mini|Digitales Relief der Alpen und die Staatsgrenzen mini|Die Gotthardpost, Gemälde von Rudolf Koller, 1873 mini|Historischer Saumpfad im Aufstieg der Via Spluga mini|Hannibals Alpenüberquerung mini|Karte der Bernsteinstraße mini|Rompilger-Karte des Erhard Etzlaub aus dem Jahr 1500 mini|Abbazia Novalesa am Mont Cenis mini|Hospiz am Simplon 1890–1900 mini|Gotthardpass im Winter mini|Stillgelegter Bahnhof an der Tenda-Linie mini|Col de Tende mini|Karte Via Alpina mini|Passage am Pasubio

Unter einer Alpenüberquerung, Alpenüberschreitung oder einem Alpenübergang versteht man eine Reise über die Alpen, die meist quer, seltener auch längs zum Alpenhauptkamm verläuft (dann auch als Alpendurchquerung bezeichnet) und zu Fuß, mit Fahrzeugen, auf Tieren, durch Tunnel oder durch die Luft erfolgen kann. Von einer Alpenüberquerung spricht man meist bei einer vollständigen Überquerung des Gebirgszuges der Alpen, etwa von München nach Venedig oder Basel nach Mailand, aber auch bei Routen, die noch inneralpin enden, etwa von Oberstdorf nach Meran. Wird der Alpenhauptkamm nur kleinräumig überquert (z. B. von Gries am Brenner nach Gossensaß im Eisacktal oder bei einer Überschreitung der Hochwilde), spricht man weniger von einer Alpenüberquerung als vielmehr von einer Überschreitung des Alpenhauptkamms.

Die Gründe für eine Überquerung der zwischen 150 und 250 Kilometer breiten Alpen als ‚natürliches Hindernis‘ zwischen Mittel- und Südeuropa einerseits, West- und Osteuropa anderseits sind vielfältig; die wichtigsten Motive sind wirtschaftlicher, militärisch-politischer, religiöser, wissenschaftlicher, touristischer, sportlicher und alpinistischer Art.

Alpenüberquerung aus wirtschaftlichen Gründen Handel Handelswege über den Alpenhauptkamm sind seit der Bronzezeit nachgewiesen, wobei einzelne Funde den Warenaustausch zwischen Nord- und Südeuropa bereits in der ausgehenden Jungsteinzeit (Neolithikum) belegen. Auf schmalen Saumpfaden wurden die Waren anfangs mit ‚Kraxn‘ von Menschen getragen, später meist durch Saumtiere befördert. Wichtige Verbindungswege in vorrömischer Zeit waren unter anderem der Col de Montgenèvre, der Grosse St. Bernhard, der Splügenpass, der Reschenpass und die Bernsteinstraße, die von der Ostsee über die Julischen Alpen zur Adria führte. Einige der unbefestigten Saumpfade über die Alpen wurden während des Römischen Reichs aus militärischen Gründen zu Straßen ausgebaut (z. B. über den Brenner), was nachfolgend auch dem Handel zugutekam.

Etwa ab dem 12. Jahrhundert gewannen zunehmend (meist schon aus vorrömischer Zeit bekannte) sogenannte Salzstraßen als wichtige Handelsrouten im alpenquerenden Nord-Süd- und West-Ost-Transitverkehr an Bedeutung. Auf ihnen wurde Salz zum Beispiel aus Salinen im Rhonedelta in die oberitalienischen Metropolen und von dort weiter in die Schweiz befördert. Durch die Hoheit über wichtige Pässe entlang dieser Salzstraßen vergrößerte sich der Einfluss kleiner Passstaaten. So ließ der Markgraf Ludwig II. von Saluzzo bereits zwischen 1475 und 1480 den ältesten Tunnel der Alpen, den Buco di Viso, bauen, um die Strecke zwischen der Provence und der Po-Ebene besser passierbar zu machen.

Steigendes Verkehrsaufkommen, auch im Postdienst, führte zum Ausbau weiterer Pässe. Der Gotthardpass (durch Bau der ‚Teufelsbrücke‘) und der Brennerpass (durch Bau des Kuntersweges) gewannen zunehmend an Bedeutung. Dabei folgte die Art der Fortbewegung (zunächst zu Fuß, dann auf Saumtieren, später mit Karren, Pferdewagen und Kutschen und schließlich per Eisenbahn und Auto) wegen der schwierigen topographischen Bedingungen leicht zeitversetzt dem jeweiligen technischen Fortschritt.

