Der Begriff Positive Psychologie wurde 1954 von dem US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow erstmals verwendet und fand in den 1990er Jahren durch den US-amerikanischen Psychologen Martin Seligman breite Aufmerksamkeit.Shane J. Lopez, Matthew W. Gallagher: A case for positive psychology. In: Shane J. Lopez, C. R. Snyder (Hrsg.): The Oxford Handbook of Positive Psychology. 2. Auflage. Oxford University Press, New York 2009, S. 3–6. Im Gegensatz zur meist defizitorientierten klinischen Psychologie konzentriert sich die Positive Psychologie auf die positiven Aspekte des Menschseins; so stehen etwa Glück, Optimismus, Geborgenheit, Vertrauen, individuelle Stärken, Verzeihen (Vergebung) oder auch Solidarität im Mittelpunkt der Betrachtung. Inzwischen bezeichnet der Begriff eine Strömung (oder Schule) innerhalb der Psychologie.Franz-Josef Hücker, Margot Jung: Update on Positive Psychology. Ist die Positive Psychologie eine Anleitung zum Glücklichsein und Wohlbefinden? In: Sozial Extra. 38. Jg., 6, VS Verlag, Wiesbaden 2014, S. 6–9. Das Forschungsfeld der Positiven Psychologie hat sich seit den 2010er-Jahren zunehmend ausdifferenziert. Heute lassen sich mehrere Subdisziplinen unterscheiden, darunter die Positive Education, Positive Health und Positive Neuroscience, die jeweils spezifische Anwendungsfelder und Forschungsansätze entwickeln.
Entstehung Der Begriff „Positive Psychology“ wurde 1954 von Abraham Maslow geprägt.Abraham H. Maslow: Motivation and personality. Brandeis University, New York 1954. Die Positive Psychologie knüpft mit ihrer Sichtweise an Ideen der Humanistischen Psychologie an. Viele ihrer Aspekte sind bereits in der ressourcenorientierten Psychotherapie zu finden. Der Blick auf die positiven Seiten der menschlichen Existenz ist in der Geschichte der wissenschaftlichen Psychologie nicht neu, jedoch das Bemühen um wissenschaftliche Fundierung auf breiter Basis. Im Jahr 1998 gewann der Begriff „Positive Psychology“ erneut an Popularität, als der US-amerikanische Psychologe Martin Seligman das Konzept der Positiven Psychologie aufgriff und als Thema für seine Amtszeit als Präsident der American Psychological Association wählte.
Schwerpunkte Im US-amerikanischen und angelsächsischen Raum spielen Charakterstärken bzw. Tugenden (virtues) eine bedeutende Rolle in der Forschung zur Positiven Psychologie. Christopher Peterson (1950–2012) und Martin SeligmanChristopher Peterson, Martin E. P. Seligman: Character strengths and virtues: A handbook and classification. Oxford University Press, New York 2004. unterschieden 2004 sechs Tugenden und ordneten ihnen insgesamt 24 Charakterstärken zu: Weisheit und Wissen (kognitive Stärken): Kreativität, Neugier, Aufgeschlossenheit, Lernfreude, Perspektive Courage (emotionale Stärken): Tapferkeit, Beharrlichkeit, Integrität, Vitalität Menschlichkeit (interpersonale Stärken): Liebe, Freundlichkeit, soziale Intelligenz Gerechtigkeit (zivile Stärken): soziale Verantwortung, Fairness, Führungsstärke Mäßigung (Stärken, die gegen Exzesse schützen): Vergeben und Mitleid, Demut und Bescheidenheit, Besonnenheit, Selbstregulation Transzendenz (spirituelle Stärken, die mit Bedeutsamkeit zu tun haben): Wertschätzung von Schönheit und Exzellenz, Dankbarkeit, Hoffnung, Humor, Spiritualität. Park, Peterson und Seligman führten zahlreiche empirische Studien in Verbindung mit der Identifikation menschlicher Charakterstärken durch.Nansook Park, Christopher Peterson, Martin P. Seligman: Strengths of Character and Wellbeing. In: Journal of Social and Clinical Psychology. Vol. 23(5), 2004, S. 603–619.Nansook Park, Christopher Peterson, Martin P. Seligman: Reply Strengths of Character and Wellbeing: A Closer Look at Hope and Modesty. In: Journal of Social and Clinical Psychology. Vol. 23(5) 2004, S. 628–634.P. Alex Linley u. a.: Character Strengths in the United Kingdom: The VIA Inventory of Strengths. In: Personality and Individual Differences. Vol. 43(2) 2007, S. 341–351. Auch in der kontinentaleuropäischen Forschung zur Positiven Psychologie im Bildungskontext spielen Kernqualitäten eine wichtige Rolle, beispielsweise in Untersuchungen zur Förderung der persönlichen Fähigkeiten von Menschen durch positive Aktivitäten.Peter Ruit, Fred Korthagen: Bewustwording en ontwikkeling van kernkwaliteiten bij leerlingen. In: Tijdschrift voor orthopedagogiek. 51, 2012, S. 491–505.
