miniatur|300px|Irland im Jahr 1482 Dieser Artikel behandelt die Geschichte Irlands der Jahre 800 bis 1536.
Irische Gesellschaft vor den Wikingern Das Frühmittelalter (in Irland von 800 bis 1166) wird durch die Raubzüge der Wikinger, deren Ansiedlung und das Entstehen erster Städte geprägt. Irland war in viele kleine Königreiche unterteilt, die sog. tuaithe (Einzahl: tuath). An der Spitze stand der ri tuath, ein König, der entweder von einem Herrschergeschlecht oder von sliocht (d. h. allen freien Männern des tuath) gewählt wurde. Alle Männer mit Landbesitz, Berufstätige und Handwerker bildeten eine Versammlung (oenach). Das Land eines tuath gehörte nicht dem König, sondern allen freien Familien, die darauf lebten, und die dem König dafür Abgaben leisteten und ihm im Kriegsfall kämpferisch zur Seite standen. Es gab 80–100 tuatha (Clans), die gleichzeitig existierten.
Über den tuaithe standen die mächtigeren Provinzkönige (ri ruireach) wie z. B. der Clan der Uí Néill in Tir Eoghan (Provinz Uladh; heute: Ulster). Dennoch war die gälisch-irische Gesellschaft nicht egalitär – die höchste Klasse, die Könige, galten als nemed (heilig). Die Könige verrichteten keine körperlichen Arbeiten, da dies unter ihrer Würde (enech) war. Aufgrund des Wahlsystems bei der Nachfolge kam es häufig zu Kämpfen zwischen den möglichen Nachfolgern. Neben den Königen galten auch die heidnischen Kleriker und Poeten als „heilig“. Unterhalb dieser Klassen standen die Landbesitzer. Am unteren Ende des gesellschaftlichen Leiter waren die „Unfreien“, Arbeiter, die keine politischen Rechte hatten. Irland war nahezu komplett ländlich geprägt, bevor die Wikinger auf die Insel kamen und vieles veränderten.
Die Wikinger Die ersten belegten Wikinger-Überfälle fanden im Jahr 795 statt, als Wikinger von Norwegen Lambay Island (vor Dublins Küste) plünderten. Diese frühen Überfälle waren in der Regel schnell, lokal begrenzt und beendeten das Zeitalter der frühchristlich-irischen Kultur. Es folgten über 200 Jahre andauernde Wellen wikingischer Plünderungen, die besonders die Klöster überfielen. Die meisten der frühen „Räuber“ kamen aus den Fjorden im westlichen Norwegen und man vermutet, dass diese über die Shetlandinseln und die Orkney kamen. Von dort aus ging es zur Atlantikküste Schottlands und schließlich nach Irland. Während dieser frühen Raubzüge erreichten die Wikinger auch die irische Westküste mit Inishmurray und den Skellig Islands.
Wikinger-Siedlungen in Irland
mini|Die Wikinger in Irland (850 n. Chr.) mini|Die Wikinger in Irland (rot – um 1014 n. Chr.)
Sowohl Irland als auch England und Schottland waren in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts von den Raubzügen der Wikinger betroffen. Nach und nach begannen die Wikinger Stützpunkte an der irischen Küste zu errichten. Dort verbrachten sie zunächst nur die Wintermonate. Darauf folgten skandinavische Siedlungen. Die ersten waren die heutigen Städte Waterford, Wexford und natürlich Dublin – die Funde bei Ausgrabungen nahe Kilmainham bewiesen die Anwesenheit der Skandinavier in dieser Zeit. Schriftliche Zeugnisse dieser Epoche zeigen, dass sie von ihren Küstensiedlungen (oft über die Flüsse) ins Landesinnere vorstießen, dort Raubzüge durchführten und sich wieder in die Küstensiedlungen zurückzogen.
Thorgest () war der erste Wikinger, der versuchte, ein eigenes Königreich in Irland zu errichten. Er begab sich 839 über die Flüsse Shannon und Bann nach Armagh, wo er ein Gebiet eroberte, das Teile von Ulster, Connacht und Meath umfasste. 845 wurde Thorgest von Maelsechlainn I. (König von Mide) gefangen und wahrscheinlich im Lough Owel ertränkt. 848 besiegte Maelsechlainn – nun als Hochkönig eingestuft – eine nordische Armee bei Sciath Nechtain. Indem er behauptete, sein Kampf würde auch im Namen des Christentums gegen die Heiden geführt, bat er um Unterstützung des fränkischen Herrschers Karl des Kahlen – allerdings ohne Erfolg.
