Der Ausdruck Eros () kann im Deutschen unter anderem mit „Liebe“ oder „Begehren“ wiedergegeben werden. Er bezeichnet in der antiken griechischen Literatur und in der philosophischen Tradition eine unterschiedlich definierte und beschriebene Form starken Begehrens oder Verlangens, das den Menschen wie eine übermenschliche Macht zu ergreifen scheint und daher mythisch auf die Einwirkung der Gottheit Eros zurückgeführt wurde. In der Philosophie werden seit der Antike die Fragen erörtert, wie ein vom Eros angetriebenes Streben im Einzelfall ethisch zu beurteilen ist, welche Rolle es in der Ontologie und in religiösen Zusammenhängen als motivierender Faktor bei der Wahrheitssuche spielen kann und auf welche Objekte es sich im Rahmen einer hierarchischen Wertordnung richten soll.

Begriffsbestimmung

Abzugrenzen ist der Eros von den Begriffen philía (φιλíα) und agápē (αγάπη), die im Deutschen ebenfalls mit „Liebe“ übersetzt werden. Bei philia steht der Aspekt der Freundschaft und freundschaftlichen Liebe im Vordergrund. Mit agape ist ein Lieben im Sinne von Wohlwollen gemeint, das nicht (oder nicht in erster Linie) im Begehren wurzelt, daher nicht auf Bedürfnisbefriedigung des Liebenden abzielt und nicht notwendigerweise ein Freundschaftsverhältnis voraussetzt oder schaffen soll. Im Gegensatz dazu ist Eros dadurch charakterisiert, dass der „erotisch“ Liebende mit großer Heftigkeit für sich die Erlangung seines Liebesobjekts oder eine Verbindung mit diesem erstrebt. Das Objekt des Eros muss nicht ein Mensch sein; es kann für den Philosophen auch etwas rein Geistiges (eine Idee, eine Tugend) sein.Zur Begriffsbestimmung siehe Kurt Sier: Die Rede der Diotima. Stuttgart 1997, S. Xf.; Michael Erler: Platon (= Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Bd. 2/2), Basel 2007, S. 196, 372; Gregory Vlastos: The Individual as an Object of Love in Plato. In: Gregory Vlastos: Platonic Studies, 2. Auflage. Princeton 1981, S. 3–42, hier: 26f.

Ein Merkmal des antiken griechischen Verständnisses von Eros ist der häufige Bezug zu politischen Verhältnissen. Eros war nicht nur eine Privatangelegenheit zweier Liebender. Der Begriff diente auch zur Beschreibung von Vaterlandsliebe, patriotischen Bestrebungen und politischen Ambitionen, denen man sich mit „erotischer“ Leidenschaft hingab. Zur politischen „Erotik“ gehörte neben Freiheitsliebe und Ehrgeiz auch Machtgier, die der Geschichtsschreiber Thukydides als Erscheinungsform des Eros darstellte. So gesehen erscheint auch die Tyrannis als erotisches Phänomen.Paul W. Ludwig: Eros and Polis. Desire and Community in Greek Political Theory. Cambridge 2002, S. 1f., 10, 121–169, 319–380.

Antike Mythologie und Dichtung

Der philosophischen Begriffsverwendung geht die umgangssprachliche und mythologische voraus. In Hesiods Theogonie hat Eros keine Eltern, er ist nach dem anfänglichen Chaos zusammen mit Gaia und Tartaros entstanden. Er ist der schönste unter den unsterblichen Göttern und in der Lage, sich gegen vernünftige Überlegungen durchzusetzen; alle Götter und alle Menschen sind seiner Macht ausgeliefert.Hesiod, Theogonie 120–122.

In der Orphik wird Eros mit dem geflügelten Lichtgott Phanes, einer Hauptgottheit der Orphiker, gleichgesetzt.

In der Tragödie Antigone des Sophokles veranlasst Eros den mit der Titelheldin verlobten Haimon, den Sohn des Königs Kreon, sich gegen seinen Vater, der Antigones Hinrichtung will, aufzulehnen. Damit thematisiert der Dichter einen Konflikt zwischen erotischem Begehren und der Loyalitätspflicht gegenüber dem Vater. Dabei erweist sich Eros als stärker. Er wird vom Chor als Eros, unbesiegt im Kampf angesprochen;Sophokles, Antigone 781. mit diesem berühmten Vers drückt der Dichter seine Überzeugung aus, dass der Mensch der Macht des Eros, die ihn ergreift, gänzlich ausgeliefert ist. In der Tragödie Der bekränzte Hippolytos des Euripides wendet sich der Chor an Eros als den Beherrscher der Menschen und beschreibt ihn als Zerstörer und Unheilbringer, der aber auch wohlwollend sein kann.Euripides, Hippolytos 525–544.

