mini|Die Landgrafschaft Klettgau in ihrer Ausdehnung von 1806. Gelb = Vorderösterreich, grün = Fürstenberg mini|Die Ämter im Jahr 1790 der Landgrafschaft Klettgau mini|Der Burghügel der Burg Weißenburg im Klettgau
Die Landgrafschaft Klettgau war ein spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Herrschaftsbereich mit sich ändernder territorialen Ausdehnung am Hochrhein zwischen Schaffhausen und Tiengen. Der Klettgau lässt sich nach bisher bekannter Quellenlage ab 1315 als Landgrafschaft datieren. Sie endete infolge der Mediatisierung, als das Gebiet 1806 an das Großherzogtum Baden fiel. Die Landgrafschaft Stühlingen war von 1112 bis 1250 Bestandteil der Grafschaft Klettgau.
Namensbildung Erstmals schriftlich genannt wird der Name Actum in pago Chlegouve im 2. Jahr der Regierung Ludwigs, zur Zeit des Papstes Sergius II. 844, anlässlich eines Gütertauschs zwischen einem Rinloz und dem Kloster Rheinau.Marquard Herrgott, Genealog. diplom, tom II., pars I.(Cod. prob.) S. 25 und 26 Die Nennung in der Divisio Regnorum von 806, dem »Testament« Karls des Großen, auf das sich Trudpert Neugart bezieht,Trudpert Neugart, Cod. dipl. Bd. I., Nr. 157 nennt die Engi bei Neuhausen als Grenze zwischen Chletgowe und Hegowe. Hier sollte auch die Grenze der Machtbereiche zwischen seinen Söhnen Karlmann und Pippin verlaufen. Ägidius Tschudi spricht von den Latobrigern als Urbevölkerung, wonach sich auch der Name ableite. Johann Jakob Rüeger bestätigt dieses, meint aber aufgrund der Fruchtbarkeit der Gegend von einem »Lettengau« sprechen zu dürfen. Auch vertreten (u. a. durch Georg Jäger) wurde die Ansicht wie Aargau von der Aare so sei Klettgau von der Glatt hergeleitet, also eigentlich »Glattgau«. Franz Josef Mone leitete es von Chleigh, dem keltischen Wort für Hügel ab, also »Hügelgau«. Rüeger erwähnt auch die Ansicht des Josias Simmler demnach die alte Grafschaft Altenburg das gallische »Latobrigi« und damit das deutsche »Altobrogo« beinhalte, was heute aber als unrichtig erkannt ist.
Zur Herkunft und Bedeutung des Namens „Klettgau“ gibt es mehrere weitere Deutungsversionen die bis heute nicht abschließend geklärt sind. Während vielfach die Ansicht vertreten wird, der Klettgau (auch Kleggau, Clecgouva, Chlegowe, Clegove, Clechgouwe, Cleggovia), habe seinen Namen von Cleg (Schiffchen, Weidling) und Geu (Landstrich) – womit wohl auf die Lage am Rhein abgestellt wird,s. Kolb S. 154 entwickelte Emil Müller-Ettikon eine weitere Theorie, in dem er auf das mittel- bzw. althochdeutsche ursprüngliche Schallverb klecken hinwies, und im Klettgau, da ursprünglich auch als Chleckgow geschrieben, den Gau am Rheinfall annahm.
Ob man nun Kleggau oder Klettgau schreiben sollte, darüber stritten sich lange Zeit die schwarzenbergischen Beamten: man entschied sich für Klettgau.
Frühe Besiedelung Nach Aegidius Tschudi von den „Latobriga“ (Latobriger), einem Stamm der Kelten, besiedelt. Später Siedlungsgebiet der Alamannen, war das Land am Hochrhein zwischen Schaffhausen und Waldshut zunächst römisch besetzt. 537 übergab Witigis als Gegengabe für Hilfsleistungen gegen die Byzantiner Provinzteile des Alpenvorlandes an Theudebert I. 585 wurde das Bistum Konstanz von Vindonissa losgelöst. Die fränkisch-karolingische Neueinteilung des Reiches in Gaugrafschaften führte im 8. Jahrhundert zur Namensgebung des sich zwischen Rhein, Wutach und Randen erstreckenden Gebietes. Im Norden spielten die Reichsherrschaft Bonndorf unter dem Kloster St. Blasien und im Westen das Damenstift Säckingen eine wichtige Rolle. Das Gebiet war von 911 bis 1268 Bestandteil des Herzogtums Schwaben.
