mini|Medaillon aus Senigallia mit dem Bildnis Theoderichs. Théoderich der Große (dreisilbig, mit e͡o als Diphthong; lateinisch Flavius Theodericus; gotisch ; * 451/56 in Pannonien; † 30. August 526 in Ravenna) war ein König des Ostgotenreichs aus dem Geschlecht der Amaler. Theoderich, der als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der spätantiken Völkerwanderungszeit gilt, herrschte nach seinem Sieg über Odoaker in Italien und fungierte zeitweise auch als Herrscher des Westgotenreichs. Seine Rechtsstellung – ob er im Namen des oströmischen Kaisers über das Weströmische Reich herrschte oder als Herrscher nur über die Ostgoten anzusehen ist – ist umstritten.
Theoderich gilt als Gründer des Ostgotenreichs in Italien im Jahr 493 und als historisches Vorbild für Dietrich von Bern („Theoderich von Verona“) in der germanisch-mittelalterlichen Heldendichtung.
Leben Jugend und die Eroberung Italiens mini|Mosaik Justinians, wahrscheinlich ein überarbeitetes Abbild Theoderichs in Sant’Apollinare Nuovo Über Theoderichs Jugendzeit liegen kaum zuverlässige Informationen vor, auch das Geburtsjahr wird in der Forschung unterschiedlich angesetzt (zwischen 451 und 456).Vgl. Herwig Wolfram: Theoderich der Große. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 30, Berlin u. a. 2005, S. 415 ff. Sein Vater war Thiudimir, ein Anführer gotischer foederati, die nach der Abschaffung von Subventionszahlungen unter Kaiser Leo I. gegen ihn aufbegehrten und schließlich unter dem militärischen Oberkommando von Anthemius, dem späteren weströmischen Kaiser, zu einem Abkommen gedrängt wurden.Herwig Wolfram: Die Goten. 4. Auflage. München 2001, S. 262–263. Vgl. Ludwig Schmidt: Die Ostgermanen. München 1941 (1969), S. 272–273. Der noch junge Theoderich wurde demnach als Friedensgeisel bestimmt und an den Kaiserhof in Konstantinopel überstellt, wo er seine Jugendzeit (wohl von ca. 459 bis 469) verbrachteAnders Wilhelm Enßlin: Theoderich der Große. 2. Auflage, München 1959, S. 13; demnach kam Theoderich erst 461 nach Konstantinopel. und vermutlich rudimentäre Kenntnisse der römischen Verwaltungs- und Herrschaftspraxis erhielt. In dieser Zeit wurde der oströmische Hof von dem magister militum (Heermeister) Aspar dominiert, auf dessen Vorbild sich Theoderich später berufen haben soll, als es um die Frage ging, wieso er nicht selbst Kaiser werden wolle.Vgl. Theodor Mommsen (Hrsg.): Acta Synhodorum habitarum Romae. In: Monumenta Germaniae Historica. 1: Scriptores. 1: Auctores antiquissimi. Band 12. Weidmann, Berlin 1894, S. 392–455, hier S. 425. Er kehrte etwa 469 nach Pannonien zurück und übernahm die Führung einer der dort operierenden gotischen Kriegergruppen.Nach Wilhelm Enßlin: Theoderich der Große. 2. Auflage, München 1959, S. 33, verließ Theoderich Konstantinopel erst 471. Dagegen spricht, dass Theoderich im Jahr 500 sein 30-jähriges Herrschaftsjubiläum feierte und dies auf einen Sieg im Jahr 470 (nach seiner Rückkehr zu den Goten) zurückzuführen ist, vgl. Herwig Wolfram: Die Goten. 4. Auflage. München 2001, S. 264 ff. Nachdem er wohl schon 471 als Heerkönig erhoben wurde, folgte er 474 seinem Vater Thiudimir als rex des Gotenverbandes nach, der sein Föderatenreich von Pannonien nach Makedonien verlegt hatte. 476 verlegte Theoderich den Sitz der gotischen foederati wieder an die Donau und diente später in der kaiserlichen oströmischen Armee als hoher Offizier auf dem Balkan. Theoderich wurde 481, nach dem Tod seines Konkurrenten und möglicherweise Verwandten Theoderich Strabo, dessen Gefolgschaft nun zu ihm überging, vom Kaiser zum magister militum ernannt und bekleidete 484 auch das Konsulat – eine der höchsten Würden im Römischen Reich. Dennoch blieben starke Spannungen zwischen Theoderich und dem nunmehrigen Kaiser Zenon bestehen, 486/87 kam es auch zu Kämpfen.
