Die Operation Compass war die erste große militärische Operation der Alliierten des Zweiten Weltkriegs in Nordafrika. Zwischen Dezember 1940 und Februar 1941 griffen britische und Truppen der Commonwealth-Staaten in einem Gegenangriff nach der Italienischen Invasion Ägyptens die in Ägypten stehenden italienischen Truppen und später die italienische Kolonie Libyen an. Die Operation erwies sich mit der Vernichtung der 10. italienischen Armee als überaus erfolgreich. Etwa 130.000 italienische Soldaten gingen in Kriegsgefangenschaft und tausende Panzer, Artilleriegeschütze und Flugzeuge wurden zerstört.

Hintergrund Italien hatte Frankreich und Großbritannien am 10. Juni 1940 den Krieg erklärt. Der italienische Diktator Benito Mussolini ging von einem nur kurzen Krieg aus und hoffte, durch ein Bündnis mit dem Deutschen Reich einige der Gebietsansprüche Italiens befriedigen zu können. In Nordafrika bestanden sie zum einen aus einer Vergrößerung der Kolonie Italienisch-Libyen Richtung Westen um das französische Protektorat Tunesien. In östliche Richtung strebte Italien eine Kontrolle über Ägypten und den strategisch wichtigen Sueskanal an sowie die Herstellung einer direkten Landverbindung zu seinen Kolonien in Ostafrika. Nachdem Frankreich im Westfeldzug geschlagen worden war und Tunesien zum nun verbündeten Vichy-Frankreich gehörte, richteten sich die italienischen Expansionsziele in Nordafrika ganz auf Ägypten. Am 9. September 1940 marschierte Italien mit der 10. Armee in Ägypten ein, die aufgrund der schlechten Versorgung und des langsamen Marschtempos mit der Einnahme von Sidi Barrani letztlich nur geringe Geländegewinne in Ägypten erbrachte. Die zahlenmäßig deutlich unterlegenen alliierten Truppen konnten sich während der nur bis zum 16. September andauernden italienischen Offensive mit nur geringen Verlusten geordnet auf Mersa Matruh zurückziehen und dort ihre Position stabilisieren.

Militärische Ausgangslage Die 10. Armee hatte sich Ende Oktober bei Sidi Barrani eingegraben. Mario Berti schreckte aufgrund der schlechten Versorgungslage seiner Truppen von einem weiteren Vorstoß in Richtung Ägypten zurück. Das italienische Oberkommando, das ursprünglich einen Vormarsch bis zum Suez-Kanal gefordert hatte, war ab dem 28. Oktober 1940 vornehmlich mit der italienischen Invasion Griechenlands beschäftigt und übte auf Berti nur wenig Druck aus, den Vormarsch wieder aufzunehmen.

Großbritannien stand Ende November 1940 Italien an drei Fronten gegenüber: im Nordwesten Ägyptens waren italienische Truppen von Libyen kommend eingefallen, in Ostafrika hatten sie von Italienisch-Ostafrika aus das Horn von Afrika besetzt und über Albanien waren sie nach Griechenland vorgestoßen. Der Oberkommandierende des Middle East Command Archibald Wavell entschied, seine Kräfte zunächst auf Ostafrika zu konzentrieren. Die italienischen Truppen waren dort einerseits am exponiertesten und stellten andererseits die größte Bedrohung für die britischen Versorgungslinien über den Indischen Ozean und den Suez-Kanal dar. Im Nordwesten Ägyptens sollte die italienische Armee zugleich durch eine begrenzte, zunächst nur auf fünf Tage angelegte alliierte Operation gebunden werden.

Alliierter Angriffsplan mini|300px|Karte des Schlachtgebiets des Afrikafeldzugs 1941/42 Der Angriffsplan der Western Desert Force sah einen schnellen und unbemerkten Vormarsch etwa 60 km südlich der Via Balbia vor. Die 7. Gepanzerte sowie die 4. Infanterie-Division sollten dann in die Lücke zwischen den italienischen Lagern Sofafi und Nibeiwa vorstoßen. Während eine Brigade der 4. Division unterstützt von den Panzern der 7. die in Nibeiwa stationierte kampfstärkste italienische Formation, die Gruppe Maletti, angreifen sollte, würden die restliche Truppen Sofafi abriegeln und mögliche Gegenangriffe der dort stationierten italienischen Division „Kyrene“ abschlagen. Nach erfolgreicher Einnahme von Nibeiwa würde eine zweite indische Brigade erneut mit Panzerunterstützung die beiden italienischen Stellungen bei Tummar angreifen. Zeitgleich sollten die Coldstream Guards aus Mersa Matruh über die Via Balbia vorrücken und die italienische Stellung bei Maktula unter Feuer nehmen. Die Royal Navy würde den Angriff durch ein Bombardement von Maktula und Sidi Barrani unterstützen. Sofern die Angriffe erfolgreich wären, sollte am zweiten Tag Sidi Barrani zurückerobert werden und in den folgenden drei Tagen ein möglichst weiter Vormarsch nach Westen erfolgen.

