Die Geschichte von Sinuhe ist ein im Original titelloses Werk der altägyptischen Literatur aus dem Anfang der 12. Dynastie des Mittleren Reichs (ca. 1900 v. Chr.). Der unbekannte Autor der Dichtung schildert in Form einer Ich-Erzählung die vermutlich fiktive Lebensgeschichte des Hofbeamten Sinuhe, der nach dem Tod des Königs (Pharao) Amenemhet I. in Panik gerät und nach einer abenteuerlichen Flucht schließlich in der Region Palästina sesshaft wird. Doch im Alter wird er von Heimweh geplagt. Tatsächlich bittet ihn Sesostris I., wieder heimzukehren, da er dessen Unschuld am Tode seines Vaters Amenemhet erkannt habe. Daraufhin kehrt Sinuhe nach Ägypten zurück und wird dort mit allen Ehren empfangen.
Die Erzählung hat einen starken Bezug zum Königshof von Sesostris I. und wird teilweise als eine Art Propaganda angesehen, welche die Loyalität zum König betonen soll. Daneben scheint die Identität als Ägypter, insbesondere im Spiegelbild des Auslands, und der Wunsch, als Ägypter begraben zu werden, eine besondere Rolle zu spielen.
Die meisten Ägyptologen stimmen darin überein, dass es sich um ein Meisterwerk der ägyptischen Literatur und die bekannteste Erzählung aus dem Alten Ägypten handelt,Günter Burkard, Heinz J. Thissen: Einführung in die Altägyptische Literaturgeschichte I. Altes und Mittleres Reich. Berlin 2007, S. 115–116.Elke Blumenthal: Die Erzählung des Sinuhe. In: Otto Kaiser u. a. (Hrsg.): Texte aus der Umwelt des Alten Testaments III. Mythen und Epen. Gütersloh 1995, S. 885. für Richard Parkinson allerdings auf Kosten von anderen, weniger zugänglichen Werken.Richard B. Parkinson: Teachings, Discourses and Tales from the Middle Kingdom. In: Stephen Quirke (Hrsg.): Middle Kingdom Studies. New Malden 1991, S. 91–122, hier S. 114. Sie wurde noch lange nach ihrer Entstehung gelesen und weiterverbreitet. In moderner Zeit fand sie Eingang in die Literatur und das Medium Film.
Überlieferung und Datierung
Die Erzählung ist auf zurzeit 36 bekannten Handschriften überliefert (8 Papyri und 28 Ostraka).Gerald Moers: Sinuhe. In: . Alle stammen aus dem Mittleren oder Neuen Reich und wurden in hieratischer Schrift, der Kursivschrift der Hieroglyphen, und in mittelägyptischer Sprache verfasst. Meist wird sie anhand Transkriptionen in die Hieroglyphen übersetzt. Als Standard-Edition gilt seit 1990 jene von Roland Koch.Roland Koch: Die Erzählung des Sinuhe. Bruxelles 1990.
Entstehungszeit
Die Handlung der Sinuhe-Erzählung endet in den späten Regierungsjahren von Sesostris I. (regierte ca. 1956 bis 1910 v. Chr.),Jürgen von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Die Zeitbestimmung der ägyptischen Geschichte von der Vorzeit bis 332 v. Chr. Mainz 1997, S. 189. womit der frühestmögliche Entstehungszeitpunkt (Terminus post quem) gegeben ist. Die älteste überlieferte Handschrift (Papyrus Berlin 3022) datiert etwa 100 bis 150 Jahre später, in die zweite Hälfte der 12. Dynastie.Elke Blumenthal: Die Erzählung des Sinuhe. S. 884. Damit ist der spätestmögliche Entstehungszeitpunkt (Terminus ante quem) gegeben. Aus inhaltlichen Gründen wird im Allgemeinen angenommen, dass das Werk unmittelbar nach den geschilderten Ereignissen entstanden ist, möglicherweise noch während der Regierungszeit von Sesostris I. oder kurz danach.Elke Blumenthal: Altägyptische Reiseerzählungen. Die Lebensgeschichte des Sinuhe. Der Reisebericht des Wen-Amun. Leipzig 1982, S. 53 und Die Erzählung des Sinuhe. S. 884.
