mini|hochkant|Jesuitenmissionar in Brasilien im 18. Jahrhundert mini|hochkant|Polychrome Muttergottes-Statue aus Jesuitenreduktion im Museum Júlio de Castilhos, in Porto Alegre, Brasilien
Als Jesuitenreduktion wird eine von den Jesuiten errichtete Siedlung für die indigene Bevölkerung in Südamerika bezeichnet. Jesuitenreduktionen waren ein jesuitisches Missionswerk in der Zeit von 1609 bis 1767. Dabei wurden HunderttausendePeter Balleis: Leidenschaft für die Welt. Echter, Würzburg 2007, ISBN 978-3-429-02885-5, S. 34, 35, 36. Mitglieder der indigenen Bevölkerung Südamerikas in festen Siedlungen, den sogenannten reducciones („Reduktionen“), zusammengeführt. Wegen der später erlangten weitgehenden Unabhängigkeit von der spanischen Obrigkeit wurden manche Jesuitenreduktionen als Jesuitenstaat bezeichnet.
Hintergrund mini|hochkant|Karte Amerikas von 1705 mini|Reduktionen im Chaco mini|Standorte der wichtigsten Jesuitenreduktionen in Argentinien, Brasilien und Paraguay mit derzeitigen Landesgrenzen mini|Karte der Region mit den ehemaligen Jesuitenreduktionen in Chiquitanía, Bolivien 1789 mini|hochkant|Karte von 1732 der Provinz Paraguay mit Reduktionen (total ca. 60 markiert) und Reisewegen
Die Entdeckung Amerikas Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts durch die damaligen europäischen Großmächte Spanien (Juan Díaz de Solís) und Portugal und die darauffolgende schrittweise grausame EroberungUlrich Schmidel, ein Landsknecht im Dienst der Conquistadoren. auf: kriegsende.de (Bericht eines Landsknechts) (genannt Conquista Lateinamerikas) erschloss enorme Mengen neuer Rohstoffvorkommen.Hans-Theo Weyhofen:
Der Franziskaner Luis de Bolaños kam 1575 nach Asunción und entwickelte die Idee der reducciones für Einheimische, um sie vor Sklaverei und anderen Formen der Ausbeutung zu schützen.Beat Ammann: Social Engineering an Indios in Bolivien. In: Neue Zürcher Zeitung. 2. April 2008, abgerufen am 24. Oktober 2012
Die ersten missionarischen Schritte hatte die Römisch-katholische Kirche in direktem Zusammenhang mit den Eroberungsfeldzügen der Konquistadoren unternommen. Schon im Zeitraum von 1547 bis 1582 wurden in Paraguay, Tucumán und in Buenos Aires Diözesen errichtet.Reductions of Paraguay. In: The Catholic Encyclopedia. (englisch) Die frühesten Glaubensverkünder im Subkontinent waren Wanderprediger als Gefolge oder Vorhut der erobernden Armeeteile. Deren Wirkung war mäßig, da sich die neuen Glaubensansichten mit dem Heidentum vermischten. Diese Missionierung in Verbindung mit der gewaltsamen Eroberung traf meistens auf ablehnende, oft auch feindselige Reaktionen der Ureinwohner, die nun nicht nur ihre soziopolitische, wirtschaftliche und kulturelle Selbstständigkeit, sondern auch ihre religiösen Anschauungen verlieren sollten.
Aus diesen Erfahrungen rührte bei einigen Kolonialisten der Versuch, den christlichen Glauben auf neue Weise zu verbreiten. Daraufhin entstanden Vorformen der späteren Reduktionen. Diese gab es schon in der Frühzeit der Kolonialisierung Amerikas als Mittel zur besseren Ausbeutung der indianischen Arbeitskraft auf den Antillen. Dort wurden die Reduktionen im heutigen Guatemala von Franziskanern, Mercedariern, Kapuzinern, Dominikanern und Hieronymiten erstmals als Instrument der Glaubensverkündigung angewendet.Uwe Schmengler:
Staat und Kirche Im 17. und 18. Jh. waren in Portugal und Spanien der Staat und die Römisch-katholische Kirche miteinander verbunden. Der jeweilige Monarch bestimmte, wer als Missionar zugelassen wurde. Er legte die Missionsmethode fest, verfügte über Bischofsernennungen und Kirchenorganisationen. Die missionarische Durchdringung Südamerikas konnte nur mit dem militärischen Schutz und der materiellen Unterstützung der Krone gelingen. Durch den Strukturverbund von Staat, Kirche und Missionswerk entstanden jedoch ernsthafte Spannungen.
Die nach eigenen Regeln strukturierten Jesuitenreduktionen, auch Jesuitenstaat genannt, waren weitgehend politisch und wirtschaftlich unabhängig.
