Neuenburg (auch Neuenburg am See, schweizerdeutsch Nöieburg, [], familiär zuweilen zu [] abgekürzt, [], veraltet und ) ist der Hauptort des Schweizer Kantons Neuenburg. Die Amtssprache ist Französisch.
Die politische Gemeinde zählt rund 44'500 Einwohner und die Agglomeration mit den anschliessenden Nachbargemeinden etwa 78'000 Einwohner. Damit ist Neuenburg die elftgrösste Stadt der Schweiz sowie nach Genf, Lausanne und Biel die viertgrösste Gemeinde der französischsprachigen Schweiz.
Geographie Das Territorium der Stadt und Gemeinde Neuenburg erstreckt sich über 1745 Hektar.. In: neuchatelville.ch. Abgerufen am 9. Juli 2019. 36 % davon sind bebaut. Neben der Stadt Neuenburg gehören auch die ehemals autonomen Ortsteile Serrières und Chaumont zur Gemeinde Neuenburg. Die unbebaute Fläche besteht hauptsächlich aus Wäldern und Wiesen. Seit 1512 gehört ausserdem der Domaine forestier des Joux nordwestlich von Les Ponts-de-Martel der Stadt Neuenburg.
Im Südosten wird die Stadt vom Neuenburgersee begrenzt, im Nordwesten und Norden liegt ein Abschnitt der Bergflanke der ersten Jurakette bis zum Gebirgskamm des Chaumont hinauf im Gemeindegebiet. Im Westen liegt die Seyonschlucht. Der Seyon wird in der Stadt durch einen Hügelzug nach Nordosten abgelenkt und mündet erst etwa zwei Kilometer weiter nordöstlich in den See. Der Bergsporn über dem Fluss bildete den Ausgangspunkt der Siedlungsentwicklung von Neuenburg.
Die Altstadt von Neuenburg besteht aus zwei Gebieten: einerseits aus dem Quartier auf dem Hügel über dem Seyongraben und andererseits aus der alten Unterstadt auf dem vom Seyon aufgeschütteten Schwemmkegel bis zum See. Auf dem Hügel und an seiner südlichen Flanke befinden sich die Kollegiatskirche, das Schloss Neuenburg, der Gefängnisturm und der Turm Tour de Diesse sowie alte Wohnquartiere. Die Unterstadt besteht aus Wohn- und Geschäftsquartieren. Die meisten Strassen im Stadtzentrum sind für den motorisierten Individualverkehr gesperrt. Östlich schliesst an das Stadtzentrum das Universitätsquartier an, am Seeufer liegt der Hafen der Stadt. Im Nordwesten wird die Altstadt von der Eisenbahnlinie begrenzt.
Auf dem Chaumont befinden sich ausgedehnte Alpweiden, auf denen in jüngerer Zeit zahlreiche Ferienhäuser errichtet wurden.
Angrenzende Gemeinden sind Milvignes im Westen, Val-de-Ruz im Norden sowie Cressier und Laténa im Osten.
Stadtquartiere Quartier Nr. BFS-Code 400px|Quartiere von NeuenburgDraizes – Vauseyon16458001Serrières26458002Alpes36458003Trois-Portes46458004Nord56458005Centre66458006Beaux-Arts76458007Maladière – Mail86458008La Coudre96458009Monruz106458010Pierre-à-Bot – Acacias116458011Chaumont126458012
Klima Für die Normalperiode 1991–2020 beträgt die Jahresmitteltemperatur 10,7 °C, wobei im Januar mit 1,8 °C die kältesten und im Juli mit 20,1 °C die wärmsten Monatsmitteltemperaturen gemessen werden. Im Mittel sind hier rund 54 Frosttage und 12 bis 13 Eistage zu erwarten. Sommertage gibt es im Jahresmittel rund 49, während normalerweise 10 Hitzetage zu verzeichnen sind. Die Messstation von MeteoSchweiz liegt auf einer Höhe von
Geschichte mini|Blick auf Neuchâtel, das Schloss von Neuchâtel und den Neuenburgersee, 1907 mini|Post und Hafen von Neuchâtel, Ballonaufnahme von Eduard Spelterini, 1924 mini|Historisches Luftbild von Werner Friedli von 1949
Für die politische und allgemeine Entwicklung der Stadt, der Region und des Kantons siehe Geschichte des Kantons Neuenburg.
Die erste schriftliche Nennung von Neuenburg datiert aus dem Jahr 1011, als der Burgunderkönig Rudolf III. Novum Castellum (das neue Schloss) seiner Gattin Irmingard zum Geschenk machte. Dieses «neue Schloss» befand sich vermutlich dort, wo heute das Gefängnis steht, und war nicht viel mehr als eine kleine Garnison.