mini|Das heutige Dorf Krenkingen: die Ruine des Stammsitzes der Freiherren von Krenkingen; die Burg Alt-Krenkingen lag südlich unterhalb des Dorfes auf einer Felsnase
Geschichte In der in karolingischer Zeit existierenden Grafschaft Klettgau waren um 1200 unter anderen die Freiherren von Krenkingen, die Grafen von Küssenberg, das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen sowie das Hochstift Konstanz begütert. Der ursprüngliche Sitz war Altenburg bei Jestetten.Martin Wanner: Geschichte des Klettgaues im Umriß bis zum Abschluß der Reformation, Hamburg 1857 Später wurde die Stadt Tiengen Sitz der Grafen. Teilweise unter der Herrschaft der Grafen von Lupfen, von Stühlingen, wurde später weiterer Grundeigentümer im Klettgau das Kloster Rheinau. Der Klettgau war von 911 bis 1268 Bestandteil des Herzogtums Schwaben und kam als Erbe an Herzog Ernst von Schwaben, andere Teile waren habsburgisch. Nach der Zerstörung der Kyburg im Jahr 1027 durch Konrad II. folgte der langsame Zerfall. Das Gebiet musste sich der Macht des Reichs der Staufer unterordnen. Das seit 1651 zum heutigen Kanton Zürich gehörende Gebiet, das Rafzerfeld sowie die ehemalige Herrschaft Regensberg kam im Zusammenhang mit dem Kyburger Erbe von den Regensbergern und wurde Bestandteil des Zürichgau. mini|Burg Balm bei Lottstetten nach einer Zeichnung von Johann Jakob Beck: Die Schaffhauser tragen nach der Zerstörung die Glocke der Burgkapelle nach Schaffhausen heute Fronwaagturmglocke
Unter den Krenkingern Mit ihrer Stammburg Burg Altkrenkingen und Burg Krenkingen im Steinatal, der Stadt Tiengen und der Weißenburg waren die Freiherren von Krenkingen zeitweise die mächtigsten Herrscher des Klettgaus. 1389 werden genannt Johans von Krenkingen fry her und her zu Tuengen, hoffrichter des Romischen richs und Diethelm von Krenkingen fry, Kilcher (Kirchherr) zu Tuengen und ze Schwerzen, gebruder.Albert Krieger, Topographisches Wörterbuch des Großherzogtum Baden, 1905, Spalte 1180
Unter den Grafen von Habsburg-Laufenburg (1282–1408) Mit ihrem SitzRustenus Heer, in: Anonymus Murensis Denudatus, S. 337, nach: Acta Murensia in Altenburg und der Erbauung der Habsburg durch Rathbods. Wanner, S. 88–89. sind sie die Begründer einer Dynastie, die bis heute weiterlebt. Von 1282 bis 1408 war der Klettgau in der Hand der Grafen von Habsburg-Laufenburg; 1325 wurden sie Landgrafen. Graf Rudolf der Schweigsame begründete 1282 die Linie der Laufenburger Grafen. Am 18. April 1380 saß Landgraf Rudolf IV. am Langenstein letztmals offenlich zu Gerichte. Von da an ließen sich die Landgrafen von Landrichtern vertreten. Das Landgericht Klettgau war ein mittelalterliches Gericht, das ab 1361 erstmals als solches genannt wurde.Alfons Peter, Das Landgericht Klettgau, S. 44.
Die Laufenburger Linie war durch vielfache politische und wirtschaftliche Kräfte bedrängt. Interne Streitigkeiten wurden zwar immer wieder entschärft, doch Fortuna war nicht immer zur Stelle, als dass sich ein günstiges Fortdauern und Bestehen der Linie ergeben hätte. Landgraf Johann IV., der letzte der Laufenburger Linie, starb 1408 auf der Burg Balm ohne männliche Nachkommen. Zwar ließ bestimmt auch er noch Stammbäume anlegen und Genealogien durchforschen, um den Fortbestand des Hauses zu sichern, doch vergebens, dennoch brachte seine Familie herausragende Persönlichkeiten hervor, etwa den draufgängerischen Gottfried I., oder der Sohn Rudolf des Schweigsamen, Rudolf der Bischof von Konstanz. Auch Rudolf III. sorgte für ansehnlichen Gebietszuwachs durch seine Heirat mit Elisabeth von Rapperswil. Der größte Teil der Verluste war letztlich durch den Freiheitsdrang der Eidgenossen bedingt.
