiedelt eine Vielzahl eher offener Waldgebiete mit unterschiedlicher Baumzusammensetzung, besucht einzelstehende Bäume in landwirtschaftlich genutzten Gebieten und dringt in die Randgebiete von Städten vor.

Die vertikale Verbreitung erstreckt sich in den Brutgebieten vom Meeresniveau bis etwa 2000 Meter, in den Winterquartieren bevorzugt die Art höher gelegene Gebiete und wurde in Mexiko bis in Höhen von über 3500 Metern festgestellt.

Die Art errichtet und verteidigt Brut- und Nahrungsterritorien, die den unmittelbaren Nistbereich und einige Saftbäume umfassen. Ihre Größe liegt zwischen 0.8 und etwas über 3 Hektar.Walters et al. (2002) Behavior~Spacing

Kontaktzonen Im zentralen Südalberta überschneidet sich das Brutgebiet des Gelbbauch-Saftleckers mit dem des Rotnacken-Saftleckers, im nordwestlichen British Columbia mit dem des Feuerkopf-Saftleckers. In beiden Gebieten kommt es zu Vermischungen der beiden Arten.

Wanderungen

Soweit bekannt sind alle Populationen dieser Art Kurz-, Mittelstrecken- oder Langstreckenzieher. Weibchen legen die weiteren Strecken zurück, verlassen die Brutgebiete zeitiger im Spätsommer und kehren später in diese zurück. In den südlichsten Überwinterungsgebieten werden etwa 3,5 mal mehr Weibchen angetroffen als Männchen.Walters et al. (2002) Migration Der Wegzug setzt Anfang September ein und erreicht seinen Höhepunkt in der letzten Septemberwoche. Gelbbauch-Saftlecker ziehen nachts in Gruppen, oft auch in großen Schwärmen. Am 17. April 1909 rasteten mindestens 5000 Spechte während eines orkanartigen Frühlingssturmes in Kingston.Walters et al. (2002) Migratory Behavior Der Heimzug beginnt im März. Die meisten Gelbbauch-Saftlecker erreichen im April oder Anfang Mai ihre Brutgebiete.

Nahrung und Nahrungserwerb thumb|upright|Männchen im ersten Frühling an einem Saftbaum; für den Spätwinter oder das frühe Frühjahr sind runde oder längsovale, kleine Saftlöcher typischthumb|upright|Runde und längliche Saftquellen eines Feuerkopf-Saftleckers