mini|Hans Schenkel: Taschenbuch des Naturschutzes. Verlag E. Kaißer, Salach 1941.
Johannes „Hans“ Schwenkel (* 3. März 1886 in Hülben bei Urach; † 15. Juli 1957 in Stuttgart) war Lehrer und Landeskonservator sowie ein Pionier des Natur- und Landschaftsschutzes, Landschaftschronist und Denkmalpfleger, Fotograf und Autor. Schwenkel war ein Verfechter der nationalsozialistischen Naturschutz-Ideologie.
Leben Schwenkel wuchs als viertes von acht Kindern auf der Albhochfläche auf. Ab 1898 besuchte er das Lehrerseminar in Nagold und trat nach fünfjähriger Ausbildung Stellungen als Elementarlehrer in Reutlingen, Stuttgart und Tübingen an. Von 1907/1908 an studierte er zunächst in Stuttgart, dann in Tübingen Architektur, sodann Physik, Chemie und Geologie. Mit dem Staatsexamen und der Dissertation Die Eruptivgneise des Schwarzwaldes und ihr Verhältnis zum Granit schloss er 1911 seine wissenschaftliche Ausbildung ab. Es folgten als begleitender Hauslehrer Studienreisen nach Italien und Nordafrika. 1913 wurde er zum wissenschaftlichen Hauptlehrer mit Professorentitel an das Lehrerseminar in Backnang berufen, wo er bis Oktober 1922 wirkte.
1922 wurde er an das Landesamt für Denkmalpflege in Stuttgart als Leiter der Abteilung Naturschutz berufen, zunächst kommissarisch, ab 1927 hauptamtlich. Im Bereich des Natur- und Landschaftsschutzes gab es damals nur wenige Stellen im Deutschen Reich, so in Preußen, wo Benno Wolf bereits 1915 hauptamtlich als Justitiar der „staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“ berufen worden war. In Württemberg war Schwenkel der erste fest angestellte Naturschützer in hochrangiger Position.
Seit 1923 gehörte Schwenkel zum Vorstand des Schwäbischen Heimatbundes und war seit 1924 Mitglied des Schwäbischen Albvereins. Auf der Mitgliederversammlung des Schwäbischen Heimatbundes in Crailsheim 1932 beschrieb Schwenkel die Aufgaben des Heimatschutzes als Abwehr der Bedrohung durch die Moderne. Schwenkel bezeichnete Heimatschutz in diesem Beitrag als eine kultur- und nationalpolitische Aufgabe, deren Bedeutung er folgendermaßen begründete: „Die Not der Gegenwart, die politischen Gegensätze, die materialistische Gesinnung weiter Kreise, die internationalen Einflüsse des Verkehrs, der Presse und der technischen Vervollkommnung des Rundfunks, die Zusammenballung der Menschen in den Großstädten und die von der Natur abgelöste Arbeitsweise weiter Volkskreise, dies alles bedeutet eine ungeheure Gefahr für den Kulturmenschen, der zu begegnen die wichtigste Aufgabe des Heimatschutzes ist und seine Berechtigung außer Zweifel stellt.“Benigna Schönhagen: „… ein treuer und gewissenhafter Diener und Helfer …“. Der Schwäbische Heimatbund in der NS-Zeit. In: Schwäbische Heimat, Heft 2, 2009; Online: www.schwaebischer-heimatbund.de, abgerufen am 5. März 2021. Für das vom Bund für Heimatschutz für seine Mitglieder jährlich herausgegebene Schwäbische Heimatbuch lieferte Hans Schwenkel als Hauptautor zahlreiche Textbeiträge und Fotografien.
Weithin bekannt waren seine Exkursionen und Vorträge im südwestdeutschen Raum, die er – was damals neu war – mit selbst fotografierten Lichtbildern illustrierte. Sein Bildarchiv, das sich heute im Landesmedienzentrum Baden-Württemberg in Stuttgart befindet, umfasst rund 15.000 Bilder diverser Formate und Trägermaterialien aus der Zeit zwischen 1908 und 1953 zu den Themen Topografie (vor allem Württembergs), Flora und Fauna sowie bäuerliches Leben (meist Schwäbische Alb).