Ende 488 wurde Theoderich dann von Zenon als magister militum bestätigt, zum patricius ernannt und mit einem Feldzug gegen Odoaker in Italien beauftragt. Ob Theoderich aus eigenem Entschluss oder auf Druck des Kaisers nach Italien ging, ist in der Forschung umstritten, doch war das Bündnis (foedus) für beide Seiten von Vorteil: Theoderich konnte ein eigenes Reich gewinnen (wenngleich Zenon Theoderich formal nur als seinen Stellvertreter entsandte),Zur unklaren und viel diskutierten Stellung Theoderichs in Italien vgl. unter anderem Wilhelm Enßlin: Theoderich der Große. 2. Auflage, München 1959, S. 74 ff.; John Moorhead: Theoderic in Italy. Oxford 1992, S. 32 ff.; Herwig Wolfram: Die Goten. 4. Auflage. München 2001, S. 286 ff. während Zenon den unbequemen Heerführer loswurde, dessen Goten in gefährlicher Nähe zu Konstantinopel agierten, und zugleich den rebellischen Odoaker bekämpfen konnte. Theoderich zog im Jahre 489 mit ca. 20.000 Kriegern und deren Familien nach Italien.Überblick bei Wilhelm Enßlin: Theoderich der Große. 2. Auflage, München 1959, S. 62 ff.; Herwig Wolfram: Die Goten. 4. Auflage. München 2001, S. 279 ff. So kamen zu den etwa 20.000 überwiegend gotischen foederati noch ca. 80.000 weitere Personen hinzu, so dass von einem Gesamttross von etwa 100.000 Menschen ausgegangen werden kann. Auch Römer und Vandalen waren auf beiden Seiten in den anschließenden Konflikt verwickelt, der vor allem in Norditalien für Verwüstungen sorgte. Nach zunächst wechselhaftem Kriegsverlauf konnte Theoderich im Sommer 490 zunächst bei Verona und anschließend nochmals am Fluss Adda zwei entscheidende Siege erringen und kontrollierte 491, als Zenon starb, den Großteil Italiens. Insbesondere die blutige Schlacht bei Verona scheint auf die Zeitgenossen großen Eindruck gemacht und Theoderichs Ruhm gemehrt zu haben. Er belagerte anschließend zwei Jahre lang das als uneinnehmbar geltende Ravenna, konnte die Residenzstadt aber auch nach der Rabenschlacht 493 nicht erobern und stimmte daher einer Verständigung mit Odoaker zu. Nur wenige Tage später ließ er seinen Kontrahenten aus machtpolitischen Gründen (und weniger aus Rache für die Ermordung der rugischen Königsfamilie, wie Theoderich später behauptete) bei einem Festmahl samt dessen im Saal anwesender Gefolgschaft töten. Dabei soll Theoderich Odoaker eigenhändig erschlagen haben. Anschließend ließ er zahlreiche weitere Männer töten, die als Anhänger seines Rivalen galten.
