Tal der Wölfe – Irak (Originaltitel: Kurtlar Vadisi Irak) ist ein kontrovers diskutierter Spielfilm (Actiongenre) des türkischen Regisseurs Serdar Akar aus dem Jahr 2006. Die Handlung knüpft an die erfolgreiche Fernsehserie Tal der Wölfe an. Dort kämpft der Filmheld, Polat Alemdar, als Geheimagent des fiktiven türkischen Geheimdiensts KGT gegen die Mafia. Im Kinofilm reist er in den Irak, um die als Demütigung der Türkei erlebte Sackaffäre an den US-Truppen zu rächen. Dem Film folgten drei Fortsetzungen, zuletzt Tal der Wölfe – Vaterland im Jahr 2017.
Mit Produktionskosten von etwa acht Millionen Euro war der Film bis dahin die teuerste türkische Filmproduktion. Mit bisher über drei Millionen Zuschauern (Stand Februar 2006) ist er auch einer der erfolgreichsten.
Handlung Der Film beginnt mit dem Selbstmord eines jener türkischen Offiziere nach der Sackaffäre. Im Abschiedsbrief fordert er zur Rache für diese Schmach auf, nachdem eine telefonische Bitte des Befehlshabers der Offiziere, gegen ihre amerikanischen Beleidiger an Ort und Stelle den Heldentod im Feuergefecht suchen zu dürfen, von einem oberen Befehlshaber abgelehnt wurde. Weil die Amerikaner die türkischen Soldaten für Terroristen deklariert haben, bekamen die Soldaten alle einen Sack über den Kopf gezogen, um sie in der Öffentlichkeit bloßzustellen.
In der nächsten Einstellung ist bereits das Spezialteam um den Protagonisten des Films Polat Alemdar unterwegs nach Arbil. Gleich zum Auftakt werden drei kurdische Soldaten an einer Straßensperre getötet. Danach installiert das Team im H(ar)ilton-Hotel Sprengstoff und erzwingt so das Erscheinen des im Film für die Sackaffäre und weitere Grausamkeiten verantwortlichen US-Geheimdienstagenten Sam William Marshall. Durch seine Skrupellosigkeit kann dieser seinem Schicksal jedoch noch einmal entgehen, da Polat Alemdar, angesichts ins Hotel verschleppter Kinder, von einer Sprengung absieht.
Später präpariert die Gruppe einen Flügel Saddam Husseins, der Sam William Marshall geschenkt werden soll, mit Sprengstoff. Dieser entkommt jedoch wiederum durch Zufall seinem Tod. Nach zahlreichen Prüfungen gelingt es Polat Alemdar schließlich, Sam William Marshall mit einem Dolchstoß ins Herz zu töten.
In einer der Nebenhandlungen erstürmen US-Soldaten unter fadenscheinigen Vorwänden eine Hochzeit, ermorden den Bräutigam, einige Gäste und den kleinen Ali und verschleppen und misshandeln den Rest der Hochzeitsgesellschaft als vermeintliche Terroristen. Die Braut Leyla sinnt seitdem auf Rache und wird zur Lebensretterin Polat Alemdars und seiner Gefährten. Sie scheitert jedoch daran, die Rache selbst zu vollziehen, an ihrer statt stößt dann Polat den einst Leyla zur Hochzeit geschenkten Dolch in Sams Herz.
Das Schicksal der Hochzeitsgesellschaft steht exemplarisch für die Schrecken der US-Besatzung. Die überlebenden Hochzeitsgäste werden nach ihrer Festnahme in einem verschlossenen Container transportiert. Auf die Gefahr des Erstickens aufmerksam gemacht, schießt der Agent Dante wahllos Löcher in die Containerwand und die gefangenen Menschen. Der Transport erreicht das Gefängnis Abu-Ghuraib. Nur wenige der Transportierten stehen noch aufrecht, zahlreiche sind bereits tot. Eine folgende Szene stellt die Misshandlungen durch Lynndie England und ihre Kollegen nach. Gefangene werden entkleidet und nackt aufgestapelt oder mit eiskalten Wasserstrahlen gefoltert.
Im Gefängnis entnimmt ein jüdischer Arzt Gefangenen Nieren und andere Organe, um sie nach Tel-Aviv, London und New York zu versenden. Bereits im H(ar)ilton-Luxushotel hatte ein durch Schläfenlocken und schwarzen Kaftan erkennbarer Jude nach dem Auftritt der Helden die Szene verlassen. Sam William Marshall hat ein christliches Abendmahlsbild an der Wand hängen und schwört unter Anbetung seines Kruzifixes, Babylon von den Ungläubigen, den Muslimen, zu befreien.
