mini|Mit dem Faltboot unterwegs mini|Verschiedene Faltboottypen

Ein Faltboot ist ein Boot, das im Wesentlichen aus einer flexiblen Bootshaut und einem zerlegbaren Innengerüst besteht. Die Bootshaut wird aus Gummi, PVC, TPU oder Hypalon für das Unterschiff und einem Textil – beispielsweise Baumwolle oder einem modernen Verbundwerkstoff (Laminat) – für das Verdeck gefertigt. Das Bootsgerüst besteht meist aus Holz – zum Beispiel Esche und Birkensperrholz – oder Aluminium und Kunststoff.FAZ.net vom 14. Januar 2013, Faltboote, Vom Dachboden zurück aufs Wasser faz.net

Bei den gängigen Faltbootmodellen handelt es sich meistens um Kanus. Diese sind vor allem Kajaks, seltener sind Faltkanadier zu sehen. Vereinzelt trifft man auch auf Ruderboote, Jollen sowie Dingis. Eine spezielle Variante namens Banana-Boot besteht aus zusammenklappbaren Kunststoffplatten. Knapp 10 % der Gesamtkajakverkäufe in Deutschland entfallen auf Faltboote.Umweltschutz in der Sportartikelbranche. Webseite umweltbundesamt.de. Abgerufen am 6. Dezember 2016

Obwohl die meisten aufblasbaren Boote sich auch zusammenfalten lassen, werden diese üblicherweise als Schlauchboote oder Luftboote und nicht als Faltboote bezeichnet. Auch das in Einzelteile zerlegbare und so transportable Kofferboot ist kein Faltboot im engeren Sinne.

Als Antriebshilfe wurden spezielle Faltbootmotoren entwickelt.

Geschichte mini|Holzgerüst eines Faltboots (MTW Kolibri IV) mini|Faltboot Jolle (MTW Delphin 150) mini|MTW Delphin 140 als Motorfaltboot mit abgenommener Persenning mini|Mit dem Klepper Aerius II von 1968 auf der Ardeche (2025)

Schon 500 v. Chr. wurden mit Faltbooten Waren von Armenien nach Babylon transportiert. Die Bootshäute wurden von mitgeführten Eseln wieder zurückgetragen. (Herodot)

Die Unangan, Ureinwohner der Aleuten, verwenden seit alter Zeit nicht zerlegbare Kajaks mit Gerüsten aus Treibholz, Knochen und einer Bespannung aus Tierhäuten. Mit diesen Baidarkas gehen sie auf die Jagd nach Seelöwen. Von Größe und Form können diese Boote am ehesten als Urahnen der modernen Faltboote gelten.

Ein Vorläufer des modernen Faltbootes wurde für Andrées Polarexpedition von 1897 gebaut und ist heute noch im Polarmuseum in Gränna in Schweden zu besichtigen.Sven Sievers: Mit dem Faltboot im Polareis – die Andrée-Expedition von 1897, in Binsenbummeln und Meeresrauschen III. Internationales Jahrbuch des Faltbootsports 2005/2006

Das erste moderne Faltboot baute 1905 der Architekturstudent Alfred Heurich in Form eines Faltkajaks. Er fuhr damit erstmals auf der Isar von Bad Tölz nach München; insgesamt legte er über 100.000 km mit Faltbooten zurück. Der Sportartikelhändler Johann Klepper aus Rosenheim erwarb 1907 eine Lizenz für Heurichs Konstruktion und begann die Serienfertigung.

Das Faltbootfahren entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem Massenvergnügen. Die Deutsche Reichsbahn setzte in den 1920er-Jahren sogar Sonderzüge für Faltbootfahrer ein, die am Wochenende in großen Scharen zum Wasserwandern die Flüsse und Seen eroberten, und in den 1930er-Jahren brachten Folbot trains Paddler von New York zu guten Einsatzstellen entlang des Hudson Rivers. Es entstanden Kinospielfilme von renommierten Regisseuren und Darstellern wie Die Wasserteufel von Hieflau, die die Begeisterung fürs Faltboot thematisierten. Im Rennsport gab es erstmals bei der Europameisterschaft von 1934 zwei Faltbootklassen und an den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin wurde der Faltbootsport olympische Disziplin. In dieser Zeit verbreitete sich die Idee des Faltbootes von Deutschland aus auch in das übrige Europa und nach Nordamerika sowie Japan, erreichte jedoch nie die gleiche Verbreitung wie in Deutschland. Das Unternehmen Klepper dominierte zu dieser Zeit den Faltbootmarkt. Nach einer Statistik des Zollamts Engelhartszell an der Donau passierten 1930 die deutsch-österreichische Grenze 2054 Faltboote, darunter 1017 von Klepper. Bis 1936 hatte das Unternehmen über 90.000 Faltboote verkauft. Ein wichtiger Mitwettbewerber, die Werft Pionier aus Bad Tölz, hatte in den 1930er-Jahren nur eine Jahresproduktion von rund 500 Faltbooten.Ursula & Christian Altenhofer: Der Hadernkahn, Geschichte des Faltbootes. 3. Auflage 1997, Pollner Verlag, S. 177

