Die Tüv Süd AG (Eigenschreibweise: TÜV SÜD) ist ein international tätiges deutsches Dienstleistungsunternehmen mit Sitz in München. Trotz der Herkunft der Abkürzung („Technischer Überwachungsverein“) ist sie (anders als ihr gleichnamiger Hauptaktionär) heute kein Verein, sondern eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft.
Der TÜV SÜD ist eine technische Prüforganisation, die mit Prüfung und Zertifizierung als Schwerpunkt ein weites Feld von Dienstleistungen anbietet.
Beschreibung Arbeitsfelder mini|Münchner Zentrale des TÜV Süd im Juni 2018 Der TÜV Süd ist mit mehr als 800 Standorten in ganz Deutschland, Europa, Amerika und Asien vertreten. Rund 43 Prozent des Umsatzes werden im Ausland erzielt. Neben technischen Prüfungen, Beratungen, Gutachten und Tests gehören auch die Bereiche Ausbildung und Zertifizierung zum Leistungsspektrum. Weiterhin ist der TÜV SÜD in den klassischen Dienstleistungen Hauptuntersuchung („Prüfplakette“), Anlagenprüfung, Produkttests oder Gutachten tätig. Parallel zur Technikentwicklung wurden die Arbeitsfelder schrittweise erweitert (unter anderem elektrischer Strom, Kraftfahrzeuge, Fahrerlaubnisse, Kraftwerkstechnik, Brandschutztechnik, Seilbahnen, Bahntechnik, Personenaufzüge, Kernkraftwerke, Umweltschutz, Managementsysteme, Produktsicherheit, Grundstücksbewertung und Bautechnik). Aktuell wichtige Themenfelder sind Elektromobilität, Erneuerbare Energien und Informationssicherheit. Die Internationalisierung wurde im europäischen Binnenmarkt und anderen Märkten wie beispielsweise der Türkei und Korea aktiv betrieben.
Eigenständigkeit Der TÜV Süd ist ein eigenständiges Unternehmen und steht in direkter Konkurrenz zu den national und international aktiven TÜV-Gesellschaften TÜV Nord, TÜV Rheinland, TÜV Saarland und TÜV Thüringen. Das Unternehmen ist Mitglied im TÜV-Verband.
Beteiligungen Als Aktiengesellschaft ist der TÜV Süd nicht börsennotiert. 74,9 Prozent der Aktien gehören dem eingetragenen Verein TÜV Süd, der ca. 13.500 Mitglieder hat; die übrigen 25,1 Prozent gehören der TÜV Süd-Stiftung.Satzung, Stand 10. Dezember 2009 (PDF; 101 kB) Ihre Aktienrechte an der TÜV Süd AG wurden an den unabhängigen TÜV Süd Gesellschafterausschuss GbR mit Sitz in München übertragen. Damit sollte eine Übernahme durch ausländische Konkurrenzunternehmen erschwert werden, was bis heute erfolgreich war.handelsblatt.com
Firmengeschichte mini|Dampfkesselexplosion 1881. Lithographie des Bayerischen Dampfkessel-Revisionsvereins mini|hochkant|Siegel von 1876 mini|hochkant|Großwasserraumkessel, die vom TÜV Süd betreut werden.
1866 bis 1900 1866 wird das Unternehmen in Mannheim als „Dampfkesselrevisionsverein“ gegründet. 1868 trat Carl Isambert als erster hauptamtlicher Sachverständiger seinen Dienst an. Im Jahr 1874 erhielt der „Bayerische Dampfkesselrevisionsverein“ die königliche Anerkennung. Ziel und Aufgabe war es, „Mensch, Umwelt und Sachgüter vor den nachteiligen Auswirkungen der Technik zu bewahren“. Früh schon wurden Beratungsempfehlungen für einen wirtschaftlicheren Betrieb der Anlagen gegeben. Die qualifizierte Beratung ist seit Beginn ein wichtiger Teil der Prüfaufgaben der Technischen Überwachungsvereine.
1900 bis 1938 Ab dem Jahr 1899 wurden die Sachverständigen nach tödlichen Stromunfällen auch für Elektrizitätskraftwerke tätig. Im Jahr 1906 wurden stationäre Dieselmotoren geprüft, ein Jahr später Personenaufzüge. Seit dem Jahr 1917 werden Ferndampfleitungen, und seit 1926 Lichtspieltheater regelmäßigen Prüfungen unterzogen. Im Jahr 1929 wurde erstmals der Emissionsschutz geprüft: Staubbelästigungen im Zusammenhang mit der Kaminhöhe von Feuerungsanlagen. Die Kraftfahrzeugprüfungen erfolgten erstmals in den 1920er Jahren und seit 1929 werden auch „fliegende Bauten“ überprüft, also Fahrgeschäfte auf Jahrmärkten und Volksfesten wie dem Oktoberfest.
1938 bis 1945 Per Dekret der Reichsregierung wurde im Jahr 1938 allen Revisions-Vereinen die neue Bezeichnung „Technischer Überwachungsverein“ zugewiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alle Vereine wegen ihrer Involvierung in die Strukturen des Nationalsozialismus im Rahmen der Gleichschaltung von den Siegermächten aufgelöst.
