Hanns Erich Köhler (auch: H. E. Köhler, Erik) (* 17. April 1905 in Tetschen,Die fast durchgängig anzutreffende Angabe des Geburtsortes Tetschen-Bodenbach ist nicht korrekt. Die Stadt trug lediglich von 1942 bis 1945 dieses Doppelnamen. Böhmen/Sudetenland; † 7. November 1983 in Herrsching am Ammersee) war ein deutscher Illustrator, Gebrauchsgrafiker, nationalsozialistischer Propagandazeichner im Dritten Reich und politischer Karikaturist in der Bundesrepublik Deutschland.
Jugend und Ausbildung Mit der Aufteilung Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Tetschen zur neugegründeten Tschechoslowakischen Republik, Köhler und seine Familie zur größten Minderheit im Land, den drei Millionen sogenannten Sudetendeutschen. Schon als Kind zeichnete er Karikaturen, begünstigt durch die Tatsache, dass sein Vater in einer Papierfabrik arbeitete. Ab 1922 studierte Köhler sechs Semester an der Staatlichen Akademie für Kunstgewerbe in Dresden (Prof. Arno Drescher und Prof. Georg Oskar Erler), zwei Semester an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien und zwei weitere Semester an der Wiener Kunstgewerbeschule. Nach dem Studium arbeitete er ab 1929 in Prag als Gebrauchsgrafiker.
Politische Orientierung und Karriere als politischer Zeichner Seine politische Orientierung zeigte sich schon 1923, als Köhler für eine Ausstellung seines Gymnasiums ein Porträt von Adolf Hitler zeichnete und später erklärte: „Ich nehme an, dass dies das erste Führerbild in einer sudetendeutschen Schule war. In den weiteren Jahren beteiligte ich mich oft an den völkischen Plakatwettbewerben.“Ernst Scheffler: Die politische Karikatur, eine meinungsbildende Kraft im Leben der Völker. Pressezeichner sehen sich selbst: vom Schaffen deutscher Pressezeichner mit Eigendarstellung und Arbeiten nebst biographischen Angaben der Künstler, 1944, S. 63f.
Der politische Kopf der Sudetendeutschen in der Tschechischen Republik war Konrad Henlein. Er war der Chef der Sudetendeutschen Partei (SdP), der Kontakte zur NSDAP in Deutschland pflegte und sich ab 1937 offen zu ihren Zielen, insbesondere den Anschluss des Sudetengebietes an das Deutsche Reich, bekannte. Köhler schloss sich dieser Bewegung als politischer Zeichner an. Seine ersten Arbeiten waren Werbeplakate für die Sudetendeutsche Tageszeitung. Ab März 1935 erschien die satirische Monatszeitschrift Der Igel, womit sich für Köhler ein weites Agitationsfeldfeld als Karikaturist eröffnete. Als Signatur wählte er den nordischen Namen ‚Erik‘. Ab 1936 zeichnete er auch für die in Reichenberg erscheinende Zeitung Die Zeit, das Hauptorgan der NSDAP im Reichsgau Sudetenland, die Rubrik „Zeit-Wochenschau“, in der er karikaturistisch zu innen- und außenpolitischen Themen Stellung nahm. Zudem veröffentlichte er im Blatt des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland, Der Volksdeutsche. Schon zu dieser Zeit zeigen Köhlers Karikaturen eine antidemokratische, nationalsozialistische und antisemitische Einstellung.
Mit dem Münchner Abkommen von 1938 wurde das Sudetengebiet als ‚Reichsgau Sudetenland‘ unter Führung von Konrad Henlein dem Deutschen Reich angegliedert. Köhler zog in die Gauhauptstadt Reichenberg und wurde für seine Unterstützung als politischer Zeichner mit der „Medaille zur Erinnerung an den 1. Oktober 1938“ (Sudeten-Medaille) ausgezeichnet. Zudem wurde als Anerkennung seiner Propagandaarbeit für die SdP 1939 eine Auswahl seiner unveröffentlichten bzw. zensierten Karikaturen in der Publikation Nach der Beschlagnahme… . Politische Karikaturen aus der Kampfzeit der Sudetendeutsche veröffentlicht. Gewidmet war der Band dem neuen Gauleiter und Reichsstatthalter Konrad Henlein, in „Erinnerung an den Sudetendeutschen Freiheitskampf“. 1941 kaufte Gauleiter Henlein alle Zeichnungen „Eriks“ aus der „Kampfzeit“ an, um sie für „alle Zeit“ zu erhalten und der „neu zu schaffenden, vom Führer bestimmten Kunsthalle in Reichenberg einzuverleiben.“Ernst Scheffler: Die politische Karikatur, eine meinungsbildende Kraft im Leben der Völker. Pressezeichner sehen sich selbst: vom Schaffen deutscher Pressezeichner mit Eigendarstellung und Arbeiten nebst biographischen Angaben der Künstler, 1944, S. 63f.