Die Faltbootwerften entwickelten für ihre Kunden, weil oft keine Übernachtungsmöglichkeiten an Flüssen und Seen bestanden, die notwendige Campingausrüstung. Bestanden Zelte zuvor nur aus Zeltbahnen und hatten keinen Boden, bauten die Faltbootwerften ihre Zelte wie die Häute ihrer Boote: das Oberteil aus dichtgewebter Baumwolle, den Boden aus Gummi. Und die Anhänger des Faltbootsports erfanden das notwendige Zubehör, wie Carl Joseph Luther den Daunenschlafsack und Hans Berger (Firma Sport Berger) die Luftmatratze.90 Jahre Faltbootwerft Pionier, Ausstellungskatalog 2015, Seite 49 Somit waren die Hersteller von Zelten und Campingartikeln bis weit in die 1950er Jahre hinein in der Hauptsache Faltbootwerften.„Der Hadernkahn“ von Ursula und Christian Altenhofer, Pollner Verlag, 3. Auflage 1997

Die Popularität sank während des Zweiten Weltkriegs und erreichte das Vorkriegsniveau danach nicht mehr. 1958 lag laut dem (westdeutschen) Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie der Absatz an Faltbooten nur bei 20 Prozent gegenüber dem der 1930er-Jahre.Stadtmuseum Bad Tölz: Pionier – 90 Jahre Faltbootwerft Bad Tölz. Ausstellungskatalog 2015, S. 41. Das lag einerseits an der stark gestiegenen Motorisierung in Westdeutschland. Reisen wurden nun nicht mehr im Faltboot, sondern auf dem Motorrad oder mit dem Auto unternommen. Anderseits nahm in den beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Flussverbauung mit Staustufen für die wachsende Berufsschifffahrt und zur Elektrizitätsgewinnung stark zu. Hinzu kam eine enorme Verschmutzung der Flüsse, welche die Popularität des Wasserwanderns ebenso sinken ließ. Der Kanusport wurde mehr und mehr zu einem Extremsport im Wildwasser an den Oberläufen der dort noch unverbauten und unverschmutzten Flüsse. Für das Wildwasser eignen sich jedoch die ab Anfang der 1960er-Jahre aufkommenden Kunststoffkajaks viel besser. Durch die aufkommende Motorisierung ab den 1950er-Jahren konnten die steifen, nicht zerlegbaren und billigeren Kunststoffkajaks zudem auf Autos transportiert werden, was zu einem weiteren Rückgang der Beliebtheit von Faltbooten führte.Stadtmuseum Bad Tölz: Pionier – 90 Jahre Faltbootwerft Bad Tölz. Ausstellungskatalog 2015, S. 57Ursula & Christian Altenhofer: Der Hadernkahn, Geschichte des Faltbootes. 3. Auflage 1997, Pollner Verlag, S. 123 & 124.

Dennoch waren Faltboote beim Wasserwandern noch bis in die 1970er-Jahre auf westdeutschen Gewässern häufig zu sehen, danach nur noch seltener. In der DDR und Osteuropa erfreuten sich – aufgrund eingeschränkter Reisemöglichkeiten, der besonderen Bedeutung von Camping und der großen Seenketten – die Faltboote von Pouch und MTW bis zur Wende größter Beliebtheit, obwohl diese relativ teuer und schwer zu beschaffen waren.

1993 brachte die kanadische Werft Feathercraft den Typ K-Light mit Aluminiumgerüst heraus und revolutionierte damit den Faltbootmarkt. Das K-Light war mit nur 15 kg Gesamtgewicht nicht nur das bis dahin mit Abstand leichteste Faltboot. Zusammengepackt passte es auch in einen Rucksack und war so erstmals wieder ein richtiges „Rucksackboot“, wie es sie zu Beginn der Faltbootherstellung vor knapp 90 Jahren gegeben hatte. Seine Form orientierte sich teilweise an Seekajaks und ging weg von der klassischen Faltbootform. Trotzdem kann es sehr schnell aufgebaut werden. Diese Kombination gab es zuvor nicht, und das K-Light fand viele Nachahmer. Mit ihm änderte sich der Faltbootmarkt, der in den Jahrzehnten zuvor hauptsächlich aus Zweisitzern bestand.Kanu Magazin: Fünf leichte Reise-Einer im Vergleich. Juni 2004 Das erste Faltboot mit einem Aluminiumgerüst eines europäischen Herstellers war der Typ Klepper Alu-Lite, der 1999 erschien und sich in seinen Abmaßen stark am K-Light orientierte.