Die Stadt wuchs gemächlich. 1180 legten Ulrich II. von Neuenburg und seine Gattin den Grundstein für ein neues Schloss und die Église collégiale. Ulrichs Nachkommen gaben im Jahr 1214 den Neuenburgern den Status einer Freien Stadt. 1250 wurden die ersten Häuser auf der linken Seite des Flüsschens Seyon gebaut. Das heute noch bestehende Quartier Neubourg und die Stadtmauer entstanden. 1349 raffte die Pest ein Drittel der Stadtbevölkerung dahin. 1406 schlossen die Stadt und der Graf von Neuenburg ein Burgrecht mit Bern, das zum Mentor und Schiedsrichter der zwei Parteien wurde.
1530 brachte der von Bern mit einem Empfehlungsschreiben geschickte französische Glaubensflüchtling Guillaume Farel (1489–1565) die Reformation nach Neuenburg. Anfänglich konnte er nur in der kleinen Chapelle de l’Hôpital predigen. Doch bald zog er so viele Zuhörer an, dass er in der Stadtkirche verkündigen durfte. Als Folge davon wurden die dortigen Altäre, Statuen, Bilder und Kreuze zerstört, weil sie als Götzenbilder galten. Nur das Grabmal der Grafen von Neuenburg überstand diesen Bildersturm. Kurz darauf schloss sich der Rat der Stadt der Reformation an, die adelige Oberschicht blieb aber bis 1707 katholisch. Viele französische evangelische Glaubensflüchtlinge fanden in der Folge Aufnahme in der Stadt und Umgebung und prägten die weitere Entwicklung mit. Der französische Autor Antoine Marcourt wurde als erster evangelischer Pfarrer berufen. Farel reiste nach Genf weiter, um sich dort mit Jean Calvin für die Reformation einzusetzen. Pierre-Robert Olivétan wurde Hauslehrer in Neuenburg, er traf Farel 1532 im piemontesischen Chanforan mit Waldensern, um über eine Bibelübersetzung ins Französische zu diskutieren. Olivétan übersetzte die Bibel ins Französische und liess sie 1535 bei Pierre de Vingle in Neuenburg als erste französische Vollbibel drucken. Sie wurde etwas später auch in Genf und in anderen Städten nachgedruckt und gilt bis heute als wichtigste französische Bibelübersetzung. Als Calvin und Farel 1538 Genf verlassen mussten, wurde Marcourt nach Genf berufen, und Farel kehrte als Pfarrer nach Neuenburg zurück. Er führte eine Kirchenordnung nach Genfer Vorbild ein. In zahlreichen Reisen nach Italien, Frankreich und Deutschland setzte er sich für die französischsprachigen evangelischen Gläubigen ein. Heute erinnert die Farel-Statue auf der Esplanade vor der Stadtkirche an sein Wirken.Stadtporträt des Projekts «Reformationsstädte Europas»: Reformationsstadt Neuchâtel. Schweiz. In: , Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE, abgerufen am 28. Oktober 2018.
Am 8. Oktober 1579 trat der Fluss Seyon über die Ufer, zerstörte dabei alle Brücken der Stadt sowie das Rathaus und die darunter liegenden Stadtarchive. Zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert wuchs die Stadt bis an die Ufer des Neuenburgersees und die Mündung des Seyons. Einige reiche Patrizier begannen, Häuser ausserhalb der alten Stadtmauer zu bauen, wobei ein Teil des Gelds auch aus dem florierenden Sklavenhandel stammte.. In: bilanz.ch. 29. Juni 2004, abgerufen am 30. Januar 2017 («De Pury, Burckhardt, Sulzer: Prominente Schweizer Unternehmerfamilien haben sich am Sklavenhandel bereichert. Dies belegen neue, bisher unveröffentlichte historische Dokumente.»).Reich durch Unmenschlichkeit. In: SonntagsBlick. 21. Juni 2020, abgerufen am 21. Juni 2020. Es entstanden der Faubourg de l’Hôpital, der Faubourg du Lac, das Quartier du Lac und das erst später so genannte Quartier Universitaire. 1838 wurde die Académie de Neuchâtel eröffnet, die 1910 zur Universität wurde. Auch die Arbeiter organisierten sich. Um 1873/1874 hatte die Juraföderation unter den Arbeitern einigen Rückhalt. Seit 1848 gab es die Ortssektion des Grütlivereins.
Von 1839 bis 1843 wurde der Fluss Seyon korrigiert, der die Stadt immer wieder überflutet hatte. Er wurde in Röhren umgeleitet, und an der Stelle des alten Flussbettes entstand eine Geschäftsstrasse (die Rue du Seyon). Im 19. Jahrhundert wurde auch das Seeufer mehrmals umgebaut. Nach dem Bau der Eisenbahnlinie und des Bahnhofs (1859) an der Flanke des Chaumonts wuchs die Stadt weiter in Richtung Norden. Am Seeufer wurde 1892 die Strassenbahnlinie nach Boudry eröffnet. Zur Teilnahme am Schweizer Kolonialismus gründeten Unternehmer 1885 eine Geografische Gesellschaft.