Unter den Grafen von Sulz (1408–1687) mini|hochkant|Wappen der Grafen von Sulz im Scheibler’schen Wappenbuch Durch den 1408 geschlossenen Vertrag seines Vaters Hermann von Sulz mit der Witwe des Johann von Habsburg, Reza von Habsburg-Laufenburg, erfolgte 1410 die Heirat der Tochter Ursula von Habsburg-Laufenburg mit dem Grafen Rudolf III. von Sulz;bereits 1408 war der Heiratsvertrag durch den Vater des Bräutigams, Hermann von Sulz, und die Mutter der Braut und Witwe des Grafen Johann, Agnes von Landenberg, geschlossen worden; s. Badenia, 2. Jahrgang, S. 155 so kam die Landgrafschaft Klettgau zusammen mit den Herrschaften Krenkingen und Rottembergim Unterelsass; s. Niederhäuser an die Grafen von Sulz, die seit dem 10. Jahrhundert in Sulz am Neckar nachgewiesen sind.
Das Haus Sulz versuchte – auch im Konflikt mit den Habsburgern – die Schirmvogtei über das im Klettgau begüterte Kloster Rheinau zu erlangen, wobei es auch zu Konflikten mit der Stadt Schaffhausen kam. Als Basis für ihre öfters auch gewaltsamen Aktionen gegen das Kloster benutzten die Sulzer die Burg Balm, die 1449 von Truppen der Stadt Schaffhausen zerstört wurde.
Während des Waldshuterkrieges wurde 1468 auch die Landgrafschaft Klettgau durch die eidgenössischen Truppen geplündert. 1482 konnten die Sulzer die Stadt Tiengen erwerben, die zur Residenz wurde. Im Austausch mussten sie gegenüber dem Hochstift Konstanz auf alle Rechtsansprüche bzgl. Hallau und Neunkirch verzichten.
1478 schlossen die Grafen von Sulz mit der Stadt Zürich – für sich und die Landgrafschaft – ein auf zehn Jahre befristetes Burgrecht ab, das 1488 auf „ewig“ verlängert wurde. Nachdem sie 1488 das Schloss JestettenGeschichte des Schlosses auf der Homepage der Gemeinde Jestetten erwerben konnten, wurde auch dieses zeitweise zur Residenz. Die Sulzer residierten zudem auch noch auf der Küssaburg, die sie 1492 als Pfand und 1497 als Lehen übernehmen konnten. Im Austausch wurde Bohlingen an das Hochstift Konstanz abgetreten. Die Landgrafschaft wurde 1499 im Schwabenkrieg zum Kriegsschauplatz und wurde von eidgenössischen, wie von habsburgischen Truppen verwüstet – auch das Residenzstädtchen Tiengen wurde zerstört. Vorder-Österreichische Truppen aus Waldshut, Laufenburg und der Grafschaft Hauenstein unter dem Hauptmann Willibald Pirckheimer plünderten und verwüsteten Rechberg, das kleine Bauerndorf wollte sich 1468 nach Bedrängungen den Eidgenossen zuwenden, ebenso die Dörfer Dangstetten, Geißlingen und Grießen.
Der Bauernkrieg Schon früh fanden in der Nachbarschaft die Bundschuh-Bewegung und Erhebungen der Hauensteiner Untertanen gegenüber dem Kloster St. Blasien statt. Am 15. Mai 1524 weigerte sich der Rat der Stadt Waldshut gegenüber Österreich Balthasar Hubmaier auszuweisen. Mit dem Aufstand der Stühlinger Untertanen gegen Graf Siegmund II. von Lupfen am 23. Juni 1524 vor dem Schloss Hohenlupfen wird in der traditionellen Geschichtsforschung der Beginn des Deutschen Bauernkriegs gesehen. Im Juni 1524 wählten die Stühlinger Bauern den Hans Müller von Bulgenbach zu ihrem Hauptmann. Erst im Dezember 1524 wendeten sich die Klettgauer Untertanen gegen die Grafen von Sulz. Im Gegensatz zu den Stühlingern, die ihre Beschwerden beim Kammergericht Esslingen geltend machten, beriefen sie sich stets auf die Reformation.Hiroto Oka, Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft Stühlingen und seine Vorgeschichte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, 1998. S. 20 Von Zürich aus wurde das zwinglianisch-reformierte Bekenntnis durch Prädikanten in den Klettgau getragen, und Thomas Müntzer hielt sich im nahen Waldshut auf.Bader berichtet von einer Quelle, nach der sich Müntzer auch längere Zeit in Grießen aufgehalten hat Unter Führung von Nikolaus Wagner formulierten die Klettgauer ihre Beschwerden in 44 Artikeln, die sie am 25. Januar 1525 an den Rat der Stadt Zürich richtetenin: Heinrich Schreiber: Der deutsche Bauernkrieg – gleichzeitige Urkunden, Teil I, S. 179–184. Der Aufstand dauerte bis zum 4. November 1525. An diesem Tag wurde er von Truppen des Grafen Rudolf V. von Sulz unter Christoph Fuchs von Fuchsberg bei Grießen blutig niedergeschlagen, Hans Rebmann wurde geblendet.
Die Steuerrebellion