mini|Schloss Favorite (Ludwigsburg), nach dem 2. Weltkrieg zeitweise offizieller Dienstsitz der Landestelle für Naturschutz. Ganz besonders setzte sich Schwenkel für den Schutz des Bodenseeufers ein und wies in zahlreichen Vorträgen und Veröffentlichungen darauf hin, „dass die zunehmende Umwandlung schöner, öffentlich zugänglicher Uferpartien in private, umfriedete Gartengrundstücke nicht im öffentlichen Interesse sein könnten.“zit. nach Wolf (2004) Schwenkel war Mitinitiator des Reichsnaturschutzgesetzes, das 1935 in Kraft trat und zu dem der Jurist Benno Wolf bereits Jahre zuvor Vorarbeiten geleistet hatte. 1938 wurde Schwenkel das Referat Landschaftspflege bei der Obersten Naturschutzbehörde im Reichsforstamt in Berlin übertragen, bald darauf auch die Mitarbeit im Reichsplanungsamt. Bis 1944 pendelte er „doppelberuflich“ zwischen Stuttgart und Berlin hin und her. Infolge des Zweiten Weltkriegs wurden die Diensträume der Landesstelle für Naturschutz in Stuttgart mit nahezu allen Unterlagen, ausgenommen das Bildarchiv, zerstört, so dass Schwenkel nach dem Krieg erneut Aufbauarbeit leisten musste. Als neuer Dienstsitz in der Nachkriegszeit fungierte Schloss Favorite in Ludwigsburg (bekannt durch den SWR „Nachtcafe“). Daran angeschlossen war auch das ehemalige Forsthaus, um 1710 als Haus des Fasanenmeisters zur Pflege des Wildes und zur Aufzucht von Goldfasanen und Feldhühnern erstellt und wie bei Hänsel und Gretel versteckt im Favoritepark gelegen. Hier war die Staatliche Vogelschutzwarte bis 1975 untergebracht.Klaus Ruge, Peter Havelka & Reinhard Wolf (1989): 50 Jahre Staatliche Vogelschutzwarte Baden-Württemberg. Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Baden-Württemberg 57, 60. S. Auch sie unterlag zunächst der Leitung von Hans Schwenkel.
Selbst nach seiner Pensionierung 1951 blieb der hoch qualifizierte Umweltschützer in Sachen Naturschutz bis 1953 mit Sonderaufträgen weiterhin amtlich tätig. Dennoch war er aufgrund seiner politischen Vergangenheit ständigen Angriffen und Diffamierungen, vor allem in jüngeren Fachkreisen, ausgesetzt. Hans Schwenkel verstarb 71-jährig im Jahr 1957 und wurde auf dem Stuttgarter Pragfriedhof beigesetzt. Den Nachruf für die Blätter des Schwäbischen Albvereins verfasste der damalige Vereinsvorsitzende Georg Fahrbach.Georg Fahrbach: Hans Schwenkel † in: Blätter des Schwäbischen Albvereins, Nr. 5, 1957, S. 108; Online (TIFF). Die Landesstelle für Naturschutz und Landschaftspflege sowie die Staatliche Vogelschutzwarte wurden 1975 nach Karlsruhe in die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (erst LFU, ab 2006 LUBW) eingegliedert. Mit umgezogen ist auch das einzigartige Bildarchiv, das über Jahrzehnte unbeachtet in einem Heizungskeller eingelagert war.
Beziehung zum Nationalsozialismus Schwenkel war neben Walther Schoenichen einer der Verfechter eines konservativ-reaktionären Gedankenguts, das er von der Zeit der Weimarer Republik in die Ära des Nationalsozialismus hinüberbrachte und in der er sich als konsequenter Protagonist nationalsozialistischer Natur- und Heimatschutz-Ideologie betätigte.
So bezeichnete er 1933 den Heimatschutz im nationalen Deutschland u. a. als „Eugenik der Kultur“, die „die heiligen Feuer unseres Volkstums auflodern“ lasse.Hans Schwenkel: Heimatschutz im nationalen Deutschland, in: Hermann Eris Busse (Hrsg.): Mein Heimatland. Badische Blätter für Volkskunde, ländliche Wohlfahrtspflege, Familienforschung, Heimatschutz und Denkmalpflege, 20. Jg., Heft 7/8, Freiburg 1933, S. 227–242.
Schwenkel befürwortete die Rassegesetzgebung der Nationalsozialisten mit überschwänglichen Worten: „Und es bedurfte eines genialen, durch keine bestimmte Fachbildung beengten, noch in eine Sackgasse eingefangenen Laien (…). Ich meine unseren Führer Adolf Hitler (…).“ Und weiter: „(…) so steht der biologische Grundgedanke hinter der Rassen- und Bevölkerungspolitik des nationalsozialistischen Staates, (…) er ist die treibende Kraft gewesen für das Gesetz zur Verminderung des erbkranken Nachwuchses, für die Gesetze zur Vermeidung schädlicher Rassenmischungen usw.“Hans Schwenkel: Biologisches Denken und Naturschutz (1936/7), S. 9; zit. nach Gert Gröning und Joachim Wolschke-Bulmahn S. 93f.
