mini|Sadiq al-Mahdi 2015 Sadiq al-Mahdi, eigentlich as-Sādiq ʿAbd ar-Rahmān al-Mahdī (; * 25. Dezember 1935 in Omdurman, Sudan; † 26. November 2020 in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate) war ein sudanesischer islamisch-religiöser Anführer und Politiker, der von Juli 1966 bis Mai 1967 und erneut von April 1986 bis Juni 1989 Ministerpräsident des Sudan war. Er war seit 1964 Vorsitzender der Nationalen Umma-Partei und ab 1987 Imam der Ansār und des Mahdīya-Ordens, den sein Urgroßvater Muhammad Ahmad, der erste Anführer des sudanesischen Mahdi-Aufstands, gegründet hatte. Der islamistische Ideologe Hasan at-Turābī war sein Schwager. As-Sādiq al-Mahdī galt nicht nur als ein „heiliger Mann“, sondern ist auch als islamischer Denker hervorgetreten, der seine progressiven und liberalen Vorstellungen zum Verhältnis zwischen Religion und Staat in vielen Schriften darlegte. Allerdings hat er diese Vorstellungen auf politischer Ebene nicht umsetzen können. Seine zweite mehr als dreijährige Amtszeit war von Unentschlossenheit und fast ständigen Krisen mit seinen verschiedenen Koalitionspartnern, der Demokratischen Unionspartei (DUP) und der Nationalen Islamischen Front (NIF), geprägt.

Abstammung As-Sādiq al-Mahdī wurde in eine der bekanntesten Familien Sudans hineingeboren. Sein Großvater ʿAbd ar-Rahmān al-Mahdī hatte den Mahdīya-Sekte mehr als fünfzig Jahre lang angeführt, war während des anglo-ägyptischen Kondominiums (1899-1955) einer der prominentesten Nationalistenführer gewesen und hatte 1945 die Nationale Umma-Partei gegründet, die den politischen Arm des Mahdīya-Ordens bildete und sich für die Unabhängigkeit des Sudans einsetzte. As-Sādiqs Vater Siddīq al-Mahdī war ihm 1959 in der Rolle als Parteichef und Imam der Mahdiyya gefolgt. Er war ein entschiedener Gegner der Militärherrschaft von Ibrahim Abbud.Bechthold: “Sadiq al-Mahdi”. 1990, S. 319.

Leben Ausbildung Als Mitglied der prominenten al-Mahdī-Familie wurde as-Sādiq von Geburt an auf eine religiös-politische Führungsrolle vorbereitet. Er wurde zunächst überwiegend von italienischen Missionaren erzogen, anschließend besuchte er das Comboni College eine katholische Sekundarschule in Khartoum. Nach Studien am Victoria College in Alexandria und an der Universität Khartum absolvierte er das St John’s College in Oxford, wo er Philosophie, Politik und Wirtschaft studierte.Warburg: “Mahdī, al-Ṣādiq”. 2009, S. 450a.

Karriere als Politiker und erste Amtszeit als Premierminister mini|hochkant|Sadiq al-Mahdi, 1964 As-Sādiq erlangte erst nach dem Tod seines Vaters Siddīq al-Mahdī im Oktober 1961 größere Bekanntheit. Der Schura-Rat der Ansār entschied, dass er zu jung sei, um Imam zu werden, und bestimmte stattdessen seinen Onkel al-Hādī für dieses Amt. As-Sādiq wurde stattdessen 1964 zum Vorsitzenden der Umma-Partei, des politischen Arms des Mahdīya-Ordens.Shimoni: Biographical Dictionary of the Middle East. 1991, S. 150. In dieser Funktion trug er nach der Revolution vom 21. Oktober 1964, die die Militärherrschaft beendete, zur Stärkung der Kräfte der Mäßigung bei, was die Abhaltung von Parlamentswahlen im April 1965 ermöglichte. Während dieser Wahl gewann seine Partei die größte Zahl von Sitzen. Er selbst musste noch mehrere Monate warten, bis er das dreißigste Lebensjahr, das Mindestalter für Parlamentsabgeordnete erreicht hatte. Dann gewann er bei einer Nachwahl, zog ins Parlament ein und stieg innerhalb von wenigen Tagen zum Ministerpräsidenten auf.

Die Spaltung der Ansār bahnte den Weg für einen langfristigen Pakt zwischen as-Sādiq und Hasan at-Turābī, dem Anführer der sudanesischen Muslimbrüder. Dies war wahrscheinlich einer der Faktoren, die den vermeintlich liberalen as-Sādiq bei seiner Wahl zum Premierminister im Juli 1966 dazu brachten, seine Absicht kundzutun, eine islamische Verfassung zu verkünden und einen islamischen Staat zu gründen. Während seiner Zeit als Premierminister führte as-Sādiq eine Koalitionsregierung mit der National-Unionistischen Partei (NUP) des früheren Premierministers Ismail al-Azhari an.Bechthold: “Sadiq al-Mahdi”. 1990, S. 323. Die auf ihn gerichteten Erwartungen, dass er die nationale Einheit des Staates wahren und die Wirtschaft auf eine stabilere Basis stellen könnte, konnte er jedoch nicht erfüllen.Elham: „Sadeq el-Mahdi (Ṣâdiq al-Mahdî)“. 1988, S. 523.

