miniatur|Binsen am Ufer des Dümmers. Seelandschaft mit Pocahontas ist ein KurzromanTanja van Hoorn: „Seelandschaft mit Pocahontas“. In: Axel Dunker, Susanne Kyora (Hrsg.): Arno-Schmidt-Handbuch. De Gruyter, Berlin/Boston 2023, ISBN 978-3-11-054933-1, S. 269–274, hier S. 274. des deutschen Schriftstellers Arno Schmidt aus dem Jahr 1953. Er schildert eine erotische Begegnung des Ich-Erzählers während eines Kurzurlaubs am Dümmer, einem See in Niedersachsen. Die freizügige, teilweise derbe Erotik und der aggressive Atheismus der Figuren hatten ein Strafverfahren zur Folge, das schließlich eingestellt wurde.

Entstehung und Veröffentlichungen Seelandschaft mit Pocahontas wurde von Juli bis September 1953 im rheinland-pfälzischen Kastel niedergeschrieben, wo Schmidt damals lebte. Dabei arbeitete er erstmals mit einem Zettelkasten, der über 700 Zettel mit verschiedenen Einfällen enthielt. Die fertige Erzählung umfasst rund fünfzig Druckseiten.Wolfgang Martynkewicz: Arno Schmidt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 70. Wie Tagebuchaufzeichnungen zeigen, hatte Schmidt im Juni 1953 mit seiner Frau Alice selbst eine ähnliche Reise an den Dümmer unternommen.Susanne Fischer, Bernd Rauschenbach (Hrsg.): Arno Schmidts „Seelandschaft mit Pocahontas“. Zettel und andere Materialien. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmans Verlag, Zürich 2000. Das Gasthaus im Werk empfand Schmidt dem immer noch bestehenden Gasthof Schomaker in Dümmerlohausen nach.

Der Rowohlt Verlag, der seine Werke bislang herausgebracht hatte, lehnte eine Veröffentlichung nach negativen Voten seiner Lektoren ab – Wolfgang Weyrauch hatte sich über die inhaltliche „Apologie der Spiesserei“ und die „radikale Onanie“ von Schmidts Sprache aufgeregt.Michael Töteberg: »Das ist ein genialischer Mann mit tausend Unarten«. Ein Blick in Verlagsinterna. Gutachten, Aktennotizen und Briefdurchschläge im Rowohlt-Archiv. In: Bargfelder Bote, Lieferung 354–356, S. 3–41, hier S. 30–39, Zitate S. 30f. Auch die Frankfurter Verlagsanstalt lehnte den Text ab, wie Eugen Kogon an Schmidt schrieb, hauptsächlich wegen seines „sexuellen Aggregatzustands“.Wolfgang Martynkewicz: Arno Schmidt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 71. Die Erzählung erschien daher zuerst 1955 im Band 1 der von Alfred Andersch herausgegebenen Zeitschrift Texte und Zeichen des Luchterhand-Verlags. In Buchform kam der nun als „Kurzroman“ bezeichnete Text 1959 im Sammelband Rosen & Porree des Stahlberg Verlags heraus. Nachgedruckt wurde der Text 1966 als Taschenbuch im Fischer Verlag sowie 1987 in der Bargfelder Ausgabe der Arno-Schmidt-Stiftung. 2003 erschien Seelandschaft mit Pocahontas gebunden in der Bibliothek Suhrkamp. In einem Widmungsgedicht, das nur in der Erstausgabe dem Text vorangestellt ist, wird Seelandschaft mit Pocahontas dem Philosophen Max Bense zugeeignet.Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe 1: Romane, Erzählungen, Dichtungen, Juvenilia. Studienausgabe, Bd. 1/2. Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 1987, S. 518 ff.

Stil Die Erzählung ist in der von Schmidt erfundenen Form des „Fotoalbums“ verfasst, die er in den gleichzeitig erstveröffentlichten Berechnungen I erläutert.Fotoalbum auf der Webseite der Arno-Schmidt-Stiftung (Zugriff am 2. September 2012). Da jede Erinnerung mit einem optisch kodierten Schlaglicht beginne, eben dem „Foto“, dem dann erst weitere, „kleinbruchstückige“ Erinnerungen in Textform folgten, beginnt jedes der 18 Kapitel (im Typoskript nennt Schmidt sie noch „Bildraster“Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe 1: Romane, Erzählungen, Dichtungen, Juvenilia. Studienausgabe, Bd. 1/2. Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 1987, S. 518.) mit einem typographisch abgesetzten, eingerahmten kurzen Text, der in einem Schlaglicht visuelle, zum Teil auch akustische Erinnerung präsentiert. Im Anschluss wird das eigentliche Kapitel erzählt, wenn auch diskontinuierlich, abgehackt in Gestalt eines inneren Monologs oder von knappen Dialogen. In diesen werden, wie bei Schmidt üblich, die Regeln der Orthographie nicht befolgt, er schreibt die Worte vielmehr so, wie die mundartlich geprägten Figuren der Erzählung sie aussprechen.

