mini|hochkant|Dschafar Panahi (2025) Dschafar Panahi oder Jafar Panahi (; ; * 11. Juli 1960 in Mianeh, Provinz Ost-Aserbaidschan) ist ein iranischer Filmregisseur. Seit Ende der 1980er-Jahre hat er über 20 Lang- und Kurzfilme inszeniert. In seinen Werken setzte er sich wiederholt kritisch mit Politik und Gesellschaft in der sogenannten Islamischen Republik auseinander, weshalb er in seinem Heimatland inhaftiert und mit einem Berufsverbot belegt wurde. Mit Der Kreis (Goldener Löwe in Venedig, 2000), Taxi Teheran (Goldener Bär in Berlin, 2015) und Ein einfacher Unfall (Goldene Palme in Cannes, 2025) gelang es ihm, die Hauptpreise der drei bedeutendsten europäischen Filmfestivals zu gewinnen.
Im Jahr 2010 wurde Panahi wegen „Propaganda gegen das Regime“ zu einer sechsjährigen Haftstrafe und einem 20-jährigen Berufs- und Reiseverbot verurteilt; im Juli 2022 wurde er im Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert und im Februar 2023 nach einem Hungerstreik auf Kaution freigelassen. In: tagesschau.de vom 21. Dezember 2010; Im Juni 2026 bestätigte ein Revolutionsgericht in Teheran in einem neuen Verfahren eine einjährige Haftstrafe, ein zweijähriges Ausreiseverbot sowie ein Verbot der Mitgliedschaft in politischen und gesellschaftlichen Gruppen.
Leben Panahi studierte in den 1980er Jahren in Teheran Film- und Fernsehregie.
Er unterstützte bei den umstrittenen iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 die Oppositionsbewegung Grüne Bewegung von Mir Hossein Mussawi gegen den Präsidenten Mahmud Ahmadineschād. Bereits im Sommer 2009 war er nach einer Gedenkveranstaltung für Neda Agha-Soltan kurzzeitig inhaftiert worden.vgl. Al Jazeera: Iran targets reformist publications. 2. März 2010.
Im Februar 2010 sollte Panahi als Ehrengast der 60. Berlinale im Rahmen des World Cinema Fund Day an einer Diskussion zum Thema „Iranisches Kino: Gegenwart und Zukunft, Erwartungen innerhalb und außerhalb des Landes“ teilnehmen. Die Ausreise aus seinem Heimatland wurde Panahi jedoch verwehrt.vgl. Elterlein, Eberhard von: Ein Film aus dem Iran sorgt für Furore. In: Berliner Morgenpost, 17. Februar 2010, Nr. 47, S. 21 Er war zuvor in Nader Davoodis kritischem Dokumentarfilm Red, White & The Green aufgetreten, der in der Berlinale-Reihe Panorama Dokumente gezeigt wurde und die Hoffnung der iranischen Intellektuellen, Jugend und Frauen auf einen politischen Wechsel deutlich macht.vgl. Berlinale: Ein Volk begehrt auf. In: zeit.de, 17. Februar 2010 (aufgerufen am 19. Februar 2010)
Nach Angaben Oppositioneller wurde Panahi zusammen mit seiner Frau, seiner Tochter und weiteren Dissidenten am 1. März 2010 in seinem Haus von der iranischen Polizei festgenommen.vgl. Rückschau: Künstler im Knast. In: ttt – titel, thesen, temperamente vom 28. März 2010 (aufgerufen am 30. März 2010). Ebenfalls festgenommen wurde Mohammad Rasulof, mit dem er wiederholt zusammengearbeitet hatte.Bert Rebhandl: Unfreier Mitarbeiter in: Der Standard vom 24. Jänner 2011. Abgerufen am 3. Juni 2011. Der Anlass der Festnahme stand im Zusammenhang mit Dreharbeiten ohne Genehmigung staatlicher Zensoren; auch Panahis Frau und Tochter wurden zunächst festgehalten. Panahi wurde zunächst ohne Anklage in das Evin-Gefängnis gebracht, wo er knapp drei Monate lang inhaftiert blieb. Er trat in den Hungerstreik, unter anderem, weil er einen eigenen Anwalt forderte. Zahlreiche internationale Prominente wie Michael Moore, Steven Spielberg, Robert Redford und Abbas Kiarostami setzten sich für seine Freilassung ein. Panahi kam am 25. Mai 2010 gegen Zahlung einer Kaution von 200.000 US-Dollar stark abgemagert bis zum Beginn des Strafprozesses frei.Der Tagesspiegel: Iran: Filmemacher Jafar Panahi gegen Kaution frei. 25. Mai 2010.
