Der Begriff Theoxenie ( und , ‚Fremder‘) bezeichnet in Mythos und Kult im antiken Griechenland die Gastfreundschaft von Menschen für Götter und Heroen. Gewöhnlich fand Theoxenie in der Form einer Mahlzeit statt. Damit testeten die göttlichen Wesen die Qualitäten der Menschen und bestraften sie, wenn ihnen eine Theoxenie verweigert wurde. Die Idee des Teilens mit einer Gottheit ist sehr alt und geht über die griechische und römische Zeit hinaus.

Andere Bezeichnungen Heroxeinia ist auf einer Inschrift aus Thasos aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. überliefert.François Salviat: Une nouvelle loi thasienne: institutions judiciaires et fêtes religieuses à la fin du IVe siècle av. J.-C. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 82, 1958, S. 193–267 (online). Es bezeichnet wahrscheinlich ein Fest, zu dem Helden zum Essen eingeladen waren.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel II, Absatz 21. Im römischen Kulturkreis wurde ein der Theoxenie vergleichbares Fest Lectisternium genannt.

Definition Theoxenie (oder auch Theoxenia) als Singular Femininum ist ein Begriff der Wissenschaft. Im Altertum existierte der Ausdruck in dieser Form nicht; dort ist er als Theoxenia lediglich als Plural Neutrum bekannt und bezeichnet eine Art von Festen, von denen sich der Name des delphischen Frühjahrsmonats Theoxenios (= Elaphebolion) ableitete. Eine Theoxenie wird von der Wissenschaft über die verwendeten Begriffe in den Überlieferungen und dem Charakter der Opfergaben erkannt.Michael H. Jameson: Theoxenia. In: Michael H. Jameson: Cults and Rites in Ancient Greece: Essays on Religion and Society. Cambridge 2014, S. 146; Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel II, Absatz 12.

Theoxenie beschreibt ein Ritual der Gastfreundschaft für Götter und Heroen. Die Gäste wurden zuerst eingeladen. Zum Anlass stellte man eine Sitzgelegenheit () auf. Sie wurde abgedeckt und geschmückt. Daneben wurde eine ebenso geschmückte Trapeza gestellt, auf der Geschirr mit Essen und Trinken offeriert wurden. Manchmal wurden Symbole des Eingeladenen hinzugefügt. Die eingesetzten Mittel entsprachen den Konventionen, die zur Unterhaltung von Gästen eingesetzt wurden. Theoxenie war ein weit verbreiteter Opfertyp in der griechischen Gesellschaft und Ausdruck des Konzepts der Gastfreundschaft, die in der griechischen Kultur einen hohen Stellenwert innehatte.Michael H. Jameson: Theoxenia. In: Michael H. Jameson: Cults and Rites in Ancient Greece: Essays on Religion and Society. Cambridge 2014, S. 145–146; Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel II, Absatz 2.

Abgrenzung Der Unterschied zwischen einer Thysia, die ebenfalls ein Festmahl beinhaltet, und Theoxenie liegt in der Form der dargebotenen Speisen und dem zeitlichen Ablauf. Bei einer Theoxenie erhält die Gottheit die gleiche Art von Nahrung dargeboten wie sie der Mensch isst. Bei einer Thysia hingegen erhält die Gottheit ihren Anteil im Rauch auf dem Altar, der von dem Verbrannten aufsteigt. Bei der Theoxenie wurden die göttlichen Gäste als zu Besuch und dann als abreisend betrachtet. Bei einer Thysia waren der göttliche und der menschliche Teil des Opfers zeitlich und inhaltlich getrennt.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel III, Absatz 150. Während also eine Thysia eher die Distanz betont, baut das geteilte Mahl einer Theoxenie eine enge Verbindung zwischen Göttern und Menschen, in dem sie „den Regeln und Gesetzmäßigkeiten der xenia unterliegt“.Silke Knippschild, Vera Sauer: Wandernde Götter und ihre Bewirtung. In: Eckart Olshausen, Holger Sonnabend (Hrsg.): Troianer sind wir gewesen: Migrationen in der antiken Welt. 8. Internationales Kolloquium zur Historischen Geographie des Altertums 2002 (= Geographica Historica. Band 21). Steiner, Stuttgart 2006, S. 333.