Heiliges Experiment Kurz nach der Gründung der Gesellschaft Jesu durch Ignatius von Loyola (1540) bat ihn Portugals König Joâo III um Entsendung einiger Patres in die amerikanischen Besitzungen der portugiesischen Krone. Dies weil die Jesuiten bei ihren Missionen zur Verbreitung des Glaubens besonderen Wert auf Anpassungsfähigkeit („Akkommodation“) und Kulturaustausch legten, um auf diese Weise den menschlichen Bedürfnissen der Einheimischen und deren Würde am besten gerecht zu werden. Darauf betraten die ersten Jesuiten 1549 amerikanischen Boden, allerdings nicht mehr als die ersten Missionare. Man versprach sich von ihnen eine große Hilfe zur Förderung des Friedens, um dadurch eine Verbesserung der Bekehrung und Ausbildung der Einheimischen zu erreichen.
Eine 1603 abgehaltene Synode sprach sich für Maßnahmen gegen die Ausbeutung der Einheimischen aus, indem man diese von Spaniern trennen sollte, um eine erfolgreiche Missionierung zu erreichen. Damit erhielten die Jesuiten das Recht, ihr Reduktionssystem innerhalb des spanischen Kolonialgebietes anzuwenden. Dieses Unternehmen wurde bald bewundernd und später spöttisch als „Heiliges Experiment“ bezeichnet.
Nachdem die Jesuiten zuerst nur unter den Kolonisten Südamerikas gewirkt hatten, beteiligten sie sich ab 1576 an der Mission unter den Einheimischen. Diese begann zuerst im Juli am Titicacasee im Süden Perus,Klaus Schatz: Die ersten 50 Jahre Jesuitenmission. In: Stimmen der Zeit, Bd. 220 (2002), S. 383–396, hier S. 388. wo Vorstellungen und Modelle für die Indianermission erarbeitet wurden, um die schwer zugängliche indigene Bevölkerung im Tiefland für das Evangelium zu gewinnen. Die ersten Erfahrungen waren wegweisend für die integrierende Missionierung in anderen Teilen des Kontinents, wie in Ecuador, Bolivien und besonders ab 1588 in Paraguay bei den dort ansässigen Guaraní.
Die Anstrengungen der Jesuiten konzentrierten sich auf die Vermeidung der Schwierigkeiten des Encomienda-Systems, wie Unterdrückung der Einheimischen mit Gewalt mit folgender Verabscheuung der Religion der Unterdrücker und deren Beispiel. Der Geist der Reduktionen entsprach daher einem anti-kolonialen Experiment und war so letztlich nicht kompatibel mit den Zielen der Kolonialmächte – ja diesen diametral entgegengesetzt.Die Jesuitenmissionen – Ein unvergessenes Missionswerk in den Urwäldern von Südamerika 1609–1767. (Prospekt) Dieses Vorhaben der Jesuiten, das vom spanischen König Felipe III. mächtig unterstützt wurde, provozierte eine Feindseligkeitswelle der Kolonisten. Dagegen erließ der König eine Anzahl von Dekreten und erlaubte finanzielle Zuwendungen aus der Staatskasse, um das Problem der Unterdrückung der Einheimischen auf diese Weise legal zu regeln.
Ausbildungsstätten und erste Reduktionen Neben der Gründung von Schulen, Kollegs, Gymnasien und Retreats in vielen Gegenden (z. B. in Santiago del Estero, Asunción, Córdoba (hat seit 1621 eine Universität), Buenos Aires, Corrientes, Tarija, Salta, San Miguel de Tucumán, Santa Fe, La Rioja) wurden auch Reduktionen zum Schutz der Einheimischen erstellt. Der 5. General der Jesuiten, Claudio Acquaviva, insistierte auf die Erstellung von Zentren an den attraktivsten Orten. Dies wurde durch den ersten Leiter der 1606 gegründeten Provinz Paraguay, Diego de Torres Bollo, gemäß einem neu beschlossenen einheitlichen Modell der Missionierung umgesetzt, so dass sechs Jahre später – nach anfänglich nur sieben – 113 Patres hier im Einsatz waren.
Gemäß einer königlichen Cédula Real vom 30. Januar 1607 war es zukünftig verboten, zu Christen getaufte Einheimische als Leibeigene einzusetzen. Ungetaufte Einheimische wurden lediglich als minderwertige „Wilde“ angesehen. Die königliche Cédula Magna vom 6. März 1609 schrieb noch weitergehend vor: „Die Indianer sollen so frei sein wie die Spanier“.
Mit dem Begriff „Reduktion“ wurde die Grundlage für eine humane, erfolgreiche Missionierung und Glaubensverkündigung bewiesen: Der Zusammenzug der bisher als Jäger und Sammler, allenfalls zwischendurch auch Ackerbau treibenden, nomadisch verstreut lebenden und sich selbst versorgenden Einheimischen in gemeinsamen Siedlungen zur Sesshaftwerdung.
