Zigeuner ist eine historische Fremdbezeichnung für Sinti und Roma. Sie gilt aufgrund ihrer oftmals diskriminierenden Konnotation jedoch als problematisch. Die Bezeichnung „Zigeuner“ wurde auch auf andere ethnische oder soziale Randgruppen ausgeweitet, die aufgrund ihrer Herkunft, Kultur oder Lebensweise von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt wurden.

In Deutschland und Österreich ist die Bezeichnung „Zigeuner“ seit dem Völkermord an den Sinti und Roma im Nationalsozialismus belastet. Aus diesem Grund weisen viele Sinti und Roma sowie Jenische diese Bezeichnung als sprachlichen Ausdruck des an ihnen verübten Völkermords zurück. Andere Mitglieder der Minderheit halten „Zigeuner“ für eine zutreffende Bezeichnung für ihre Bevölkerungsgruppe.

Bezeichnung Wortherkunft „Zigeuner“ ist eine Fremdbezeichnung, die von italienisch zingaro und ungarisch czigány ins Deutsche entlehnt wurde. Sie ist in den europäischen Sprachen weit verbreitet (vergleiche etwa französisch ), aber ihre Herkunft ist unklar.Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 1010 f. Im Frühneuhochdeutschen ist Zigeuner erstmals 1418 in München und als Cigäwnär 1422 in einer handschriftlichen Notiz Tagebuch des Andreas von Regensburg nachweisbar.

In einem Teil der Fachliteratur – so in Wolfgang Pfeifers Etymologischem Wörterbuch des Deutschen – findet sich die Vermutung, das Wort sei eine Übernahme der mittelgriechischen Bezeichnung athingany für die Anhänger einer gnostischen Sekte, die vor allem in Phrygien, einer Landschaft im westlichen Anatolien, beheimatet war.Rüdiger Vossen: Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies. Zwischen Verfolgung und Romantisierung. Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1983, S. 20 f. Athinganoi im Sinne des späteren „Zigeuner“ tritt seit dem 12. oder 13. Jahrhundert auf, zuerst mit noch unsicherem Bezug bei Theodoros Balsamon († nach 1195) für Schlangenbeschwörer und Wahrsager,George C. Soulis: The Gypsies in the Byzantine Empire and the Balkans in the Late Middle Ages. In: Dumbarton Oaks Papers 15 (1961), S. 141–165, 146–147, zitiert nach Angus M. Fraser: The Gypsies. Blackwell, Oxford u. a. 1995, S. 46–47. und dann mit klarem Bezug (o toùs kaì Aìgyptíous kaì Athingánous) bei Gregorios II. Kyprios (1283–1289 Patriarch von Konstantinopel).Viorel Achim: The Roma in Romanian History. Central European University Press, Bukarest u. a. 2004, S. 9. Ob auch die Belege des 11. und 12. Jahrhunderts schon die Anwesenheit von Roma in Byzanz bezeugen oder aber auf Wahrsager anderer Provenienz zu beziehen sind, wird dabei in der Forschung diskutiert.

Daneben wird eine Herleitung von alttürkisch mit den Varianten und mit der Bedeutung „arm, elend“ vorgeschlagen, die über das ungarische Wort vermittelt worden sei.Marek Stachowski: Das Ethnonym ‚Zigeuner‘, sein slawisch-türkischer Hintergrund und ungarisch ‚szegény‘. In: Studia Etymologica Cracoviensia. Band 7, 2002, S. 159–169. (PDF; 202 kB). Laut Elmar Seebold, Verfasser mehrerer Auflagen des Etymologischen Wörterbuchs der deutschen Sprache, ist diese Herleitung „semantisch ansprechend, formal problematisch“.

Der Lübecker Chronist Hermann Korner behauptete im frühen 15. Jahrhundert, sie würden sich selbst als Secani bezeichnen,Hermann Korner: Chronica novella. Hrsg. von Jakob Schwalm. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1895, S. 409 (Abs. 1285). was eine latinisierte Form von Cigány und ähnlich ist.

Lediglich auf Lautähnlichkeit beruht eine Herleitung aus dem 19. Jahrhundert, die das Wort auf eine „verstoßene“, die „sanskritische Tochtersprache Sindhi“ sprechende Bevölkerungsgruppe namens Cangar (Tschangar) im heutigen Punjab in Indien bezieht.Heinrich von Wlislocki: Vom wandernden Zigeunervolke. Bilder aus dem Leben der Siebenbürger Zigeuner. Hamburg 1890, S. 4.