Anwendungsbereiche Seit der Begründung der Positiven Psychologie macht sich auch die Unternehmenspraxis deren Erkenntnisse zunutze, beispielsweise in Form des Positive-Leadership-Konzepts im angelsächsischen Raum. Erziehung und Bildung sind weitere Anwendungsbereiche, in denen die Positive Psychologie in der Arbeitswelt an Bedeutung gewonnen hat.Rich Gilman, E. Scott Huebner, Michael J. Furlong (Hrsg.): Handbook of Positive Psychology in Schools. Routledge, New York 2009.
Ausbildung Die Positive Psychologie ist kein fester Bestandteil der universitären Ausbildung in Deutschland. Aus- und Weiterbildungen im deutschen Sprachraum werden bislang vorwiegend von privaten Instituten realisiert. Seit 2015 besteht die Möglichkeit, ein CAS an der Universität Zürich zu absolvieren.. In: psychologie.uzh.ch. 8. Juni 2015, abgerufen am 20. Oktober 2024. Mit dem Wintersemester 2018/2019 wurde erstmals auch in Deutschland ein einsemestriges universitäres Weiterbildungsstudium an der Universität Trier unter der Leitung von Michaela Brohm-Badry angeboten: Zukunftsmanagement und Positiver Wandel (ZUPO) – Positive Psychologie, Bildung und Philosophie. Seit 2021 ist es auch in Deutschland möglich, ein vollständiges Masterstudium in Positiver Psychologie und Coaching zu absolvieren. Deutschlands erster Masterstudiengang steht unter der Leitung von Judith Mangelsdorf und ist im Rahmen einer Kooperation der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie (DGPP) und der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport (DHGS) in Berlin, Hamburg und Ismaning studierbar. In Europa fördert das von Michaela Brohm-Badry gegründete European Forum for Positive Neuroscience (EUPONS) den Wissenstransfer und die Weiterbildung in Positiver Psychologie und verwandten Disziplinen, insbesondere an der Schnittstelle zu den Neurowissenschaften.
Kritik Positive Psychologie steht in der Kritik. Insbesondere wird ihr vorgeworfen, die Anhänger würden unter dem Deckmantel eines „positiven Menschenbildes“ einer Ideologie anhängen, die einen Menschentyp nach den Maßgaben ökonomischer Verwertbarkeit proklamiert und glaubt, Menschen umprogrammieren zu können.Zur Kritik der Positiven Psychologie, Philipp Mayring im Social Science Open Access Repository, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, PDF, 2012. Insbesondere der Charaktertest der Positiven Psychologie müsse sich den Gütekriterien der wissenschaftlichen Psychologie stellen. Nach der Überprüfung einiger Studien konnten positive Auswirkungen auf an Depressionen erkrankte Menschen überhaupt nicht mehr festgestellt werden.Schluss mit lustig! – Positive Psychologie in der Kritik, Pia Masurczak für Deutschlandfunk, 2021.
Siehe auch Flow (Psychologie) Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg Kernqualitäten Positive Psychotherapie Salutogenese
Literatur
Carl Cederström: Die Phantasie vom Glück. Edition TIAMAT, Berlin 2019, ISBN 978-3-89320-242-3.
Georg Steinmeyer: Die Gedanken sind nicht frei. Coaching: eine Kritik Lukas Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-86732-307-9. Michael Tomoff: Kritisch hinterfragt – Positive Psychologie – Erfolgsgarant oder Schönmalerei? Springer, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-662-50386-7. Senta Brandt: Kritik der Positiven Psychologie. Psychosozial-Verlag, Gießen 2024, ISBN 978-3-8379-3239-3.
Weblinks Michaela Brohm-Badry, Benjamin Berend (2017): Positive Psychologie: Grundlagen, Geschichte, Elemente, Zukunft. (PDF; 546 kB). Universität Trier. DACH-PP (Deutschsprachiger Dachverband für Positive Psychologie) Deutsche Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung Uwe Hartmann, Udo Schneider, Hinderk Emrich: Auf der Jagd nach dem Glück. In: Gehirn&Geist. 04/2002. Philip Mayring (2012): Zur Kritik an der Positiven Psychologie. In: Psychologie & Gesellschaftskritik 36 (1). 45–61 .
Einzelnachweise