In der hellenistischen Literatur und Kunst ist ein anderes Bild von Eros geläufig. Dort ist er gewöhnlich ein verspielter, mutwilliger Knabe, der Sohn und Begleiter der Liebesgöttin Aphrodite. In der römischen Literatur und Kunst spielt er diese Rolle als Amor oder Cupido. Neben dieser harmlos wirkenden Seite weist er aber auch gefährliche Züge auf: Seine Einwirkung auf den Menschen wird wegen ihrer Heftigkeit und ihres oft destruktiven Charakters gefürchtet. In der gesamten antiken Literaturgeschichte stößt man auf den Gedanken, erotische Besessenheit sei als Krankheit aufzufassen und der Betroffene benötige ein Heilmittel.Richard Hunter: Erotik I. Literatur. In: Der neue Pauly, Bd. 4, Stuttgart 1998, Sp. 92–96, hier: 93 f.

Antike Philosophie

In der antiken Philosophie wurde Eros unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten ins Auge gefasst: einerseits als kosmische, an der Weltentstehung (Kosmogonie) beteiligte göttliche Instanz („kosmogonischer Eros“), andererseits als ein auf das menschliche Gemüt machtvoll einwirkender Faktor. Diesen Faktor hielten viele Philosophen ebenso wie Dichter und Mythenerzähler für übermenschlich (göttlich oder dämonisch).

Kosmischer Eros bei den Vorsokratikern

Der Vorsokratiker Parmenides stellte fest, die weibliche Schöpfungsgottheit, die Lenkerin der Welt, habe Eros als ersten der geschaffenen, ihr untergeordneten Götter „ersonnen“ (denkend erzeugt).Parmenides, Fragment DK 28 B 13; siehe dazu Karl Reinhardt: Parmenides, 3. Auflage. Frankfurt am Main 1977, S. 17f.; Jaap Mansfeld: Die Offenbarung des Parmenides und die menschliche Welt, Assen 1964, S. 163–167. Auch sein jüngerer Zeitgenosse Empedokles († um 435 v. Chr.) befasste sich – wie bei den vorsokratischen Denkern üblich – mit der Frage nach den Umständen der Weltentstehung. Er ging von einem ewigen Kreislauf aus, der von zwei einander entgegenwirkenden bewegenden Kräfte angetrieben wird, einer anziehenden und vereinigenden und einer abstoßenden und trennenden. Sie streben unablässig danach, einander zu verdrängen. Aus ihrem endlosen wechselhaften Kampf resultieren alle Vorgänge im Universum einschließlich der menschlichen Schicksale. Die vereinigende Kraft nannte Empedokles „Liebe“, die trennende „Streit“. Er verwendete aber nicht das Wort Eros, sondern nannte die anziehende Kraft philótēs (Liebe im Sinne von Freundschaft).Zur Kosmogonie und Kosmologie des Empedokles siehe Geoffrey S. Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield (Hrsg.): Die vorsokratischen Philosophen. Stuttgart 2001, S. 316–340; Laura Gemelli Marciano (Hrsg.): Die Vorsokratiker, Band 2: Parmenides, Zenon, Empedokles, Düsseldorf 2009, S. 333–341; Denis O’Brien: Empedocles: A Synopsis. In: Georg Rechenauer (Hrsg.): Frühgriechisches Denken, Göttingen 2005, S. 316–342, hier: 326–331, 341f. In einer fernen Vergangenheit, als die Macht des Streits noch geringer war, hat nach Empedokles’ Darstellung die Liebesgöttin Kypris (Aphrodite) die Welt regiert.Empedokles, Fragmente 128 und 130, Text und Übersetzung bei Geoffrey S. Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield (Hrsg.): Die vorsokratischen Philosophen. Stuttgart 2001, S. 349f.

Eros im menschlichen Leben

Ab der Zeit des Sokrates und Platons tritt die Frage nach der Bedeutung des Eros im menschlichen Leben – insbesondere im philosophischen Leben – in den Vordergrund. Eros wird aber nicht als etwas spezifisch Menschliches betrachtet. Er behält den Charakter einer kosmischen Gewalt, die auch im Tierreich herrscht und den Fortbestand der belebten Natur ermöglicht.

