mini|Franz von Miklosich, Lithographie von Adolf Dauthage, 1853 Franz Xaver Ritter von Miklosich, slowenisch Fran(c) Miklošič, (* 20. November 1813 in Pichelberg bei Luttenberg, im heute slowenischen Teil der Steiermark; † 7. März 1891 in Wien) war ein österreichischer Philologe slowenischer Volkszugehörigkeit. Er gilt als einer der Begründer der wissenschaftlichen Slawistik und als einer ihrer bedeutendsten Vertreter im 19. Jahrhundert.
Weiterhin gilt er zusammen mit Jernej Kopitar als einer der Wegbereiter der Balkanologie, da er einen Sprachbund der Region identifizierte.
Leben Miklosich, Sohn eines untersteirischen Weinbauern, studierte mit der Hilfe seines Onkels, eines Landpfarrers, nach dem Gymnasialbesuch in Warasdin (kroatisch: Varaždin) und Marburg a. d. Drau (Maribor) Philosophie an der Universität Graz und wurde ebenda 1838 zum Dr. phil. promoviert. 1841 erwarb er nach dem anschließenden Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien auch den Grad eines Dr. jur. Nach der Supplierung der philosophischen Lehrkanzel in Graz bemühte er sich vergeblich um eine Habilitierung an der Universität Innsbruck, worauf er in mehreren Anwaltskanzleien tätig war. Mit der Hilfe von Bartholomäus Jernej Kopitar, dem Zensor slawischer und griechischer Schriften an der Wiener k.k. Hofbibliothek, erhielt Miklosich 1844 dort eine Stelle als „Skriptor“Hubert Rösel: Dokumente zur Geschichte der Slawistik in Deutschland.(= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Veröffentlichungen des Instituts für Slawistik, Nr. 12) Akademie-Verlag, Berlin 1956 S. 74 (Zensor), die er bis 1862 innehatte.
mini|hochkant|Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof Durch eine Rezension von Franz Bopps Vergleichender Grammatik,Franz Bopp: Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Litthauischen, Gothischen und Deutschen, Ferdinand Dümmler, Berlin 1833–1849. 1842 nennt die „Vierte Abtheilung“ der 1. Auflage im Titel zwischen Litauisch und Gotisch auch das Altslavische.Die „zweite gänzlich umgearbeitete Ausgabe“ ab 1857 heißt sodann: Franz Bopp: Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Send, Armenischen, Griechischen, Lateinischen, Litauischen, Altslavischen, Gothischen und Deutschen, Ferdinand Dümmler’s Verlagsbuchhandlung, Berlin 1857–1861. in welcher er slawische Sprachbeispiele ergänzte und damit die Notwendigkeit bewies, dass neben den verglichenen indogermanischen Sprachen Sanskrit bis Gotisch auch die Erforschung aller slawischen Sprachen notwendig sei, erregte Miklosich erstmals wissenschaftliche Aufmerksamkeit und begann somit seine slawistische Arbeit. Auf dem Reichstag von Kremsier, an dem er als slowenischer Abgeordneter teilnahm, war er dem Innenminister Graf Stadion durch seine besonnene Haltung aufgefallen, so dass dieser, der auch Bildungsminister war, an der Bestellung von Miklosich interessiert war, als an der Wiener Universität eine Lehrkanzel für Slawistik errichtet werden sollte. Als Miklosich aufgrund seiner 1845 in Leipzig erschienenen Arbeit über die Wurzeln slawischer Sprachen (Radices linguae slovenicae) trotz mangelnder Polnisch-Kenntnisse als geeignetster Kandidat eine Berufung auf den Slawistik-Lehrstuhl in Breslau erhalten sollte,Hubert Rösel: Dokumente zur Geschichte der Slawistik in Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1956, S. 74 f., 319, 324, 376. wurde er 1849 zunächst als außerordentlicher, im Jahr darauf als ordentlicher Professor auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für slawische Philologie an der Universität Wien berufen, den er bis 1886 innehatte. Zweimal war er Dekan der philosophischen Fakultät, 1853/54 auch Rektor der Wiener Universität. Er wurde im Jahr 1886 emeritiert.
Miklosich wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 41B, Reihe G1, Nummer 25) beerdigt, wo später auch die Enkelin von Franz von Miklosich Dora Miklosich verehelichte Nüchtern ihre letzte Ruhe fand. Ihr Bruder Wolfgang von Miklosich (1893–1919), Lyriker und Musiker, wurde im Ersten Weltkrieg eingezogen und geriet 1915 in russische Gefangenschaft (Kriegsgefangenenlager Beresowka Sibirien). 1919 aus der Gefangenschaft entlassen, starb Miklosich in Wladiwostok vor Antritt der Rückkehr in die Heimat an der Spanischen Grippe. Fünf seiner mehr als 30 aus der sibirischen Gefangenschaft an Hedy Kempny gerichteten Gedichte wurden von Akos Banlaky vertont (13. Liedfantasie op. 69) und in Gutenstein bei der Kempnyade 2021 uraufgeführt.
