mini|Erwin Kessler bei einer Tierrechtsdemonstration in Bern, Juli 2014 Erwin Kessler (* 29. Februar 1944 in Romanshorn; † 23. oder 24. September 2021 in Tuttwil, Gemeinde Wängi, Nachruf auf telebasel.ch, 24. September 2021. Abgerufen am 24. September 2021. heimatberechtigt in Felben-Wellhausen, Thundorf und Zürich) war ein Schweizer Tierschützer und Bauingenieur.Junge Grüne und Künstler boykottieren Veganerfest, auf 20min.ch, abgerufen am 4. September 2015. Er gründete 1989 den Verein gegen Tierfabriken (VgT), dem er bis zu seinem Tod vorstand.
Studium und Beruf Erwin Kessler studierte Bauingenieurwesen an der ETH Zürich und wurde in diesem Fach promoviert.
Verein gegen Tierfabriken Nach Aussage des Journalisten Hans Stutz war Kessler in den 1970er Jahren Mitglied der Nationalen Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat (der heutigen Schweizer Demokraten). von Hans Stutz, ursprünglich in der WOZ vom 14. April 2005 erschienen
Vom Schweizer Tierschutz (STS) enttäuscht, gründete Kessler am 4. Juni 1989 den Verein gegen Tierfabriken (VgT) mit Sitz in Tuttwil, den er seither präsidierte und dessen hauptamtlicher Geschäftsführer er war. Gemäss den Statuten entscheidet der Vorstand über Massnahmen. Den Mitgliedern und der Bevölkerung wird nahegelegt, Tierquälereien zu melden. Der VgT besucht dann diese Betriebe heimlich und fotografiert. Er deckte dabei, wie beim Fall Hefenhofen, Verstösse gegen die Tierschutzgesetzgebung und damit kantonale Vollzugsdefizite auf.
Der VgT prangert an, dass auch die Veterinärämter und Gerichte ihren vom Gesetz belassenen Auslegungsspielraum mehrheitlich zugunsten der Tierhalter einsetzen würden, etwa bei der Bemessung der BussenhöheBeispiele für sehr milde Bussen im Tierschutz allgemein thematisierte der Tages-Anzeiger in seiner gedruckten Ausgabe vom 7. Oktober 2014. oder mit der Akzeptierung von geringen Mengen Stroh-Einstreu, mit denen Schweine zwar halbwegs ihren Spieltrieb, nicht aber ihren Nestbautrieb befriedigen könnten. Es komme gelegentlich vor, dass die teils unter wirtschaftlichem Druck der Marktöffnung stehenden Tierhalter kantonale Inspektoren tätlich bedrohten. Kessler selbst wurde 2009 von einem Tierhalter, dessen Stall er ungebeten betreten hatte, unter anderem mit einer Peitsche verprügelt., auf Tagesanzeiger.ch, abgerufen am 13. Januar 2016.
Er starb in der Nacht vom 23. auf den 24. September 2021 im Alter von 77 Jahren in Tuttwil. Seine engste Vertraute und Vizepräsidentin des VgT Sonja Tonelli erklärte, die Arbeit von Kessler weiterführen zu wollen.
Juristische Auseinandersetzungen Kessler war in zahlreiche Prozesse verwickelt; nachfolgend eine Auswahl: 1999: weil die Post sich weigerte, «VgT-Nachrichten» als unadressierte Werbesendungen in Haushalte zu liefern, die keine Werbung wünschen., auf Tagblatt.ch, 11. Dezember 1999., auf Tagblatt.ch, vom 8. Mai 2002. 2002: Prozess um «Kontakte zur Neonazi- und Revisionistenszene», weil Kessler unter anderem auf der Internetpräsenz des Vereins dem Holocaustleugner Jürgen Graf eine Plattform geboten hatte.Kontakte zu Neonazis und Revisionisten NZZ, 28. Dezember 2002.SF hat Erwin Kessler nicht diskriminiert, auf 20min.ch, 12. März 2012. 2006: Auseinandersetzung mit dem freiburgischen Regierungsrat Pascal Corminboeuf, der Erwin Kessler wegen Ehrverletzung verklagte, weil dieser ihm vorwarf, mehrfach gegen das Tierschutzgesetz verstossen zu haben. 