Problemstellung

Die Urteile der antiken Philosophen über den Eros und ihre Ansichten über den richtigen Umgang mit ihm fallen unterschiedlich aus, teils sind sie zwiespältig. Die Macht des Eros, die den Menschen ergreift und zwingt und ihm die Vernunft, Besonnenheit und Selbstbeherrschung raubt, stellt für die griechische Philosophie eine Herausforderung dar. Eine derartige Einwirkung auf das Gemüt ist dem Streben nach unerschütterlichem Gleichmut (Ataraxie) – einem wichtigen Ideal der antiken Philosophen – entgegengesetzt. Erotische Begierde beeinträchtigt oder verhindert die innere Unabhängigkeit des vernunftgelenkten Individuums von fremden und irrationalen Einflüssen. Daher wird sie in der philosophischen Literatur als problematisch eingeschätzt. Wegen seiner als übermenschlich empfundenen Macht fordert Eros aber auch Respekt. Das Verhalten des von erotischer Begierde Ergriffenen erscheint als manía (Raserei, Wahnsinn). Der peripatetische Philosoph Theophrast beschreibt Eros als Übermaß eines gewissen irrationalen Begehrens.Theophrast, Fragment 557 Fortenbaugh (= 115 Wimmer). Andererseits wird als positiver Aspekt gewürdigt, dass der (homoerotische) Eros eine erzieherische Wirkung entfaltet, indem der Liebende nach Tugend strebt, um den Geliebten nachzuahmen und seine eigene Attraktivität zu steigern. Der pädagogische Wert einer erotischen Verbindung zwischen Lehrer und Schülern findet Anerkennung. Für den Philosophen stellt sich die Aufgabe, die Natur des Eros zu erfassen und ihn mittels der Vernunft zu bändigen.Richard Hunter: Erotik I. Literatur. In: Der neue Pauly, Bd. 4, Stuttgart 1998, Sp. 92–96, hier: 93–95.

Platons Aufstiegsmodell → Hauptartikel: Platonische Liebe

Ideengeschichtlich erzielte Platons Eros-Deutung und Liebestheorie die stärkste und nachhaltigste Wirkung. Platon erörterte den Eros in mehreren seiner Dialoge, vor allem im Symposion und im Phaidros, aber auch in der Politeia und den Nomoi; mit der Philia befasste er sich im Lysis. Im Symposion („Gastmahl“) tragen die Gesprächsteilnehmer unterschiedliche Theorien über den Eros vor, womit sie dem Leser die Vielfalt der philosophischen Meinungen vor Augen führen. Platons eigene Auffassung lässt sich aus seinen Dialogen nur indirekt erschließen.

Nach der platonischen Theorie ist es ein Hauptmerkmal des Eros, dass der Liebende in sich einen schwerwiegenden Mangel verspürt. Daher strebt er intensiv nach etwas, was diesen Mangel ausgleichen könnte und aus diesem Grund zum Objekt seiner Liebe wird. Das Liebesobjekt will er erlangen, er möchte sich mit ihm verbinden oder es sich aneignen.

Wenn der Liebende aber Philosoph ist, begnügt er sich nicht mit der einzelnen Person, die zunächst seine erotische Begierde erregt hat, sondern versucht das, worauf es hier eigentlich ankommt, zu erfassen. Er erkennt, dass seine Sehnsucht letztlich nicht dem Individuum als solchem gilt, sondern etwas Allgemeinerem, das in einzelnen geliebten Personen verkörpert ist und deren erotische Attraktivität ausmacht. Dieses allgemeine Gut ist nach Platons Lehre die Schönheit. Der liebende Philosoph gelangt zu der Einsicht, dass die sinnlich wahrnehmbare körperliche Schönheit nur eine bestimmte Erscheinungsform von Schönheit ist, und zwar die in der Wertordnung niedrigste. Er entdeckt, dass es auch eine höherrangige seelische Schönheit (Tugenden, „schöne“ Handlungen) gibt und darüber eine noch höhere geistige Schönheit, die in der philosophischen Erkenntnis erlebbar ist. So gelingt es dem philosophischen Erotiker, den erotischen Drang auf immer umfassendere, allgemeinere, höherrangige und daher lohnendere Objekte zu richten. Sein Aufstieg führt ihn von den Sinnesobjekten zu den rein geistigen Ideen. Schließlich erweist sich die allgemeinste auf diesem Weg erreichbare Wirklichkeit, die Platon als das Schöne an sich bestimmt, als das würdigste Objekt. Dort endet die Suche des Liebenden, denn erst dort findet er nach dieser Lehre vollkommene Erfüllung seines Strebens.Michael Erler: Platon (= Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 2/2), Basel 2007, S. 372–375; Frisbee C. C. Sheffield: Plato’s Symposium: The Ethics of Desire, Oxford 2006; Sabrina Ebbersmeyer: Liebe. In: Christoph Horn u. a. (Hrsg.): Platon-Handbuch, Stuttgart 2009, S. 300–305.

Nichtplatonische Bewertungen des Eros