1930 wurde die Tour Firestone im Art-déco-Stil errichtet. 1964 bis 1970 entstand das architektonisch hochwertige Schulhaus Collège du Mail. Im Januar 1976 beschloss der US-Uhrenkonzern Bulova die Schliessung seines Werks und die Verlegung an den bestehenden Standort Biel. 500 von 1300 Stellen wurden gestrichen. Darauf besetzten die Beschäftigten die Fabrik, die Gewerkschaft SMUV erreichte eine Verlängerung des Betriebs um ein Jahr. Neun Tage später wurde die Fabrikbesetzung abgebrochen. Auch der Streik bei Dubied in Couvet, Marin und Peseux brachte die Leute im Sommer 1976 auf die Strasse. Am 11. April 1986 verübten unter der Bezeichnung Winkelried auftretende Rechtsextremisten einen Brandanschlag gegen das Centre social protestant in Neuenburg. Ein zweiter Brandanschlag vier Tage später galt der Villa Teresa, die weitere Hilfswerke, darunter die Caritas, beherbergte.
2015 wurde Neuenburg der Ehrentitel «Reformationsstadt Europas» durch die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa verliehen. Neuenburg ist zudem eine der elf Schweizer Städte, die vom Evangelischen Kirchenbund 2017 das Etikett «Reformationsstadt» erhalten haben.Reformationsstadt Neuchâtel. Schweiz. In: , Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), abgerufen am 23. Juni 2021.Simon Hehli: Tour de Suisse der Reformation. In: Neue Zürcher Zeitung. 4. November 2016, S. 15.
Eingemeindungen 1930 wurde die bis dahin selbstständige Gemeinde La Coudre in die Stadt Neuenburg eingemeindet. Am 1. Januar 2021 wurden Corcelles-Cormondrèche, Peseux und Valangin nach Neuenburg eingemeindet, wodurch die Einwohnerzahl der Stadt von 34'000 auf 44'500 anwuchs und La Chaux-de-Fonds als grösste Stadt des Kantons abgelöst wurde.
Energieversorgung und -wirtschaft Es ist urkundlich belegt, dass bereits im 14. Jahrhundert die Wasserkraft der Areuse genutzt wurde. An ihren Ufern befanden sich Getreide- und Fruchtmühlen, Ölstampfen, Sägereien und Schmieden. Über Wasserräder wurde die benötigte Energie für das Betreiben der diversen Gerätschaften in die Gebäude transferiert.
In den Jahren 1895 und 1896 erstellte die Société d’électricité Alioth als Generalunternehmer für die Stadt Neuenburg ein Wasserkraftwerk. Es wurde les Clées benannt und befand sich in der Areuse-Schlucht. Das Kraftwerk war für die benötigte elektrische Energie für die bereits bestehenden Strassenbahnen und eine zu erstellende Stadtbeleuchtung von Neuenburg vorgesehen.Roger Chavannes: Station centrale d’énergie électrique de Neuchatel. Installation de la Société d’électricité Alioth Bâle. O. J. (e-rara.ch – e-rara. ETH Zürich, abgerufen am 7. November 2021). Durch die rasch steigende Nachfrage nach elektrischer Energie wurden 1903 die fünf bestehenden Generatorengruppen durch drei weitere verstärkt.
Das Stromnetz musste den steigenden Bedürfnissen ebenfalls laufend angepasst werden. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, wollten die Energieunternehmen ihre Stromnetze miteinander verbinden. Da unterschiedliche Spannungen und Taktfrequenzen verwendet wurden, musste vorgängig eine Einigung und entsprechende Angleichung auf ein einheitliches Betriebssystem erfolgen.Louis Martenet: La nouvelle usine hydro-électrique des Près du Chanet, près Boudry, appartenant à la Ville de Neuchâtel. In: Bulletin technique de la Suisse romande. 42, 1916, Nr. 13, S. 131 f., hier S. 132 (doi:10.5169/seals-32368#738 – E-Periodica. ETH-Bibliothek Zürich, abgerufen am 26. November 2021).
Seit 1898 ist das Wasserkraftwerk Combe-Garot, ebenfalls an der Areuse, in Betrieb. 1908 wurde das Werk renoviert und durch eine zusätzliche Generatorengruppe verstärkt. Dadurch erreichte es eine Stromerzeugung von 22,6 GWh im Jahr. Es dient noch heute (2024) den Städten Neuenburg und La Chaux-de-Fonds als Energie- und Trinkwasserquelle.