Am 25. und 26. November wurde eine Übung durchgeführt, bei der die alliierten Truppen die Erstürmung von zwei Lagern probten. Lediglich einigen wenigen Offizieren war bekannt, dass es sich hierbei um die Vorbereitung für eine tatsächlich bevorstehende Operation handelte. Eine weitere Übung, so erfuhren die Soldaten, sei für den 7. Dezember angesetzt.

Beteiligte Streitkräfte Italien Die von Mario Berti geführte und nach Ägypten vorgestoßene 10. Italienische Armee verfügte zu Anfang Dezember 1940 über zehn Divisionen gegliedert in vier Korps (XX, XXI, XXII, XXIII) sowie einer „Gruppe Libyscher Divisionen“” („Gruppo Divisioni Libiche“) mit insgesamt 150.000 Mann. Einzig die Maletti-Gruppe war in Teilen motorisiert und verfügte zudem über 70 Panzer, je zur Hälfte leichte L3/35 und mittelschwere M11/39 von Fiat. Die restlichen Infanteriedivisionen waren nicht motorisiert. Die mitgeführte Artillerie und Panzerabwehrgeschütze hatten überwiegend kleinere Kaliber. Aus der Luft wurde die 10. Armee von etwa 330 Flugzeugen der Typen CR.32 und CR.42 unterstützt.

Mario Berti befand sich zu Beginn der Operation Compass auf Krankenurlaub, so dass sein Stellvertreter Italo Gariboldi die Armee kommandierte. Berti wurde schließlich am 23. Dezember vom Kommando entbunden und General Giuseppe Tellera übernahm die Führung der 10. Armee. 10. Italienische Armee XX. Korps 60. Infanteriedivision „Sabratha“ XXI. Korps 1. Schwarzhemden-Division „23. März“” 2. Schwarzhemden-Division „28. Oktober“ 63. Infanteriedivision „Kyrene“ XXII. Korps 61. Infanteriedivision „Sirte“ XXIII. Korps 4. Schwarzhemden-Division „3. Januar“ 64. Infanteriedivision „Catanzaro“ „Gruppe Libyscher Divisionen“ („Gruppo Divisioni Libiche“) Maletti-Gruppe 1. Libysche Division „Sibelle“ 2. Libysche Division „Pescatori“ Brigata Corazzato Speciale „Babini“ (ab Anfang Januar 1941)

Alliierte Die von Richard O’Connor geführten alliierten Streitkräfte (“Western Desert Force”) in Ägypten umfassten etwa 36.000 Mann, aufgeteilt in zwei Divisionen und einer zusätzlichen Brigade. Ab Mitte Dezember wurde eine weitere Division als Ersatz herangeführt. Die mitgeführten Panzer der Cruiser und Matilda-Klasse waren den italienischen Modellen deutlich überlegen. Luftunterstützung leisteten etwa 140 Gloster Gladiators.

Western Desert Force (ab 1941: XIII. Korps) 7. Gepanzerte Division (Vereinigtes Königreich) 4. Infanterie-Division (Britisch-Indien) (wurde ab dem 14. Dezember in den Sudan abgezogen) 6. Division (Australien) (war ab dem 14. Dezember an der Operation beteiligt) 16. Infanteriebrigade (Vereinigtes Königreich) 3. Bataillon Coldstream Guards (Vereinigtes Königreich)