Zu den alpenüberquerenden Eisenbahnlinien zählen:

Brennerbahn ab 1867 Mont-Cenis-Bahn (Adhäsionsbahn) von 1868 bis 1871 Lyon – Turin ab 1871 Gotthardbahn ab 1882 Simplonroute ab 1906 Tauernbahn ab 1909 Cuneo – Ventimiglia ab 1928

Siehe zu aktuellem Alpentransit auch: Alpentransitverkehr, Neue Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT), diverse Bauvorhaben wie der Brennerbasistunnel und der Mont-Cenis-Basistunnel im Rahmen der Transeuropäischen Netze

Alpwirtschaft Saisonal betriebene Alpwirtschaft auf Weiden, die oft mehrere Hundert Kilometer vom Winterquartier entfernt lagen (siehe auch Transhumanz), ist seit der Bronzezeit belegt, hat aber gegebenenfalls noch ältere Ursprünge. Dabei waren Alpenüberquerungen keine Seltenheit, wie etwa zwischen Nord- nach Südtirol und umgekehrt (siehe auch Ötztal und Vinschgau) und zwischen Provence und Poebene, wie Felsgravuren im französischen Nationalpark Mercantour (Seealpen) belegen.

Alpenüberquerung aus militärischen, strategischen oder politischen Gründen Die legendärste Alpenüberquerung aus militärischen Gründen gelang 218 v. Chr. dem Karthagerführer Hannibal mit seiner Alpenüberquerung. Während des Zweiten Punischen Krieges überschritt Hannibal die winterlichen Alpen mit anfänglich etwa 50.000 Soldaten, 9.000 Reitern und 37 Kriegselefanten auf einem bis heute nicht genau zu bestimmenden Pass,Die römischen und griechischen Überlieferung sind nicht sehr präzise (die Passhöhe war mit einem großen Heer binnen neun Tagen von der Rhône erreichbar / auf der Passhöhe steht ausreichend Platz für ein großes Heerlager zur Verfügung / von der Passhöhe ist ostwärts Turin zu erkennen und in drei Tagen erreichbar / der Abstieg ist sehr steil). Zudem gab es bisher an keinem der anfangs 20 Pässe, die in die nähere Auswahl kamen, entsprechende Funde. In jüngster Zeit wird, vor allem von Patrick Hunt, der Col de Clapier als der Pass genannt, auf den alle der o.a. Bedingungen zutreffen. um Rom anzugreifen. Die Hälfte seines Heeres und alle Elefanten fanden dabei den Tod.

Durch den Gallischen Krieg expandierte danach das Römische Reich in Regionen jenseits der Alpen und befestigte dazu, beginnend in den Westalpen, einige alpenüberschreitende Wege: durch die Seealpen (via per Alpes maritimas) führte die Via Julia Augusta, durch die Cottischen Alpen (via per Alpes cottias) wurde die Passstraße über den Col de Montgenèvre ausgebaut, durch die Grajischen Alpen (via per Alpes graias) die über den Kleinen St. Bernhard, durch die Walliser Alpen (via per Alpes Poeninas) die über den Grossen St. Bernhard, in den Bündner Alpen die Straßen über Septimer und Julierpass, in den Ostalpen auf der Via Claudia Augusta über Reschenpass, später die kürzere Via Raetia über den Brenner und in den Julischen Alpen (via per alpes Iulias) die Bernsteinstraße.

Im Mittelalter zogen die Deutschen Könige regelmäßig über die Alpen, um sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen zu lassen und ggf. in Norditalien ihre Herrschaftsrechte als König von Italien auszuüben. Ihre Heere sammelten sich zu diesem Zweck auf dem Lechfeld bei einem Hügel namens Gunzenle und sie zogen meistens über den Fernpass oder den Seefelder Sattel ins Inntal und dann über den Brenner den Eisack und Etsch entlang nach Verona, wo sich die letzten Ausläufer der Alpen befinden. Dabei war das schluchtartige untere Eisacktal zwischen Klausen und Bozen im Mittelalter bis 1314 unzugänglich. Die Königsstraße führte stattdessen über den Ritten. Erst nach der Eröffnung des so genannten Kuntersweges konnte das Eisacktal durchgehend befahren werdenJosef Rampold: Eisacktal, Südtiroler Landeskunde in Einzelbänden, Band 5, Bozen 1977, 412ff..

Um diese Königsstraße militärisch zu sichern, stattete Kaiser Konrad II. 1027 die Bischöfe von Trient und Brixen mit zahlreichen Ländereien aus, aus denen sich später die Grafschaft Tirol entwickelte. Heute gehören diese Länder zu den italienischen Provinzen Trentino und SüdtirolWalter Pippke, Ida Leinberger: Gardasee, Verona, Trentino, Köln 2000, 283ff..

siehe dazu: Italienzug.

