Die Epoche des Namban-Handels (jap. namban bōeki jidai ‚Periode des Südbarbaren-Handels‘) in der japanischen Geschichte erstreckt sich von der Ankunft der ersten iberischen Europäer in Japan im Jahre 1543 bis zu deren endgültiger Vertreibung im Jahre 1639. Sie fällt damit in die Endphase der Sengoku-Zeit, in die Azuchi-Momoyama-Zeit und in die frühe Edo-Zeit.
mini|380px|Ankunft portugiesischer Handelsschiffe in Japan (japanische Darstellung aus dem 16. Jahrhundert)
Wortherkunft Namban/Nanban (, „Südbarbar“) ist eine aus dem Chinesischen übernommene Bezeichnung für unzivilisierte Völker im Süden. Mit der Ausbildung des japanischen Staates entstand auch in Japan eine ethnozentrische Sicht der Welt, die wie beim chinesischen Vorbild den eigenen Staat als geographisches und kulturelles Zentrum der Welt postuliert und den umliegenden „barbarischen“ Völkern eine der Himmelsrichtung entsprechende Sammelbezeichnung zuwies. In Japan gewann das Wort mit der Ankunft der Europäer eine neue Bedeutung. 1543 wurden portugiesische Kaufleute auf einer in Seenot geratenen Dschunke auf die südliche Insel Tanegashima verschlagen, wo sie zum Dank für die Hilfe den Einheimischen einige Gewehre (Tanegashima-Gewehr) überreichten. Dies gilt als erste direkte Begegnung und zugleich als Beginn der Geschichte der Feuerwaffen in Japan. Mit der Anlandung des Jesuiten Francisco de Xavier, der im August 1549 Kagoshima im Süden Kyushus erreichte, setzte dann ein kontinuierlicher euro-japanischer Austausch ein. Den überwiegend portugiesischen Missionaren der Societas Jesu folgten Kaufleute, meist aus Macau, später auch Franziskaner von den Philippinen. Das Wort Namban war aus Sicht der Japaner für diese Neuankömmlinge angemessen, da sie aus dem Süden kamen und ihre Manieren, besonders wohl die der Seeleute, wenig kultiviert wirkten.
Kulturelle Begegnung Japanische Erzählungen von Europäern mini|Südbarbaren (Namban) auf einem japanischen Wandschirm aus dem frühen 17. Jahrhundert. Besonders die Hosen und langen Nasen fanden das Interesse der Maler. Der „capitão“ wird von einem schwarzen Sklaven begleitet.
Die Japaner waren zuerst eher abgestoßen von den Manieren der Neuankömmlinge. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt die Fremden so:
Dessen ungeachtet wusste man die technischen Errungenschaften der Iberer zu schätzen, z. B. auf militärischem Gebiet die Arkebuse und den Kürass, des Weiteren metallurgische Verfahren, Schiffsbautechniken und vielerlei Gegenstände des alltäglichen Lebens. Und auch die Verbreitung des Christentums bewirkte eine beträchtliche Ausweitung im japanischen Wortschatz. Viele Ausländer wurden von japanischen Herrschern freundlich aufgenommen, und ihre Fähigkeiten waren manchmal zu einem so hohen Grad anerkannt, dass sie in den Rang eines Samurai befördert wurden (siehe William Adams, dem ein Lehen auf der Miura-Halbinsel, südlich von Edo gegeben wurde).
Europäische Berichte von Japan Japan galt als ein mit Edelmetallen gesegnetes Land, dies vor allem wegen Marco Polos Berichten („Il Milione“) von vergoldeten Tempeln und Palästen. Zwar erwies sich das nach der Anlandung der Portugiesen als übertrieben. Doch gab es in der Tat eine große Zahl von Erzvorkommen, die wegen des vulkanischen Ursprungs des Archipels nicht allzu tief lagen und sich vergleichsweise leicht abbauen ließen. Einige der Minen wie die von Iwami und Sado findet man bereits auf frühen portugiesischen Japankarten. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Japan ein wichtiger Exporteur von Gold, Silber und Kupfer und trug so erheblich zum Aufbau der globalen Geldwirtschaft bei.