Politischer Karikaturist im Dienst des Nationalsozialismus Nachdem im März 1939 der Reststaat Tschechoslowakei von Deutschland annektiert und zum Reichsprotektorat Böhmen und Mähren erklärt worden war, waren Köhlers bildpropagandistische Fähigkeiten in Berlin gefragt. Daher richtete er sich neben seinem Atelier in Reichenberg einen Zweitwohnsitz in der Reichshauptstadt ein.
Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges hatte das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda bis 1939 in Berlin die politische Karikaturenagentur Interpress/Deutsche Presse-ZeichnungKretschmer, Matthias, Sackmann, Eckart: Die Karikaturenagentur Interpress im NS-Pressewesen, in: Deutsche Comicforschung, 2022, S. 62–84 aufgebaut, deren Aufgabe es war, politische Zeichnungen besonders in der Auslandspresse zu verbreiten. Köhler gehörte zur Stammmannschaft von Interpress, arbeitete aber auch extensiv als politischer Zeichner für die gleichgeschalteten Satirezeitschriften Kladderadatsch, die Lustigen Blätter und den Simplicissimus sowie die Deutsche Allgemeine Zeitung. Zudem produzierte er exklusiv sehr viele politische Karikaturen für den Bilderdienst des Scherl-Verlags.
Im März 1940 wurde von Joseph Goebbels die Wochenzeitung Das Reich ins Leben gerufen. Fester Bestandteil jeder Ausgabe war am Ende die Karikaturenseite, auf der Köhler und Erich Ohser, alias e. o. plauen, politische Zeichnungen veröffentlichten. Damit gehörte Köhler zur Elite der politischen Pressezeichner im Dritten Reich. Das zeigte sich auch im April des Jahres bei der Ausstellung „Die politische Karikatur“ im Prager Manés-Pavillon. Die von Köhler und Hans Schweitzer kuratierte Ausstellung sollte die an diesem Ort seit Ende der 1920er Jahre ausgestellte moderne, insbesondere expressionistische Kunst nicht nur symbolisch überwinden. Ausgestellt wurden Karikaturen der Top-Zeichner des NS-Regimes: Hans Schweitzer-Mjölnir, die Simplicissimus-Veteranen Olaf Gulbransson, Karl Arnold, Eduard Thöny und Erich Schilling, die Vertreter des Kladderadatsch Arthur Johnson und Oskar Garvens, die ‚Interpress‘-Zeichner Kurt Balkie, Manfred Schmidt, Gerhard Brinkmann, Hans Bruns, Charles Girod, und Erich Ohser sowie Walter Hofmann alias Bogner/Waldl als Hauszeichner des Völkischen Beobachters und des Schwarzen Korps. Besondere Erwähnung fanden in der Presse die Arbeiten des „an glänzenden Ideen überreichen sudetendeutschen Zeichners Erik“.anon.: Ausstellungen im Mánes-Pavillion Prag. In: Kölnische Zeitung mit Wirtschafts- und Handelsblatt vom 14. Juni 1940 Die anschließend durch das Deutsche Reich tourende Ausstellung wurde ihm zu Ehren im Anschluss in Köhlers Wohnort Reichenbach gezeigt.
Auf Initiative von Reichspressechef Otto Dietrich vergab Goebbels vierteljährlich hohe Preisgelder für die beste bereits veröffentlichte aktuelle politische Karikatur. Im November 1940 wurde Köhler der mit RM 1500,– dotierte erste Preis zugesprochen.BA R 55 725 0472, S. 235, Aktennotiz von Abteilung H, 06.08.1940; BA R 55 725 0472, S. 240, Aktennotiz von Abteilung H, 16.08.1941 Im Frühjahr 1941 nahm er mit fünf Arbeiten an der zentralen Leistungsschau der Propagandakompanien und politischen Karikaturisten „Die Pressezeichnung im Kriege“ teil.Alfred Fast: Die Karikatur im Kriege. In: Dresdner Neueste Nachrichten vom 12.8.1941, S. 3. Im August 1941 folgte die Ausstellung „Die Karikatur im Kriege“, an der „Erik“ neben acht anderen Karikaturisten, vorwiegend Interpress-Kollegen, teilnahm. Die Presse schrieb: „In über 100 Arbeiten bald mit kämpferischer Härte und leidenschaftlichem Fanatismus, bald mit ätzender Ironie, aber auch mit überlegenem Humor sprechen [die Künstler] zu dem Beschauer. Mit rücksichtloser Offenheit wird da das hinterhältige und heuchlerische Treiben unserer Feinde aus Ost und West aufgedeckt, wird die Ohnmacht und der Niedergang eines bis in die Wurzeln angefaulten Systems in oft unheimlich-phantastische Symbolik aufgezeigt.“ Köhler war auch gefragt bei namhaften Museen. Im Folgejahr wurden einige seiner Karikaturen und Illustrationen in der Hamburger Kunsthalle in der Ausstellung „Die künstlerische Presse-Zeichnung“ gezeigt.Walter Herrmann: Die künstlerische Presse-Zeichnung. Eine Ausstellung des Kunstvereins in der Kunsthalle, in: Hamburger Tageblatt, 11.04.1943, S. 2.