Seit dem Altertum war für alle Herrscher, die eine Vormachtstellung in Europa anstrebten, die Möglichkeit zur schnellen Verlegung von Truppen über die natürliche Barriere des Alpenhauptkammes von entscheidender Bedeutung. Das gilt für Karolinger (Pippin der Jüngere 754 und 756, Karl den Großen 773), Kaiser des Heiligen Römischen Reichs (wie Heinrich IV. 1077 auf seinem Gang nach Canossa und nochmals 1092 und Heinrich VII. 1310 auf seinem Zug nach Rom) wie für Napoléon I., der dafür viele Pässe in den Westalpen (Simplonpass 1801–1805, Mont Cenis 1803–1810) ausbauen ließ.

Im gesamten Alpenraum besteht heute noch ein weit gespanntes Netz von ehemaligen Militärstraßen, von denen viele am Vorabend des Ersten Weltkrieges angelegt und später unter Mussolini ausgebaut wurden. Einige dieser Militärstraßen überqueren auch den Alpenhauptkamm.

Alpenüberquerung aus religiösen Gründen Wallfahrten zum Zweck des Besuches einer bestimmten Pilgerstätte mit religiöser Bedeutung führten seit Begründung des Christentums zu Überquerungen der Alpen. Die erste Beschreibung einer derartigen Reise eines anonymen Pilgers aus Burdigala, dem heutigen Bordeaux, anlässlich einer Reise ins Heilige Land in den Jahren 333–334 verfasst, findet sich im Itinerarium Burdigalense. Dieser Weg führte über Reste des römischen Straßennetzes via Mont Cenis und Turin bis zum Zwischenstopp nach Rom.

Durch das Susatal zogen Pilger aus Italien auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela, wählten dann einen der beiden Alpenübergänge am Montgenèvre oder am Mont Cenis, wo die Franken nach der Niederwerfung der Langobarden die Abtei von Novalesa 726 zum Schutz der Pilger errichtet hatten. In umgekehrter Richtung wurde die Route von Pilgern aus Südfrankreich und Spanien auf ihrem Weg nach Rom und Jerusalem benutzt. Aus Nordeuropa und England wurde auch die Route über den Großen St. Bernhard gewählt, die durch Sigerich, den Erzbischof von Canterbury, 994 beschrieben wurde. Obwohl viele Wege von Franken nach Rom belegt sind, hat sich der Name Via Francigena für diese beschriebene Strecke von Canterbury nach Rom eingebürgert.

Die Hospize am Grossen und am Kleinen St. Bernhard sollen Mitte des 11. Jahrhunderts gegründet worden sein. Die erste Quelle über die Benutzung des zu dieser Zeit schon gut ausgebauten Saumweges über den Gotthardpass stammt von dem Abt Albert von Stade aus dem Jahr 1236, der den Weg in seiner Weltchronik Annales Stadenses beschrieb. In dieser Chronik wurde auch bereits der Weg über den Brenner aufgeführt.

Besonders stark begangen wurden Pilgerrouten über die Alpen zu Heiligen Jahren. Aus einem solchen Anlass gestaltete Erhard Etzlaub im Jahr 1500 seine Romweg-Karte, die erste kartographische Darstellung Mitteleuropas überhaupt. Sie zeigt einen Übergang zwischen Chur und Chiavenna sowie eine Route über den Brenner (Via Imperii) und eine über Semmering und Perchauer Sattel. Überquerungen auf den beiden erstgenannten Wegen wurden für Martin Luthers Romreise im Winter 1510/11 mit Strecken- und Zeitangaben rekonstruiert.

Im Jahre 1994 hat das 'European Institute of Cultural Routes' auf Antrag des italienischen Tourismusministeriums den Pilgerweg von Canterbury nach Rom als ‚Europäische Kulturstraße‘ deklariert.

Alpenüberquerung aus wissenschaftlichen Gründen Horace-Bénédict de Saussure, der als Vater der modernen Alpenforschung gilt, soll eigenen Angaben zufolgeSaussure, Voyages dans les Alpes, Einleitung. Band 1 (frz.) mit Geologenhammer und Messinstrumenten den Alpenhauptkamm auf acht unterschiedlichen Wegen insgesamt 14 mal überquert haben.

Die Frage, welchen Weg Hannibal nutzte, um 218 v. Chr. die Alpen zu überqueren, hat einige Abenteurer und Forscher dazu bewogen, den Hauptkamm auf Elefanten zu passieren. So ritt im Juli 1935 Richard Halliburton auf einem Elefanten namens Dally über den Grossen Sankt Bernhard und Mitglieder der Cambridge Alpine Elephant Expedition 1958–1959 im Zuge der Hannibal-Forschung über den Mont Cenis.

Alpenüberquerung aus touristischen Gründen