mini|Regionen Äthiopiens seit 2023 Die Verwaltungsgliederung Äthiopiens hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrmals geändert. Sie besteht in ihrer heutigen, föderalistischen Form seit 1995. Seit der Schaffung der Region Südäthiopien ist Äthiopien in zwölf Regionen und zwei regionsunabhängige Städte gegliedert.
Die dezentrale Struktur Äthiopiens reicht bis auf verschiedene Königreiche innerhalb des einstigen Kaiserreiches zurück, die bis zur italienischen Besatzung 1936 existierten.
Gegenwärtige Gliederung mini|hochkant=1.2|Verwaltungsgliederung Äthiopiens: In schwarz die Grenzen der Regionen,in grau die Grenzen der Zonen,in weiß die Grenzen der Woredas (ca. 2008) Der heutige föderale Aufbau Äthiopiens wurde von der Regierungskoalition EPRDF mit der neuen Verfassung von 1995 eingeführt. Sie unterteilt das Land in ursprünglich neun Regionen oder Bundesstaaten bzw. Kililoch (Einzahl: Kilil oder kǝllǝl, ክልል)Verfassung, Art. 47 und zwei unabhängige Städte (Astedader Akababiwoch; Einzahl: Astedader Akababi). Nach drei Referenden in der Region der südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker wurde diese schrittweise zunächst aufgespalten und schließlich aufgelöst. Im Juni 2020 wurde die neue Region Sidama gegründet, im November 2021 spaltete sich die Region der südwestäthiopischen Völker ab und im August 2023 entstanden auf dem noch verbleibenden Gebiet die beiden Regionen Zentraläthiopien und Südäthiopien.
Die Regionen werden weiter in 85 Zonen untergliedert. Die Zonen setzen sich aus etwa 765 Woredas beziehungsweise Distrikten zusammen, die wiederum in Kebeles unterteilt sind. Manche Kebeles bilden Städte. Mancherorts wurden unterhalb der Kebele noch tiefere Verwaltungsebenen eingeführt; dies dient laut Kritikern auch dazu, die Kontrolle des Regierungsbündnisses EPRDF über die Bevölkerung zu verstärken.Ben Rawlence, Leslie Lefkow: „One hundred ways of putting pressure“. Violations of freedom of expression and association in Ethiopia. Human Rights Watch, New York NY 2010, ISBN 1-56432-610-1, S. 23 f., online.
Die Verfassung garantiert den Regionen bzw. Bundesstaaten weitgehende Machtbefugnisse. Die Regionen können ihre eigene Regierung stellen und ihre eigene demokratische Organisation im Rahmen der Verfassung des Bundes erlassen. Jede Region hat ihr eigenes Parlament, in welches die Abgeordneten aus den Distrikten direkt gewählt werden. Die Regionalparlamente haben entsprechende legislative und exekutive Befugnisse, die inneren Angelegenheiten der Bundesstaaten zu regeln. Artikel 39 der äthiopischen Verfassung räumt zumindest theoretisch jeder Region das Recht ein, sich von Äthiopien zu lösen (Sezessionsrecht).
Die Regionen wurden nach ethnischen Kriterien eingeteilt, wobei die größeren Volksgruppen jeweils eine eigene Region erhielten. Diese Gliederung wird auch als ethnischer Föderalismus bezeichnet. Sie wird innerhalb Äthiopiens wie auch in der Forschung zur Geschichte und Politik des Landes unterschiedlich beurteilt: Ihren Befürwortern zufolge gewährleistet sie die Selbstbestimmung der äthiopischen Völker und verhinderte zugleich einen Zerfall des Landes durch die Unabhängigkeitsbewegungen verschiedener Volksgruppen. Gegner des ethnischen Föderalismus argumentieren hingegen, dass dieser die nationale Einheit schwäche. Das Oppositionsbündnis Qinijit, das vor allem amharische Parteien umfasst, lehnt diese Einteilung daher ab. Die Vereinigten Äthiopischen Demokratischen Kräfte als zweite große Oppositionskoalition, die vorwiegend bei der Oromo-Volksgruppe verankert ist, tritt hingegen für eine stärkere Föderalisierung ein.John W. Harbeson: Ethiopia's Extended Transition. In: Journal of Democracy. Bd. 16, Nr. 4, Oktober 2005, S. 144–158, hier S. 149, .
Forschungen stützen den Schluss, dass es in verschiedenen Gebieten zu einer „Ethnisierung“ der Politik gekommen ist und dass sich Beziehungen zwischen Volksgruppen verändert haben, beispielsweise zwischen den Guji und anderen Oromo-Gruppen und verschiedenen Völkern der Region der südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker oder zwischen Untergruppen der Oromo und Somali.Tobias Hagmann, Mohamud H. Khalif: . In: Bildhaan. An International Journal of Somali Studies. Bd. 6, 2006, , S. 25–49, (PDF; 121 kB).