1945 bis 2000 Die erste Neugründung nach dem Krieg erfolgte im Jahr 1947 in Bayern. In den 1950er Jahren nahm der Verkehr mit dem beginnenden Wirtschaftswunder sehr stark zu. Das Thema Auto und Verkehr gewann damit stetig an Bedeutung, ebenso die Leistungsfähigkeit und besondere Verantwortung der Menschen am Steuer. Das Jahr 1954 war die Geburtsstunde der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU).
In den 1960er Jahren wurden Kernenergie und Umweltschutz Tätigkeitsfelder für TÜV-Ingenieure. Später folgten der Bildungsbereich als „TÜV Süd-Akademie“ und die Produkt- und Materialprüfungen, die zur Gründung von „TÜV Süd Product Service“ führten. Seit Ende der 1980er Jahre kümmert sich „TÜV Süd Management Service“ um Zertifizierung und Qualitätssicherung.
Der Aufbau des TÜV Sachsen erfolgte nach der Wende im Jahr 1992; 1996 fusionierten TÜV Südwest und TÜV Bayern-Sachsen zum TÜV Süddeutschland. 1999 folgte die Eingliederung des TÜV Hessen. Mehrheitsgesellschafter ist seitdem die TÜV Süd AG.
Seit 2000 2003 wurde TÜV Hanse gegründet; Mehrheitsgesellschafter ist die TÜV Auto Service. 2004 eröffnete TÜV Süd Life Service die Region Nord.
Das Jahr 2005 brachte die Gründung von TÜV Süd Chemie Service, im gleichen Jahr übernahm der TÜV Süd 75 Prozent der Anteile der LSG-Hygiene Institute und der LSG-ELAB von der Lufthansa Service Gesellschaft (LSG Sky Chefs). 2006 wurde die PSB-Unternehmensgruppe in Singapur erworben, zudem in den USA die Prüfdienstleister EST Testing Solutions aus Michigan und Petrochem Inspection Services aus Texas.
Am 15. Dezember 2006 scheiterte die geplante Übernahme des als „Schiffs-TÜV“ bekannten viertgrößten Klassifizierers Germanischer Lloyd (GL). Dieser Kauf sollte das TÜV-Portfolio um ein neues Geschäftsfeld ergänzen.Daniela Stürmlinger, Rolf Zamponi: Schiffs-TÜV: Eklat beim Aktionärstreffen. In: Hamburger Abendblatt, 9. Dezember 2006. Auf Abendblatt.de, abgerufen am 28. Januar 2019.
Zu Beginn des Jahres 2007 gab es Bestrebungen zu einer Fusion der beiden Konzerne TÜV Süd und TÜV Nord.Milliarden-Umsatz – TÜV Süd und TÜV Nord verhandeln über Fusion. 28. März 2007. Auf WiWo.de, abgerufen am 28. Januar 2019. Zur Diskussion stand der gemeinsame Name „TÜV Europe“. Nachdem Zeitungsberichte die Fusion bereits bestätigt und für September 2007 angekündigt hatten, teilten am 27. August 2007 die beiden Unternehmen mit, weiterhin eigenständig bleiben zu wollen.Fusion von TÜV Süd und TÜV Nord geplatzt. In: Die Tagesschau, 27. August 2007. Auf TSarchive.wordpress.com (Tagesschau.de-Archiv), abgerufen am 28. Januar 2019.
Im August 2007 erhielt TÜVturk, ein Gemeinschaftsunternehmen des TÜV Süd mit den türkischen Partnern Dogus und Akfen, grünes Licht für den Aufbau der flächendeckenden Fahrzeugüberwachung in der Türkei.TÜVTurk eröffnet erste Prüfstelle in der Türkei. lifepr.de, abgerufen am 23. August 2013.Grünes Licht für den türkischen TÜV. Der TÜV Süd übernimmt exklusiv die Kraftfahrzeugkontrolle in der Türkei. handelsblatt.de, abgerufen am 23. August 2013.Auf die sanfte Tour. sueddeutsche.de, abgerufen am 23. August 2013. Der TÜV Süd führt in der Türkei in Etappen die Überprüfung von Fahrzeugen ein. 2011 überprüfte der TÜV Süd mehr Fahrzeuge in der Türkei als in Deutschland.
Im Februar 2008 bestätigten TÜV Süd und TÜV Rheinland, miteinander fusionieren zu wollen.FTD, 13. Februar 2008. TÜV Süd und TÜV Rheinland wären zusammen der zweitgrößte Prüfkonzern der Welt hinter der börsennotierten schweizerischen Société Générale de Surveillance. Ende August 2008 haben beide Unternehmen den Antrag auf Genehmigung beim Bundeskartellamt zurückgezogen, da dieses signalisiert hatte, der Fusion in der geplanten Form nicht zuzustimmen. Im Dezember 2008 wurden die Fusionspläne endgültig aufgegeben.
