mini|hochkant=1.4|Politische Graffiti am Denkmal des US-Südstaaten-Generals Robert E. Lee im Rahmen der George-Floyd-Proteste mini|S-Bahn-Haltepunkt Dortmund Universität, 1992 mini|Sprayer bei der Arbeit (2012) mini|Graffito an einem Bauzaun
Graffiti (; Singular Graffito) steht heute als Sammelbegriff für thematisch und gestalterisch unterschiedliche sichtbare Elemente, zum Beispiel Bilder, Schriftzüge oder Zeichen, die mit verschiedenen Techniken auf Oberflächen oder durch deren Veränderung im privaten und öffentlichen Raum erstellt wurden. Die Graffiti werden zumeist unter Pseudonym und oft illegal gefertigt. Ersteller von Graffiti, insbesondere wenn sie Sprühdosen verwenden, werden häufig Sprayer ( für Sprüher) genannt, bezeichnen sich selbst aber als Graffitikünstler.
Im archäologischen und geschichtswissenschaftlichen Kontext steht der Begriff „Graffiti“ dagegen für Kleininschriften, die in einen Gegenstand eingeritzt wurden – entsprechende aufgemalte Inschriften werden als Dipinti bezeichnet.
Die Akzeptanz und Definition von Graffiti in der Gegenwart ist unterschiedlich geprägt. Werden nicht genehmigte Graffiti in der öffentlichen Wahrnehmung, insbesondere in der westlichen Welt, meist als Form des Vandalismus betrachtet, werden sie von anderer Seite auch als Form der Kunst anerkannt.
Öffentliche und private Einrichtungen treffen vielschichtige Maßnahmen, um das illegale Anbringen von Graffiti zu verhindern. Viele Gemeinden geben spezielle Flächen frei. Der Zentralverband der Deutschen Haus- und Grundeigentümer teilte 2005 mit, dass die Entfernung unerlaubter Graffiti von Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln pro Jahr rund 500 Millionen Euro koste.Pressemitteilung des Zentralverbandes der Deutschen Haus- und Grundeigentümer Die Deutsche Bahn beziffert ihre Schäden im Jahr 2012 auf 33 Millionen Euro, von 30.000 Vandalismustaten seien 14.000 Graffiti-Fälle.
Wortherkunft Graffiti ist der Plural des aus dem italienischen stammenden Worts . Es leitet sich etymologisch aus dem Griechischen von γράφειν (graphein) ab, was schreiben und zeichnen bedeutet.
Im Italienischen bedeutete ursprünglich Schraffur und bezeichnete (neben der heute auch modernen Bedeutung) eine in Stein geritzte Inschrift oder ornamentale bzw. figurale Dekoration (siehe auch die Kratztechniken des Sgraffito).
Heute wird auch von einem Graffiti statt von einem Graffito gesprochen und der analog gebildete Plural Graffitis verwendet. Der Duden verzeichnet beide Begriffe als übliche Formen.
Im offiziellen Sprachgebrauch der DDR wurden Graffiti als Teil der Hip-Hop-Jugendkultur als „Rapschrift“ bezeichnet, abgeleitet von Rap.Matthias Wyssuwa: Staatlich geprüfte Rapper. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. November 2009, S. 9.
Formen von Graffiti Es gibt viele verschiedene Arten von Graffiti, deren Abgrenzung oft nicht eindeutig möglich ist. Zum Beispiel können auch Klograffiti politische Inhalte haben oder ein Writer malt einen Schriftzug mit dem Namen seines Lieblingsfußballvereins. Besonders die Unterscheidung zwischen Writing und Streetart ist schwierig, da sich die Techniken oft überschneiden.
Style-Writing mini|hochkant=1.4|Verschiedene Style-Writing-Pieces in Berlin
Style-Writing/Graffiti-Writing oder kurz Writing ist die mittlerweile am weitesten verbreitete Form von Graffiti und wird deswegen von der Allgemeinheit auch am stärksten wahrgenommen. Durch diesen Umstand findet meist keine Differenzierung zu anderen Formen von nichtwritingbezogenem Graffiti in der breiten Bevölkerung statt. Beim Writing bildet die Schrift (Buchstaben und Zahlen) das Basiselement der Bildkomposition und die Akteure (Writer) stellen an sich selbst einen künstlerischen Anspruch. Die möglichst häufige Verbreitung des Namens bzw. vielmehr des Pseudonyms eines Graffiti-Writers in Kombination mit dessen möglichst einzigartiger, innovativer und vor allem ästhetischer Gestaltung bilden die zentralen Ziele, um ein Höchstmaß an Ruhm (Fame) zu erlangen. Die Ästhetik steht dabei jedoch im Vordergrund. Ein Writer, der viel malt, aber keinen guten Style hat, erhält seltener Anerkennung von anderen Szenemitgliedern. Bekannte Writing-Künstler sind unter anderem Loomit, DAIM oder auch der Schweizer Dare oder der Deutsch-Franzose Darco.