Ein Deipnon im Kontext der griechischen Religion ist das Gegenteil einer Theoxenie. Während Theoxenie Gastfreundschaft ausdrückt, wird das Essen bei einem Deipnon zu den Göttern gebracht (deipnophoria).Michael H. Jameson: Theoxenia. In: Michael H. Jameson: Cults and Rites in Ancient Greece: Essays on Religion and Society. Cambridge 2014, S. 149.

Die Abgrenzung einer Theoxenie zu einer Trapeza ist schwierig, da die Vorbereitung eines geschmückten Tisches (Trapeza) mit Gaben Bestandteil einer Theoxenie ist. Das kommt besonders deutlich in einem Kalender von Marathon aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. zum Ausdruck,Franciszek Sokolowski: Lois sacrées des cités grecques. E. de Boccard, Paris 1969, Nr. 20 B 51–54 (= IG II² 1358); Thesaurus Cultus et Rituum Antiquorum (ThesCRA) Band II, S. 228. bei der die Trapeza als Kurzform für das Anbieten einer Mahlzeit für den Gast mit und ohne Sitzgelegenheit interpretiert wird.Michael H. Jameson: Theoxenia. In: Michael H. Jameson: Cults and Rites in Ancient Greece: Essays on Religion and Society. Cambridge 2014, S. 152. Eine andere Ansicht stellt den Verarbeitungszustand des dargebotenen Fleisches als Charakteristikum in das Zentrum der Betrachtung. Bei einer Theoxenie wird gebratenes Fleisch geopfert im Gegensatz zu einem Trapezoma, das rohes Fleisch als Opfergabe benutzt. Die folgende Tabelle zeigt neben dem Verarbeitungszustand des Fleisches noch andere unterscheidende Merkmale zwischen Trapeza und einer Theoxenie.Gunnel Ekroth: Meat for the gods. In: Vinciane Pirenne-Delforge, Francesca Prescendi (Hrsg.): Nourrir les dieux? Sacrifice et représentation du divin (= Kernos. Supplement 26). Presses universitaires de Liège, Lüttich 2011, S. 26–27. (openedition.org).

Trapeza und Theoxenie im Vergleich Kriterium Trapezomata Theoxenien Begriff trapeza, trapezomata theoxenia, xenia, heroxenia, theodaisia Fleisch roh gebraten Hinterlegung Tisch, seltener Altar Tisch Hilfsmittel keine Sitzgelegenheit (κλίνη) Standort in der Nähe eines Altars oder im Tempel unklar Zusätzliche Opfergaben möglicherweise Kuchen, Käse, Wein, Früchte Mit Einladung verbunden nein ja Weiteres Schicksal der Opfergaben ging an Priester, Regulation durch Lex Sacra ungewiss

Als eindeutiges Zeichen für eine Theoxenie gilt eine Einladung und das Aufstellen einer Sitzgelegenheit für die Götter, mit dem sie sich gegenüber älteren Essriten abgrenzt, wie zum Beispiel den argmata, die in der Odyssee erwähnt werden.Homer, Odyssee 14,434–436; Michael H. Jameson: Theoxenia. In: Michael H. Jameson: Cults and Rites in Ancient Greece: Essays on Religion and Society. Cambridge 2014, S. 149–150.

Ritual Theoxenien wurden in Heiligtümern, auf öffentlichen Plätzen oder im privaten Umfeld ausgeführt. Die Grundlage für das Opfer bildeten die Merkmale der Behandlung von Gästen, damit sie sich wohl fühlen konnten. Bereits die Einladung für das Opfer war ein wichtiger Bestandteil des Rituals. Sitzgelegenheiten wurden aufgestellt und geschmückt. Nahrungsmittel und Kultgegenstände wurden den Gästen, Götter und Heroen, auf dem Tisch dargeboten.Thesaurus Cultus et Rituum Antiquorum (ThesCRA), Band 2, Basel 2004. S. 225. Götter konnten sowohl Gäste als auch Gastgeber sein. So fungierte Apollon in Delphi als Gastgeber und lud seine Gäste, die Heroen, ein, um mit ihm zu speisen.Thesaurus Cultus et Rituum Antiquorum (ThesCRA), Band 2, Basel 2004. S. 226.