Schon der Pionier Francisco de Xavier schrieb in seinem ersten Brief aus Japan (Kagoshima, 5. Nov. 1549), dass die Japaner alle Völker überträfen, die man bisher kennengelernt habe.gedruckt in den Cartas que os Padres e Irmaos da Companhia de Jesus escreverao dos Reynos de Iapao & China, Evora: 1598 Drei Jahrzehnte später weitete der Visitator der Societas Jesu Alessandro Valignano das auch auf die Europäer aus.Historia del Principio y Progreso de la Compañía de Jesús en las Indias Orientales, 1584. Ähnliche Ansichten vertraten Japan-Reisende des 17. Jahrhunderts wie George Meister und der eminente Engelbert Kaempfer. Als der Samurai Hasekura Tsunenaga im Jahre 1615 Saint-Tropez in Frankreich besuchte, waren seine Manieren und Auftreten eine Sensation:
Die Kampfkraft und der Mut japanischer Samurai wurde auch anerkannt: Ein spanisches königliches Dekret von 1609 befahl spanischen Kommandeuren im Pazifik ausdrücklich „nicht die Reputation unserer Waffen und unseres Staates gegen japanische Soldaten aufs Spiel zu setzen“.Noel Perrin, David R. Godine (Hrsg.): Giving Up the Gun Truppen japanischer Samurai kamen später auf den Gewürzinseln in Südostasien im Kampf der Holländer gegen die Engländer zum Einsatz.
Handel mini|Eine portugiesische Karacke in Nagasaki (17. Jh.)
Bald nach den ersten Kontakten landeten portugiesische Schiffe in Kyushu, der westlichsten Hauptinsel, an. Seit etwa 1515 gab es eine Handelsroute zwischen Portugal und Goa. Jährlich verließen drei bis vier mit Silber versehene Karacken Lissabon, um in Indien Baumwolle und Gewürze zu kaufen. Eine dieser Karacken segelte nach China, um im Austausch gegen portugiesisches Silber chinesische Seide zu kaufen.
Die Ladung der ersten portugiesischen Schiffe in Japan bestand daher nahezu ausschließlich aus chinesischen Waren (Seide, Porzellan, Arzneimittel). Die japanische Nachfrage war beträchtlich, hatte doch der chinesische Kaiser als Vergeltungsmaßnahme für die häufigen Überfälle japanischer Piraten (Wokou) den Handel mit Japan verboten. Die Portugiesen ergriffen daher die Gelegenheit, als Zwischenhändler zu dienen.
Nach dem Erwerb von Macau im Jahr 1557 und ihrer formellen Anerkennung als Handelspartner durch die Chinesen begann die portugiesische Krone den Japanhandel zu regulieren, indem sie die jährliche „Kapitänschaft“ nach Japan an den höchsten Bieter versteigerte. Damit wurden dieser einen Karacke, die jedes Jahr nach Japan fuhr, im Prinzip exklusive Handelsrechte verliehen. Diese Karacken waren nach damaligem Maßstab sehr große Schiffe mit einem Gewicht zwischen 1000 und 1500 Tonnen; dies war etwa die doppelte oder dreifache Größe einer großen Galeone oder Dschunke.
Dieser Handel wurde mit wenigen Unterbrechungen bis 1638 fortgesetzt. Doch dann erließen die Machthaber des noch jungen Tokugawa-Regimes ein Verbot mit der Begründung, dass die Schiffe christliche Priester ins Land schmuggelten. Eigene kommerzielle Interessen dürften jedoch eine wichtige Rolle bei dieser Entscheidung gespielt haben.
Dem lukrativen portugiesischen Handel erwuchs zudem zunehmende Konkurrenz durch chinesische Schmuggler, von den vom Shogun lizenzierten japanischen Rotsiegel-Schiffen (etwa zehn Schiffe pro Jahr, seit etwa 1592), von spanischen Schiffen von Manila (ab etwa 1600, etwa ein Schiff pro Jahr), den Holländern (ab 1609), den Engländern (ab 1613, etwa ein Schiff pro Jahr).
Die ersten Niederländer wurden im Jahr 1600 an Bord des nahezu manövrierunfähigen Schiffes „Liefde“ an die Ostküste Kyushus getrieben. Der Navigator des Schiffs war der Engländer William Adams, der wegen seiner Kenntnisse im Schiffbau und der Nautik das Wohlwollen von Tokugawa Ieyasu fand und von diesem als „Miura Anjin“ naturalisiert wurde, das „Navigator der Miura-Halbinsel“ bedeutet. Tokugawa Ieyasu war der Begründer und erste Shōgun der Tokugawa-Dynastie. Die Japaner bezeichneten die Holländer als Kōmō-jin ( ‚Rothaarige‘, ‚Rotschöpfe‘).
1605 wurden zwei Mitglieder der Mannschaft des Schiffes „Liefde“ von Tokugawa nach Pattani gesandt, um holländische Händler nach Japan einzuladen. Das Oberhaupt des holländischen Handelspostens Pattani, Victor Sprinckel, verweigerte dieses Anliegen mit der Begründung, dass er mit der portugiesischen Konkurrenz in Südostasien zu beschäftigt sei. 1609 traf jedoch der Holländer Jacques Specx mit zwei Schiffen in Hirado im Nordwesten der Insel Kyushu ein und erlangte dank der Vermittlung von Adams Handelsprivilegien von Tokugawa.
