Julien Offray, sieur de La Mettrie (* 23. November 1709Als Geburtsdatum La Mettries findet man in der Literatur mindestens drei verschiedene Angaben. Das hier angegebene ist wahrscheinlich das korrekte. Vgl. dazu: Birgit Christensen: Ironie und Skepsis. Würzburg 1996, S. 245, Fn. 2.: „Das Geburtsdatum ist ungesichert. Die Akademie der Wissenschaften zu Berlin verzeichnet den 23. November. Vermutlich ist dies das richtige Datum, da La Mettrie es selbst angegeben haben könnte. In der Eloge Friedrichs II. erscheint als Geburtsdatum der 25. Dezember; doch der König hat sich getäuscht, wie die Akten des État-civil aux Archives de la ville de Saint-Malo belegen, die als Taufdatum bereits den 19. Dezember nennen.“ in Saint-Malo; † 11. November 1751 in Potsdam) war ein französischer Arzt, Schriftsteller, Pamphletist und radikalaufklärerischer philosophe des Lumières. mini|hochkant=1.2|Julien Offray de La Mettrie ließ sich als „Democritus ridens“, als lachender Demokrit,Bernd Schuchter: Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie. Braumüller, Wien 2018, ISBN 978-3-99200-201-6, S. 32. vom preußischen Kupferstecher Georg Friedrich Schmidt um 1750/1751 porträtieren. Der Stich ist mit einem Epigramm seines Freundes, des Hofschauspielers Damien Desormes, ausgestattet.Bildbeschreibung. Porträtsammlung der HAB. „Sous ces traits vifs, tu vois le Maître Des jeux, des ris & des bons mots Trop hardi d’avoir de son être, Osé débrouiller le Cahos [sic], Sans un Sage il étoit la victime des sots.“ In diesen lebhaften Zügen siehst Du den Meister Des Spiels, des Lachens und des Bonmots; Er war so kühn zu wagen, die Fragen des Seins Aus dem Chaos zu entschlüsseln Ohne einen Weisen wäre er das Opfer der Dummen geworden.Richard Reschika: Julien Offray de La Mettrie oder das maschinelle Glück. In: Philosophische Abenteurer. Elf Profile von der Renaissance bis zur Gegenwart. Mohr Siebeck, UTB, Tübingen 2001, ISBN 3-8252-2269-1, S. 43.

Bekanntheit erlangte er vor allem durch sein konsequent mechanistisch-materialistisches Menschenbild, weswegen er als enfant terrible, als „Prügelknabe der französischen Aufklärung“ galt.Rolf Löchel: Luminose Botanik. Julien Offray de La Mettrie erkennt den Menschen als Pflanze. Online bei: Literaturkritik.de. 8. August 2009. In Anspielung auf seine monistische Weltanschauung und seine für die damalige Zeit kühne, unverhohlen atheistisch-naturalistische Kampfschrift L’Homme-Machine (Maschine Mensch), 1748, verbreitete sich sein Spitzname Monsieur Machine,Arno Baruzzi: La Mettrie. In: Aufklärung und Materialismus im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Paul List Verlag, 1968, S. 23. den der „médecin-philosophe“, der Arzt und Philosoph, in seinen späteren Werken selbst gerne benutzte.

Wegen seiner polemischen ärztekritischen und seiner „gottlosen“ philosophischen Veröffentlichungen musste er aus Frankreich und anschließend sogar aus den vergleichsweise toleranteren Niederlanden fliehen. Friedrich der Große bot ihm, „dem verfemtesten Autor des Kontinents“,Bernd Schuchter: Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie. Braumüller, Wien 2018, ISBN 978-3-99200-201-6, S. 152. Asyl an und stellte ihn in Sanssouci als seinen Leibarzt und Vorleser ein. Ferner war er Gast an der Tafelrunde in Sanssouci.