2008: Auseinandersetzung mit der Moderatorin Katja Stauber, die erst im Februar 2013 endete. Kessler hatte Artikel über ihren angeblichen Gebrauch von Botox und die damit verbundene Tierquälerei verfasst.Kessler appelliert gegen Urteil wegen Botox-Vorwurf, auf Tagblatt.ch, abgerufen am 4. März 2013.Tierschützer Erwin Kessler zieht Gerichtsurteil weiter, auf Tagblatt.ch, abgerufen am 5. März 2013.Teilsieg für Tierschützer Kessler, auf Tagblatt.ch, abgerufen am 21. September 2013. 2011: Auseinandersetzung mit Pharmamanager Daniel Vasella, weil Kessler diesen wegen der Tierversuche der Pharmaindustrie als „Massenverbrecher“ und „Tierquäler“ bezeichnet hatte.Freispruch für Tierschützer Kessler, auf NZZ.ch, abgerufen am 22. Mai 2013.Novartis c. Kessler, auf strafprozess.ch, abgerufen am 21. Mai 2013. 2013: Auseinandersetzung mit der schweizerischen Zeitung «Le Matin», die Kessler Bagatellisierung des Holocausts vorwarf.Rejet d’un recours d’Erwin Kessler après un article du « Matin », auf Jusletter.Weblaw.ch, abgerufen am 8. Januar 2016., auf servat.unibe.ch, abgerufen am 8. Januar 2016. 2014: Auseinandersetzung mit dem Schweizer Fleisch-Fachverband, der gegen die Ausstrahlung eines Werbespots des VgT im Schweizer Fernsehen SRF vorging.Fleisch-Streit eskaliert wegen Werbespot, 20min.ch, abgerufen am 14. Januar 2015.Medienmitteilung: SFF wehrt sich gegen politisch motivierte Werbung des Vereins gegen Tierfabriken Metzgerei.ch, abgerufen am 14. Januar 2015.Wegen Anti-Fleisch-Werbung: Metzger stinksauer auf SRF, Blick.ch, abgerufen am 14. Januar 2015. 2015: Auseinandersetzung mit angeblicher Hetzkampagne gegen diverse Personen aus der Freidenker- und Tierrechtsszene.
Antisemitismus-Vorwurf 1996 bezeichnete Kessler den Tierschutzanwalt Antoine F. Goetschel als «heimlichen Juden», weil er, so Kessler, das Schächten verharmlose. Im gleichen Jahr sprach Kessler in der Zeitschrift Recht + Freiheit von «links-jüdische[n] Journalisten», die sich an ihm rächen wollten. Im Dezember 1998 veröffentlichte der Sonntags-Blick unter dem Titel Judenhetzer Kessler: die Polizei ermittelt einen kritischen Artikel über Kessler. Über den herausgebenden Ringier-Verlag schrieb Kessler daraufhin: «Der Sonntags-Blick erscheint im jüdisch beeinflussten Riniger-Verlag [sic!] (Ellen Ringier, die Frau des Ringier-Bosses, ist aktive Jüdin, was sie aber verheimlicht).» Im Oktober 2000 beschwerte sich Kessler nochmals über den Ringier-Verlag, welcher ihn wegen des mutmasslich jüdischen Hintergrunds Ellen Ringiers boykottiere oder verleumde. An die Bundesrätin Ruth Dreifuss stellte Kessler im Juli 2000 die Frage: «Wären Sie wohl auch so tolerant, wenn sich eines Tages Menschenfresser bei uns niederliessen, deren Glauben vorschreibt, jede Woche das Herz einer Jüdin zu fressen?» Er unterstellte der Bundesrätin damit, dass sie im Rahmen der Glaubensfreiheit Tierquälerei toleriere. 2002 warf Kessler der kurzlebigen Gratiszeitung Metropol vor, sie betreibe «verlogene, jüdisch orientierte Desinformation» und «jüdische Manipulation» der Leserschaft. Er bezeichnete die Zeitung als «verlogenes Judenblatt» und sprach ausserdem von einer Fälschung in einem Artikel über den Holocaustleugner Jürgen Graf, der kein Holocaustleugner, sondern nur ein Revisionist sei.
1998 versuchte Kessler den Talmud, dem er Rassismus vorwarf, in schweizerischen Bibliotheken und Buchhandlungen zu verbieten., auf gra.ch, abgerufen am 12. März 2015.. Die Bezirksanwaltschaft Zürich trat auf die Anzeige nicht ein., auf gra.ch, abgerufen am 12. März 2015.
Kessler wurde 1998 selbst wegen Widerhandlung gegen die Rassismusstrafnorm vom Zürcher Obergericht zu einer unbedingten Gefängnisstrafe von 45 Tagen verurteilt. Das Bundesgericht bestätigte diese Verurteilung.
