mini|Herbert Kegel auf einem Wandgemälde, Rubinsteinstraße, Dresden mini|hochkant|Herbert Kegels Unterschrift Herbert Kegel (* 29. Juli 1920 in Großzschachwitz (bei Dresden); † 20. November 1990 in Dresden) war ein deutscher Dirigent und gehörte neben Kurt Masur zu den wichtigsten Orchesterleitern der DDR.

Im Jahr 1949 kam er nach Leipzig und leitete 30 Jahre lang den Rundfunkchor (1949–1978) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig (1958–1978), dessen Ehrendirigent er im Anschluss wurde. Darüber hinaus war er von 1975 bis 1978 Honorarprofessor am Leipziger Konservatorium. Kegel avancierte zum wichtigsten „Orff-Spezialisten“ im deutschsprachigen Raum.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 84. Sein Einsatz für zeitgenössische Komponisten machte die Musikmetropole Leipzig zum „Internationalen Schaufenster der Moderne“.Eine Straße für den legendären Leipziger Dirigenten Herbert Kegel, Stadt Leipzig, abgerufen am 8. März 2016. Von 1977 bis 1985 war er Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. Danach wirkte er als Gastdirigent in Japan, wo er heute als eine der bedeutendsten Dirigentenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wahrgenommen wird.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 101.

Seine umfangreiche Diskografie wurde mehrfach durch die nationale und internationale Fachwelt ausgezeichnet, so erhielt er 1986 für die weltweit erste digitale Gesamtaufnahme aller Beethoven-Sinfonien den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Er war u. a. Nationalpreisträger (1961) und Träger der Ehrennadel des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR (1980).

Leben Kindheit und Jugend Herbert Kegel wurde als Sohn von Fritz Kegel und seiner Frau Martha, geborene Mißbach, in Großzschachwitz geboren, das seit 1950 zu Dresden gehört. Sein Vater arbeitete seinerzeit als Hauptmechaniker beim Maschinenbauunternehmen Kelle & Hildebrandt im benachbarten Großluga.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 11. Herberts Schwester Ilse wurde 1925 geboren.

Er besuchte von 1927 bis 1935 die Volksschule „An der Aue“ in Dresden und sang unter Pfarrer Drechsel in der evangelisch-lutherischen Kurrende der Stephanuskirche in Kleinzschachwitz. Klavierunterricht erhielt er bei Hanns Voigt. Später wurde er beim Dresdner Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger vorstellig, der ihn jedoch unabhängig von seiner sängerischen Begabung für die Aufnahme in den Kreuzchor aus Altersgründen ablehnte.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 14. Stattdessen wurde er studienvorbereitend in Klavier und Violoncello an der Akademie für Musik und Theater Dresden unterrichtet.

Studium und berufliche Anfänge Ursprünglich wollte Kegel bei dem Dirigenten Karl Böhm studieren, der aber als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden ausgelastet war. Am 1. April 1935 schrieb sich Kegel im Hauptfach Klavier bei Diener von Schönberg an der Orchesterschule der Staatskapelle (ab 1937 Dresdner Konservatorium)Jörg Clemen; Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 125. ein. Er studierte darüber hinaus bis 1940 Dirigieren bei Ernst Hintze, Chorleitung bei Alfred Stier, Komposition und Kontrapunkt als der letzte Schüler von Boris BlacherHelga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 17. sowie Gesang (Tenor) bei Karl Zinnert. Die Prüfung im Fach Chorleitung schloss er mit „sehr gut“ ab.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 19. Neben dem Studium hospitierte er bei Böhm, der ihm schriftlich „vorzüglich technische und musikalische Veranlagung“ sowie „schlagtechnische Gewandheit und sicheres Auftreten vor Chor und Orchester“Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 18. bescheinigte.

Herbert Kegel wurde 1939 für den Militärdienst gemustert. Beim anschließenden Einplanungsgespräch lehnte er eine Tätigkeit beim Militärmusikdienst ab.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 20. Ein Jahr später wurde er in Bautzen zum Kriegsdienst eingezogen. Er erhielt 1943 eine militärfachliche Ausbildung als Funker. Bis 1945 diente er in der 56. Infanterie-Division, die u. a. im Ostfeldzug eingesetzt war. Während des Krieges komponierte er einige Lieder. Eine Karriere als Pianist musste er allerdings aufgrund einer erlittenen Schussverletzung an der linken Hand beenden.

Aus diesem Grund nahm er nach dem Krieg Dirigierunterricht bei Kurt Striegler, der ihn bereits während der Ausbildung als Dirigent nach Pirna weiterempfahl.Jörg Clemen; Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 125. 1945 wurde Kegel Dirigent am Operettentheater Pirna, wo er unter anderen mit der Sängerin Gretel Ferschinger zusammenarbeitete. Ab dem 1. August 1946 war er Chorleiter und zweiter Kapellmeister am Stadttheater Rostock. In Rostock lernte er den einflussreichen Kompositionslehrer Rudolf Wagner-Régeny kennen, der seinerzeit Rektor der Rostocker Musikhochschule war. Einige Werke von Wagner-Régeny wurden von Kegel am Stadttheater Rostock aufgeführt.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 30. In späteren Jahren dirigierte er dessen Werke auch in Dresden und Berlin. Seine Beziehungen zu DDR-Komponisten der ersten Stunde führten den Musikwissenschaftler Klaus Angermann zu dem Schluss, Kegel habe sich mit dem Sozialistischen Realismus arrangiert.Klaus Angermann (Hrsg.): Paul Dessau. Von Geschichte gezeichnet. Wolke, Hofheim 1995, ISBN 3-923997-63-9, S. 126.