Tabellarische Übersicht Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über die Regionen und unabhängigen Städte nach Name, Fläche, Einwohnerzahl, Bevölkerungsdichte und wichtigsten Volksgruppen. Bezüglich Flächenangaben und der daraus berechneten Bevölkerungsdichte ist zu beachten, dass zwischen manchen Regionen Grenzstreitigkeiten bestehen. Daher gibt es abweichende Angaben und unterschiedliche Darstellungen auf Karten.
+ Regionen und unabhängige Städte in Äthiopien Region (* = Stadt) Hauptstadt Flächein km² Einwohner(2022)Zentrale Statistikagentur: . S. 7, (PDF; 1,7 MB). Bev.-Dichte (Einw/km²) HDITitularnationund wichtige Völker Lage FlaggeAddis Abeba*– 530 3.860.000 7.3240,698–60px80pxDire Dawa*– 1.213 535.000 3430,544Oromo, Amharen, Somali60px80pxAfarAsaita/Semera 96.707 2.091.000 220,405Afar60px80pxAmharaBahar Dar 156.960 22.877.000 1480,443Amharen60px80pxBenishangul-GumuzAsosa 50.248 1.218.000 240,453Berta, Gumuz60px80pxGambelaGambela 25.802 508.000 170,539Nuer, Anuak60px80pxHararHarar 374 276.000 3340,562Aderi; Oromo, Somali60px80pxOromiaAdama (Nazret) 353.632 40.061.000 1130,448Oromo60px80pxRegion der südwestäthiopischen Völker (seit 2021)Bonga39.884 3.303.000830,46460px80pxSidama (seit 2020)Awassa6.6954.623.000691Sidama60px80pxSomaliJijiga 279.252 6.506.000 200,409Somali60px80pxSüdäthiopien (seit 2023)Wolaita SodoWolaytta u. a.60px80pxTigrayMek’ele 50.079 5.739.000 1150,487Tigray60px80pxZentraläthiopien (seit 2023)HosaenaHadiyya, Gurage u. a.60px80px
Amtsblätter : Federal Negarit Gazette (; Amharisch, Englisch)Federal Negarit Gazeta Establishment Proclamation No. 3/1995; Federal Laws. Vorgänger waren Lumière et Paix () ab 1925 und die Negarit Gazeta ab 1942 (Proclamation 1/1942). 20px|verweis=Addis Abeba AA: Addis Negari Gazeta (; Amharisch, Englisch) 20px|verweis=Dire Dawa DD: Dire Negarit Gazeta (; Amharisch) : Afar Region Dinkara Gazeta (; Afar, Amharisch, Englisch) : Zikre-Hig Gazette (; Amharisch, Englisch) : Lissane Hig Gazeta (; Amharisch, Englisch) : Gambella Negarit Gazeta () ? : Harar Negari Gazeta (; Amharisch) (=1996) : Megeleta Oromia (Magalata Oromiyaa, ; Oromo, Amharisch, Englisch) 20px SI: SNRS Affini Gazeta (SDQM Affini Gaazeexa, ; Sidama, Amharisch) : Dhool Gazeta (Somali, Amharisch, Englisch) 20px SW: Debub Merab Negarit Gazeta () : (; Tigrinya, Amharisch) (=1996); 20px C?: Maekelawi Negarit Gazeta () 20px S?: Debub Ethiopia Negarit Gazeta (; ehemals: Debub Negarit GazetaEstablishment of the Debub Negarit Gazeta Proclamation No. 2/1995) Die Negarit, eine große Trommel, war früher ein Herrschaftssymbol in Äthiopien und diente der Ankündigung öffentlicher Bekanntmachungen.
Historische Entwicklung mini|Expansion unter Menelik II.
Den Anfängen einer Provinzorganisation zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgten mehrere Umstrukturierungen in den Jahren 1936, 1941, 1960, 1965, 1974, 1981, 1987, 1991, 1993, 2020, 2021 und 2023 bis zur gegenwärtigen Struktur von 2024.
1855–1936 mini|Provinzen vor 1936 Im 18. Jahrhundert zerfiel das Reich der salomonischen Dynastie in die Herrschaftsbereiche Begemder (mit Gonder), Godscham, Shewa, Wällo und Tigray (Ära der Richter). Ab 1855 gelang es Tewodros II., diese Gebiete wieder zu vereinen. Menelik II. aus Shewa verlegte die Hauptstadt ins 1886 gegründete Addis Abeba und dehnte seine Herrschaft im Südosten über das Emirat Harar (1887) aus, im Süden über die Königreiche der Region Gibe (1885/1902 Gumma, 1886 Gomma, 1891 Limmu-Ennarea, 1894 Janjero; 1884/89 Oberhoheit über Jimma/Abba Jifar mit Garo und Gera) sowie über Wolaytta (1896) und Kaffa (1897). Aus den bestehenden Feudalstrukturen entwickelten sich allmählich Provinzen ().vgl. ethnia.org: Ethiopia 1936-May-01; Margery Perham: The Government of Ethiopia (1948), S. 262 ff.