Im Jahre 851 kam es bei der Bucht von Dundalk zu Auseinandersetzungen zwischen den „Fingall“- (norwegisch) und „Dubhgall“-Wikingern (dänisch). 852 landeten die Wikinger Ivar Ragnarsson und Olaf der Weiße in Dublin und bauten die seit 841 bestehende Siedlung zu einer Festung auf dem Gebiet der heutigen Stadt aus. Olaf der Weiße war der Sohn eines norwegischen Königs und krönte sich zum König von Dublin. Dies gilt allgemein als Gründung von Dublin, auch wenn griechische und römische Schriften bereits im 1. Jahrhundert von einer Siedlung an gleicher Stelle namens Eblana (oder Deblana) berichten. Ivar wurde Nachfolger von Olaf, und nach dessen Tod entstand eine Unsicherheit im Königreich Dublin, die viele Wikinger dazu veranlasste, nach England oder Frankreich umzusiedeln. Neben Dublin gründeten die Wikinger auch vier andere Küstenorte, und mit der Zeit vermischte sich die irische und nordische Bevölkerung immer mehr und die sog. Gall-Gaels entstanden (Gall war das irische Wort für Fremde). Der nordische Einfluss findet sich in vielen irischen Königsnamen wieder, die auf nordische Namen zurückgehen, z. B. Magnus, Lochlann oder Sitric. Auch DNA-Untersuchungen in den Küstenstädten belegen noch heute diese Vermischung.
914 begann eine neue Angriffswelle der Nordmänner – diesmal von der Südküste aus, wo sie in Waterford eine neue Siedlung gründeten. Von dort aus führte man Raubzüge in ganz Südirland aus. Auch von Dublin führten die Nachfahren von Ivar Beinlaus nun wieder Raubzüge aus und eroberten einen Großteil der Insel. Ihre Vorherrschaft wurde erst durch die verbündeten Kräfte von Maelsechlainn II (König von Meath) und Brian Boru in den Jahren bis 1014 beendet. Im späten 10. Jahrhundert erreichte Brian Boru, ein Abkömmling eines Clans aus Munster, genug Einfluss, dass er den Titel ard righ (Hochkönig) erhielt. Boru und seine Alliierten besiegten eine gemeinsame Armee aus Wikingern und Einheimischen in der Schlacht von Clontarf im Jahr 1014. Obwohl Boru diese Schlacht nicht überlebte, war damit die Vorherrschaft der Wikingern in Irland gebrochen. Nach und nach gingen sie in der ansässigen Bevölkerung auf. Borus Nachkommen scheiterten bei dem Versuch, einen gesamtirischen Staat zu errichten, und die daraus später folgenden Territorialstreitigkeiten führten indirekt zur Invasion der Normannen unter Strongbow im Jahr 1169.
Die Kirchenreform Mit Beginn des 2. Jahrtausends nahmen die seit dem siebten Jahrhundert weitestgehend verweltlichten Klöster Irlands geistliche Aufgaben wahr. Sie waren Wächter der traditionellen Gelehrsamkeit und erfüllten nützliche Funktionen. Die ungezügelt wachsende Wikingerstadt Dublin setzte die Reformen in Irland in Gang. Die im Jahre 1038 von König Sigtrygg gegründete Kirche wurde zur Kathedrale und benötigte einen Bischof. Die Stadt wollte aber keine Bindung an das irische Klosterwesen und entschied, ihren Bischof durch den Erzbischof von Canterbury weihen zu lassen. Damit wurde Dublin Suffragan von Canterbury. Der Erzbischof von Canterbury Lanfrank von Bec (1070–1089) richtete ein Schreiben an den König Turlough O’Brien, in dem er ihn ermahnte, die im Land übliche Praxis der Ehescheidung auszusetzen und die Simonie zu beenden, also keine geistlichen Ämter für Geld zu vergeben. Als Turloughs Sohn 1101 vor die Synode von Cashel trat, vermied er das Thema Scheidung. Die versammelten Synodalen bestanden nach dem Vorbild der Franken vor der Hildebrandschen Reform – auch aus der Laienschaft. Er wollte angesichts dieses Schlages der Reformer gegen das tief verwurzelte irische Rechtssystem einer Überreaktion vorbeugen.