Handschriften des Mittleren Reiches mini|Beginn der Geschichte von Sinuhe nach Papyrus Berlin 10499 in einer Edition von Georg Möller
Die vollständigste und wohl älteste erhaltene Handschrift der Sinuhe-Erzählung ist der Papyrus Berlin 3022 (abgekürzt B). Er wurde vermutlich in einem thebanischen Privatgrab gefunden und datiert in die zweite Hälfte der 12. Dynastie; aufgrund eines Schreibfehlers zu Beginn des Briefs wird die Regierungszeit eines Königs mit dem Namen Amenemhet angenommen, womit Amenemhet II. und Amenemhet III. in Frage kämen. Ebenfalls aus Theben, aus einem Grab in der Nähe des späteren Ramesseums, stammt der Papyrus Berlin 10499 (abgekürzt R).Frank Feder: Die poetische Struktur der Sinuhe-Dichtung. In: Ludwig Morenz, Stefan Schorch (Hrsg.): Was ist ein Text? Alttestamentliche, ägyptologische und altorientalische Perspektiven. Berlin / New York 2007, S. 171–172. Zusammengenommen bieten die beiden Papyri B und R den Text von Anfang bis Ende, und nach deren Zeilen- und Spalteneinteilung wird die Erzählung üblicherweise zitiert (R1–R24, B1–B311). B und R sind mehr als ein Jahrhundert jünger als die erste Niederschrift und weichen etwas von diesem (nicht mehr erhaltenen) Urtext ab.Ludwig Morenz: Kanaanäisches Lokalkolorit in der Sinuhe-Erzählung und die Vereinfachung des Urtextes. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. (ZDPV) Band 113, 1997, , S. 2, .
mini|hochkant|Papyrus UC 32773 (auch Papyrus Harageh 1) aus Harageh, heute im Petrie Museum
Vermutlich ebenfalls in die späte 12. Dynastie datieren zwei Papyrusfragmente mit nur wenigen Zeilen Text. Diese stammen aus Al-Lahun, das am östlichen Taleingang des Fayyum-Beckens liegt und sich in der direkten Umgebung des Regierungszentrums des Mittleren Reichs befand. Einen Großteil dieser Lahunpapyri entdeckte Flinders Petrie 1888–89, darunter vermutlich auch Papyrus UC 32106C, dessen Fundort nicht genau vermerkt wurde, der aber wohl zu einem Archiv mit literarischen und nichtliterarischen Texten gehörte. Der Text des Sinuhe befindet sich auf dem Verso; das Recto enthält einen unbekannten, vermutlich ebenfalls literarischen Text. Papyrus UC 32773 (auch Papyrus Harageh 1, abgekürzt H) wurde in der Nekropole von Harageh von Reginald Engelbach gefunden und stammt womöglich aus einem Grab.
Paläografisch lässt sich auch Papyrus Buenos Aires (abgekürzt BA), ein weiteres Fragment mit der Erzählung, in die 12. Dynastie datieren, allerdings ist über dessen Herkunft und Umstände des Erwerbs nichts bekannt.
Handschriften des Neuen Reiches
Der sehr fragmentarische Papyrus Moskau 4657 (abgekürzt G) enthält nur Passagen vom Anfang der Erzählung. Er wurde um 1900 vom russischen Ägyptologen Wladimir Semjonowitsch Golenischtschew angeblich in Luxor gekauft, über die Fundumstände ist allerdings nichts bekannt. Nach inhaltlichen Kriterien wurde auch schon eine Herkunft aus dem Norden angenommen, etwa aus Memphis, allerdings spricht die Ähnlichkeit zu den Papyri aus Deir el-Medina doch für eine Herkunft aus Theben. Paläografisch lässt er sich in die späte 18. oder 19. Dynastie datieren.
Ein weiterer Papyrus des Neuen Reiches ist der Papyrus Turin CGT 54015CGT = Catalogo del Museo Egizio di Torino, Inventarkatalog des Museo Egizio in Turin (Italien)Maxim Panov: The Papyrus CGT 54015. In: Égypte nilotique et méditerranéenne. 2022, Band 15, S. 117–121 (Volltext als PDF).
Die 28 bisher bekannten Ostraka stammen wohl hauptsächlich aus dem Schulbetrieb des Neuen Reiches in Theben West, in der Schreibschule der Nekropolenarbeiter von Deir el-Medina, wenn auch einige davon bei Gräbern gefunden wurden, darunter zwei im Grab des Sennedjem. Sie datieren wahrscheinlich alle in die Ramessidenzeit. Die meisten enthalten kurze Schreibübungen, meist vom Anfang der Erzählung, in denen die Schüler vor allem die Kalligraphie und die Gliederung (Rubra und Verspunkte) eines klassischen Textes in klassischer Sprache erlernen sollten.Frank Feder: Die poetische Struktur der Sinuhe-Dichtung. In: Ludwig Morenz, Stefan Schorch (Hrsg.): Was ist ein Text? Alttestamentliche, ägyptologische und altorientalische Perspektiven. Berlin / New York 2007, S. 173.
Einzig das Ashmolean Ostrakon (abgekürzt AOS) ist länger und bietet auf seiner Vorder- und Rückseite ca. 90 % der Erzählung. Möglicherweise diente es in einem Archiv aufbewahrt als Vorlage für die Schreibübungen der Schüler.