Wirken in Leipzig Leiter des Rundfunkchores Leipzig mini|Programmzettel zum Jubiläumskonzert zehn Jahre Rundfunkchor und Großes Rundfunkorchester Leipzig Im Jahr 1949 wurde er auf Empfehlung des Rostocker Generalmusikdirektors Gerhard Pflüger künstlerischer Leiter des Rundfunkchors Leipzig (bis 1978). Er kooperierte dabei mit den Chorleitern Dietrich Knothe, Armin Oeser und Horst Neumann. Auf dem Spielplan standen zunehmend zeitgenössische Chorwerke von Benjamin Britten, Hans Werner Henze und Rudolf Wagner-Régeny., Freunde und Förderer des MDR Rundfunkchores Leipzig, abgerufen am 8. März 2016. Konzertreisen führten den Chor durch Deutschland u. a. in die Berliner Philharmonie und den Dresdner Kulturpalast sowie nach Dänemark, Finnland und Schweden. Herbert Kegel dirigierte 1980 Brittens War Requiem in der Katholischen Hofkirche in Dresden, eine Kooperation von DDR-Fernsehen und BBC zur Erinnerung an die Zerstörung der Coventry Cathedral und der Dresdner Hofkirche im Zweiten Weltkrieg.

Der Leipziger Musikwissenschaftler Werner Wolf erinnerte sich 1996 an Kegels „unerbittlich strenge Chorerziehung“ und seine daraus resultierenden „einzigartigen Aufführungen großer oratorischer Werke und Kantaten“.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 35.

Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Leipzig Von 1949 bis 1953 war Herbert Kegel zusätzlich Chefdirigent des Großen Rundfunkorchesters. Er wurde 1958 erster Dirigent und zwei Jahre später Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Leipzig, zu dessen Ehrendirigenten er später berufen wurde. Damit war er der jüngste Generalmusikdirektor Deutschlands.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 36. Beide Leipziger Dirigiergrößen, Herbert Kegel und der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur (ab 1970), schätzten sich sehr. Kegel baute das Rundfunkorchester zu einem der führenden Klangkörper der DDR aus, indem er sich im Vergleich zum Gewandhausorchester und der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die den traditionellen Musikgeschmack der Konzertbesucher ansprachen, einer zeitgenössischen Programmatik bediente.Jörg Clemen; Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 129.

Intensiv kooperierte Kegel mit Paul Dessau und anderen Komponisten Neuer Musik. Für die Reihe „Komponisten als Dirigenten“ verpflichtete er von 1960 bis 1980 namhafte Komponisten wie Boris Blacher, Luigi Dallapiccola, Edisson Denissow, Paul-Heinz Dittrich, Werner Egk, Gottfried von Einem, Jean Françaix, Friedrich Goldmann, Cristóbal Halffter, Hans Werner Henze, Wolfgang Fortner, Karl Amadeus Hartmann, Milko Kelemen, Rudolf Kelterborn, Ernst Krenek, René Leibowitz, Witold Lutosławski, Siegfried Matthus, Luigi Nono, Krzysztof Penderecki und Siegfried Thiele.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 60. Herbert Kegel setzte sich in seiner Amtszeit für Schülerkonzerte und die 1965 erstmals veranstalteten Leipziger Rathauskonzerte ein.Jörg Clemen; Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 127.

Einer der Höhepunkte seiner Arbeit war die Doppelaufführung der Gemeinschaftskomposition Jüdische Chronik der Komponisten Dessau, Hartmann, Henze und Wagner-Régeny mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter Christoph von Dohnányi am 14. Januar 1966 in Köln und am 15. Februar 1966 in Leipzig.. Musikforum, abgerufen am 24. Oktober 2011. Außerdem brachte er am 22. Januar 1974 Henzes Das Floß der Medusa zur DDR-Erstaufführung, was ihm Kritik seitens der ostdeutschen Kulturfunktionäre wegen der beinhalteten Che-Guevara-Darstellung und Henzes Kompositionsstil einbrachte. Kegel trat daraufhin aus dem Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR aus.. Musikforum, abgerufen am 10. Dezember 2011. Er unterstützte darüber hinaus maßgeblich den Aufbau den Kammermusikensembles Gruppe Neue Musik Hanns Eisler um Burkhard Glaetzner und Friedrich Schenker.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 85. Das Ensemble wurde zum wichtigsten Vertreter für progressive Musik in der DDR.

Mehr als 100 konzertante Opernaufführungen organisierte Kegel mit Walter Zimmer, dem damaligen Oberspielleiter der Leipziger Oper. Sie nahmen Wagners Parsifal, Bergs Wozzeck und Schönbergs Moses und Aron auf den Spielplan. Die Leipziger Volkszeitung titelte: „Pioniertaten für das Musiktheater“.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 71. Im Jahr 1961 unterschrieb Kegel einen Gastvertrag mit der Deutschen Staatsoper in Berlin.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 81. Er wurde zum gefragten Interpreten der Werke von Carl Orff,Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 84. der ihn selbst vor allen anderen Dirigenten favorisierte.Helga Kuschmitz: Herbert Kegel – Legende ohne Tabu. Ein Dirigentenleben im 20. Jahrhundert. Altenburg 2003, S. 67. Ein geplanter Wechsel zur Semperoper in Dresden ließ sich nicht realisieren, weil sich Direktorium und Staatskapelle nicht einigen konnten.

Von 1975 bis 1978 wirkte er zusätzlich als Honorarprofessor für Dirigieren an der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig.

Chefdirigent der Dresdner Philharmonie