Das Reich von Kusch lag im Norden des heutigen Sudans. „Kasch“ ist das ägyptische Wort für Nubien und stellt zugleich die Eigenbezeichnung des Reiches von Kusch dar. Die Geschichte des antiken Reiches von Kusch begann am Ende der dritten Zwischenzeit mit der napatanischen Phase (etwa 750 bis 300 v. Chr.) und war noch stark von ägyptischen Traditionen geprägt. Die Könige wurden in den Nekropolen um Napata begraben.
Ab 300 v. Chr. setzte mit der Verlagerung des Reichszentrums von Napata nach Meroe und der Bestattung der Herrscher in Meroe die meroitische Phase ein. Die Kultur des Landes zeigte immer mehr Gemeinsamkeiten mit dem schwarzafrikanischen Brauchtum. Ab etwa 150 v. Chr. folgte der Übergang zur eigenen meroitischen Sprache und meroitischen Schrift.
Im Altertum bzw. in der altgriechischen Geschichtsschreibung wird das Reich von Kusch auch Äthiopien genannt.Elena Cassin, Jean Bottéro, Jean Vercoutter (Hrsg.): Weltgeschichte. Band 4. Die Altorientalischen Reiche III: die erste Hälfte des 1. Jahrtausends. Weltbild, Augsburg 2000, S. 256 und
Vorgeschichte Nubien ist vereinfacht betrachtet die Bezeichnung des nördlichen Sudans. Das Gebiet grenzt im Norden an Ägypten, wodurch die Geschicke beider Länder eng miteinander verbunden sind. Nubien ist reich an Rohstoffen, vor allem an Gold, sodass es schon früh von Seiten der Ägypter Bestrebungen gab, diese Vorkommen auszubeuten. Ägyptische Texte berichten schon seit dem frühdynastischen König Menes (Aha) immer wieder von Beutezügen und Expeditionen, aber erst im Mittleren Reich (ca. 2000–1700 v. Chr.) wurde Unternubien (vom 1. bis zum 2. Katarakt) von Ägypten erobert. Seit Mentuhotep II. sind Feldzüge bezeugt und seit Sesostris I. kann eine Eroberung nachgewiesen werden. Im Zusammenhang mit dem von Sesostris I. in seinem 18. Regierungsjahr durchgeführten Feldzug nach Nubien wurde erstmals die Bezeichnung Kusch für Nubien erwähnt. In der Zweiten Zwischenzeit (ca. 1700–1550 v. Chr.) ging den Ägyptern die Provinz wieder verloren und zum ersten Mal kam es in Nubien mit der Kerma-Kultur zu einer eigenen Staatsbildung. Dieser Staat wurde um 1550 v. Chr. mit der erneuten Eroberung Nubiens durch die Ägypter vernichtet.
Im ägyptischen Neuen Reich (ca. 1550–1080 v. Chr.) war Nubien bis zum 4. Katarakt des Nils eine ägyptische Provinz. Besonders der Norden des Landes stand stark unter kulturellem ägyptischem Einfluss. Nubien wurde von einem Beamten, dem Vizekönig von Kusch, verwaltet, der seinen Amtssitz in Aniba hatte und nur dem König unterstellt war. Das Schicksal Nubiens nach dem Untergang des ägyptischen Neuen Reiches ist umstritten. Es gibt Anzeichen, dass zumindest Unternubien formell noch zum Alten Ägypten gehörte, doch ist es bis jetzt in der Forschung ungeklärt, wie es um 750 v. Chr. zu einer erneuten Staatenbildung kam.
Erforschung des Reiches von Kusch Drei Phasen der Erforschung mini|hochkant|Romantisierte Darstellung der Pyramiden von Meroe um 1850 nach den Berichten der Lepsius-Expedition
Die Erforschung Nubiens kann in drei Phasen unterteilt werden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereisten einige Europäer den Sudan, berichteten von den Ruinen und brachten auch einige Fundstücke nach Europa. Zu nennen ist hier vor allem Giuseppe Ferlini, der viele Pyramiden in Meroe auf der Suche nach Schätzen verwüstete und dabei den Schatz der Amanischacheto fand. Die Lepsius-Expedition zeichnete, beschrieb und publizierte als erste eine ganze Reihe von Fundplätzen, Tempeln und Pyramiden. Viele der dokumentierten Tempel sind heute zerstört, so dass diese Aufzeichnungen noch immer von großer Bedeutung sind.