Ehrungen mini|hochkant|Medaille zu Ehren von Franz von Miklosich, 1883 mini|hochkant|Büste im Arkadenhof der Universität Wien 1848 wurde Miklosich zum korrespondierenden und 1851 zum wirklichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien gewählt und 1866 zum Sekretär von deren Philosophisch-historischer Klasse bestellt. In: Die Arbeitslosen von Marienthal. Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich 1856 wurde er korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg und auswärtiges Mitglied der Bayerische Akademie der Wissenschaften. 1862 wurde er als auswärtiges Mitglied in die Preußische Akademie der Wissenschaften aufgenommen- 1862 wurde er zum Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit ernannt und 1864 in Anerkennung seiner Verdienste durch Kaiser Franz Joseph I. in den Ritterstand erhoben. 1868 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 169. 1889 wurde er Geheimer Rat und Hofrat. 1883 erhielt Miklosich anlässlich seines 70. Geburtstages eine Medaille, die die Österreichische Akademie der Wissenschaften beim Medailleur Josef Tautenhayn in Auftrag gegeben hatte.Stefan Krmnicek, Marius Gaidys: Gelehrtenbilder. Altertumswissenschaftler auf Medaillen des 19. Jahrhunderts. Begleitband zur online-Ausstellung im Digitalen Münzkabinett des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Tübingen (= Von Krösus bis zu König Wilhelm. Neue Serie, Band 3). Universitätsbibliothek Tübingen, Tübingen 2020, S. 32–34 (online). 1888 wurde er zum auswärtigen Mitglied (associé étranger) der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres sowie der Accademia Nazionale dei Lincei gewählt. 1954 wurde in Wien-Floridsdorf (21. Bezirk) die Miklosichgasse nach ihm benannt.
Leistungen Miklosichs slawistisches Werk ist außerordentlich vielfältig und umfangreich. Zentrale Arbeitsgebiete waren die vergleichende Grammatik der slawischen Sprachen, Etymologie der slawischen Sprachen sowie Lexikographie des Kirchenslawischen. Die im Rahmen dieser Interessen entstandenen Monographien sind auch für die aktuelle Slawistik von Interesse und Nutzen, obschon in manchen Aspekten überholt. Irrtümlich benannte er so zum Beispiel das Altkirchenslawische als „Altslowenisch“ und war mit Bartholomäus Kopitar der Meinung, dass das Altkirchenslawische nicht auf dem Balkan, sondern im östlichen slowenischen Sprachraum, also in Pannonien als „Altslowenisch“ entstanden sei.Anton Slodnjak: Miklosich, Franz von. (PDF; 166 kB) In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Wien 1975, Band 6, S. 282 Bahnbrechend hingegen war Miklosich in der Erforschung von Lehnwörtern, sowie in der Personen- und Ortsnamenforschung.
Im Geiste eines Neueuropäismus mit seiner unbewussten Sehnsucht aller europäischen Völker nach einer gemeinsamen Sprache beschäftigte sich Miklosich jenseits der slawischen Sprachen auch mit den Wechselbeziehungen zwischen den slawischen Sprachen und den benachbarten nichtslawischen Sprachen wie dem Griechischen, Türkischen, Ungarischen und besonders dem Rumänischen und Albanischen, wodurch er auch zum Begründer der rumänischen und der albanischen Philologie wurde. Er verfasste aber auch umfangreiche Studien über Mundarten und Wanderungen der „Zigeuner“, und in einem zwölfbändigen Werk befasste er sich mit Kultur und Sprachen der Sinti und Roma.
Veröffentlichungen Nachdruck: Verlag Mouton, Den Hagg u. a. 1970 (= Slavistic printings and reprintings 223)
Die Wurzeln des Altslovenischen (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse; 8,5) K. K. Hof- u. Staatsdr. Wien 1857 S. 154–179 ;Nachdruck: Trofenik, München 1970Erweiterte Neuauflage unter dem Titel: Neudruck: Scientia-Verlag, Aalen 1963 Lautlehre der altslovenischen Sprache. Beck, Wien 1850 Lehre von der Conjugation im Altslovenischen (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Classe; 1,1,5) K.k. Hof- und Staatsdruckerei Wien 1850 S. 167–206 Formenlehre der altslovenischen Sprache 2. Aufl. Braumüller, Wien 1854 Die Sprache der Bulgaren in Siebenbürgen. (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Classe; 7,1,2) K.-k. Hof- und Staatsdr. Wien 1856 S. 105–146 Die Bildung der Nomina im Altslovenischen (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse 9,4, 1850 -) K. K. Hof- u. Staatsdruckerei Wien 1859, S. 135–232 Zum Glagolita Clozianus (= Denkschriften der philosophisch-historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 10.) K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1860 S. 195–214 Reprint: Trofenik, München 1983 Die slavischen Elemente im Rumunischen (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse; 12,1) K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1862 Die nominale Zusammensetzung im Serbischen (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse; 13,1,1) K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1864 Neudruck: Die Bildung der slavischen Personen- und Ortsnamen. Drei Abhandlungen. Aus: Denkschriften der Akademie der Wissenschaften zu Wien, Philosophisch-Historische Klasse 1860/1874 (= Sammlung slavischer Lehr- und Handbücher 3. Reihe, Texte und Untersuchungen 5) Verlag Winter, Heidelberg 1927 Die Rusalien. Ein Beitrag zur slavischen Mythologie. (= Sitzungsberichte der Kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Classe 46) K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1864
Die Verba impersonalia im Slavischen (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse; 14,4) K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1865, S. 199–244 Die Fremdwörter in den slavischen Sprachen (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse; 15,1,2) K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1867, S. 73–140 Der präpositionslose Local in den slavischen Sprachen (= Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 57.1867) Gerold, Wien 1868 und in: Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse 17,1,1, K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1868 Accusativus cum Infinitivo Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Klasse der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Wien 1868 Die Negation in den slavischen Sprachen (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse; 18,5) K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1869, S. 335–367 Über die Genetivendung go in der pronominalen Declination der slavischen Sprachen (=Sitzungsberichte der Kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Classe; 62,2,1) K. k. Hof- u. Staatsdr., Wien 1869, S. 48–52 Beiträge zur Kenntnis der slavischen Volkspoesie. (= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse. 1850 –) Band 1. Die Volksepik der Kroaten. K. K. Hof- u. Staatsdruckerei, Wien 1870