Italienische Besatzung (1936–1941) mini|Administrative Einteilung von Italienisch-Ostafrika (A.O.I.) Während der italienischen Besatzung wurden grundlegende Neuordnungen durchgeführt. Das vom faschistischen Italien besetzte Äthiopien war Teil der Kolonie Italienisch-Ostafrika. Es wurden Governorate mit Kommissariaten geschaffen.Ordinamento e amministrazione dell'Africa Orientale Italiana. Regio Decreto-Legge 1 giugno 1936, n. 1019; 11 novembre 1938, n. 1857 Amhara (Hauptstadt Gondar) (sechs Kommissariate) Eritrea (Hauptstadt Asmara) (zwölf Kommissariate) Galla und Sidamo (Hauptstadt Jimma) (zwölf Kommissariate) Harar (Hauptstadt Harar) (sieben Kommissariate) Scioa (Shewa, Schoa; Hauptstadt Addis Abeba) (ein Kommissariat) Somalia (teilweise; nur die Kommissariate Ogaden und Uebi Gestro) inklusive Oltre Giuba
1941–1987 mini|Karte der 14 Regionen 1974–1981 mit den 102 Awraddschas Nach der Befreiung von der italienischen Kolonialherrschaft wurde das Kaiserreich Abessinien wiederhergestellt, und es wurden 12 Provinzen ()Teklay Ghizat Administration, Decree 1/1942 in der Fassung durch Decree 6/1946 geschaffen: Arsi (Arusi, Arussi; Hauptstadt Asela) Begemder (Gondar; Hauptstadt Gondar) Gemu-Gofa (Hauptstadt Chenca, ab 1965 Arba Minch) Godscham (Gojjam, Goddscham; Hauptstadt Debre Markos) Harerge (Hararghe; Hauptstadt Harar) Illubabor (Hauptstadt Gore, ab 1978 Metu) Kaffa (Kafa, Kefa; Hauptstadt Jimma) Shewa (Hauptstadt Addis Abeba) Sidamo (Hauptstadt Yirgalem, ab 1978 Awassa) Tigray (Tigre; Hauptstadt Mek’ele) Wollega (Hauptstadt Nekemte) Wällo (Welo, Wollo; Hauptstadt Dessie/Dese)
Eine weitere Unterteilung erfolgte in die Einheiten Awraddscha () und Woreda (). 1960 wurde Bale als 13. Provinz mit der Hauptstadt Goba von Harerge abgetrennt, 1965 das bis dahin autonome Eritrea als 14. Provinz mit der Hauptstadt Asmara aufgenommen.
Nach dem Sturz Kaiser Haile Selassies und der Machtübernahme durch das Militär 1974 wurden durch den provisorischen Militärverwaltungsrat Derg die bestehenden Provinzen in Regionen () umbenannt. Darunter bestanden 102 Awraddschas und 556 Woredas.Ethiopia: a country study (4th ed. 1993), S. 222 1981 wurden auch die Hauptstadt Addis Abeba aus Shewa und die Region Assab aus Eritrea ausgegliedert und eigenständige Regionen.
1987–1991 Am 18. September 1987 wurden in der Demokratischen Volksrepublik Äthiopien durch Parlamentsbeschluss die Militärherrschaft abgeschafft und die Regionen neu organisiert. Das Land wurde in fünf autonome Regionen () und 25 Verwaltungsregionen () unterteilt.Proclamation 14/1987 to establish Autonomous and Administrative Regions of the PDRE; für eine Karte dieser Gliederung vgl. Gebru Tareke: Ethiopia. Power & Protest. Peasant Revolts in the Twentieth Century. 1st Red Sea Press, Inc. edition. Red Sea Press, Lawrenceville NJ u. a. 1996, ISBN 1-56902-019-1. Darunter bestanden 323 Awraddschas;Statistical Bulletin 1987, S. 20 die Woredas entfielen. Die Einrichtung der autonomen Regionen war eine Reaktion auf die Rebellionen und Unabhängigkeitsbewegungen in verschiedenen Landesteilen. mini|Die Regionen 1987–1991 Autonome Regionen: Eritrea () – Hauptstadt: Asmara Tigray () – Mekele Assab () – Assab Dire Dawa () – Dire Dawa Ogaden () – Kalafo Verwaltungsregionen: Nord-Gondar () – Gondar Süd-Gondar () – Debre Tabor Nord-Wällo () – Lalibela Süd-Wällo () – Dese Ost-Goddscham () – Debre Markos West-Goddscham () – Bure Metekel () – Gilgil Beles Assosa () – Assosa Wellega () – Nekemte Nord-Shewa () – Fiche Addis Abeba () – Addis Abeba West-Shewa () – Addis Alem Süd-Shewa () – Hosaena West-Hararge () – Asebe Teferi Ost-Hararge () – Harar Arsi () – Asela Bale () – Goba Gambella () – Gambella Illubabor () – Metu Kaffa () – Jimma Gamu Gofa () – Arba Minch Sidamo () – Awassa Nord-Omo () – Gidole Süd-Omo () – Jinka Borena () – Negele Boran
1991–1993/95 mini|Ethnien in Äthiopien