Das Gymnasium Carolinum in Osnabrück gilt als eine der ältesten bis heute bestehenden Schulen in Deutschland.Rekorde: Die älteste Schule (focus.de, Focus Schule Nr.2 (2009), abgerufen am 24. Februar 2016) Seine Gründung im Jahre 804 geht der Überlieferung zufolge auf Karl den Großen zurück. Es entstand als Domschule und liegt noch heute im Zentrum Osnabrücks direkt neben dem Dom. Das Gymnasium hat gegenwärtig einen naturwissenschaftlich-mathematischen, einen gesellschaftlichen, einen neu- und einen altsprachlichen Zweig.
Geschichte Gründung der Domschule 804 mini|Karl der Große, der im Jahre 804 das Carolinum in Osnabrück gründete
Nach den von Karl dem Großen erfolgreich geführten Sachsenkriegen 772 missionierte er die unterworfenen Sachsen und gründete zu diesem Zweck mehrere Bistümer, darunter um 800 das Missionsbistum Osnabrück. Auf seine Anordnung hin mussten an den Domkirchen auch Schulen gegründet werden. Einer Urkunde von 804 zufolge soll Karl für den geistlichen Nachwuchs des jungen Bistums eine Griechisch- und eine Lateinschule an der Domkirche in Osnabrück eingerichtet haben. Die Echtheit der Urkunde ist seit dem 17. Jahrhundert umstritten. Nach Ergebnissen der modernen Diplomatik handelt es sich bei dieser Urkunde um eine Fälschung des Osnabrücker Bischofs Benno II. (1068–1088). Vermutlich wurden von ihm echte und erfundene Urkundentextteile zu einer neuen Urkunde zusammengefügt. Das Carolinum geht davon aus, dass jener Urkundentext, der die Schulen erwähnt, echt ist. Damit würde die Schule den Namen „Carolinum“ zu Recht tragen.
Die Domschule im Mittelalter Die Nachrichten über die Domschule im Mittelalter sind spärlich. Die Geschichte der Domschule wird eng mit der Osnabrücker Kirchengeschichte verbunden gewesen sein. So wird mit der Berufung des Scholasters der Hildesheimer Domschule zum Bischof von Osnabrück, dem bereits genannten Benno II., auch die Osnabrücker Domschule zu neuer Blüte gekommen sein. Erst die Erwähnung des Magisters Brunigus im Jahre 1142 ist jedoch der erste urkundlich zuverlässige Beleg für die Osnabrücker Domschule. Ihr prominentester Lehrer im Mittelalter war Jordan von Osnabrück, von 1251 bis 1283 Kanoniker des Osnabrücker Domkapitels und dort 1254/1255 als Scholaster belegt.
Die Domschule im Humanismus Zu Beginn der Neuzeit wurde die mittelalterliche Scholastik durch das humanistische Bildungsideal abgelöst. Wegen der Beschäftigung mit den antiken Philosophen und Literaten wurde im Humanismus nach Latein jetzt Griechisch zur zweiten Gelehrtensprache. Der Osnabrücker Bürgermeister Ertwin Ertman versuchte Anfang des 16. Jahrhunderts unter Berufung auf die (vermeintlich echte) Gründungsurkunde Karls des Großen von 804 erfolglos, dem Humanismus an der Domschule Eingang zu verschaffen. Zwar war die Domschule in Osnabrück für den aus der Umgebung stammenden einfachen Klerus die einzige Bildungsanstalt, doch stand die Osnabrücker Domschule ganz im Schatten der benachbarten Münsteraner Domschule, dem heutigen Gymnasium Paulinum. Griechisch wurde in Osnabrück gar seit dem hohen Mittelalter nicht mehr gelehrt. Die Vermittlung humanistischer Bildung in Osnabrück begann erst, nachdem sie von jenen ehemaligen Münsterschen Schülern angestoßen wurde, die in den 1520er Jahren als Lehrer an der Osnabrücker Domschule tätig wurden, zu einer Zeit, als in anderen deutschen Städten die Reformation bereits Einzug hielt. Unter den ersten Osnabrücker Humanisten waren auch jene, die später wie der Domkaplan Johannes Pollius zugleich Wegbereiter der Reformation im Bistum und Stadt Osnabrück wurden.
Die Domschule in der Reformation mini|Bischof Franz Graf von Waldeck bricht das katholische Bildungsmonopol In Osnabrück begann Bischof Franz von Waldeck seit 1541 mit einer entschiedenen protestantischen Konfessionspolitik. Nach Vorschrift der Osnabrücker Kirchenordnung von 1543 richtete der weitgehend protestantische Stadtrat in dem zuvor von den Franziskanern verlassenen Barfüßerkloster an der Katharinenkirche, Ostern 1544 eine evangelische Schule ein. Ihr kurzer Erfolg war zunächst durch die Beibehaltung der engen Bindung von Kirche und Schule garantiert.