Die muslimische Gegenfigur zu den US-Besetzern ist der Qadiri-Scheich Abdurrahman Halis Kerküki. Die von ihm aufgezogene Leyla hält er nach dem Verlust ihres Ehemannes davon ab, zur Selbstmordattentäterin zu werden, da dies eine zweifache Sünde wider den Islam sei. Später verhindert er die Enthauptung eines entführten Journalisten durch jugendliche al-Qaida-Anhänger. Der von ihm verkörperte, moralisch überlegene Islam wird als die einigende Kraft für die von den US-Truppen gegeneinander aufgestachelten ethnischen Gruppen und als der eigentliche Gegenspieler der Besatzer dargestellt.
Historischer Hintergrund Hauptartikel: Sackaffäre Dem Film liegt eine historische Begebenheit zugrunde, die so genannte Sackaffäre. Am 4. Juli 2003, einige Wochen nach dem offiziellen Ende des Irakkrieges, wurden in der nordirakischen Stadt Sulaimaniyya elf türkische Offiziere und Geheimdienstoffiziere sowie 13 Zivilisten gefangen genommen. Es hätte Hinweise gegeben, dass sie einen Anschlag auf den irakisch-kurdischen Gouverneur der Provinz Kirkuk vorbereiteten. Mit Säcken über ihre Köpfe gestülpt wurden diese Offiziere von US-Soldaten abgeführt und 60 Stunden festgehalten. Die Affäre löste in der Türkei öffentliche Entrüstung aus. Weder die USA noch die Türkei entschuldigten sich öffentlich bei der jeweils anderen Seite, beide drückten jedoch ihr Bedauern über den Vorfall aus.Regret over Turkish troops’ arrest. news.bbc, 15. Juli 2003.
Kritik Kurtlar Vadisi – Irak vermengt Ereignisse der US-Besatzung im Irak mit Ereignissen aus Afghanistan und verschiedenen, auch antisemitischen Klischees zum universellen Schrecken der US-Besatzung. Erstmals in der Filmgeschichte greift ein Spielfilm die Folterszenen im Gefängnis Abu-Ghuraib auf. Auch ansonsten bedient sich der Film tatsächlicher Geschehnisse, so des Massakers an einer Hochzeitsgesellschaft im Dorf Maqarr adh-Dhib,Wedding party massacre. In: The Guardian. 20. Mai 2004. der Aufstachelung der Ethnien gegeneinander und der im Film zum Mythos stilisierten Festnahme türkischer Soldaten und Geheimdienstagenten.
Selbst die Darstellung des Gefangenentransports, bei dem auf einen Container, in dem Gefangene zu ersticken drohen, geschossen wird, „um Löcher für die Luft zu schaffen“, orientiert sich an Berichten über Massaker an kriegsgefangenen Taliban im November 2001. Im Dokumentarfilm Das Massaker von Mazar von Jamie Doran bestätigen afghanische Soldaten den Transport von Gefangenen in Containern und deren Beschuss, „um für Ventilation zu sorgen“. Auch bei Verstümmelungen und Hinrichtung von Gefangenen seien US-Soldaten zugegen gewesen.
Im Gefängnis in Abu-Ghuraib wird ein jüdischer Arzt gezeigt, der lebenden und sterbenden Gefangenen Organe entnimmt und nach Tel Aviv, London und New York sendet.
Als klischeehaft kann man auch die Darstellung der im Auftrag der US-Regierung arbeitenden Söldner sehen, die an die umstrittenen Kämpfer von Firmen wie Academi (damals Blackwater) erinnern, welche im Film aus muskelbepackten Rambo-ähnlichen Figuren bestehen. Sie bilden im Film die Leibwache des Bösewichts, der selbst auch Zivilist ist, und sein Vertrauensverhältnis zu ihnen wird vertrauter dargestellt als zu den Soldaten. Auf die Szene, in der Löcher in den Container mit den Gefangenen geschossen werden, folgt ein Disput zwischen einem regulären Soldaten und dem Söldner der hier der Täter ist. Der Soldat rügt den Söldner für seine Tat, worauf dieser den Soldaten erschießt. Weitere Klischees sind die immer unrasierten und von den Filmhelden nie ernstgenommenen kurdischen Kollaborateure.
Genreüblich wird die Welt in Gut und Böse aufgeteilt, wobei die Besetzung der Bösen mit US-Truppen hollywoodgeprägte Sehgewohnheiten durchbricht und statt gewohnter orientalistisch-rassistischer und antikommunistischer eher antiamerikanische, antichristliche und antisemitische Klischees bedient.
Der Film legitimiert durchgängig die in der Türkei als derin devlet (Tiefer Staat) bezeichneten Verstrickungen von Geheimdiensten, Militär, Mafia, nationalistischen und religiösen Organisationen. Exemplarisch steht dafür der nationalistische Agent Polat Alemdar, der in der Serie die Mafia unterwandert hat, im Irak nun die Schmach der Armee rächt. Dem durch Qadiri-Scheich Kerküki verkörperten Islam begegnet er stets voller Respekt und verhilft dessen Kampf auf der weltlichen Ebene zum Sieg.
