mini|hochkant|Adolf Wölfli, Irren-Anstalt Band-Hain, 1910 mini|hochkant|Anna Zemánková, ohne Titel, 1970er-Jahre

Die Art brut (franz. [Aussprache: aʁ bʁyt] für „rohe Kunst“) ist ein Sammelbegriff für autodidaktische Kunst von Laien, Kindern, Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung und gesellschaftlichen Außenseitern, etwa Insassen von Gefängnissen, aber auch gesellschaftlich Unangepassten. Die Bezeichnung ging vom französischen Maler Jean Dubuffet aus, der sich eingehend mit einer naiven und antiakademischen Ästhetik beschäftigte. Art brut bedeutet eine Kunst quasi in ihrem Rohzustand – jenseits etablierter Formen und Strömungen.Outsider Art, outsider-bildwelten, Z.3f. Im angloamerikanischen Sprachraum ist stattdessen der Begriff Outsider Art („Außenseiter-Kunst“) gebräuchlich, der sich zunehmend auch im deutschen Sprachraum verbreitet. Beide Begriffe sind jedoch teilweise umstritten.

Definition Der Begriff „Art brut“ bedeutet Kunst im rohen, also ursprünglichen Zustand und steht in Zusammenhang mit Jean Dubuffets kunsttheoretischen Anschauungen. Bei Dubuffets eigenen Werken sind stilistische Anlehnungen unübersehbar; oft werden sie selbst als „Art brut“ charakterisiert, was aber umstritten ist.Herbert Read (Hrsg.): Dumont’s Künstlerlexikon. Aktualisiert von Nikos Stangos. Dumont, Köln 1991, S. 149; Eintrag Art brut. In: Ralf Schnell (Hrsg.): Metzler Lexikon Kultur der Gegenwart. Metzler, Stuttgart/Weimar 2000, S. 35. – Anders dagegen: Andreas Wagner: Jean Dubuffet. Die expériences musicales. Tendenzen der Materialbehandlung im bildnerischen und musikalischen Werk. Pfau, Saarbrücken 2006 (Diss. Saarbrücken 2001), ISBN 978-3-89727-334-4, S. 13: „Fälschlicherweise wurde Dubuffets Kunst gegen Ende der vierziger Jahre als Art Brut interpretiert.“ So unterscheiden manche Autoren zwischen Art brut und dem Werk von Dubuffet. Vgl. etwa Roman Kurzmeyer (Hrsg.): Heinrich Anton Müller 1869–1930. Katalog der Maschinen, Zeichnungen und Schriften. Stroemfeld/Roter Stern, Basel/Frankfurt a. M. 1994, S. 187. Entscheidend ist jedoch die Verbindung zu Dubuffets Tätigkeit als Sammler. Der Künstler betrachtete die Prägung „Art brut“ als sein geistiges Eigentum und behielt sich vor, sie eigenständig zu vergeben oder abzuerkennen, etwa im Falle von Gaston Chaissac. Dieser Alleinvertretungsanspruch sowie die Eingrenzung auf seine eigene Sammlung – die Collection de l’Art Brut – wurden schon früh von André Breton und später Harald Szeemann kritisiert. Michel Thévoz und Lucienne Peiry, Kuratoren der Sammlung in Lausanne, lassen den Stilbegriff „Art brut“ weiterhin ausschließlich für diese Werke gelten und stellen ihn damit in Konkurrenz zu anderen Bezeichnungen für marginalisierte künstlerische Ausdrucksformen: „Bildnerei der Geisteskranken“ (Hans Prinzhorn), „zustandsgebundene Kunst“, „naive Kunst“, „Volkskunst“ beziehungsweise „Folk Art“, „deviante Kunst“, „neurodiverse Kunst“, „Raw Art“, „Vernacular Art“, „visionäre Kunst“ („Visionary Art“), „Marginal Art“ und „authentische Kunst“ (Theodor W. Adorno). Trotz ihrer Offenheit und Unschärfe und ihrer Ideologisierung hat sich die Bezeichnung „Art brut“ international durchgesetzt und wesentlich zur Anerkennung marginalisierter Kunstformen beigetragen. Die genannten Begriffe sind jedoch nicht deckungsgleich, da sie unterschiedlichen, zum Teil ideologisch aufgeladenen Konzepten entspringen.Vgl. .

