mini|Hundebiss nach drei Tagen
Ein Hundebiss ist eine durch den Biss eines Haushunds verursachte Verletzung eines Menschen oder anderen Tieres, die in der Medizin, der Veterinärmedizin und der Rechtsprechung eine Rolle spielt. Ein Hundebiss muss wegen der Gefahr einer Wundinfektion immer sofort ärztlich versorgt werden.
Ursachen und Vermeidung von Hundebissen mini|Hundebiss bei einem Mädchen Verhaltensbiologische Grundlage für das Beißen eines Hundes sind das Aggressions- und Jagdverhalten. Beim Aggressionsverhalten ist zwischen offensiver Aggression (Angriff) und defensiver Aggression (Abwehrbeißen) zu unterscheiden. Der überwiegende Teil aggressiver Reaktionen beim Hund geschieht aus Angst.Sandra Bruns: Fünf Hunderassen und ein Hundetypus im Wesenstest nach der Niedersächsischen Gefahrtier-Verordnung vom 5. Juli 2000. Dissertation Hannover 2003.
Die meisten Bissverletzungen durch Hunde entstehen im familiären Umfeld eines Hundes, nur ein geringer Teil der Beißunfälle erfolgt durch fremde Hunde. Besonders häufige Opfer sind Kinder im Alter zwischen 5 und 9 Jahren. Ein besonders hohes Risiko für das Auftreten von aggressivem Verhalten des Hundes besteht beim Hundebesitzer zu Hause, ein deutlich geringeres auf der Straße.Gina Polo, Néstor Calderón, Suzanne Clothier, Rita de Casssia Maria Garcia: Understanding dog aggression: Epidemiologic aspects. In: Journal of Veterinary Behavior: Clinical Applications and Research. 10, 2015, S. 525–534, doi:10.1016/j.jveb.2015.09.003.
Wenn ein Hund das Verhalten oder die Handlungen eines Menschen als übergriffig oder bedrohlich empfindet, reagiert er meist zuerst mit Beschwichtigungssignalen. Wenn die Person diese Verhaltenssignale nicht erkennt, nicht beachtet oder falsch deutet, kann es dazu kommen, dass der Hund zubeißt. Insbesondere für eine Umarmung gibt es zwischen Hunden keine Entsprechung, sie kann von einem Hund als potenziell bedrohlich empfunden werden und ist bei Kindern eine häufige Ursache für Hundebisse ins Gesicht.Ilana Reisner: Dog as a second Language. In: Today's Veterinary Practice. Januar/Februar 2013.
Neben anderen Randbedingungen wie falscher Zuchtauswahl und unzureichender Sozialisation des Hundes führt vor allem fehlende Sachkunde des Hundehalters dazu, dass der betreffende Hund gefährlich werden kann. Aggression von Hunden ist in hohem Maße kontextspezifisch: Hunde, die aggressives Verhalten Fremden gegenüber zeigen, tun das Familienmitgliedern gegenüber oft nicht. Das legt den Schluss nahe, dass Hunde lernen, in bestimmten Situationen aggressives Verhalten zu zeigen.Rachel A. Casey, Bethany Loftus, Christine Bolster, Gemma J. Richards, Emily J. Blackwell: Human directed aggression in domestic dogs (Canis familiaris): Occurrence in different contexts and risk factors. In: Applied Animal Behaviour Science. 152, 2014, S. 52–63, doi:10.1016/j.applanim.2013.12.003.
Eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover ergab, dass Halter von nicht-beißenden Hunden ihre Hunde besser beeinflussen konnten, die Interaktionen entspannter waren und die Halter den Hunden mehr Sicherheit vermittelten. Außerdem konnten sie das Verhalten ihrer Hunde besser einschätzen. Im Hinblick auf von Nichtfachleuten häufig geforderte Maßnahmen wie ständige Leinenpflicht und allgemeinen Maulkorbzwang zeigte Sandra Bruns auf, dass dadurch arttypische Sozialkontakte verhindert werden und mangelnde Auslastung und Frustration entstehen können, die als Stressauslöser die Hemmschwelle zu aggressivem Verhalten senken können. Zudem werden Hunde, die einen Maulkorb tragen, nicht selten intensiv angeschaut, was die Hunde als (vermeintlich) bedrohliche Situation wahrnehmen.