Köhler war bis zum Juli 1941 ungarischer Staatsangehöriger und nahm dann die deutsche Staatsbürgerschaft an. Er beantragte am 17. Dezember 1941 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Januar 1942 aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.602.840).Bundesarchiv R 9361-II/547015 Für seinen späten Parteieintritt rechtfertigte er sich: „Da ich bis zum Juli 41 ungar. Staatsbürger war, konnte ich früher weder der SdP noch bis jetzt der NSDAP beitreten, habe jedoch nachweisbar für die Bewegung gearbeitet.“BA R 9361 II 547015 0006, NSDAP-Personalfragebogen Hanns Erich Köhler, 17.12.1941, S. 3.
Professor am Hochschulinstitut für bildende Kunst in Prag, 1943–1945 1942 schlug Gauleiter Konrad Henlein Köhler als Lehrkraft am Hochschulinstitut für bildende Kunst in Prag vor. Die Gau-Kanzlei verfasste hierzu eine Empfehlung: „Die politische Zuverlässigkeit des Herrn Köhler steht außer Zweifel und seine Aufnahme in die NSDAP wurde durchaus befürwortet.“BA R 31 / 402, Fol. 1, Blatt 14, Der Chef der Gaukanzlei des Gauleiters und Reichsstatthalters des Sudetengaus, 09.02.1942 Am 1. April 1943 trat er als Leiter der neuen Meisterklasse für Gebrauchsgrafik und Illustration seinen Dienst an und durfte für die Dauer seiner Tätigkeit die Dienstbezeichnung „Professor“ tragen. Köhler arbeitete, gut honoriert, auch für alle bisher genannten Publikationen weiter. Sein monatliches Einkommen betrug ca. 2500,– RM. Damit gehörte er neben Hans Schweitzer-Mjölnir, Erich Ohser, Gerhard Brinkmann und anderen zu den Spitzenverdienern unter den Karikaturisten des Dritten Reiches.
1944, mit 39 Jahren, hatte Köhler, dessen Arbeiten auch vorher schon durch Publikationen, Ausstellungen und offizielle Ankäufe auf höchster Parteiebene gewürdigt worden waren, im nationalsozialistischen Deutschland den Höhepunkt seiner Popularität erreicht. Dies zeigt sich in einer „Atelierreportage“, in der Köhler als begnadeter politischer Zeichner und Künstler gefeiert wird. Franz Tschirn: In Eriks Reich der Karikatur und Satire. Ein Besuch im Reichenberger Atelier, in: Sudetendeutsche Tageszeitung, 25./26.03.1944.
Köhlers Arbeitspensum war enorm. Sein Humor konnte versöhnlich sein, aber auch voller Verachtung und Hass. Köhler beherrschte die antisemitische Ikonographie in allen Facetten und setzte sie mit seinem großen zeichnerischen Potential hemmungslos im Sinne der NS-Ideologie ein. Auch den in Deutschland noch wenig verbreiteten Comic nutzte er als NS-Propagandainstrument, etwa mit Tipp der Junge und Tapp der Dackel aus Wolhynien,Eckart Sackmann: Erik: Tipp der Junge und Tapp der Dackel aus Wolhynien, in: Deutsche Comicforschung 2023, S. 76–83. der zeichnerisch auf höchstem Niveau war, inhaltlich jedoch ein infames Propagandawerk darstellte.
Besatzungszeit und zweite Karriere in der Bundesrepublik Deutschland Nach der deutschen Kapitulation flüchtete Köhler aus Prag ins niederbayerische Riedenburg und arbeitete unter anderem als Gebrauchsgrafiker und Kunstmaler unter dem Signum „Prof. H. E. Köhler“. Den Kampfnamen ‚Erik‘ hatte er getilgt, den vom „Führer“ verliehenen Professorentitel nutzte er unberechtigt weiter. Im Rahmen des Spruchkammerverfahrens in Riedenburg wurde er als Mitläufer eingestuft und mit einer Buße von 100 Reichsmark belegt.Staatsarchiv Amberg, Spruchkammer Riedenburg K 61