mini|Brief aus dem Jahr 1909 von Emma Hauck, die sich zum Zeitpunkt der Abfassung in der Psychiatrie befand, an ihren Ehemann, aus der Sammlung Prinzhorn Der von Dubuffet geprägte Begriff „Art brut“ oder die englische Entsprechung „Raw Art“ betonen die Urwüchsigkeit der damit bezeichneten Kunstprodukte, das „unverbildete“ Gestalten außerhalb einer künstlerischen Szene und Tradition. Damit enthält er auch eine gegen die etablierte Kunst, die gängige Künstlerausbildung und den professionalisierten Kunstbetrieb gerichtete Spitze: „Wir verstehen darunter [unter Art brut] Werke von Personen, die durch die Künstlerkultur keinen Schaden erlitten haben, bei denen also der Nachahmungstrieb, im Gegensatz zu dem, was bei den Intellektuellen geschieht, wenig oder keinen Anteil hat, so daß die Autoren alles (Gestaltungsgegenstand, verwendetes Material, Mittel der Umsetzung, Formelemente, Schreibarten) aus ihrem eigenen Inneren holen und nicht aus den Schubladen der klassischen Kunst oder der Kunstrichtung, die gerade in Mode ist.“Zit. nach Gerd Presler: L’Art brut. Kunst zwischen Genialität und Wahnsinn. Köln 1981, S. 165. Der Ausdruck „Outsider Art“ stellt dagegen den sozialen Status der Künstler ins Zentrum der Betrachtung, ohne daraus die Maxime von „antikultureller“ Kunst, den Anspruch auf „Unverdorbenheit“, „Unverbrauchtheit“ der entsprechenden Kunstprodukte abzuleiten. Auf deren „Randständigkeit“ im Kunstmarkt zielt die letztlich volatile Bezeichnung „Marginal Art“. Der Begriff „Naive Kunst“ impliziert eine bestimmte Ausdruckshaltung, einen bestimmten, gleichsam durch kindliche Unschuld gekennzeichneten Blick auf die Umwelt. Der Ausdruck „zustandsgebundene Kunst“ und der heute nicht mehr gebräuchliche Ausdruck „Bildnerei der Geisteskranken“ bezeichnen Kunstprodukte von Menschen mit einer psychischen Behinderung oder einer psychischen Erkrankung, sind also im Wesentlichen deckungsgleich, wenn sich auch zwischen Prinzhorn und Navratil die Vorstellungen, was eine psychische Erkrankung darstellt, teilweise geändert haben. Der Ausdruck „visionäre Kunst“ stellt die Bildinhalte in den Mittelpunkt und bezieht sich nicht nur auf Bilder von Autodidakten, sondern zum Beispiel auch auf solche von anerkannten surrealistischen Malern. Die meisten Bilder von Laienkünstlern lassen sich zwei oder mehreren dieser Begriffe zuordnen. Überschneidungen stilistischer oder soziologischer Art bestehen auch mit anderen künstlerischen Bewegungen und Kunstformen, etwa der Bauernmalerei, dem Informel, der Streetart oder dem Graffiti.

Ausgehend von Dubuffets Konzeption bezog sich der Begriff Art brut zunächst ausschließlich auf Werke der bildenden Kunst. Bald wurde er jedoch auch auf andere Kunstgattungen angewandt, soweit diese in einer Verbindung mit Bildwerken standen, und später zudem auf isolierte dichterische Werke bezogen. So wird etwa Ernst Herbeck, der – von Leo Navratil veranlasst – Gedichte zu schreiben begann, sich jedoch nie bildnerisch betätigte, heute vielfach ebenfalls zu den Art-brut-Künstlern gerechnet. Seltener erscheint der Ausdruck auch im Zusammenhang mit Musik.

Nicht selten wird der Ausdruck Art brut verwendet, als handle es sich um eine Kunstströmung mit einheitlichem Stil. Es gibt jedoch in der Art brut allenfalls bestimmte wiederkehrende Muster, jedoch keine übergreifenden stilistischen Gemeinsamkeiten. „Von einem Art brut-Stil kann man nicht reden, schon weil Art brut von Einzelnen hervorgebracht wird, die nicht mit einander kommunizieren.“Fritz Billeter: Kunst und Gesellschaft. Ein Essay. Athena-Verlag, Oberhausen 2007, S. 136. Art brut ist im Prinzip zeitlos, wenn auch in früheren Epochen aufgrund fehlender Rezeption und Überlieferung kaum fassbar, und sie ist auf keinen bestimmten geografischen Raum beschränkt.