Für diese Arbeitsteilung gibt es eine Entsprechung in der Wirklichkeit. Der Onkel der drei am Film beteiligten Brüder Necati (Hauptdarsteller), Raci (Drehbuchautor) und Zübeyr Şaşmaz war Abgeordneter der als rechtsextrem geltenden, türkisch-nationalistischen Partei MHP, Vater und Großvater hingegen Scheich der Qadiriyya. Im näheren Umfeld gibt es weitere Verbindungen zu MHP, BBP und Qadiriyya.
Reaktionen in der Türkei In der Türkei ist der Film äußerst erfolgreich. Er wurde wiederholt von Politikern der AKP-Regierung gelobt. Der Film wird auch aufgerechnet gegen den turkophoben US-Film aus dem Jahre 1978 Midnight Express von Alan Parker, der die Qualen eines jungen US-Bürgers schildert, der wegen eines Drogendeliktes in ein türkisches Gefängnis gerät.
Der Istanbuler Oberbürgermeister Kadir Topbaş schaltete sich in die Kontroverse ein und meinte begeistert: und Wir haben unseren Rambo gefunden. In: Süddeutsche Zeitung. 17. Januar 2006.„Tal der Wölfe“: Klare Fronten sorgen für Kasse. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 18. Januar 2006. Industrieminister Ali Coşkun sagte voraus, der Film werde in die türkische Kinogeschichte eingehen; er fügte hinzu: Abgedreht. In: Tagesspiegel, 20. Januar 2006. Netzeitung, 21. Januar 2006. Turkish Daily News, 23. Februar 2006. (engl.) Parlamentspräsident Bülent Arinc fragte den Regisseur, ob das Drehbuch denn der Wirklichkeit entspreche. , antwortete der. Arinc lobte ihn als ausgezeichneten Film, werde. Die Ehefrau des Premierministers Recep Tayyip Erdoğan, Emine, nahm bei der Vorstellung neben dem Hauptdarsteller Platz und gratulierte ihm begeistert: Es sei gewesen.Die neuen Osmanen. In: Die Zeit, Nr. 9/2006.
Die Zeitung Vatan (Vaterland) schrieb: Andererseits wendeten sich Gegner nationalistisch-islamistischer Einigungsbestrebungen scharf gegen den Film, so Haluk Şahin in Radikal. In: Radikal, 10. Februar 2006. (türk.) Auch von anderen auflagenstarken Zeitungen bekam der Film schlechte Kritiken. Die Zeitung Milliyet wirft dem Film vor, den Zuschauer aufzuzwingen. Vor allem der Antiamerikanismus wird in der Türkei kritisiert, der in Deutschland viel diskutierte Antisemitismus spielt dagegen kaum eine Rolle.
Reaktionen in Deutschland Nachdem die Debatte in den Feuilletons begonnen hatte, zitierte am 19. Februar 2006 die Bild am Sonntag den CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber:
Auf die Frage, ob er den Film denn schon gesehen habe, antwortete er mit einem „Nein!“
Darauf antwortete der Verleiher des Films Şahin, dass die von Stoiber geforderte Absetzung den Rechtsradikalen in die Hände spiele:Verleiher von „Tal der Wölfe“ greift Stoiber an. dradio.de, 21. Februar 2006.
Einen ähnlichen Gedankengang mit umgekehrter Schlussfolgerung äußerte Cem Özdemir, Europaabgeordneter der Grünen:
Claudia Roth sichtete den Film, um die Vorwürfe von Edmund Stoiber zu prüfen und kam zu dem Urteil:Claudia Roth im Tal der Wölfe. In: Spiegel Online. 28. Februar 2008.
Bülent Arslan, der Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Forums der CDU, nahm den Film vor Verbotsaufrufen in Schutz und verwies darauf, dass amerikanische Filmproduktionen mit ähnlichen Feindbildern arbeiten.
In der jungen Welt wurde der Film kontrovers diskutiert. Während Nick Brauns den Film als holzschnittartige Frontstellung im Kulturkampf kritisierte, sah Jürgen Elsässer die allgemein geäußerten Kritikpunkte nicht bestätigt. Für ihn ist der Film „ganz nach der Rezeptur von Hollywood – nur eben politisch andersrum“ und er sieht ihn daher als „Mittel gegen den Kampf der Kulturen“. Werner Pirker führte ebenfalls in der jungen Welt die Vorwürfe ironisierend auf den „offenbar hohen Realitätsgehalt“ des Filmes zurück.