Inhalt Ich-Erzähler Wie in Schmidts erzählendem Werk üblich, steht auch im Mittelpunkt von Seelandschaft mit Pocahontas ein Ich-Erzähler, der seinem Autor in vielerlei Hinsicht ähnelt.Bernd Rauschenbach: Ein Tablett voll glitzernder Snapshots. Vorüberlegungen zu einer Biographie Arno Schmidts. Vortrag bei der Tagung der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser in Ahlden am 2. Oktober 2004 (Zugriff am 8. September 2012). In diesem Fall heißt er Joachim, ist ein Schriftsteller, Weltkriegsteilnehmer, Heimatvertriebener aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, Brillenträger und lebt an der Saar. Alle diese Eigenschaften teilt er mit seinem Autor, ebenso diverse Meinungen, die er gern und pointiert äußert: Wie Schmidt ist Joachim Atheist, verachtet die Restauration der Adenauer-Jahre und liebt die Lederstrumpf-Romane von James Fenimore Cooper.

Handlung Die Handlung spielt im Sommer 1953 – im Text werden der 75. Geburtstag Alfred Döblins und die Krönung von Elisabeth II. erwähnt. Der arme Schriftsteller Joachim (er gibt sich, um sich eventuellen unliebsamen Folgen seiner geplanten sexuellen Aktivitäten entziehen zu können, den Namen „Bomann“ und den Beruf eines Landmessers) unternimmt eine nächtliche Zugfahrt aus dem Saargebiet nach Diepholz, wo er seinen Freund Erich Kendziak trifft, einen verwitweten Malermeister, der in Kriegstagen sein Untergebener war. Gemeinsam fahren sie auf dessen Motorrad weiter zum Dümmer in einen mehrtägigen Urlaub. Weil ihnen der Ferienort Lembruch zu sehr mit Touristen überfüllt ist, kehren sie auf der anderen, katholisch geprägten Dümmerseite in Dümmerlohausen ein.

In ihrer Pension treffen Joachim und Erich zwei junge Frauen, die als Büroangestellte in einer Textilfabrik „Richtung Osnabrück“ arbeiten: Selma Wientge und Annemarie Waniek. Obwohl Selma verlobt ist und Joachim sie anfangs hässlich findet, kommen die beiden einander rasch näher. Auch Erich und Annemarie finden sich, sodass man schließlich die Zimmer tauscht: Selma zieht zu Joachim in das von den beiden Männern gemietete Doppelzimmer, Erich wechselt in das der Frauen zu Annemarie. Man badet und paddelt gemeinsam, besichtigt die Ausgrabungen neolithischer Pfahlbauten, nachts kommt es zum Geschlechtsverkehr. Dessen Schilderung wurde dann ein Grund für die Anklage wegen Verbreiten unzüchtiger Schriften. Der Literaturkritiker Michael Maar zitiert die entsprechenden Zeilen und kommt zu dem Ergebnis, dass sie nur teilweise verständlich sind: So schreibt Schmidt, die bereits nackte Selma habe sich gegen Joachims Umarmung zunächst gewehrt, der aber ihre „Fingerzweige zurückbeugen“ konnte, „ehe ich die Tomate mit den Lippen am dünnen kurzen Stiel faßte, daß sie sehr meuterte, vil michel ungebære, und verschluckte sie dann ganz, daß sie süß empört aufwollte (aber nicht konnte)“.Bargfelder Ausgabe I/1.2., S. 416. Für welchen Körperteil Selmas metaphorisch der „dünne Stiel der Tomate“ stehe, sei nicht nachvollziehbar.Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur. Rowohlt, Hamburg 2020, ISBN 978-3-498-00140-7, S. 518 f.