Verlauf der Operation Die Schlacht der Lager bzw. die Schlacht von Marmarica Vorbereitung In der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember begannen die beiden alliierten Divisionen plangemäß und unbemerkt ihren Vormarsch zur Ausgangsstellung des Angriffs südöstlich von Sofafi und Nibeiwa. Erst dort erfuhren die Soldaten, dass die angekündigte Übung tatsächlich der Beginn der Offensive sein würde. Bereits am 8. Dezember begann die Royal Air Force (RAF) mit dem Angriff auf italienische Flugplätze und konnte dabei 29 feindliche Flugzeuge zerstören. In der Nacht zum 9. Dezember nahm die Shelby-Truppe, eine nur 1800 Mann umfassende alliierte Einsatzgruppe Position östlich von Maktila. Sie baute dort Panzerattrappen auf und sollte einen Scheinangriff auf das Lager bei Maktila führen, um das italienische Armeekommando glauben zu machen, der Hauptangriff werde entlang der Via Balbia geführt. Zu Unterstützung der Ablenkung bombardierte die Royal Navy vom 8. Dezember ab mit der HMS Terror und der HMS Aphis die italienische Stellung bei Maktila, während die HMS Ladybird Sidi Barrani unter Beschuss nahm. Obwohl ein italienisches Aufklärungsflugzeug noch am 8. Dezember die im Süden stehenden alliierten Divisionen entdeckt hatte, wurde diese Warnung vor dem tatsächlichen Hauptangriff auf Betreiben von Maletti ignoriert.

Die ersten Kampfhandlungen Am 9. Dezember um 5:00 Uhr eröffnete alliierte Artillerie aus östlicher Richtung schließlich das Feuer auf Nibeiwa. Um etwa 7:15 Uhr ging wie geplant eine Brigade der indischen Division mit Panzerunterstützung aus nordwestlicher Richtung gegen Nibeiwa vor. Nach nur etwas mehr als einer Stunde Kampf war Nibeiwa eingenommen. Von den 2500 Mann der Gruppe Maletti gingen etwa 2000 in Gefangenschaft, General Maletti selbst fiel bei dem Angriff. Von den zur Gruppe gehörenden Panzern wurden 23 M11/23 zerstört, der Rest konnte zusammen mit einer großen Menge weiterer Versorgungsgüter erbeutet werden. Die britischen Truppen hatten lediglich 56 Mann verloren.

Nur wenige Stunden später, um 13:50 Uhr ging eine weitere Brigade der indischen Division mit Panzerunterstützung gegen die italienischen Lager bei Tummar vor. Auch wenn die Angreifer dort auf zäheren Widerstand trafen, konnte das westliche Lager bei Tummar bis 16:00 eingenommen werden. Bis zum Einbruch der Nacht war dann auch das östliche Lager größtenteils eingenommen. Während die Kämpfe dort noch andauerten, stieß ein Aufklärungsregiment der 7. Division in nordwestlicher Richtung bis zur Küste vor, um die Straße zwischen Buq Buq und Sidi Barrani abzuschneiden.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Dezember zogen sich die Reste der 2. Libyschen Division aus Tummar nach Sidi Barani zurück. Auch die 1. Libysche Division verließ ihre Stellung bei Maktila um sich in Sidi Barrani neu zu positionieren. Am 10. Dezember rückten die Divisionen der Western Desert Force vor und riegelten Sidi Barrani ab. Um etwa 16:00 Uhr begann der Angriff auf die Stadt, die bis zum Abend eingenommen werden konnte. Die Reste von mittlerweile vier italienischen Divisionen zogen sich im Schutz der Dunkelheit Richtung Via Balbia nach Osten aus der Stadt zurück, beendeten ihren Ausfall aber, als sie auf die ihr aus Maktila entgegenkommende Shelby-Truppe stießen.

Am 11. Dezember wurden die verbliebenen italienischen Verteidiger an der Küste erneut angegriffen, die daraufhin bald kapitulierten. Zeitgleich rückte ein Regiment der 7. Division in Buq Buq ein und brachte die Stadt bei nur geringer Gegenwehr unter ihre Kontrolle. Der Befehl, nun auch das letzte verbliebene italienische Lager bei Sofafi im Süden anzugreifen, traf am 11. Dezember zu spät ein. Die dort stationierte Division „Kyrene“ hatte sich in der Nacht zuvor nach Westen zurückgezogen.

Vorstoß zur libyschen Grenze mini|Aufgegebene italienische L3/33-Tanketten auf einer Straße oberhalb von Bardia, 1941. Bis zum 15. Dezember rückte die Western Desert Force über den Halfaya-Pass weiter vor und konnte schließlich Sollum und Fort Capuzzo einnehmen. Ein Vorauskommando der 7. Panzerdivision hatte Bardia umgangen und die Straße von dort nach Tobruk abgeriegelt. Der Vormarsch gestaltete sich schwieriger als erwartet, da die Straße einerseits geradezu überfüllt war mit fliehenden italienischen Truppen und zurückgelassenem Material und andererseits die Versorgung der Truppe nur mit Mühe gewährleistet werden konnte. Der Hauptgrund hierfür war, dass etwa 20-mal mehr italienische Soldaten in Kriegsgefangenschaft gegangen waren als erwartet.