„Zigeuner“ wurde in der Literatur des 19. Jahrhunderts mitunter verballhornend als „Zieh-Gauner“, also „(umher-)ziehender Gauner“, gedeutet, was Theodor Christian Tetzner 1835 aufgrund der Unbedarftheit der Ableitung kritisierte.Theodor Christian Tetzner: Geschichte der Zigeuner; ihre Herkunft, Natur und Art. 1835. S. 9. ().

Andere Bezeichnungen In frühneuhochdeutscher Zeit waren auch die Bezeichnungen Tatern oder Tattare bekannt, die eigentlich die Tataren meint.

Auch die Bezeichnung Heidenen oder Heider (also „Heiden“) wurden historisch verwendet.Stichwort „Zigeuner“ in Meyers Konversationslexikon von 1888. In Theodor Storms Werk Der Schimmelreiter wurden „Zigeuner“, die von den einheimischen Nordfriesen geopfert werden sollten, als Slowaken bezeichnet.

Ein weiterer gesamteuropäischer Gruppenname wird von Ägypten als Herkunftsland hergeleitet. Er wird überwiegend als Ableitung aus dem Ortsnamen Gyp(p)e, ein Berg auf dem Peloponnes, gedeutet, der seit den 1480er Jahren in mehreren Reiseberichten bezeugt ist. Es habe demnach dort vor der Stadt Modon (heute: Methoni) eine Siedlung namens „klein Egypten“ gegeben. Sie sei von „Egyptianern genant Heyden“ bzw. von „Suyginern“ bewohnt gewesen.Reimar Gilsenbach: Weltchronik der Zigeuner. Teil I, 2., korrigierte und ergänzte Auflage, Frankfurt am Main 1997, S. 103, 110 und 114. In der ersten Periode ihres Auftretens in Europa bezogen Romagruppen sich auf diesen Herkunftsmythos und bezeichneten sich als ägyptische Pilger. Als solche erhielten sie Almosen und Schutzbriefe.Ines Köhler-Zülch: Die verweigerte Herberge: Die heilige Familie in Ägypten und andere Geschichten von „Zigeunern“ Selbstäusserungen oder Aussenbilder? In: Jacqueline Giere (Hrsg.): Die gesellschaftliche Konstruktion des Zigeuners: zur Genese eines Vorurteils (= Wissenschaftliche Reihe des Fritz-Bauer-Instituts. Band 2). Campus, Frankfurt am Main 1966, S. 46–86. „Ägypter“ wurde zu einer europaweiten Bezeichnung: so spanisch Gitano, französisch Gitan, englisch Gypsy, griechisch γύφτος (gyftos), serbisch cipside, türkisch çingene.Vgl. auch George Borrow: The Zincali. An account of the gypsies of Spain. (1841; Neuausgabe London 1923). Der Artikel „Ziegeuner“ in Johann Heinrich Zedlers Universallexicon – der einflussreichsten deutschsprachigen Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts – bezeichnet „Egyptier“ als den am häufigsten („vornehmlich“) im Deutschen auftretenden Gruppennamen.

Französische und spanische Bezeichnungen sind bohémiens und bohemios („Böhmen, Böhmische“). Ihre Bedeutung hat sich auf die Angehörigen eines Künstlertums, die bohème, ausgeweitet, das als abseits bürgerlicher Vorstellungen lebend empfunden wird.

Sprachgebrauch in der Mehrheitsgesellschaft „Zigeuner“ und „zigeunerische Lebensform“ Obwohl die Mehrheit der Roma in Südosteuropa seit Jahrhunderten und in Mitteleuropa spätestens seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ortsfest lebt, gilt Nomadentum weiterhin oft als „zigeunerische Lebensform“. Die Lebensformen einer Minderheit der Roma wurde verallgemeinert und der Mehrheit zugeschrieben.Vgl. Karola Fings: Rasse: Zigeuner. In: Herbert Uerlings, Iulia-Karin Patrut (Hrsg.): „Zigeuner“ und Nation. Repräsentation-Inklusion-Exklusion. (= Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart, Bd. 8), Frankfurt am Main u. a. 2008, S. 273–309, S. 274. Es leben jedoch überall auf der Welt Menschen, die nicht an einen Ort gebunden sind. Das gibt es auch bei vielen Ethnien, die sonst sesshaft sind. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisierte die pauschale Darstellung als „Nomaden“. „Nomaden“ spreche den Menschen ihre Heimatrechte ab und suggeriere, „Zigeuner“ bildeten eine archaische „Stammesgesellschaft“, die in die moderne Umgebungsgesellschaft nicht integrierbar sei. Die Angehörigen der Minderheit seien aber realer Teil der Gesellschaft und nähmen als solche an ihrer Entwicklung teil.Siehe: roma-service.at, volksgruppen.orf.at.