Alle Kategorisierungen von marginalisierten künstlerischen Ausdrucksformen sind jedoch gerade aufgrund ihres Erfolgs umstritten.Daniel Baumann: . In: Kunstbulletin. Nr. 3, 2001; Daniel Wojcik: Outsider Art. Visionary Worlds and Trauma. University Press of Mississippi, Jackson 2016, S. 22. Laut Martina Weinhart erzählt der Wortgebrauch „gleichzeitig die Geschichte dieser kulturellen Grenzen, die immer wieder neu gezogen worden sind, von unterschiedlichen Auffassungen und Regeln marginaler Kulturäußerungen sowie grundsätzlich vom Umgang der Gesellschaft mit ihren Rändern.“Martina Weinhart: „Ich bin auf dem Mond wie andere auf ihrem Balkon sind“. Die Kunst der Outsider als Demarkationslinie der Moderne. In: Martina Weinhart, Max Hollein (Hrsg.): Weltenwandler. Die Kunst der Outsider / World Transformers. The Art of the Outsiders. Ostfildern 2010, S. 15–23, hier S. 15f. So trifft für die Bilder der erfolgreichsten Vertreter der Art brut die Kategorisierung als Laienkunst abseits des Kunstbetriebs oft nicht mehr zu.

Entwicklung Lange vor Dubuffet beschäftigten sich Psychiater wie der Franzose Paul Meunier alias Marcel Réja (L’art chez les fous, 1907; dt.: Die Kunst bei den Verrückten), der Schweizer Walter Morgenthaler (Ein Geisteskranker als Künstler über Adolf Wölfli, 1921) und der Deutsche Hans Prinzhorn (Bildnerei der Geisteskranken, 1922) mit Bilderzeugnissen von Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung und erkannten darin über die diagnostische Bedeutung hinaus auch einen ästhetischen Wert. Bereits 1914 schrieb der deutsche Publizist Wieland Herzfelde: „Der Geisteskranke ist an sich fähig, glücklicher zu sein, als wir es vermögen: denn er ist natürlicher und menschlicher als wir. Ihn treibt Gefühl zum Handeln, nicht Logik. Sein Tun ist machtvoll, unmittelbar. ‚Religion des Willens‘ nenne ich den Wahnsinn: nur der Wille kann das Gefühl zur Kraft erziehen. Der Geisteskranke ist künstlerisch begabt.“Wieland Herzfelde: Die Aktion 1914; zitiert nach Paolo Bianchi (Hrsg.): Bild und Seele – über Art Brut und Outsider-Kunst (= Kunstforum International. Band 101), Köln 1989, S. 74. Der besondere künstlerische Wert der Bilderzeugnisse von Geisteskranken wurde jedoch von anderen Autoren zum Teil vehement bestritten. Der deutsche Hirnforscher Richard Arwed Pfeifer schrieb etwa 1923: „Das, was wir in den Zeichnungen Geisteskranker an wirklich künstlerischem Gehalt noch finden, erscheint darnach als der Rest von Gesundheit.“Richard Arwed Pfeifer: Der Geisteskranke und sein Werk. Eine Studie über schizophrene Kunst. Leipzig 1923, S. 144.

Mit seinem Konzept der Art brut schuf dann Dubuffet einen „Bereich, in dem sich die romantische Vorstellung des genialen Künstlers und mit ihm die Idee der unmittelbaren Kreativität noch halten kann. Hier (über)lebt sie noch, die Vorstellung der ganz aus sich selbst geschöpften Bildwelt, des voraussetzungslosen visionären Schauens.“Markus Landert: Aussenseiterkunst – lebendig wie nie zuvor – Anmerkungen zu einem Phänomen, in: Weltensammler. Internationale Aussenseiterkunst der Gegenwart. Sammlung Korine und Max E. Ammann, Warth / Bern 2011, S. 32–43, hier S. 43. In den angloamerikanischen Ländern ist neben der Bezeichnung „Outsider Art“, die vom englischen Kunsthistoriker Roger Cardinal eingeführt wurde, außerdem „Visionary art“ und „Self-taught art“ verbreitet, insbesondere nach der umfassenden Wanderausstellung Outsiders, die Cardinal gemeinsam mit dem Künstler und Sammler Victor Musgrave 1979 für das Arts Council of Great Britain organisiert hatte.