Der zweite Grund für die Anklage war das Räsonnement der Protagonisten über Politik, Literatur und Christentum, in dessen Ablehnung Joachim und Selma sich einig sind:

Den Namen Pocahontas gibt Joachim Selma, weil sie einen Sonnenbrand hat, also eine Rothaut ist, und außerdem eine Hakennase hat, also ein Irokesenprofil. Er stammt von einer Indianerprinzessin, die im 17. Jahrhundert einen Weißen namens Smith gerettet hat; außerdem beschreibt er sie als Undine und nennt sie „Pultuke“ (der etruskische Name für Pollux, vielleicht eine Anspielung auf den ostfriesischen Fluss Leda, dessen Name auch der der Mutter der Dioskuren ist, S. 39 (Zugriff am 9. September 2012).) sowie „meine rote Alpha-Riesin“ – eine Anspielung auf den roten Riesenstern Beteigeuze bzw. α Orionis, den beide gerade am Nachthimmel sehen (Selma ist sehr groß gewachsen und hat einen schweren Sonnenbrand).

Nach dem Genuss einer schweren Speise wird Selma übel und sie erbricht sich. Ihre Freundin Annemie plaudert aus, dass Selma bereits Sex mit ihrem Verlobten hat, ihre Übelkeit also Zeichen für eine unerwünschte Schwangerschaft sein könnte. Selma erwartet ihre Menstruation für den Tag ihrer Abreise, sie tritt aber bereits am Vorabend ein.

Nach einer deswegen unbefriedigenden letzten kurzen Nacht reisen die beiden Frauen frühmorgens ab. Die Erzählung endet damit, dass Joachim, der sonst nie um eine kenntnisreiche Erläuterung, einen Widerspruch oder ein Bonmot verlegen ist, zu den Plaudereien seines Freundes einmal schweigt: „Mein Kopf hing noch voll von ihren Kleidern und ich antwortete nicht.“Bargfelder Ausgabe I/1.2., S. 436.

Deutung miniatur|Pocahontas. Kupferstich aus dem Jahr 1616

Laut dem Literaturwissenschaftler Bernd Rauschenbach verband Schmidt in dieser Erzählung zwei Erlebnisse, die ihn bis dahin verfolgt hatten: Im Oldenburgischen war er im Frühjahr 1945 vor seiner Gefangennahme durch britische Truppen zum ersten Mal in ein lebensgefährliches Gefecht geraten; den Großteil des Weltkrieges hatte er ja in einer Schreibstube in Norwegen verbracht. Die Figur der Selma ist nach Hanne Wulff geformt, einer Schülerin des Görlitzer Lyzeums, für die Arno Schmidt als Fahrschüler geschwärmt, die er aber nie angesprochen hatte. Sie taucht bereits im 1946 entstandenen Leviathan auf. Es sei Schmidt in Seelandschaft mit Pocahontas darum gegangen, diese beiden existenziellen Erfahrungen zu bewältigen. Insofern würden im Text Liebe und Tod immer wieder miteinander verknüpft.Bernd Rauschenbach: „… a very mad affair …“ Liebe und Tod am Dümmer See. In: Teiche zwischen Nord- und Südmeer. Fünf Vorträge. Hrsg. von der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 1994, S. 55–74.

Wolfgang Albrecht geht von den Kosenamen aus, die Schmidt seinen Ich-Erzähler für Selma erfinden lässt: Die Nixe Undine und die Indianerprinzessin Pocahontas hätten beide ihren Geliebten nicht vor dem Wasser retten können, obwohl sie es versuchten. Deswegen werde Selma zusätzlich Pulthuke genannt, nach dem Unsterblichen der beiden Dioskuren, die in der Antike als Nothelfer bei Schiffbruch angerufen worden seien. Joachim selber suchte sich den Namen Uthutze aus, den etruskischen Namen für Odysseus: Wie dieser sei er aus dem Krieg gekommen, wie dieser sei er noch nicht wieder zu Hause angekommen.Wolfgang Albrecht: Arno Schmidt. J. B. Metzler, Stuttgart und Weimar 1998, S. 40 f.

Klaus Theweleit vertritt die These, dass es in Seelandschaft mit Pocahontas um den Versuch geht, destruktive Prägungen durch die NS-Zeit mit den Mitteln frei gelebter Sexualität auszulöschen. In Faschismus und Krieg sei der Körper immer nur Gegenstand von Gewalt, Zerstörung und Mord. Indem Schmidt nun seinen kriegserfahrenen Joachim in der Umarmung Selmas schildere, unternehme sein Text einen „unaufhörlichen Anlauf auf die Umwandlung von (Nazi)Gewalt in eine Politik der Körperberührung, die die Körper erhält und verlebendigt, indem sie (über sich) lächeln anstatt sich (unaufhörlich) zu töten und abzutöten“.Klaus Theweleit: »you give me fever«. Arno Schmidt. 'Seelandschaft mit Pocahontas'. Die Sexualität schreiben nach WW II. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main und Basel 1999, S. 189.