Der Prozess fand am 20. Dezember 2010 statt. Panahi wurde dabei zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt; gleichzeitig erhielt er ein Berufsverbot von 20 Jahren, durfte keine Interviews geben und nicht ins Ausland reisen. Gemäß seiner Anwältin musste Panahi wegen „Propaganda gegen das System“ ins Gefängnis. Konkret wurde ihm vorgeworfen, er habe einen regimekritischen Film über die Wahlen und die anschließenden Ausschreitungen vorbereiten wollen.Panahi zu sechs Jahren Haft verurteilt. In: Spiegel Online vom 21. Dezember 2010.The Guardian: Iran: Iran jails director Jafar Panahi and stops him making films for 20 years. 20. Dezember 2010. Im Oktober 2011 bestätigte ein iranisches Berufungsgericht sowohl die sechsjährige Haftstrafe als auch das zwanzigjährige Berufs- und Reiseverbot gegen Panahi.Frankfurter Allgemeine Zeitung: Haftstrafe für Dschafar Panahi bestätigt. 15. Oktober 2011.
Mitte Juli 2022 wurde bekannt, dass Panahi die bereits Ende 2010 verhängte sechsjährige Haftstrafe im Evin-Gefängnis antreten musste. Der Filmemacher war eine Woche zuvor in Teheran festgenommen worden.Iranischer Filmemacher Panahi muss sechsjährige Haftstrafe antreten, Deutsche Welle, 19. Juli 2022. Kurz zuvor waren seine Kollegen Mohammad Rasulof und Mostafa Aleahmad wegen eines Aufrufs gegen Gewalt in Gewahrsam genommen worden. Sie sollen die öffentliche Ordnung gefährdet und dabei auch mit Regimegegnern zusammengearbeitet haben. Hintergrund war der Einsturz einer Einkaufspassage in der südwestiranischen Stadt Abadan mit mehr als 40 Todesopfern im Mai 2022. Die folgenden Proteste waren von Polizei und Sicherheitskräften gewaltsam unterdrückt worden. Daraufhin hatten mehr als 70 Personen aus der iranischen Filmindustrie mit dem Hashtag „#Put your gun down“ (dt.: „Legt eure Waffe nieder“) ein Ende der Polizeigewalt gefordert, wobei als Initiatoren der Aktion Rasulof und Aleahmad genannt wurden. Panahi hatte sich nach der Festnahme seiner beiden Kollegen mit ihnen nach eigenen Angaben zusammen mit mehreren Hundert Filmschaffenden im Internet solidarisiert.Regisseur Panahi muss sechs Jahre in Haft. In: tagesschau.de, 19. Juli 2022 (abgerufen am 19. Juli 2022).
Anfang Februar 2023 kam Panahi nach etwa sieben Monaten Haft aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran auf Kaution frei. Zuvor hatte er einen Hungerstreik angetreten. Der Oberste Gerichtshof Irans hob die ursprüngliche Verurteilung aus dem Jahr 2010 auf; Panahi blieb jedoch weiterhin einem System staatlicher Kontrolle über Filmproduktionen ausgesetzt.
Während Panahi im Ausland für Ein einfacher Unfall war und bei den Gotham Awards in New York ausgezeichnet wurde, erging gegen ihn in Abwesenheit ein neues Urteil wegen „Propaganda gegen das System“. Zur Begründung wurden unter anderem ein „unterirdischer und problematischer Film gegen das Establishment“, die Unterstützung politischer Gefangener und die Unterstützung von Protesten einschließlich der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ angeführt. Nach der Oscarverleihung 2026 kehrte Panahi am 30. März 2026 trotz der drohenden Strafe in den Iran zurück. Im Juni 2026 bestätigte das Revolutionsgericht in Teheran das Urteil vollständig; es umfasst ein Jahr Haft, ein zweijähriges Ausreiseverbot und ein Verbot der Mitgliedschaft in politischen und gesellschaftlichen Gruppen.