2001 kämpfte Kessler gegen die Dissertation von Pascal Krauthammer «Das Schächtverbot in der Schweiz 1854–2000. Die Schächtfrage zwischen Tierschutz, Politik und Fremdenfeindlichkeit»., auf gra.ch, abgerufen am 12. März 2015. Krauthammer schreibt beispielsweise: «In Anbetracht seines institutionalisierten Antisemitismus und Rassismus erstaunt es kaum, dass Erwin Kessler intensive Kontakte zur rechtsextremen und revisionistischen Szene pflegte.»Pascal Krauthammer: Das Schächtverbot. S. 261. Erwin Kessler glaube an die klischeehafte Verschwörung der jüdischen Medien und auch der Wissenschaft.Pascal Krauthammer: Das Schächtverbot. S. 255. Kessler über den Prozess: «Der Jude Pascal Krauthammer behauptet in einer als Dissertation getarnten Hetzschrift gegen die Schächtgegner, diese Zitat [sic!] aus dem Talmud seien schon lange als Fälschung entlarvt worden.», auf VgT.ch, abgerufen am 12. März 2015. Im Oktober 2002 hatte Erwin Kessler beim Bezirksgericht Münchwilen ein vorläufiges Verkaufsverbot erreicht, schliesslich stellte das Bundesgericht in einem weiteren Prozess, den Kessler gegen eine Rezension des Buches von Krauthammer angestrengt hatte, fest, dass es sich bei der Feststellung der Kontakte Kesslers mit Rechtsextremen und Revisionisten um keine Verleumdung handelte., auf gra.ch, abgerufen am 12. März 2015. Im Juli 2003 stellte das Bezirksgericht Münchwilen in der Hauptverhandlung fest, dass Kessler die Persönlichkeitsrechte Krauthammers missachtet hatte. So hatte Kessler Krauthammer unterstellt, er sei nur bei Radio DRS tätig, um die Medien nach dem jüdischen Geschmack zu beeinflussen,Das verlogene Buch "Das Schächtverbot in der Schweiz" des jüdischen Autors Pascal Krauthammer, auf VgT.ch, abgerufen am 20. Juli 2015. und die Universität Zürich habe seine Arbeit nur angenommen, weil sie sich nicht Antisemitismus-Vorwürfen aussetzen wollte. Kessler musste Krauthammer und dem Verlag Schulthess schliesslich eine Entschädigung von 10'000 Franken bezahlen sowie das Urteil ein Jahr auf seiner Homepage veröffentlichen., auf ThurgauerZeitung.ch, abgerufen am 12. März 2015.
Hans Stutz stellte in seiner Einschätzung des Rassismus in der Schweiz des Jahres 2006 fest, dass Kessler für den Holocaustleugner Jürgen Graf Partei ergriff., auf gra.ch, abgerufen am 12. März 2015. So schrieb Kessler über Graf: «Zu 15 Monaten Gefängnis wurde er [Jürgen Graf] verurteilt, weil er Einzelheiten der offiziellen Geschichtsschreibung mit sachlichen Argumenten kritisierte. Deshalb musste er die Schweiz als politischer Flüchtling verlassen. Er lebt nun in Russland, wo er durch die Meinungsäusserungsfreiheit geschützt ist und deshalb nicht an die Schweiz ausgeliefert wird.», abgerufen am 12. März 2015.
Kessler sagte in einem Interview zu den Antisemitismus-Vorwürfen, er hasse «Schächt-Juden», sei aber kein Antisemit."Mein Kampf kennt keine Feigheit", auf Tagblatt.ch, abgerufen am 26. Februar 2014. Zum St. Galler Tagblatt sagte er: «Zu meinen damals gemachten Äusserungen stehe ich nach wie vor. Sie mögen zwar provokativ sein, sind aber richtig, man muss sie nur richtig lesen.»Kontroverse um Aussteller am Veganerfest, auf Landbote.ch, abgerufen am 4. September 2015. Was ihm als Antisemitismus unterstellt würde, wäre nur «Kritik am Schächten».
Publizistisches Wirken Erwin Kessler schrieb ein Buch zum Thema «Tierfabriken in der Schweiz». Von ihm verfasste Artikel wurden in der Mythen-Post und in seiner Hauszeitschrift, den VgT-Nachrichten, veröffentlicht. Tier-Fabriken in der Schweiz. Fakten und Hintergründe eines Dramas. Orell Füssli, Zürich 1991, ISBN 3-280-02069-7 (Kompletter Text online, PDF) Erfolgreich gegen Wikimedia klagen in Schwarzbuch Wikipedia 2 Herausgeber: Andreas Mäckler ISBN 978-3-943007-46-6
Literatur Pascal Krauthammer: Das Schächtverbot in der Schweiz 1854–2000. Die Schächtfrage zwischen Tierschutz, Politik und Fremdenfeindlichkeit, Schulthess, Zürich 2000, ISBN 3-7255-4086-1 (= Zürcher Studien zur Rechtsgeschichte, Band 42, zugleich Dissertation an der Universität Zürich).
Weblinks Verein gegen Tierfabriken Schweiz VgT Margrit Sprecher: Tierschützer Erwin Kessler: Der Schweine Hüter auf Weltwoche.ch, abgerufen am 14. März 2015. (Ein ausführliches Porträt über Erwin Kessler, Archiv) Erik Ebneter, Markus Somm: «Wenn ich von Tier-KZ rede, werde ich gehört.» Interview in: Basler Zeitung vom 12. April 2018.
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