Mitte 2010 wurde das Geschäftsfeld Mensch aufgelöst. Die diesem Geschäftsfeld untergeordneten Bereiche Management Service, Product Service und Akademie bilden seit 2010 das neue Geschäftsfeld Zertifizierung. Die TÜV Süd Life Service mit dem Bereich Mensch und Technik (Arbeitssicherheit, Arbeitsmedizin und Arbeitspsychologie) sowie MPU (medizinisch psychologische Untersuchung nach Führerscheinverlust) gehört seit 2012 zum Geschäftsfeld Mobilität. Das dritte große Geschäftsfeld des Unternehmens umfasst Dienstleistungen für die Industrie.
2006 kaufte der TÜV Süd das britische Unternehmen „Nuclear Technology“ und am 29. Oktober 2009 das koreanische Kerntechnikunternehmen GNEC.TÜV SÜD erwirbt koreanischen Kerntechnikdienstleister GNEC. 29. Oktober 2009. Auf tuev-sued.de, abgerufen am 28. Januar 2019.
Der TÜV Süd übernahm 2011 zehn internationale Unternehmen, unter anderem Firmen mit Sitz in Japan, Südafrika, Kanada, Großbritannien, Italien und Deutschland. 2012 wurden Unternehmen in Brasilien (Lebensmittelsicherheit), Südafrika (Aufzugprüfung) und Großbritannien (Windenergie) hinzugekauft.
Marke, Logo, Image mini|Logo
Der TÜV Süd profitiert vom sehr hohen Bekanntheitsgrad der Marke TÜV. Das Konzern-Logo („Oktagon“) stellt eine abgewandelte achteckige Prüfplakette dar.
Im Jahr 2005 wurde ein dreidimensionales Logo neu eingeführt. Der neue Unternehmens-Wahlspruch „Mehr Sicherheit. Mehr Wert.“ (auf Englisch „.“) wurde im Rahmen einer „Mehrwert-Kampagne“ öffentlich bekannt gemacht.
Beim 40. internationalen Film- and Video-Festival in Hollywood gewann der TÜV Süd mit seinem Imagefilm „Was sind das eigentlich für Menschen?“TÜV Süd-Imagefilm, abgerufen am 1. September 2017 den „Gold Camera Award 2007“. In der Kategorie „Public Relations: Corporate Image“ wurde der erste Platz von mehr als 1.200 Bewerbern aus 24 Ländern erreicht. Der Geschäftsbericht 2010 des Unternehmens wurde mit einem red dot design award ausgezeichnet.
Vorfälle und Kritik
Dammbruch in Brasilien
mini|x220px|A Zerstörtes Absetzbecken. B Benachbartes Absetzbecken. C Zerstörte Büros und Kantine von Vale. D Zerstörte Eisenbahnbrücke. E Mündung der Schlammlawine in den Fluss Paraopeba
Als am 25. Januar 2019 in Brumadinho, Brasilien der Damm eines Absetzbeckens eines Eisenerzbergwerkes brach, wurde bekannt, dass dieser Damm im September 2018 vom TÜV Süd geprüft und nicht beanstandet worden war.tagesschau.deThomas Fromm, Boris Herrmann, Frederik Obermaier, Uwe Ritzer: „Keine Mängel festgestellt“. Dammbruch in Brasilien. In: Süddeutsche Zeitung, 28. Januar 2019; abgerufen am 28. Januar 2019
Am Morgen des 29. Januar 2019 durchsuchte die Polizei das Büro des TÜV Süd in São Paulo und nahm zwei Techniker vorläufig fest.welt.de Am 15. Februar 2019 wurde berichtet, dass die TÜV-Süd-Mitarbeiter nach einer Woche wieder freigelassen worden waren und stattdessen auf deren Aussage hin acht Mitarbeiter des Bergbaukonzerns Vale verhaftet wurden. Einer davon soll die TÜV-Mitarbeiter unter Druck gesetzt haben. In der weiteren Entwicklung wurde am 14. März 2019 berichtet, dass wiederum für elf Mitarbeiter des Vale-Konzerns und zwei TÜV-Süd-Mitarbeiter Haft angeordnet wurde, da sie verdächtigt wurden, von der Instabilität des Dammes gewusst zu haben.
Eine Presseerklärung zu den Vorfällen von Brumadinho veröffentlichte der TÜV Süd am 19. Februar 2019. Am 18. Juli 2019 berichtete BBC über neue Belege, dass die Katastrophe hätte verhindert werden können, und belastete den TÜV Süd damit, dass er davon vor dem Dammbruch Kenntnis hatte. Die Kernaussage des BBC-Bericht war, es lägen E-Mails des TÜV Süd mit dem Inhalt vor, dass der Damm den Sicherheitsanforderungen nicht genüge. Außerdem wurde ein Staatsanwalt zitiert, dass sich der TÜV Süd nicht kooperativ verhalte.Jenny Hill: Brazil dam: How German firm approved Brazil dam before it burst. In: BBC News, Brumadinho and Munich; abgerufen am 6. Februar 2020.