As-Sādiqs Position wurde zum Teil durch die Missgunst seines älteren Koalitionspartners Ismail al-Azhari untergraben, der die Nationale Unionistische Partei anführte und den ähnlichen Neid älterer Politiker der Umma-Partei und religiöser Honoratioren ausnutzte. Er brachte auch den konservativeren Teil der Ansār-Gemeinschaft, der von As-Sādiqs Onkel al-Hādī al-Mahdī geführt wurde, dazu, seinen Sturz zu betreiben. Und nachdem sich dieser Teil von der Umma-Partei abgespalten hatte, verlor as-Sādiq im Mai 1967 zehn Monate nach Regierungsantritt bei einem Misstrauensvotum sein Amt. Bei den Wahlen von 1968 gewann as-Sādiqs Flügel der Umma-Partei nur 36 Sitze.P.M. Holt, M.W. Daly: A History of the Sudan from the Coming of Islam to the Present Day. 4. Auflage. Longman, London & New York 1994. S. 191. Er selbst und mehrere seiner führenden Anhänger verloren die Wahl, woraufhin sie eine Versöhnung mit seinem konservativen Onkel suchen mussten.Warburg: “Mahdī, al-Ṣādiq”. 2009, S. 450a–b.

In der Opposition Der Staatsstreich von Dschaʿfar an-Numairī im Mai 1969 setzte as-Sādiqs legalen politischen Aktivitäten ein Ende. Er tat sich bald als einer der schärfsten Kritiker des Regimes hervor und wurde mehrfach inhaftiert und unter Hausarrest gestellt. Nach dem Angriff auf die Aba-Insel im März 1970, bei dem sein Onkel al-Hādī getötet wurde, wurde as-Sādiq nach Ägypten abgeschoben, wo er politisches Asyl erhielt. Nach dem Tode seines Onkels erhob er Anspruch auf die Führung der Ansār-Gemeinschaft, konnte sich mit diesem Anspruch aber nicht völlig durchsetzen, weil einige traditionalistisch eingestellte Ansār sein Imamat nicht anerkannten und al-Hādīs jüngerem Bruder Ahmad den Treueid leisteten.

Auch von Kairo aus arbeitete er aber weiter auf einen Sturz an-Numairīs hin. 1972 kehrte er nach Sudan zurück, wurde erneut verhaftet, und im Mai 1973 ging er ins Exil nach England, Saudi-Arabien und Libyen. Er war einer der Anführer der „Nationalen Front“, die halb geheim im Sudan und hauptsächlich im Exil wirkte und zunehmend Libyen als Operationsbasis benutzte, und stand an vorderster Front des Kampfs gegen an-Numairī, der im Juli 1976 in einem Versuch gipfelte, ihn zu stürzen.Shimoni: Biographical Dictionary of the Middle East. 1991, S. 150f. Daraufhin fanden mehr als 100 Hinrichtungen statt, und as-Sādiq wurde in absentia zum Tode verurteilt.P.M. Holt, M.W. Daly: A History of the Sudan from the Coming of Islam to the Present Day. 4. Auflage. Longman, London & New York 1994. S. 207.

Schon Ende 1976 fand eine Vermittlung zwischen an-Numairī und as-Sādiq al-Mahdī statt, und im Juli 1977 trafen sich die beiden geheim in Port Sudan. Man einigte sich auf bestimmte Reformen, und es wurde eine Amnestie verkündet. As-Sādiq al-Mahdī kehrte im August 1977 in den Sudan zurück und arbeitete eine Zeit lang mit dem Regime zusammen. Nach den Wahlen zur Volksversammlung im Februar 1978 wurde er in das Politbüro der regierenden Sudanesischen Sozialistischen Union aufgenommen, doch trat er noch im selben Jahr von seinem Posten zurück, weil er an-Numairīs Unterstützung für die Friedensbemühungen des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat gegenüber Israel und die Camp-David-Abkommen ablehnte. Als das Regime 1979 diese Unterstützung zurückfuhr, verbesserten sich die Beziehungen zu an-Numairī aber wieder. Nach weiteren Rückschlägen in dem Versöhnungsprozess erklärte as-Sādiq al-Mahdī 1982 die Wiederannäherung jedoch für gescheitert.P.M. Holt, M.W. Daly: A History of the Sudan from the Coming of Islam to the Present Day. 4. Auflage. Longman, London & New York 1994. S. 208.