Am Beginn des 20. Jahrhunderts setzte eine zweite Phase der Nubienforschung ein. Dies war insbesondere durch die Errichtung der alten Assuan-Staumauer in Ägypten 1902 erzwungen, da diese Fundorte für immer unter Wasser zu verschwinden drohten. Es wurden eine ganze Reihe von Fundplätzen, vor allem in Unternubien, aber auch Meroe (durch John Garstang) systematisch ausgegraben. In dieser Zeit konnte auch die meroitische Schrift entziffert werden (von Francis Llewellyn Griffith), obwohl die Sprache unverständlich blieb. In den 1920er-Jahren grub George Reisner systematisch alle nubischen Königsfriedhöfe aus und erstellte zum ersten Mal eine Königsliste.
mini|Staudamm bei Assuan
Ein erneutes Interesse an Nubien setzte erst wieder am Ende der 1950er- und in den 1960er-Jahren ein. Durch den großen Assuanstaudamm drohten weitere Fundplätze in Unternubien für immer unter Wasser zu verschwinden. Eine groß angelegte internationale archäologische Kampagne in Unternubien begann, wobei auch viele meroitische Fundplätze ausgegraben wurden.
Die Erforschung Nubiens war lange Zeit ein Nebenfach der Ägyptologie. Erst in den letzten Jahrzehnten haben sich einige Institute auf die Erforschung Nubiens spezialisiert, wobei vor allem das Seminar für Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas an der Humboldt-Universität zu Berlin zu nennen ist, ebenso wie Paris, wo alle meroitischen Texte systematisch gesammelt werden.
Unsicherheiten bezüglich der Datierung Die nubische Geschichte stellt die Forschung vor zahlreiche Probleme. Da die ersten Könige teilweise über Ägypten herrschten, sind sie relativ gut bekannt. Ihre Reihenfolge und Datierung stellt kaum ein Problem dar. Die nachfolgenden Herrscher sind bisher aber nur in Nubien selbst bezeugt. Es sind bisher keine nubischen Königslisten erhalten, die uns ein chronologisches Gerüst liefern könnten. Die Reihenfolge und Anzahl der Herrscher ist deshalb sehr ungewiss. George Reisner, der Ausgräber der nubischen Pyramiden, stellte eine erste Liste nubischer Könige zusammen. Er untersuchte den Standort und die Größe der Pyramiden und errechnete daraus die Reihenfolge und die Regierungsdauer der Herrscher, wobei er davon ausging, dass die älteren Herrscher für ihre Pyramiden die besten Standorte auf einem Friedhof auswählten, während die späteren Herrscher weniger günstige Orte als Bauplatz wählen mussten. Eine große Pyramide deutete er als lange Regierungszeit, eine kleine Pyramide als kurze. Diese Einordnungen sind in der heutigen Forschung sehr umstritten. Denn von vielen Pyramiden ist der Name des Eigentümers nicht überliefert, daneben muss eine große Pyramide nicht unbedingt auf eine lange Regierungszeit oder eine kleine Pyramide nicht zwingend auf eine kurze Regierungszeit deuten. Nur von wenigen Herrschern sind Jahresdaten überliefert. Nur selten sind Verwandtschaftsbeziehungen von Herrschern bezeugt, die wiederum eine Reihenfolge von Königen sichern (Aspelta bezeichnet sich z. B. als Sohn des Senkamanisken und Bruder des Anlamani).
Es gibt bisher nur drei chronologische Fixpunkte für die nubische Geschichte, die allerdings auch Fragen offenlassen:
Im Jahr 593 v. Chr. unternahm der altägyptische König Psammetich II. eine Expedition nach Nubien. Zu dieser Zeit regierte dort möglicherweise Aspelta.D. A. Welsby: The Kingdom of Kush. London 1996, S. 65. König Ergamenes wird in griechischen Quellen als Zeitgenosse von Ptolemaios II. genannt.D. A. Welsby: The Kingdom of Kush. London 1996, S. 194. Teqorideamani regierte im Jahr 253 n. Chr.D. A. Welsby: The Kingdom of Kush. London 1996, S. 200.