Die Holländer betrieben Piraterie und Seekrieg, um die portugiesische und spanische Seefahrt im Pazifik zu schwächen. Weiterhin waren die protestantischen Holländer rein an Handel interessiert, während sich die katholischen Portugiesen und Spanier durch ihre Missionstätigkeiten in Japan unbeliebt machten. Am Ende waren die Holländer die einzigen aus dem Westen, denen nach 1638 und für die nächsten zwei Jahrhunderte ein Zugang zu Japan über die kleine Enklave auf der Insel Dejima verblieb.
Technologischer und kultureller Austausch Namban-Gewehre mini|Japanische Arkebusen und Pistolen der Edo-Zeit
Portugiesische Feuerwaffen waren eines der vielen Dinge, an denen die Japaner interessiert waren. Die ersten Europäer, die Japan erreichten, waren drei Portugiesen, darunter Fernão Mendes Pinto, die auf einem chinesischen Schiff auf der Insel Tanegashima südlich von Kyūshū strandeten. Sie hatten Arkebusen und Munition bei sich. Zu dieser Zeit befand sich Japan mitten in einem langjährigen Bürgerkrieg, der Sengoku-Zeit. Die Japaner waren zwar bereits mit dem in China erfundenen Schießpulver vertraut und sie benutzten zu diesem Zeitpunkt bereits seit rund 270 Jahren einfache chinesische Handfeuerwaffen und Kanonenrohre, genannt Teppō ( wörtl. ‚Eisenkanone‘). Die portugiesischen Gewehre waren jedoch leichter und technisch fortgeschrittener. Sie besaßen Luntenschlösser, und es war einfacher, mit ihnen zu zielen.
Innerhalb eines Jahres gelang es japanischen Waffenschmieden, diese Gewehre zu kopieren und als Tanegashima-Arkebusen in Massenproduktion zu fertigen; historischen Quellen zufolge wurden rund 20.000 Stück produziert. Diese Gewehre waren in ihrer Materialqualität und Ausführung den Vorbildern ebenbürtig, oft sogar besser.
Die Gewehre spielten eine entscheidende Rolle in der Vereinigung Japans unter Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu, wie auch in der Schlacht von Nagashino und im Imjin-Krieg, der Invasion Koreas 1592 und 1597.
Namban-Schiffe mini|links|Ein japanisches Rotsiegel-Schiff (1634) mit westlichen Rahsegeln und Lateinsegeln, Steuerruder und Heckform. Die Schiffe waren meist mit 6 bis 8 Kanonen bewaffnet. mini|Die 1613 in Japan gebaute Galeone San Juan Bautista, in Ishinomaki (Replik).
Die Schiffe der Südlichen Barbaren waren auch ziemlich einflussreich auf den japanischen Schiffbau und regten viele japanische Auslandsunternehmungen an. Das Bakufu errichtete ein System von lizenzierten Handelsschiffen („Rotsiegel-Schiffe“), die Ost- und Südostasien bereisten. Diese Schiffe übernahmen viele Elemente des westlichen Schiffsdesigns, so Besegelung, Steuerruder am Heck und die Aufstellung der Kanonen. Sie brachten viele japanische Händler und Abenteurer in südostasiatische Häfen, die in lokaler Hinsicht oft ziemlich einflussreich wurden, so z. B. der Abenteurer Yamada Nagamasa in Siam, oder sie wurden später bekannte japanische Volksgestalten wie Tenjiku Tokubei.
Am Ende des 17. Jahrhunderts baute das Bakufu mehrere Schiffe in rein westlicher Bauart, gewöhnlich mit Hilfe ausländischer Fachleute, so die Galeone San Juan Bautista, die auf Gesandtschaften nach Neuspanien (Mexiko) zweimal den Pazifik überquerte.
Katholizismus in Japan mini|Ein japanischer Votivaltar, Namban-Stil (Ende des 16. Jh., Guimet-Museum)
Mit der Ankunft von Francisco de Xavier y Jassu, einem der Gründer der Societas Jesu und Pionier der Ostindien-Mission, im Jahre 1549 setzt die Begegnung Japans mit dem Christentum ein. Besonders in den südwestlichen Regionen des Archipels entwickelt sich der Katholizismus zunehmend zu einer religiösen Kraft. Den Briefen der Missionare zufolge gab es gegen Ende des 16. Jahrhunderts etwa 200.000 Konvertiten, hauptsächlich auf der Insel Kyūshū. Nagasaki, wo die Jesuiten sogar die Jurisdiktion erlangt hatten, entwickelt sich nach und nach zu einem wichtigen Stützpunkt der Kirche.