Die ersten Reduktionen wurden in der damaligen Provinz Guayra (heute Bundesstaat Paraná in Brasilien) aufgebaut: 1609 in Loreto del Pirapó am Rio Paranapanema, gefolgt 1611 von einer weiteren in San Ignacio Miní. Bis 1630 wurden weitere elf Siedlungen mit 10.000 zum Christentum bekehrten Einheimischen aufgebaut. All dies gelang den Jesuiten nicht zuletzt deshalb, weil die Einheimischen fortwährend von Sklavenjägern und Plünderern gejagt wurden. Sie flüchteten in großer Zahl in die Reduktionen, wo sie sicheren Unterschlupf fanden. Das Territorium der Reduktionen unterstand unmittelbar der Gerichtsbarkeit der Krone.
Aufbau weiterer Reduktionen
Da sich die Reduktionen bewährten, wurden sukzessive weitere aufgebaut, so dass es letztlich rund 100 Siedlungen wurden. Deren Bewohnerzahlen variierten beträchtlich, da immer wieder Epidemien grassierten, denen die Einheimischen wegen mangelnder physischer Resistenz oft erlagen.
Bei den Guaraní entstanden im Raum des heutigen Paraguay sowie in den heutigen argentinischen Provinzen Misiones und Corrientes und im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul letztendlich 30 Guaraní-Reduktionen, mit im Jahr 1732 maximal über 140.000 Bewohnern. Im Zeitraum 1610 bis 1768 wurden dort über 700.000 Einheimische als Christen getauft. Im Raum der Chiquitos im Osten des heutigen Bolivien wurden zwischen 1696 und 1790 10 Chiquitos-Reduktionen mit im Jahr 1765 23.288 Bewohnern (4.981 Familien) aufgebaut. In den drei Reduktionen der Taruma (zwischen den Guaraní und den Chiquitos in San Joaquin, San Estanislao und Belen) wohnten 1766 3.777 Menschen in 803 Familien. Zwischen 1645 und 1712 bestanden auch am Amazonas im Grenzgebiet zwischen Peru und Brasilien reduktionsähnliche Jesuitenmissionen bei den Omagua mit mehr als 30 Dörfern, die zuletzt vom böhmischen Missionar Samuel Fritz betreut wurden, der sich mit Unterbrechungen durch seine Forschungsreisen seit 1685 bei den Indianern aufhielt.Luis Hernán Ramírez: Samuel Fritz (1654–1725), defensor de la peruanidad en el territorio amazónico. In: Alma Mater 13/14 (1997), UNMSM, Lima 1997, S. 29–33 (Onlinepublikation, spanisch). Bei elf verschiedenen Indianerstämmen im Gran Chaco wurden zwischen 1735 und 1767 fünfzehn Reduktionen gegründet mit über 17.000 Bewohnern, davon wurden 5.000 christianisiert. Weitere Reduktionen entstanden bei den Chiriguanos und Mataguayos in Tucumán und Nord-Patagonien (Terra Magallonica), wie z. B. Nuestra Señora del Pilar.
Verteidigung der Reduktionen mini|Florian Paucke: Im 18. Jh. durften einige Reduktionen bewaffnete Milizen halten. Hier präsentieren sich auf dem Vorplatz Kavalleristen, bereit zur Abwehr von Angriffen.
Die durch den Erfolg der Reduktionen verspürte Konkurrenz löste zunehmende Feindseligkeiten seitens der Konquistadoren, der zivilen Händler und Unternehmer (wie z. B. António Raposo Tavares) aus. Ihr Unmut entlud sich in Schikanen und wiederkehrenden Angriffen auf die Jesuitenreduktionen. Um 1630 wurden ganze Dörfer überfallen und niedergebrannt, Zehntausende von Einheimischen wurden entweder dem Sklavendienst zugeführt oder ermordet. Vergeblich erbaten die Jesuiten bei den spanischen und portugiesischen Autoritäten Schutz; diese wollten oder konnten nicht helfen. Aufgrund dieser grausamen Erfahrungen erhielten dann die Jesuiten von König Philipp IV. die Erlaubnis zum Aufbau einer bewaffneten Miliz zur Verteidigung der Reduktionen. So entstand bis 1640 ein mit Schusswaffen bewehrtes, gut diszipliniertes „Indioheer“. Diese Maßnahme sollte sich bei einem weiteren Angriff der Bandeiranten (auch genannt Paulistas) 1641 in einer Abwehrschlacht bewähren.Bernhard Kriegbaum: Die Jesuitenreduktionen (1609–1767).