Praktische Hundebissprophylaxe wird in Merkblättern, beispielsweise von Stadtverwaltungen oder tierärztlichen Vereinigungen Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e. V., Merkblatt Nr. 104; abgerufen am 23. April 2010., beschrieben:
niemals einen fremden Hund ohne die Zustimmung des Besitzers streicheln, niemals einen Hund von hinten anfassen, niemals einem zurückweichenden Hund nachgehen und ihn bedrängen, niemals einem Hund längere Zeit in die Augen schauen oder ihn anstarren, da er sich dadurch bedroht fühlen könnte (siehe Drohstarren), niemals davonrennen, da die meisten Hunde Interesse an sich bewegenden Lebewesen zeigen und hinterher rennen, im schlimmsten Fall ein Kind als zu jagende Beute ansehen könnten. niemals laut schreien, da der Hund dadurch irritiert wird und aggressiv reagieren könnte.
Einen bestehenden Angriff abzuwehren ist nur bedingt möglich. Als polizeiliche Maßnahmen werden gelehrt:Merkblatt für polizeiliche Maßnahmen im Zusammenhang mit Hunden (PDF; 141 kB)
Anbieten eines Beißobjektes, um den Hund auf Distanz zu halten Einsatz von Pfefferspray (mit dem Hinweis auf mögliche sehr unterschiedliche Wirkungen einschließlich verstärkter Aggression) Schusswaffengebrauch
Hundebissprävention bei Kindern mini|Zähnefletschen eines drohenden Hundes kann von Kindern irrtümlich als Lachen aufgefasst werden. Bei Kindern sind Bissverletzungen im Gesicht besonders häufig. Ein Großteil dieser Verletzungen wird von Hunden der eigenen Familie oder anderen bekannten Hunden verursacht. Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren sind nicht in der Lage, den Gesichtsausdruck von Hunden richtig zu deuten. Sie missdeuten beispielsweise seine Mimik beim Drohverhalten als Lachen. Das erhöht das Risiko für Bissverletzungen durch Hunde.Kerstin Meints, K. Allen, C. Watson: Atypical face-scan patterns in children misinterpreting dogs facial expressions evidence from eye-tracking. In: Injury Prevention. Band 16, 2010, S. A173, doi:10.1136/ip.2010.029215.619. Das Risiko, dass ein Kind gebissen wird, ist auch erhöht, wenn Eltern bzw. Betreuungspersonen den Eindruck haben, dass das Kind sanft mit dem Hund umgeht. Kinder zeigen ihre Zuneigung häufig durch Küssen und Umarmen des Hundes. Beides wird von Hunden jedoch eher als verwirrend und bedrohlich wahrgenommen und ist deshalb ein häufiger Auslöser für Hundebisse bei kleinen Kindern.Ilana Reisner: Dog as a second Language. In: Today's Veterinary Practice. Januar/Februar 2013. Eine entsprechende Prävention ist daher von großer Bedeutung.
Der wichtigste Punkt bei der Bissprävention für Kinder ist, Hunde und Kleinkinder niemals unbeaufsichtigt zu lassen. Grund für diese Empfehlung ist das mangelnde Einschätzungsvermögen von Kindern für das Verhalten von Hunden sowie die Tatsache, dass es zu Situationen kommen kann, in denen aggressives Verhalten des Hundes gegenüber dem Kind als arttypische Reaktion zu betrachten ist (beispielsweise eine Bedrohungssituation aus der Perspektive des Hundes). Auch ein Auslösen von Beutefangverhalten beim Hund durch das Verhalten von Kindern ist möglich und in Berichten von Angriffen von Hunden auf Kinder beschrieben.S. Heinze, D.U. Feddersen-Petersen u. a.: Tödliche Attacken von Hunden auf Kinder. In: Rechtsmedizin. Band 24, 2014, S. 37–41, doi:10.1007/s00194-013-0932-3.
In der Schweiz publiziert das Bundesamt für Veterinärwesen die Broschüre „Tapsi, komm …“ („Truf’, viens...“/„Vieni Brillo...“), die Kindern das richtige Verhalten im Umgang mit Hunden näherbringen will.Broschüre Tapsi, komm … (PDF; 4,2 MB) schweizerisches Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, BLV, 04/2014; abgerufen am 27. Oktober 2017.