In der Hip-Hop-Kultur bildet Writing (neben MCing, DJing und B-Boying) eines der vier wesentlichen Elemente. Der Gedanke eines gewaltfreien Wettstreits und das Austragen von Konflikten auf künstlerischer Ebene (Battle) ist ein wesentliches Charakteristikum der friedlichen Writing-Kultur – ebenso wie bei den anderen Elementen des Hip-Hop – und manifestiert sich heutzutage zum Beispiel im weltweit größten Writing-Wettbewerb Write4Gold, bei dem Writer auf zunächst nationaler und in weiteren Runden auch internationaler Ebene gegeneinander antreten, um die Besten ihrer Zunft zu wählen. Writing steht somit im Gegensatz zu der gewalttätigen Gangkultur und darf nicht mit dieser verwechselt werden. Es gibt allerdings auch Writer und Crews, die exklusive Hoheitsansprüche auf ein bestimmtes Gebiet oder auch zum Beispiel eine Zugabstellanlage (Yard) stellen und „Eindringlinge“ rigoros übermalen oder teilweise sogar gewaltsam gegen diese vorgehen.
Scratching (deutsch: Kratzen)
mini|Scratchings an einer Scheibe der Berliner U-Bahn
Das Einkratzen von Zeichnungen oder Schrift in Oberflächen ist die vermutlich älteste Form von Graffiti.
Das moderne Scratching, bei dem Tags mit (Schleif-)Steinen, Glasscherben, Schleifpapier oder Messern in Plastikoberflächen oder die Fensterscheiben von öffentlichen Verkehrsmitteln wie Zügen, Straßenbahnen und Bussen gekratzt werden, kam Mitte der 1990er Jahre als Reaktion der Writerszene auf eine zunehmend zeitnahe Reinigung von gemalten und gesprühten Graffiti auf. In vielen öffentlichen Verkehrsmitteln, insbesondere in Berlin, waren die Fenster zeitweilig teilweise bis zur Undurchsichtigkeit zerkratzt.
Kratz-Graffiti, auch Scratchiti genannt, verursachen als Sachbeschädigung an Scheiben höhere Kosten als gemaltes oder gesprühtes Graffiti, da die Entfernung der Kratzereien nur mechanisch mittels Polieren oder dem Austausch der Scheibe möglich ist.
Mittlerweile werden in fast allen modernisierten und allen Neufahrzeugen im Schienenverkehr spezielle transparente Anti-Kratz-Folien auf den Scheiben angebracht. Diese lassen sich zwar leichter zerkratzen, sind jedoch kostengünstig austauschbar. In Berlin wurden diese Folien zusätzlich mit störenden Mustern (Brandenburger Tor) versehen, um den visuellen Erfolg von Scratchiti auf den Folien zu minimieren.
Etching (deutsch: Ätzen) mini|Etching-Tags in Chicago
Als Etching wird das Anätzen von Fensterscheiben mittels spezieller Säuren bezeichnet. Sofern hierbei (stark verdünnte) giftige Flusssäure zum Einsatz kommt, stellt dies neben einer Sachbeschädigung unter Umständen zusätzlich den Straftatbestand des Freisetzens von Giften dar. Da Flusssäure allerdings auf dem Markt nicht frei verfügbar und für den Laien kaum handhabbar ist, werden hierzu in der Regel ohnehin unbedenkliche und frei verkäufliche Mittel, wie etwa Amour-Etch oder Etch-Bath aus den USA, verwendet. Wie auch das Scratchiti ist diese Form eine Tendenz in der Writerszene, um immer effizienteren Reinigungsmitteln entgegenzuwirken. Wegen der Gefährdung von ahnungslosen Fahrgästen oder Reinigungspersonal bei Hautkontakt wird Etching (zumindest in Berlin) intensiv verfolgt.
Ganggraffiti mini|Ganggraffiti der 18th Street Gang in South Central Los Angeles
Ganggraffiti sind in den Vereinigten Staaten bereits seit den 1930er Jahren bekannt. Die Stadt Los Angeles bildet hier eine Hochburg. Im Gegensatz zum Stylewriting dient beim Ganggraffiti das Anbringen von Tags ausschließlich als gezielte Markierung des Reviers (Turf) einer Gang. Die Schriftzüge fungieren hier als Warnung für andere Gangs, die auf diese Weise abgesteckten Grenzen zu überschreiten. Das Übermalen von Schriftzügen verfeindeter Gangs oder das Sprühen in einem fremden Revier gilt als Provokation und wird teilweise bewusst eingesetzt, um einen Bandenkrieg auszulösen.