mini|Klepper Alu-Lite 400

Ab etwa dem Jahr 2000 stiegen die Verkaufszahlen für Faltboote wieder stärker, und es entwickelte sich eine kleine Renaissance, die bis heute anhält. So wurden z. B. 2004 europaweit etwa 4.000 Faltboote verkauft. In Mitteleuropa erhältliche Faltboote stammen meist aus Deutschland (Klepper, Pouch), Frankreich (Nautiraid), Norwegen (Ally), Polen (Wayland), Russland (Nortik, Triton), den USA (Pakboats, Folbot) oder Kanada (Feathercraft, Trak).

In letzter Zeit gab es einige Versuche, die Aufbauzeit zu verkürzen. So entstanden die Modelle Oru Kayak und Nortik Fold, die nach dem Origami-Prinzip funktionieren und Aufbauzeiten von etwa fünf Minuten ermöglichen. Dafür reichen ihre Fahreigenschaften nicht ganz an Gerüst-Faltboote heran und die Aufbauzeit wurde beispielsweise im Vergleich zu den seit Jahrzehnten hergestellten Klepper-Faltbooten (Aufbaurekordzeit 3:45 Minuten) nur um wenige Minuten verkürzt.Die Kunst des Faltens. Webseite Kajak-Magazin. Abgerufen am 18. Dezember 2016. Webseite Kanu-Magazin. Abgerufen am 18. Dezember 2016Klepper Assembly World Record. youtube.de. Abgerufen am 18. Dezember 2016

Eine verhältnismäßig neue Entwicklung sind Kajaks, die sich zusammenstecken lassen und dann so kompakt sind, dass sie sich als Rucksack transportieren lassen, wie z. B. das Pakayak (USA)Pakayak. Webseite des Herstellers. Abgerufen am 3. Mai 2018 als Einerkajak und das Klepper Backyak als Zweierkajak. Sie vereinen die Vorteile von robusten Feststoffbooten mit der guten Transporteigenschaft von traditionellen Faltbooten und ermöglichen dabei bisher unbekannte Aufbauzeiten von nur etwa drei Minuten. Gleichwohl dieser Bootstyp in Zukunft den Faltbootmarkt beeinflussen wird, zählen nicht alle Hersteller dieser Steckboote sie zu den Faltbooten, und es bleibt abzuwarten, ob sich eine eigene Kategorie entwickeln wird.

Vor- und Nachteile Faltboote haben im Vergleich zu steifen Booten den Vorteil, dass sie praktisch in jedem öffentlichen Verkehrsmittel – bei entsprechender Reisevorbereitung auch im Flugzeug – transportiert werden können und so richtiges Wasserwandern erst möglich wird: Das Pendeln zurück zur Einsatzstelle oder der Zwang zu Rundtouren entfallen. Beim PKW-Transport entfällt der Nachteil des hohen Luftwiderstands und Beschädigungsrisikos beim Transport auf einem Dachgepäckträger.Der Hadernkahn, Ursula & Christian Altendorfer, Pollner Verlag 1989Paddel-Handbuch, von Stritzky/de Pree, BLV 1995

Nachteile sind vor allem höhere Anfälligkeit für Beschädigungen, was die Einsatzmöglichkeiten von Faltbooten beschränkt. So ist Fahren im verblockten Wildwasser und bei geringem Wasserstand, aufgrund der kaum verhinderbaren Grundberührung, ohne Gefahr für das Material kaum möglich. Trotzdem verträgt die Bootshaut einfache Grundberührungen, vor allem, wenn die Haut mit Kielstreifen versehen wurde: Verstärkungen der Bootshaut an den Stellen, an denen das Gerüst innen an der Bootshaut anliegt. Die vielen Einzelteile erfordern mehr Wartung und Pflege, lassen sich dafür aber bei Bedarf (Abnutzung, Beschädigung) einfach auswechseln, improvisieren oder nachbauen.Faltboote - Für jeden etwas. Webseite Kajak-Magazin. Abgerufen am 25. Mai 2021Kanu-Magazin, Heft 5/2020, Artikel: Kaufberatung FaltbooteKanu-Magazin, Heft 2/2005, Artikel: 100 Jahre FaltbootKanu-Magazin, Artikel: Fünf leichte Reise-Einer im Vergleich, 17. Juni 2004

Aufbau mini|Aufbau Klepper Aerius, die vordere und hintere Gerüsthälfte werden getrennt in die Haut geschoben