In seinem im Schwäbischen Jahrbuch 1936 veröffentlichter Aufsatz über Volksstamm und Landschaft im schwäbischen Raum wird Schwenkels biologistisch-rassistisches Denken ebenfalls deutlich. Der Landesbeauftragte für Naturschutz in Württemberg sah in der Natur das Abbild eines Volkes bzw. Stammes. „Seine Gleichung lautete: gesunder Stamm = gesundes Volk = gesunde Natur“, weswegen er schloss, „dass das Entscheidende nach wie vor das Erbgut bleibt. […] Blutpflege ist Kulturpflege und bedeutet Leistung am deutschen Vaterland. Sie muß daher ernster genommen werden als alle Zufälle der Geschichte und der Landschaft, der Wirtschaft und des Bekenntnisses.“ Schwenkel unternehme „in abenteuerlichen rassistischen Konstruktionen“ den Versuch, „die Eigenart der Schwaben, die er ja durch Landschaftspflege und Naturschutz bewahren wollte, mit dem Rassenideal des nordischen Menschen in Übereinstimmung zu bringen.“Zit. nach: Benigna Schönhagen: „… ein treuer und gewissenhafter Diener und Helfer …“. Der Schwäbische Heimatbund in der NS-Zeit. In: Schwäbische Heimat, Heft 2, 2009; Online: www.schwaebischer-heimatbund.de, abgerufen am 5. März 2021.
In seinem Artikel Presse und Naturschutz (1937) verbindet Schwenkel seine Vorstellungen von „Kultur“ und völkischem „Naturschutz“ mit der antisemitischen NS-Rassenideologie und spricht Juden als dem angeblich „kulturlosen“ und „undeutschen Volk“ die Fähigkeit zum Naturschutz schlechterdings ab: „Nach dem ersten Buch Mose kennt auch der Jude keinen Naturschutz, denn Gott gibt den Kindern Israels alle Pflanzen und Tiere, ‚alles was da kreucht und fleucht‘ zur Speise. Erst der Kulturmensch, und zwar fast ausschließlich der nordische Mensch, gewinnt ein ganz neues Verhältnis zur Natur, nämlich das der Ehrfurcht, auf die auch der Naturschutz gegründet ist.“Schwenkel Hans: Presse und Naturschutz (1937) S. 117.; zit. nach Gert Gröning und Joachim Wolschke-Bulmahn S. 93f.; vgl. hierzu ferner: Johannes Hansen: Braune Natur II – Zur Funktion des Naturschutzes im Dritten Reich als einer Grundkategorie der nationalsozialistischen Ideologieproduktion. Masterarbeit Hochschule Neubrandenburg 2016; hier das Kapitel Naturschutz und der deutsche Mensch, S. 44 ff.; (online).
Als prominentes Mitglied im Schwäbischen Albverein verfasste er 1938 den Artikel Der Wanderer und der Naturschutz für die Jubiläumsschrift zum 50-jährigen Bestehen des Vereins. Schwenkel verbindet dort das Anliegen des Naturschutzes mit der NS-Lebensraum-Ideologie: Beim Naturschutz handele es sich, so Schwenkel, „nicht um Einzeldinge, nicht um Naturdenkmale, nicht um ‚Blümchen‘, nicht um einzelne Pflanzen und Tiere, ja nicht einmal um Naturschutzgebiete, sondern um die ganze Landschaft (…), um die Pflege und Erhaltung des naturgegebenen und des durch Wirtschaft, Verkehr und Siedlung veränderten deutschen Lebensraumes überhaupt.“Hans Schwenkel: Der Wanderer und der Naturschutz, in: Der Schwäbische Albverein und seine Wandergebiete 1888–1938. Seinen Mitgliedern aus Anlaß des 50jährigen Bestehens gewidmet vom Schwäbischen Albverein, Alemannen-Verlag, Tübingen-Stuttgart 1938, S. 41–44, hier S. 41. 1939 wurde Schwenkel vom neu gewählten „Führer des Schwäbischen Albvereins“ Georg Fahrbach in den Hauptausschuss berufenJosef Forderer: Hauptausschußsitzung und Mitgliederversammlung in Backnang. Wichtige Beschlüsse, Änderungen in der Vereinsleitung (…). In: Blätter des Schwäbischen Albvereins, 51. Jahrgang 1939, Nr. 4, S. 48–54 (online; TIFF, 985 kB)., 1956 von diesem zum Ehrenmitglied des Albvereins ernannt.Ehrung verdienter Heimatfreunde, in: Blätter des Schwäbischen Albvereins, 62. Jahrgang 56, Nr. 3, S. 60; Online (TIFF).