Beim Ganggraffiti wird im Gegensatz zum Style-Writing nur teilweise Wert auf eine gewisse Ästhetik gelegt. Die Buchstabengestaltung ist hier stark von Frakturschriften beeinflusst. Die Buchstaben werden nicht, wie oft beim Writing üblich, schreibschriftartig miteinander verbunden. Es entstehen auch so gut wie keine aufwändig ausgestalteten, mehrfarbigen Werke wie in der Writing-Szene.
Pixação mini|Ein Haus in São Paulo mit typischen Pixação-Graffiti
Pixação ist eine spezielle Form von Ganggraffiti, die ihren Ursprung in São Paulo Ende der 1970er Jahre hat. Gleichzeitig fungieren die Pixação als politisches Statement. Die Akteure (Pixadores) stammen meistens aus den Favelas der Stadt und haben daher außer ihrem Leben nicht mehr viel zu verlieren und sehen keine andere Möglichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie bringen ihre Werke oft in teilweise extremer Höhe an. Charakteristisch für die Gestaltung dieser Graffiti ist, dass fast ausschließlich einfarbige Tags mit Sprühdosen oder Malerrollen angefertigt werden. Die Grundformen der Buchstaben der Pixação sind überwiegend Frakturschriften, Runen und der Typografie der Logos von Heavy-Metal-Bands entlehnt. Diese werden abstrahiert, um einen individuellen Schriftzug zu erstellen. Die einzelnen Zeichen der oft mannshohen Schriftzüge, die auch figürliche Darstellungen enthalten können, haben meist eine einheitliche Höhe und sind klar voneinander abgegrenzt. Die Buchstaben sind meist recht hoch und schmal. Es findet, anders als bei den Tags der Writer, keine Variation in der Gestaltung eines Schriftzuges statt. Er wird wie ein Logo stets in der gleichen Art und Weise gemalt. Ein Schriftzug kann das Pseudonym einer einzelnen Person sein oder auch einer ganzen Gang.
Ultras-Graffiti Auch Fußballfans, die meist der Ultra-Bewegung entstammen, kennzeichnen Orte, die sie besuchen, mit Graffiti. Diese sind künstlerisch eher anspruchslos und dienen der reinen Markierung. Es gibt einige Parallelen zum Ganggraffiti, da auch Fußballfans verschiedener Mannschaften oft verfeindet sind und sich daher oft gegenseitig übermalen.
In den jeweiligen Heimatorten der Gruppen werden auch teilweise aufwändige Wandmalereien angefertigt. Heutzutage entnehmen die Ultras auch Elemente aus der Writing-Kultur und dem Streetart-Bereich bzw. Writer sind für eine Ultra-Gruppe tätig.
Streetart
Unter dem Begriff Streetart ( für Straßenkunst) werden nichtwritingbezogenes künstlerisches Graffiti, Stencils, die Stickerkunst, Plakatierung und auch Installationen im öffentlichen Raum zusammengefasst. Auch viele Akteure der Adbusting-Szene sind Streetartists. Bei der Streetart spielen bildliche Motive meist eine größere Rolle als die Schrift.
Stencil/Pochoir
mini|Stencil-Graffito in München, 2016: Die nonkonformistische Kinderbuchfigur Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren steht für einen Ausbruch aus der Geschlechterrolle. Unter einem Stencil oder Pochoir versteht man eine Schablone, die vorher angefertigt werden muss und durch die anschließend die Farbe gesprüht wird. Häufig werden entsprechend der ursprünglichen Verwendung Politiker, politische Symbole, ideologisch dargestellte Personen oder gesellschaftskritische Motive gesprüht.
Graffiti auf Plakaten/Adbusting Weit verbreitet und schon seit langem praktiziert sind Graffiti auf Plakaten, insbesondere solchen, auf denen Personen abgebildet sind. Die häufigste Form der Plakatgraffiti besteht darin, die auf diesen Plakaten abgebildeten Personen mit Bärten oder Hörnern zu „verzieren“. Graffiti auf Plakaten sind insbesondere zu Wahlkampfzeiten häufig zu beobachten. Diese Form von Graffiti ist eher in der Kategorie Klograffiti anzusiedeln.
Eine spezielle Form von Plakatgraffiti ist das sogenannte Adbusting, welches als Konsum- und Gesellschaftskritik verstanden werden soll. Die Akteure stammen meist aus dem Streetart-Bereich.
Reverse Graffiti