Wirken mini|hochkant|Panahi mit dem Silbernen Bären für Offside (2006) Dschafar Panahi ist einer der wichtigsten unabhängigen Filmemacher im Iran. Nach einigen Fernseharbeiten und Kurzfilmen war er Assistent von Abbas Kiarostami, wie bei dem mehrfach ausgezeichneten Film Quer durch den Olivenhain (1994). Sein Debütfilm Der weiße Ballon wurde 1995 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Sein nächster Film Der Spiegel gewann 1997 beim Locarno Film Festival den Goldenen Leopard. Der größte frühe Erfolg war für ihn der Gewinn des Goldenen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2000 mit dem Film Der Kreis. Der Film wurde jedoch vom iranischen Regime verboten und nicht im Iran gezeigt. 2003 erhielt Crimson Gold – Blutrotes Gold den Hauptpreis auf der Semana Internacional de Cine de Valladolid und den Goldenen Prometheus beim Tbilisi International Film Festival 2004. Sein Film Offside erlebte auf der Berlinale 2006 am 17. Februar 2006 seine Welturaufführung und gewann einen Silbernen Bären.
Panahi hatte in Abwesenheit seinen Platz in der Wettbewerbsjury bei den 61. Internationalen Filmfestspielen von Berlin behalten. Das Festival setzte damit das Zeichen, Panahis Freiheitskampf zu unterstützen. In: Focus vom 21. Januar 2011. Außerdem sollte er mit Filmvorführungen und Diskussionen unterstützt werden. In mehreren Sektionen wurde jeweils ein Film von ihm gezeigt. Aus Solidarität mit Panahi, der vom Regime der Islamischen Republik Iran an der Ausreise zur Berlinale 2011 gehindert wurde, erschien Die Tageszeitung (taz) am 11. Februar 2011 in grüner Farbe, der Farbe der iranischen Oppositionsbewegung. Bis zum Ende der Berlinale hatte Festival-Direktor Dieter Kosslick daran geglaubt, Panahi würde am Ende noch auf seinem Juryplatz sitzen. Die Preisverleihung musste dennoch ohne ihn stattfinden. Die starke Solidarität Kosslicks führte daher zu einer weltweiten Berichterstattung des Falles Panahis. In: zenithonline vom 17. Februar 2011.
Anfang Mai 2011 gab die Festivalleitung der Filmfestspiele von Cannes die Uraufführung von Dschafar Panahis und Mojtaba Mirtahmasbs Dies ist kein Film (englischsprachiger Titel: This Is Not a Film) bekannt. Der 75-minütige Dokumentarfilm zeigt einen Tag im Leben Panahis, während er über Monate auf seine Verurteilung warten musste.vgl. Offizielle Pressemitteilung bei festival-cannes.com, 7. Mai 2011 (englisch; aufgerufen am 9. Mai 2011). Die nach dem Berufsverbot erzwungene Arbeitsweise wurde für Panahis späteres Kino prägend: Er drehte mit kleinen Teams, oft an unauffälligen Orten und nur mit wenigen eingeweihten Beteiligten, um seine Mitarbeiter vor staatlichen Ermittlungen zu schützen.
Panahis Film Pardé lief im Wettbewerb der Berlinale 2013.
In Taxi Teheran spielt er selbst einen Taxifahrer, der durch die Straßen Teherans fährt. Die Kamera ist unauffällig am Armaturenbrett des Autos befestigt und wird in einzelnen Szenen sichtlich von Panahi geschwenkt. Taxi Teheran war im Wettbewerb der 65. Berlinale vertreten und gewann dort den Goldenen Bären. Panahi ließ den Film nach Berlin schmuggeln.Dietmar Dath: Die Wahrheit als Mitfahrgelegenheit. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, E-Paper vom 7. Februar 2015, abgerufen am 10. Februar 2015.
Auch Drei Gesichter/Se Rokh aus dem Jahr 2018 spielt zu großen Teilen im Auto. Wieder inszeniert Panahi sich selbst als Fahrer: Er begleitet die im Iran berühmte Schauspielerin Behnaz Jafari (auch sie spielt sich selbst) in ein Dorf im Nordwestiran. Von dort hat Jafari das scheinbar echte Selbstmordvideo einer jungen Frau zugespielt bekommen. Das Duo macht sich auf den Weg, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Der zwischen Spielfilm und Doku changierende Film gewann 2018 beim Filmfestival in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Als Autor war hieran Nader Saeivar beteiligt, mit dem Panahi befreundet ist und mehrfach zusammenarbeitete.
Kurze Zeit später erhielt Panahi für das Liebesdrama No Bears (2022) seine zweite Einladung in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig. Dort wurde das Werk mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.Collateral awards of the 79th Venice Film Festival. In: labiennale.org, 10. September 2022 (abgerufen am 11. September 2022).
mini|hochkant|Panahi nach der Preisverleihung in Cannes (2025)