Die „guten“ Jahre mini|Edictum Theodorici regis. Fragment. 512 In der Forschung ist umstritten, auf welcher Grundlage Theoderich fortan herrschte. Er nahm aber nach der Ermordung Odoakers eine Stellung ein, die ihn in Italien faktisch so gut wie unabhängig machte. Dennoch betonte er seine untergeordnete Stellung zum Herrscher in Konstantinopel, da er die Sicherung seiner Macht durch Vermeidung von Konflikten anstrebte. Diese Strategie führte er selbst nach der Anerkennung durch Kaiser Anastasius 497/498 weiter. Von dem Zeitpunkt an war Theoderich nun nicht nur der Anführer seiner gotischen Krieger, sondern zugleich auch das Haupt der weströmischen Regierung.Vgl. Henning Börm: Westrom. Von Honorius bis Justinian. Kohlhammer, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-17-023276-1, S. 129 ff. Siehe auch Hans-Ulrich Wiemer: Odovakar und Theoderich. Herrschaftskonzepte nach dem Ende des Kaisertums im Westen. In: Mischa Meier, Steffen Patzold (Hrsg.): Chlodwigs Welt. Organisation von Herrschaft um 500. Steiner, Stuttgart 2014, S. 293–338. Er galt den Römern als vom Kaiser eingesetzter Verwalter Italiens, während er zugleich rex bzw. König der Ostgoten blieb; seine offizielle Selbstbezeichnung war Flavius Theodericus rex. Der ihm von Zenon verliehene Rang eines patricius markierte in Verbindung mit der Position als magister militum in Westrom (nicht aber im Osten) zudem seit Jahrzehnten den faktischen Regierungschef, und die von Theoderich geführten gotischen Krieger standen aus kaiserlicher Sicht als foederati in römischen Diensten. Zugleich übersandte Anastasius Theoderich die ornamenta palatii, also die Insignien des westlichen Kaisertums, die Odoaker 476 nach Konstantinopel geschickt hatte: Möglicherweise war dies eine Aufforderung an den Goten, einen neuen Augustus für Italien zu erheben. Wenn dem so gewesen sein sollte, so kam Theoderich diesem Wunsch aber nicht nach.Vgl. Henning Börm: Das weströmische Kaisertum nach 476. In: Henning Börm, Norbert Ehrhardt, Josef Wiesehöfer (Hrsg.): Monumentum et instrumentum inscriptum. Beschriftete Objekte aus Kaiserzeit und Spätantike als historische Zeugnisse. Festschrift für Peter Weiß zum 65. Geburtstag. Steiner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-515-09239-5, S. 47 ff.
Einen lange anhaltenden Frieden im Inneren erreichte der arianische Ostgote durch gleichwertige, aber getrennte Behandlung römisch-italischer (nizänischer Christen) und germanischer (arianischer Christen) Gefolgsleute und Beamter. Diese Politik wurde durch das damalige akakianische Schisma zwischen der westlichen und östlichen Christenheit erleichtert, da sich weder die arianischen Krieger noch die katholischen Zivilisten Italiens in Kommunion mit dem orthodoxen Kaiser befanden. Der oströmische Geschichtsschreiber Prokopios von Caesarea lobte den rex später als einen gerechten und starken Herrscher, der in allem außer dem Titel ein wahrer Kaiser gewesen sei. Auch der Anonymus Valesianus lobte Theoderich in den höchsten Tönen.
Die Ansiedlung der Goten in Italien erreichte Theoderich ohne eine größere Konfrontation mit den Italikern. Der Widerstand war sogar so gering, dass manche Forscher – wie etwa der US-amerikanische Mediävist Walter A. GoffartWalter Goffart: Barbarians and Romans A.D. 418–584. The techniques of accommodation. Princeton University Press, Princeton NJ 1980, ISBN 0-691-05303-0. – davon ausgehen, dass es keine Enteignungen der Römer gegeben habe, sondern dass die Goten nur brachliegendes Land sowie einen Anteil an den Steuern erhalten hätten. Trifft dies zu, so wäre damit eine Erklärung für die weitgehend friedliche Koexistenz zwischen der noch immer reichen italischen Senatsaristokratie und den ostgotischen foederati gefunden – wobei diese These nicht unumstritten und die diesbezügliche Diskussion noch nicht abgeschlossen ist. Vielleicht erhielten die Goten auch einfach herrenloses Land, das zuvor Odoakers Anhängern gehört hatte. In jedem Fall lässt sich festhalten, dass der patricius Liberius, der im Auftrag des Goten als Prätorianerpräfekt die Ansiedlung bzw. Unterbringung der germanischen Krieger vornahm, diese Aufgabe in sehr kurzer Zeit erfüllte und vielfach für sein Vorgehen gelobt wurde – gerade von Seiten der römischen Grundbesitzer. Womöglich nahmen Theoderichs Krieger auch einfach die Stelle ein, die zuvor die Männer Odoakers besetzt hatten, die ihrerseits 476 das reguläre weströmische Heer (exercitus Romanus) beerbt hatten, sodass sich keine wesentliche Veränderung ergab.