Im preußischen Exil publizierte „Monsieur Machine“ 1748 die Schrift, die er persönlich für sein HauptwerkBernd A. Laska (Hrsg.): Über das Glück oder Das Höchste Gut (»Anti-Seneca«). LSR-Quellen Bd2, 2. Auflage, Nürnberg 2004, ISBN 3-922058-30-2 (Einleitung). hielt: Über das Glück oder Das Höchste Gut, „Anti-Seneca“ („Discours sur le bonheur ou Le Souverain Bien, Anti-Sénèque“). Die atheistischen und amoralistischen Thesen,Olivier Côté: Les plaisirs de l’amoralisme. Pour une compréhension de l’hédonisme lamettrien. In: Ithaque. Revue de l’Université de Montréal (PDF; 117 kB.) die er im Vorwort dieses Buches vertrat: „Wider die Religion – Negierung der Sünde“Helmut Dressler: Der verfemte Visionär. Anmerkungen zur Nachwirkungsgeschichte von Julien Offray de La Mettrie. In: Lichtenberg-Jahrbuch 2010, S. 303–323. Erweiterte Fassung des Essays unter dem Titel Der erste Agnostiker. Anmerkungen zur Wirkungsgeschichte von Julien Offray de La Mettrie. Online, S. 21. riefen die allgemeine Empörung der angeblich so „freigeistigen, aufgeklärten“ Tafelrunde des Philosophenkönigs Friedrich des Großen hervor. Es kam zur Zensur und La Mettrie fürchtete wieder um sein Leben. Im August 1751 schrieb er im Vorwort zur 3. Auflage des „Discours sur le bonheur“ von seiner Befürchtung, er werde wohl wie einst Sokrates als philosophischer Märtyrer sterben:

Drei Monate später, am 11. November 1751, kam es zu dem „sonderbaren“ Ende des berühmten Arztes de la Mettrie, das der fabulierfreudige Satiriker selbstironisch in einer gleichlautenden fiktiven Autobiographie 1750 angedeutet hatte.Titelbild der Satire. Auf: SLUB-Dresden.de. Den Philosophen ereilte im Alter von nur 41 Jahren – bei attestiert bester Gesundheit – ein tragikomischer Tod (Pastetentod):

Leben 1709 wurde Julien Offray de La Mettrie als Sohn eines wohlhabenden Textilkaufmanns im bretonischen St. Malo geboren. Er besuchte eine jansenistisch geführte Schule, studierte von 1725 an Medizin in Paris und promovierte 1733 in Rennes.Bis vor kurzem nahm man – wohl aufgrund eines immer wieder reproduzierten Lesefehlers – Reims als Promotionsort an. Nun wurde jedoch La Mettries Dissertation aufgefunden, die von der Universität Rennes akzeptiert wurde. Vgl. Roger E. Stoddard: Julien Offray de La Mettrie. A bibliographical inventory. Together with a facsimile reprint of La Mettrie’s long-lost thesis, Epistolaris de vertigine dissertatio. (Rennes, 1736). Köln: Dinter 2000, S. 82 Er praktizierte zunächst als Landarzt, ging dann ins niederländische Leiden, wo er bei dem damals in Europa führenden Mediziner Herman Boerhaav arbeitete und dessen Schriften aus dem Lateinischen ins Französische übersetzte. 1734 kehrte er nach Saint-Malo zurück und ließ sich dort als Arzt nieder. Er heiratete 1739 und wurde im Jahre 1741 Vater einer Tochter.

1742 ging er nach Paris, wo er als Arzt praktizierte. Er fand neben seiner medizinischen Praxis noch Zeit, um kritische Essays über die fachlichen Defizite und die „Geschäftspraktiken“ der dort etablierten Ärzte zu schreiben.

In den Jahren 1743 bis 1744 nahm La Mettrie in den Diensten von Louis de Gramont, Duc de Gramont, am Österreichischen Erbfolgekrieg teil.