Nur das Ostrakon Senenmut 149 (abgekürzt S) stammt von einem anderen Ort in Theben-West, nämlich vom Grab des Senenmut (TT71) bei Deir el-Bahari, und datiert somit in die Zeit der Hatschepsut und des Thutmosis III. (frühe 18. Dynastie). Daneben gibt es keine direkten Zeugen für eine Beschäftigung mit dem Text in der 18. Dynastie, was aber vermutlich an der Überlieferungssituation liegt. So lassen Zitate in den Grabinschriften dieser Dynastie keinen Zweifel, dass die Erzählung auch zu dieser Zeit intensiv gelesen wurde, und auch das Ashmolean Ostrakon enthält Spuren einer Redaktion, die unter der Herrschaft Echnatons erfolgt sein muss.Frank Feder: Die poetische Struktur der Sinuhe-Dichtung. In: Ludwig Morenz, Stefan Schorch (Hrsg.): Was ist ein Text? Alttestamentliche, ägyptologische und altorientalische Perspektiven. Berlin / New York 2007, S. 172–174.
Tradierung bis in die Spätzeit
mini|Die Arbeitersiedlung Deir el-Medina, wo die Sinuhe-Erzählung offenbar als Schultext verwendet wurde.
Ludwig D. Morenz sieht die Erzählung als Paradebeispiel für die Integration verschiedener Themen und Stile und als eine regelrechte „Buchausgabe“, die wohl bereits im Mittleren und im Neuen Reich in Privat-Bibliotheken aufbewahrt wurde. Somit zählte sie zum allgemeinen Bildungsgut. mit Verweis auf: Ludwig D. Morenz: Beiträge zur Schriftlichkeitskultur im Mittleren Reich und in der Zweiten Zwischenzeit (= Ägypten und Altes Testament. (ÄAT) Band 29). überarbeitete Dissertation. Wiesbaden 1996. Eberhard Otto spricht von einem „lehrhaften Stück“, eine amüsante „historische“ Erzählung, die im Grunde immer aktuell blieb und deren Sprache als Musterbeispiel „klassischer“ Formen zu lernen immer nützlich war.Eberhard Otto: Die Geschichten des Sinuhe und des Schiffbrüchigen als „lehrhafte Stücke“. In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde. Jg. 93, 1966, Nr. 1, , S. 100–111, hier S. 111, doi:10.1524/zaes.1966.93.12.100.
Bei den vielen Ostraka mit Zitaten literarischer Texte, die in Deir el-Medina gefunden wurden, handelt es sich nach herkömmlicher Ansicht um Schreibübungen von Schülern. Nach anderer Meinung sind es Texte, die von gebildeten Arbeitern angefertigt und aufbewahrt wurden. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass so vielfach zitierte Texte wie das Buch Kemit aus bloßem Interesse an Literatur gelesen wurden. Außerdem wurden die literarischen Texte teilweise so stark entstellt, als seien sie nicht immer von den Schreibern (bzw. Schülern) verstanden worden.Andrea McDowell: Awareness of the Past in Deir el-Medina. In: R. J. Demarée, A. Egberts: Village Voices, Precedings of the symposium “Texts from Deir el-Medina and their interpretation” (= Rijksuniversiteit Leiden Centrum voor Niet-Westerse Studies. Band 13, ). Leiden University, Leiden 1992, ISBN 90-73782-16-3, S. 95.
Zitate und Anspielungen in königlichen und privaten Inschriften des zweiten und ersten Jahrtausend v. Chr. zeigen, dass die Beliebtheit weder auf den Schreiberstand noch auf das Neue Reich beschränkt war. Zwar sind für die Zeit nach dem Neuen Reich keine weiteren Handschriften überliefert, doch die Tradierung anderer „klassischer“ Werke bis in die 27. Dynastie legt nahe, dass auch Sinuhe weiterhin kopiert wurde. Die Siegesstele des Pianchi aus der kuschitischen 25. Dynastie enthält gewisse Anspielungen auf die Sinuhe-Erzählung.Nicolas Grimal: La Stèle Triomphale de Pi(ankh)y au Musée du Caire (= Mémoires publiés par les membres de l'Institut Français d'archéologie orientale du Caire. Band 105). 1981, S. 284. Das späteste bekannte Zitat stammt vermutlich aus der Biographie des Udja-Hor-Resnet, der während der Perserzeit (525–401 v. Chr.) lebte:Frank Feder: Die poetische Struktur der Sinuhe-Dichtung. In: Ludwig Morenz, Stefan Schorch (Hrsg.): Was ist ein Text? Alttestamentliche, ägyptologische und altorientalische Perspektiven. Berlin / New York 2007, S. 174.
Inhalt mini|hochkant|links|Beginn der Erzählung in hieroglyphischer Transkription, Publikation von Gaston Maspero 1908