Das Domkapitel vermochte nicht, rechtliche Schritte gegen die Errichtung der Schule zu unternehmen. Seine eigene Lehranstalt führte seit der Einführung der Reformation nur noch ein Schattendasein. Der evangelische Stadtrat verbot den Osnabrücker Bürgern den Besuch der katholischen Domschule. Deren Schüler kamen fortan nur noch aus dem Osnabrücker Umland.
Diese erste Osnabrücker „Ratsschule“ bestand vier Jahre. Bestärkt durch die große Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg ging das Osnabrücker Domkapitel in Opposition zum evangelischen Bischof. Nach dem Augsburger Interim (Mai 1548) widerrief Bischof Franz von Waldeck am 12. Mai 1548 förmlich die Einführung der Reformation.
Simultanschule Das bereits erwähnte Augsburger Interim, auf dessen Grundlage das Domkapitel die Rücknahme der Reformation erlangte, wurde schon im Passauer Vertrag 1552 und schließlich durch den Augsburger Religionsfrieden 1555 zu Gunsten der Protestanten außer Kraft gesetzt. Um erneuten Reformationsbemühungen wirksam zu begegnen, schloss das Domkapitel mit dem Stadtrat einen Vertrag, dem zufolge die Domschule als bikonfessionelle, so genannte Simultanschule geführt werden sollte: Evangelische Lehrer wurden zugelassen; der Rat hob das Verbot eines Besuches der Domschule für evangelische Schüler auf.
Das Domkapitel ernannte den ehemaligen Leiter der evangelischen Ratsschule im Barfüßerkloster, Christian Schleibing, zum Rektor der Domschule. Dieser wurde von der Verpflichtung zur Teilnahme an den katholischen Gottesdiensten befreit. Er konnte die Schulbücher frei auswählen, musste aber im Unterricht auf die Behandlung kontroverstheologischer Fragen wie Altarsakrament, Auflösbarkeit der Ehe, Rechtfertigungslehre und Zölibatsfragen verzichten. Entsprechend war der Einsatz der Schriften Luthers und anderer Reformatoren im Unterricht verboten.
Nach 1562 wurden nur noch altkirchliche Rektoren bestellt, der Konrektor und Teile des Lehrerkollegiums waren protestantisch. Die Simultanschule erhielt zusehends eine gewisse altkirchliche Tendenz, deren innere Reform freilich mit dem Abschluss des Trienter Konzils 1563 neue Gestalt annahm.
Im 16. Jahrhundert wurde im Durchschnitt etwa alle viereinhalb Jahre das Rektorat neu besetzt. Unter dem häufigen Wechsel der Schulleitung litt der Schulalltag erheblich. Erst unter dem 1582 berufenen Rektor Hermann von Kerssenbrock dem Historiker des Täuferreichs (1534–1535) erlangte die Schule wieder größeres Ansehen. Trotz seiner klaren katholischen Ausrichtung hielt er sich an die Vereinbarungen zwischen Stadtrat und Domkapitel.
Ende des kirchlichen Bildungsmonopols in Osnabrück 1595 Trotz der verheißungsvollen Entwicklung der Simultanschule verfolgte der protestantische Stadtrat seit Kerssenbrocks Amtszeit erneut Pläne für eine eigene höhere Schule (1583). Die Berufung des dezidiert katholischen Rektors Matthäus Timpe 1595 bis 1608 ließ der protestantischen Stadtrat nicht zögern, die bisherige Pfarrschule an St. Marien am 16. Oktober 1595 als „Gymnasium Senatorium“, als „Ratsgymnasium“, förmlich zu eröffnen. Damit war das Bildungsmonopol des Domkapitels in Osnabrück gebrochen.
Das Domkapitel klagte vor dem bischöflichen Gericht. Es berief sich auf die Gründung einer „schola Osnabrugensis“ durch Karl den Großen im Jahre 804 und leitete davon ab, einzig berechtigt zu sein, eine höhere Schule in Osnabrück unterhalten zu dürfen. Nach Appellation an das Reichskammergericht verlief der „Osnabrücker Schulprozess“ während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) im Sande.
Die Berufung auf den Schulgründer brachte der Domschule in diesen Jahren den Namen „Schola Carolina“, „Gymnasium Carolinum“ bzw. „Karolingisches Gymnasium“ ein, der sich in den nächsten Jahren etablierte.