1746 wurden einige seiner provokativen Schriften, darunter „Die Naturgeschichte der Seele“ („L’Histoire naturelle de l’âme“), in der er die Eigenständigkeit und Unsterblichkeit der Seele leugnete, sowie seine Satiren auf die Scharlatanerie und die Unwissenheit der ÄrzteZum Beispiel: „Politique du médecin de Machiavel, ou Le chemin de la fortune ouvert aux médecins“, 1746 und La Faculté Vengée. Comédie en trois actes, Paris 1747. per Gerichtsbeschluss verboten und öffentlich verbrannt. Obwohl sie anonym erschienen waren, fühlte sich ihr Autor in Frankreich nicht mehr sicher. La Mettrie floh – ohne seine Familie – aus Frankreich in die tolerantere niederländische Universitätsstadt Leiden. Dort schrieb er das Werk, das ihn berühmt machte: „L’Homme-Machine“ (1748). Dieses „skandalöse“ Traktat brachte ihn jedoch selbst in den liberalen Niederlanden, wo verbotene Bücher für ganz Europa gedruckt wurden, in Gefahr. Er musste erneut fliehen, also auch die Niederlande verlassen.Julien Offray de La Mettrie: Philosophie und Politik. Herausgegeben und eingeleitet von Bernd A. Laska, LSR-Quellen: Band 3), LSR-Verlag Nürnberg 1987, ISBN 3-922058-29-9, S. V. mini|hochkant|rechts|Der Naturforscher Pierre Louis Maupertuis, ebenfalls aus Saint-Malo gebürtig und seit 1746 Präsident der Königlich Preußischen Akademie, erwirkte in Potsdam, beim „Salomon des Nordens“,Salomon des Nordens, so nennt Voltaire schmeichlerisch den Preußenkönig Friedrich den Großen in seinem Briefwechsel mit dem Monarchen. Asyl für den in Frankreich und den Niederlanden verfolgten La Mettrie, der radikal atheistische Schriften veröffentlicht hatte. hochkant=1.2|mini|links|König Friedrich II. Tafelrunde von Sans-souci. „Imaginiertes“ Ölgemälde Adolph von Menzels,Ursula Pia Jauch: Friedrichs Tafelrunde & Kants Tischgesellschaft. Ein Versuch über Preußen zwischen Eros, Philosophie und Propaganda. Berlin 2013, ISBN 978-3-88221-589-2, S. 50 1850: Friedrich II. (hinten in der Mitte) mit Voltaire (zweiter links vom König), der der über den Tisch hinweg mit Francesco Algarotti (auf dem zweiten Stuhl rechts vom König) debattiert, und La Mettrie (ganz vorne rechts). Handelt es sich bei der Speise, die man auf La Mettries Teller sieht, um eine Anspielung auf seinen angeblichen Hang zur Völlerei, um die verhängnisvolle „getrüffelte Fasanen-Pastete“,Rudolf Walther: Weder Gott noch Zufall, ein Porträt, in: Die Zeit, 19. November 2009: in fine nach deren Verzehr dieser «Philosophe des Lumières» im Alter von 41 Jahren gestorben sei? 1748 erhielt er durch Vermittlung seines Maloenser Landsmannes Maupertuis, seit 1746 Präsident der Königlich Preußischen Akademie, die Einladung Friedrichs II. in dessen Potsdamer Residenz Sanssouci. Er wurde dort Leibarzt und Vorleser des Königs sowie Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und sollte völlig frei publizieren können. Bald wurde ihm jedoch eine subtile Form der Zensur auferlegt. Als er in seinem „Discours sur le bonheur“ (1748), auch als „Anti-Sénèque“ bekannt, das System Epikurs pries und vor überflüssigen Gewissensbissen warnte, konnte er diese „skandalöse“ Schrift, die er selbst für sein Hauptwerk hielt, im Jahre 1750 nur drucken lassen, indem er sie als Einleitung zu einer Übersetzung von Senecas De vita beata tarnte. Die Folge war eine nachhaltige Verstimmung bei Hofe, allerdings – da man Toleranz hochhielt – ohne direkte Sanktionen für La Mettrie.

Der renitente Bretone verfasste aber noch zwei Ergänzungen zu seiner Œuvres-philosophiques-Ausgabe: zum einen eine Einleitung („Discours préliminaire aux Œuvres philosophiques“), „die in Wirklichkeit eine selbständige Abhandlung ist“,Bernd. A. Laska: Philosophie und Politik, LSR, Nürnberg 1987, S. IX. und zum anderen erweiterte er seine « Réflexions philosophiques sur l’origine des animaux » – unter dem neuen Titel « Système d’Épicure » – von 41 auf 93 Paragraphen.

1750 erschienen die „Œuvres philosophiques“, kurz vor dem Tod des verruchten Autors. Mehrere postume Ausgaben folgten in kurzen Abständen.Birgit Christensen: Ironie und Skepsis: Das offene Wissenschafts- und Weltverständnis bei Julien Offray de la Mettrie, Würzburg: Königshausen & Neumann 1996, ISBN 3-8260-1271-2, , S. 288–293.