Der Gebrauch als SchimpfwortFriedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 884. kann sich auch auf Personen beziehen, die nicht zu ethnischen oder sozialen Minderheiten angehören, deren Erscheinungsbild, privates Umfeld oder Lebensstil jedoch mit angeblichen Merkmalen dieser Bevölkerungsgruppen assoziiert wird. Die Autoren Karola Fings und Ulrich F. Opfermann bemerken hierzu: „Vor dem Hintergrund der beiden unterschiedlichen Definitionen spricht die Literatur von einem »doppelten Zigeunerbegriff«. Er ist uneindeutig und widersprüchlich. Mit »Roma« lässt sich »Zigeuner« nicht übersetzen, denn die soziografische Begriffsbestimmung schließt diejenigen Roma aus, die die zugeschriebene Lebensweise real nicht praktizieren, während die ethnische Begriffsbestimmung jene Menschen aus dem »Zigeunertum« ausschließt, die als Nicht-Roma die zugeschriebene »zigeunerische« Lebensweise ebenfalls aufweisen.“Karola Fings, Ulrich F. Opfermann (Hrsg.): Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933–1945. Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung. Ferdinand Schoeningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-77356-2, Glossar S. 356. „Darüber hinaus kann es problematisch sein, wenn Eigenbezeichnungen nur als eine Art wortwörtlicher Übersetzung der Fremdbezeichnungen verwendet werden – und der Rassismus in einem neuen Gewand fortlebt.“Karola Fings, Ulrich F. Opfermann (Hrsg.): Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933–1945. Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung. Ferdinand Schoeningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-77356-2, Einleitung S. 11.

19. und 20. Jahrhundert Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verlor die Bezeichnung in Künstlerkreisen, bei einigen Intellektuellen und in Teilen des Bildungsbürgertums ihre negative Konnotation. Ursache dafür war die „Zigeunermode“, die als Gegenentwurf zur Lebensrealität der aufstrebenden Industrienationen entstand. Die Verklärung eines von allen gesellschaftlichen Zwängen freien und „fröhlichen Zigeunerlebens“ als Idealbild einer individualistischen Lebensweise und libertären Gesinnung durch die Vertreter der „Zigeunerromantik“ änderte jedoch nur wenig an den Lebensbedingungen der so bezeichneten Bevölkerungsgruppen. Da die Bezeichnung sowohl positiv („Zigeunermusik“, „Zigeunermoll“) als auch negativ gemeint sein konnte, wurde in späteren Diskursen auch die Ansicht vertreten, dass ihr Gebrauch kontextabhängig zu werten sei.

Die Semantik von „Zigeuner“ bewegte sich lange zwischen einem kulturalistisch oder biologisch bestimmten völkischen und einem soziografischen Inhalt. Im zweiten Fall konnten auch Nicht-Roma gemeint sein: So wurde seit dem 19. Jahrhundert gelegentlich das Etikett „weiße Zigeuner“ auf die aus mehrheitsgesellschaftlicher Sicht „nach Zigeunerart lebenden Landfahrer“ und seit etwa 1900 das der „Kulturzigeuner“ auf mehrheitsgesellschaftliche nonkonformistische Künstler („Bohemiens“)Anna-Lena Sälzer: Arme, Asoziale, Außenseiter. Künstler- und „Zigeuner“-Diskurse von 1900 bis zum Nationalsozialismus. In: Herbert Uerlings, Iulia-Karin Patrut (Hrsg.): „Zigeuner“ und Nation. Repräsentation-Inklusion-Exklusion. Frankfurt am Main u. a. 2008, S. 203–230. angewendet. Die soziografische Zuschreibung beinhaltete gleichwohl nicht anders als die ethnische die Typisierung der Betroffenen als „gemeinschaftsschädlich“ und als „entartet“.