Das spektakulärste Ereignis war die Übergabe des Rock of Cashel als Geschenk an die Kirche. Durch Verbote bemühte sich die Synode, den Gleichklang der irischen Kirche mit Rom herzustellen, bezüglich
der Simonie, der Ehe zwischen Blutsverwandten, des Bestehens von zwei Leitungen einer Kirche, der Kirchenleitung durch Laien.
Diese Verbote waren für die alte Kultur Irlands ein Desaster. Die Synode von Rathbreasail teilte Irland, nach dem Vorbild der Erzbistümer Canterbury und York in England, in die Bistümer Armagh für den Norden und Cashel für den Süden. Erstmals entsprach die irische Kirchenstruktur damit dem europäischen Vorbild.
Mit dem Tod von Muircheartach O’Brien im Jahre 1119 wurde Armagh zum Vorreiter der Reform. 1134 übernahm der Malachias das Erzbistum. In Bangor hatte er eine der letzten Kapellen aus Holz errichtet. Gleichzeitig steht fest, dass die erste Steinkirche auf der Insel Illaunloughan bereits zwischen 640 und 790 entstand. Er strebte nach der Zustimmung Roms zu den in Rathbreasail 1111 eingeleiteten Reformen. 1139 machte er sich auf die Reise nach Rom, wo er den Papst um das Pallium, das Symbol der vom Papst verliehenen Metropolitenwürde, für die Erzbischöfe von Armagh und Cashel bat. Letztlich für Irland von entscheidenderer Bedeutung war indes sein Besuch zweier Klöster in Frankreich: Arrouaise, wo er die augustinischen Ordensregeln kennenlernte, und Clairvaux, wo eine tiefe Freundschaft mit Bernhard von Clairvaux entstand. In der Überzeugung, dass Malachias der Kirche gute Dienste leisten konnte, entließ der Papst ihn zwar ohne die erbetenen Pallien, ernannte Malachias aber zum päpstlichen Legaten und machte ihn damit zu seinem Stellvertreter in Irland.
Mit Hilfe Bernhards von Clairvaux und der von ihm entsandten französischen Steinmetze errichtete Malachias die erste Zisterzienserabtei in Mellifont Abbey im County Louth. Dieser ersten Gründung eines kontinentaleuropäischen Klosters in Irland, das 1157 geweiht wurde, folgten weitere, die im kirchlichen Leben des Landes eine überragende Rolle spielten. Malachias selbst starb 1148 in Clairvaux und wurde später heiliggesprochen.
1152 trat eine für die irische Reformbewegung wegweisende Synode in Kells zusammen. Der päpstliche Legat, Kardinal Giovanni Paparoni († um 1153/54), überbrachte dazu nicht nur Pallien für Armagh und Cashel, sondern auch je eines für Dublin und Tuam. Die Synode nahm Korrekturen am organisatorischen Aufbau und an den Jurisdiktionsgrenzen der Bistümer vor, bemühte sich um Abschaffung des weit verbreiteten Konkubinats und der bezahlten Taufe und erließ ein Verbot der Annahme von Zahlungen für Kirchenbesitz sowie die Aufforderung zur pünktlichen Zahlung des Zehnten. Die Beschlüsse von Kells prägten die Reformbewegung nachhaltig. Das Werk wurde von dem später ebenfalls heiliggesprochenen Lorcan O’Toole (genannt Laurentius) fortgesetzt, der seit 1153 Abt von Glendalough und ab 1161 Erzbischof von Dublin war und 1179 die Synode von Clonfert einberief. Irland war allerdings seit 1169 von anglo-normannischen Truppen besetzt und der englische König hinderte den Erzbischof, der sich in England aufhielt, an der Rückkehr nach Irland. Laurentius starb 1180 in der Normandie.
Die Ankunft der Normannen (1167–1185)
Anfang des 12. Jahrhunderts bestand Irland politisch nach wie vor aus einer Vielzahl an kleinen Königreichen und Über-Königreichen (overkingdoms). Die Macht lag in den Händen regionaler Dynastien, die um die Vorherrschaft im Land kämpften. Die nördlichen Uí Néill beherrschten ungefähr das Gebiet des heutigen Ulster, die südlichen Uí Néill waren die Könige von Brega (Meath). Das Königtum von Leinster wurde von den Uí Cheinnselaigh beherrscht, das relativ neue Königreich Osraige zwischen Leinster und Munster von der Familie der Mac Giolla Phádraig, Munster großteils von den Mac Cartaig, den Nachfolgern Brian Borus und Connaught großteils von den Uí Chonchubhair.