Vom humanistischen Gymnasium zur Jesuitenuniversität mini|Kardinal Eitel Friedrich von Hohenzollern, der den Jesuiten das Gymnasium Carolinum übertrug Erste Absolventen der von Jesuiten geleiteten deutschen Priesterausbildungsstätte in Rom, dem Collegium Germanicum, hatten in Osnabrück eine allmähliche Besinnung auf altkirchliche Traditionen hervorgerufen und das Domkapitel in Osnabrück ermutigt, entschiedener für ihren Glauben und ihre Konfession einzutreten.
mini|links|185px|Gymnasialkirche 1623 wurde mit Kardinal Eitel Friedrich von Hohenzollern erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Katholik zum Bischof von Osnabrück gewählt. Eitel Friedrich betrieb beim Domkapitel den Vorschlag, das Carolinum den Jesuiten zu übergeben. Am 23. Dezember 1624 stimmte das Domkapitel dem bischöflichen Vorschlag zu. Am 9. April 1625 kamen die ersten Jesuiten nach Osnabrück. Ihnen wurde die Paulskirche am Osnabrücker Dom (heute als „Gymnasialkirche“ bekannt) und zwei angrenzende Häuser überlassen. Am 21. April 1625 nahmen die Jesuiten mit den ersten 40 Schülern den Unterricht auf. mini|Kardinal Franz Wilhelm von Wartenberg, der 1629 bzw. 1632 die Jesuitenuniversität Osnabrück gründete
Für das Carolinum war die Wahl des Wittelsbachers Franz Wilhelm von Wartenberg am 27. Oktober 1625 ein großes Glück. Sein Name ist bis heute mit der mit aller Härte durchgeführten „Gegenreformation“ in Osnabrück verbunden. 1626 verfolgte er zielstrebig den Ausbau der Jesuitenniederlassung in Osnabrück. 1628 übergab er ihnen das verlassene Augustinerkloster am Neumarkt schuf die finanziellen Voraussetzungen für die Errichtung eines Kollegs. Gleichzeitig ließ Wartenberg das Ratsgymnasium schließen.
Es war Wartenbergs hervorragenden Kontakten und seiner großen Wertschätzung an der römischen Kurie zu verdanken, dass der Papst zügig das Jesuitengymnasium zur Universität erhob (22. August 1629). In kurzem Zeitabstand folgte auch die kaiserliche Bestätigung (20. Februar 1630). Im November 1629 begann offiziell der Lehrbetrieb; die Eröffnung der „Academia Carolina Osnabrugensis“ erfolgte am 25. Oktober 1632. Schon ein Jahr später im September 1633 wurde die Jesuitenuniversität geschlossen, weil im Zuge des Dreißigjährigen Krieges schwedische Truppen Osnabrück besetzten. Die wertvollsten Stücke des Kirchensilbers wurden vergraben; Wartenberg, sein Weihbischof und die Jesuiten flohen aus Osnabrück. Das Domkapitel stellte einen Schulmeister an, der während der schwedischen Besatzung katholischen Unterricht erteilte. Unter dem Schutz der Schweden, die bis 1650 in Osnabrück blieben, konnte schon 1634 das Ratsgymnasium wieder eröffnet werden, das seitdem als evangelische Schule besteht.
Das Carolinum im 17. und 18. Jahrhundert 1650 waren die ersten drei Jesuiten in der Diözese Osnabrück tätig; im September 1652 gründeten sie eine eigene Jesuitenniederlassung in der Stadt Osnabrück. Vier Jahre später (1656) wurde das Carolinum den Jesuiten vom Domkapitel erneut zur Leitung übergeben. 1673 wurde der erste Schulzweckbau des Carolinums fertiggestellt.
Auf Beschluss des Westfälischen Friedensvertrags wechselten sich nach dem Tode von Bischof Wartenberg im 17. und 18. Jahrhundert je ein katholischer und ein protestantischer Bischof ab. Erstaunlicherweise blieb das bis 1773/74 von Jesuiten geleitete Carolinum während der Herrschaft eines evangelischen Bischofs meist unbehelligt von Anfeindungen. Nur wenn ein Katholik Bischof von Osnabrück war, befürchtete der evangelische Stadtrat oft zu Unrecht eine Übervorteilung der Jesuiten und wandte sich mit Protesten und Eingaben an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, deren Haus den protestantischen Bischof von Osnabrück stellte. Bis zur Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. wirkten die Jesuiten als Lehrer am Gymnasium Carolinum. Das Domkapitel beschloss 1778, den Unterricht am Carolinum dem Franziskanerorden anzuvertrauen, der den Ruf hatte, verstärkt Naturwissenschaften zu lehren.
Katholisches Gymnasium unter staatlicher Aufsicht im 19. Jahrhundert