In drei ausführlichen Beschreibungen von Theoxenien ist dieses Opfer Teil einer Thysia. In einer Überlieferung ist es in ein ganzes Festival integriert, in einer anderen ist es ein privater Kult mit Opfern und in einer dritten ist es Teil von Riten von Stämmen.Michael H. Jameson: Theoxenia. In: Michael H. Jameson: Cults and Rites in Ancient Greece: Essays on Religion and Society. Cambridge 2014, S. 154. Es scheint, dass eine Theoxenie als Ergänzung ausgeführt wurde und die Vorbereitung der Sitzgelegenheit und des Tisches als Betonung des Gottes als Empfänger gedient haben könnte.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel II, Absatz 107, Kapitel III, Absatz 149.

Opfergaben Die Opfergaben einer Theoxenie umfassten Gegenstände und Nahrungsmittel, die für das Wohlbefinden von Gästen sorgen sollten.

Die geopferten Nahrungsmittel waren auch den Menschen bekömmlich. Sie bestanden aus Getreide, Früchten, Kuchen und Fleisch.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel II, Absatz 2. In der Inschrift aus Selinous wird auch Honig aufgeführt.Michael H. Jameson, David R. Jordan, Roy David Kotansky: A Lex Sacra from Selinous (= Greek, Roman, and Byzantine Monographs. Band 11). Duke University, Durham 1993, S. 69.

Eine Theoxenie für Herakles führt zur Unterhaltung des Gastes zwei Lampen, zwei bronzene Lampen mit sieben Flammen, ein rechteckiges Kohlebecken (Eschara), eine Schüssel, einen Teppich, einen Tisch, fünf kleine Goldkronen für die Statuen, zwei Keulen, drei vergoldete Weihrauchbrenner, eine Sitzgelegenheit, einen Sockel für dieselbe und einen Bronzering auf.Michael H. Jameson: Theoxenia. In: Michael H. Jameson: Cults and Rites in Ancient Greece: Essays on Religion and Society. Cambridge 2014, S. 156.

Eine athenische Inschrift aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. listet Bestandteile auf, die auf eine Theoxenie hindeuten. Für einen namenlosen Helden werden eine Sitzgelegenheit, eine Matratze, eine Bettdecke, ein glatter Teppich, vier Kissen, zwei Arten von Tüchern und eine Reihe von Silbergefäßen aufgelistet.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel II, Absatz 22.

Empfänger Die Empfänger einer Theoxenie waren Götter und Heroen.

In der Inschrift aus KosIG XII 4, 1, 348; Edward Harris, Jan-Mathieu Carbon: The Documents in Sokolowski’s Lois sacrées des cités grecques (LSCG). In: Kernos. Band 28, 2015, Nr. 177 (abgerufen am 11. Mai 2020). wird Herakles Gastfreundschaft angeboten. In Selinous wurden die Vorfahren (Tritopatores) als Heroen mit einer Theoxenie geehrt. Im Rahmen des Festes für Zeus Sosipolis in Magnesia am Mäander erhielten Zeus, Artemis und Apollon je eine Sitzgelegenheit.Sylloge Inscriptionum Graecarum³ Nr. 589; vgl. Michael H. Jameson: Theoxenia. In: Michael H. Jameson: Cults and Rites in Ancient Greece: Essays on Religion and Society. Cambridge 2014, S. 154–155, 157.

Theoxenien waren weit verbreitet. Da das Opfer preiswert war, wurde es auch in nicht-öffentlichen Räumen für Heroen zelebriert. Darauf deuten die vielen überlieferten Reliefs, die Heroen am Festmahl zeigen.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel III, Absatz 151, 153.