1983 verbrachte as-Sādiq al-Mahdī einige Zeit als Fellow des St Antony’s College in Oxford.Bechthold: “Sadiq al-Mahdi”. 1990, S. 320. Im selben Jahr war er der prominenteste politische Führer, der sich gegen die im September 1983 von an-Numairī eingeführten Scharia-Gesetze stellte. Er prangerte diese als unislamisch an, mit dem Argument, dass die Scharia nur in einer gerechten Gesellschaft umgesetzt werden könne, in der die Muslime nicht gezwungen seien, zu stehlen, um zu überleben.Warburg: “Mahdī, al-Ṣādiq”. 2009, S. 450b. Er wurde deswegen erneut verhaftet und bis Januar 1985 inhaftiert.Shimoni: Biographical Dictionary of the Middle East. 1991, S. 151.

Auch wenn as-Sādiq die klassische islamische Lehre, wonach der Apostat hingerichtet werden muss, für obsolet hielt, hat er die Hinrichtung von Mahmud Muhammad Taha durch an-Numairī im Januar 1985 doch nie offen verurteilt.Ibrahim: „An Overview of al Sadiq al-Mahdi's Islamic Discourse“. 2006. S. 168–169. Dies lag möglicherweise daran, dass er die Republikanischen Brüder als eine Bewegung betrachtete, die über einfache Forderungen nach Reformen hinausging „und den Islam selbst entleerte“. Die republikanischen Brüder hatten as-Sādiq al-Mahdī auch in einigen ihrer Veröffentlichungen beschimpft, darunter in der Broschüre Hāḏā huwa aṣ-Ṣādiq!! („Dies ist as-Sādiq!!“) vom April 1982.Online-Version

Zweite Amtszeit als Premierminister Koalition mit der DUP mini|hochkant|Sadiq al-Mahdi, 1987 Im April 1985 gehörte as-Sādiq al-Mahdī zu den Anführern des Putsches, durch den an-Numairī gestürzt wurde. Der Kollaps der Junta machte den Weg frei für die Rückkehr zu einem demokratischen System, und als Ergebnis einer massiven und gut organisierten Wahlkampagne konnte al-Mahdī bei den Wahlen vom April 1986 seine Umma-Partei zum Sieg führen.Bechthold: “Sadiq al-Mahdi”. 1990, S. 321. Am 15. Mai kündigte er eine Koalitionsregierung mit einem Kabinett von 15 Ministern an, von denen neun der Umma-Partei sechs der Demokratischen Unionspartei (DUP) angehörten.Collins: A history of modern Sudan. 2008, S. 162. Er selbst fungierte neben seinem Amt als Ministerpräsident auch als Verteidigungsminister.

Im Juni und Juli 1986 hielt er eine Anzahl von Reden vor der Verfassungsgebenden Versammlung, in der er seine Entschlossenheit zum Ausdruck brachte, die Septembergesetze von 1983, mit denen die Scharia eingeführt worden war, aufzuheben, die Charta für die Verteidigung der Demokratie, die von der Nationalen Allianz für die Rettung des Landes (NARL) entworfen worden war, voranzubringen, und das Problem des Südens durch Verhandlungen mit John Garang zu lösen.Collins: A history of modern Sudan. 2008, S. 164. Allerdings drifteten Anspruch und Realität im Laufe der Zeit immer mehr auseinander. Während an-Numairīs Scharia-Dekret unter seiner Regierung in der Praxis nicht mehr befolgt wurde, sah al-Mahdī sich nicht in der Lage, es ganz aufzuheben. Nach G. Warburg ging er davon aus, dass er die Unterstützung der Bevölkerung verlieren würde, wenn er sich den südlichen und säkularistischen Forderungen nach bedingungsloser Aufhebung unterwerfen würde. Seine Unentschlossenheit bei der Abschaffung und Ersetzung der Septembergesetze verhinderten indessen eine Einigung mit der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM). Die modernen Kräfte in der Hauptstadt und die NARL, die as-Sādiq in der Erwartung unterstützt hatten, dass er Demokratie fördern, die Scharia aufheben und der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung einen Vergleich schließen würden, fühlten sich verraten. Im Juni 1987 unterbreitete as-Sādiq schließlich Vorschläge für eine Reihe neuer Gesetze, die als Alternative zum Scharia-Recht dienen sollten, sowie eine neue Gesetzgebung bezüglich Strafrecht, Bankwesen und Zakāt.Collins: A history of modern Sudan. 2008, S. 165. Diese Vorschläge wurden am 21. Juni 1987 von der Nationalversammlung mit 138 zu 52 Stimmen angenommen.Collins: A history of modern Sudan. 2008, S. 166.