In Großbritannien wurde das Programm Blue Dog („Blauer Hund“) entwickelt. Eine Evaluation ergab, dass dieses Programm zwar das Wissen bei Kindern über sicheren Umgang mit Hunden erhöht, nicht aber die praktische Umsetzung solchen Verhaltens, und dass weitere Forschung nötig sei, um effektive Intervention zu ermöglichen.D. C. Schwebel, B. A. Morrongiello u. a.: The Blue Dog: Evaluation of an Interactive Software Program to Teach Young Children How to Interact Safely With Dogs. In: Journal of Pediatric Psychology. Band 37, 2012, S. 272–281, doi:10.1093/jpepsy/jsr102.
Das Heranführen von Kindern an das richtige Verhalten im Umgang mit Hunden wird von verschiedenen Vereinen und Ausbildungsstätten gefördert. Es gibt speziell geprüfte Schulhunde und Besuchshunde, die in Schulklassen eingesetzt werden können, um den Kindern zu helfen, Angst abzubauen und richtiges Verhalten zu üben. Durch den Verein Hunde helfen Menschen sind in Deutschland bereits über 350.000 Kinder in ihren Klassen geschult worden. Das Unterrichtskonzept ist auf neun- bis zwölfjährige Kinder ausgerichtet. In diesem Alter sind Kinder offen für Argumente und bereit, ihre Emotionen zu kontrollieren. Die Qualitätssicherung nach den Richtlinien der ESAAT (European Society for Animal Assisted Therapy mit Sitz in Wien an der Veterinärmedizinischen Universität Wien) verlangt eine ausführliche Schulung von Hund und Halter. Eine Metastudie aus dem Jahr 2015 kam zu dem Ergebnis, dass Videos die effektivste Methode sind, das Wissen von Kindern zu erhöhen, jedoch die Anleitung mit direktem Einsatz von Hunden wirksamer ist, um das Verhalten von Kindern zu verbessern.Jiabin Shen, Jenni Rouse u. a.: Systematic Review: Interventions to Educate Children About Dog Safety and Prevent Pediatric Dog-Bite Injuries: A Meta-Analytic Review. In: Journal of Pediatric Psychology. S. jsv164, doi:10.1093/jpepsy/jsv164.
Folgen Hundebisse können erhebliche Schäden anrichten. Es können Hautverletzungen, aber auch tiefere Wunden mit Zerreißungen der Muskulatur, von Sehnen oder Verletzungen von Gelenken und Knochen auftreten. Da die Mundhöhle eines Hundes niemals steril ist, besteht außerdem eine große Gefahr der Wundinfektion durch Bakterien. Die Inkubationszeit beträgt weniger als 13 Stunden.Marianne Abele-Horn: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. Unter Mitarbeit von Werner Heinz, Hartwig Klinker, Johann Schurz und August Stich. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Peter Wiehl, Marburg 2009, ISBN 978-3-927219-14-4, S. 319. Die Gefahr ist größer, wenn Wunden oberflächlich verheilen, in der Tiefe aber Entzündungsvorgänge in Gang kommen. Darüber, ob Hundebisse genäht werden sollen, besteht kein Konsens.Nikolaos K. Paschos, Eleftherios A. Makris u. a.: Primary closure versus non-closure of dog bite wounds. A randomised controlled trial. In: Injury. Band 45, 2014, S. 237, doi:10.1016/j.injury.2013.07.010. Die entsprechende Leitlinie Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie sieht explizit innerhalb von 8–12 Stunden (im Gesicht aufgrund des kosmetischen Erfolges ab 12 Stunden) die primäre Wundversorgung vor. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, Stand: 04/2011. Insgesamt liegt die Gefahr einer Infektion bei 4 bis 25 Prozent.St. Kronenberger: Hundebiss: Wunde doch primär verschließen?! Auf. medical-tribune.de Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Infektionsrate bei genähten oder ungenähten Bisswunden vergleichbar hoch ist, das kosmetische Ergebnis nach dem Nähen jedoch besser ist. Zur Vermeidung von Infektionen ist die schnelle Behandlung wichtig. Eine prophylaktische Behandlung mit Antibiotika kann innerhalb von acht Stunden nach dem Biss erfolgen.Marianne Abele-Horn: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. 2009, S. 319. Infektionen mit dem Tollwut-Virus spielen in Mittel- und Nordeuropa aufgrund der hohen Durchimpfung der Haushunde bzw. Tollwutfreiheit keine große Rolle, sie müssen dennoch bei jedem Biss in Betracht gezogen werden. Bei den v. a. in Südeuropa häufiger vorkommenden streunenden Hunden ist eine Tollwut-Notimpfung des gebissenen Menschen angebracht, in Asien führen Hundebisse immer wieder zu Tollwutinfektionen.
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