Ausdehnung Für die heutige Forschung ist es schwer, die Grenzen des kuschitischen Reiches zu bestimmen. Die Grenze im Norden nach Ägypten lag wahrscheinlich in der Gegend des 2. Kataraktes, wobei sie sich im Laufe der Zeit mehrmals verschob. Als in Ägypten die Ptolemäer regierten und dann vor allem in den Jahrhunderten n. Chr. lag sie aber auch öfters weiter nördlich. Qasr Ibrim war unter Augustus der südlichste Punkt des römischen Reiches, später verschob sich die Grenze jedoch nach Norden. Die südliche Grenze des Reiches ist viel schwerer zu bestimmen. Der südlichste Fund eines nubischen Objektes stammt aus Kusti am Weißen Nil. Die Ost- und Westgrenzen des Reiches sind noch schwerer zu bestimmen. In den dortigen Wüsten lebten vor allem Nomaden, die wahrscheinlich zum großen Teil unabhängig waren.
Ereignisgeschichte Napatanische Phase mini|hochkant|Napata am Jebel Barkal und dessen Umgebung mini|hochkant=0.5|Uschebti des Taharqa / Britisches Museum, London
Um 750 v. Chr. (eventuell auch bereits um 1000 v. Chr.) gründeten nubische Fürsten in der Gegend von Karima einen Staat, der den altägyptischen Namen Kusch übernahm und rasch expandierte. Als Ahnherr erscheint in späteren Quellen ein König Alara. Schon kurz nach ihm gab es um 700 v. Chr. Bestrebungen, Ägypten zu erobern. König Kaschta, der Nachfolger von Alara, scheint dabei die südlichsten Teile von Oberägypten eingenommen zu haben. Sein Nachfolger Pije eroberte anschließend in einem Feldzug das ganze Land, doch scheint er im Folgenden keine dauerhafte Herrschaft ausgeübt zu haben. Diese konnten erst seine Nachfolger errichten. Ägypten war zu dieser Zeit in verschiedene kleinere Königreiche aufgeteilt, so dass es wenig Widerstand leisten konnte.
Die nubischen Könige herrschten als 25. Dynastie über Ägypten, wobei die Art dieser Herrschaft in der Forschung umstritten ist. Oberägypten war sicherlich großenteils fest in nubischer Hand, für Unterägypten ist dies nicht so sicher. Vor allem Taharqa entfaltete in Ägypten eine umfangreiche Bautätigkeit und tritt uns als Pharao in den Quellen entgegen. Hauptstadt war jedoch Napata in Nubien, wo die nubischen Herrscher auch in Pyramiden bestattet worden sind. Um 660 v. Chr. erlangte Ägypten mit assyrischer Hilfe die Unabhängigkeit von Nubien. Das kuschitische Fürstenhaus herrschte jedoch weiterhin im Süden von Ägypten. Tanotamun war der letzte regierende Herrscher in Ägypten.
Die Reihenfolge und ungefähre chronologische Einordnung der folgenden vier Herrscher (Atlanersa, Senkamanisken, Anlamani, Aspelta), die nur noch über Nubien herrschten, ist gesichert. Sie sind gut durch diverse Monumente belegt und sind miteinander verwandt gewesen. Von Aspelta (ca. 593–568 v. Chr.) gibt es sogar verschiedene lange Inschriften, die uns über unterschiedliche Ereignisse seiner Regierungszeit unterrichten. Der Herrscher war eventuell sogar in Kämpfe mit Ägypten verwickelt. Die nubische Kultur, zumindest die des Hofes, war zu dieser Zeit noch rein ägyptisch. Die nubischen Könige traten als ägyptische Könige auf, obwohl sie das Land nicht mehr beherrschten.
Von den Königen nach Aspelta ist nur sehr wenig bekannt. Die meisten Herrscher des 5. und 6. vorchristlichen Jahrhunderts sind nur auf wenigen Denkmälern bezeugt, oftmals ist nur die nubische Pyramide dieser Könige, mit dem Namen eines Herrschers, überliefert. Ägypten war zu dieser Zeit Teil des Achämenidenreichs und es kann vermutet werden, dass der Handel mit dem nördlichen Nachbarn, der sicherlich immer eine bedeutende Rolle spielte, größtenteils zum Erliegen kam, was wiederum Auswirkungen auf den Wohlstand in Nubien hatte. Unter dem persischen König Kambyses soll es laut Herodot einen Versuch gegeben haben, Nubien für das Perserreich zu unterwerfen. Herodot zufolge schlug der Feldzug fehl, allerdings deuten archäologische Funde darauf hin, dass die Perser wenigstens im nördlichen Nubien einige Erfolge verbuchen konnten.Pierre Briant: From Cyrus to Alexander: a history of the Persian Empire. Eisenbraun, Winona Lake (IN) 2002, ISBN 1-57506-031-0, S. 54f.