Nordkreuz nannte sich eine Gruppe von rund 30 bis 54 deutschen Rechtsextremisten, die sich als „Prepper“ auf einen erwarteten Staatszusammenbruch am „Tag X“ vorbereiteten und eine Massentötung von Flüchtlingshelfern und Linken geplant haben sollen. Die Gruppe bildete sich Anfang 2016 in Mecklenburg-Vorpommern und gehörte mit Südkreuz, Westkreuz und ähnlichen Gruppen zum rechtsextremen Hannibal-Netzwerk, das ab Herbst 2017 entdeckt wurde.

Bundesweit wurden dutzende Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder oder Kontaktpersonen der Gruppe eröffnet. Wegen Verstößen gegen das deutsche Waffenrecht erhielt der Gründer Marko Gross 2021 eine Haftstrafe auf Bewährung, das Mitglied Haik Jäger erhielt 2023 eine Geldstrafe.

Entdeckung Im Frühjahr 2017 stieß das Bundeskriminalamt (BKA) bei Ermittlungen gegen den terrorverdächtigen Bundeswehr-Oberleutnant Franco Albrecht auf Horst S., einen früheren Luftwaffenoffizier. Im Juni 2017 befragten das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und der Militärische Abschirmdienst (MAD) ihn, unter anderem zu seinen Buchbestellungen beim rechtsextremen Thule-Seminar.Martina Renner, Sebastian Wehrhahn: Schattenarmee oder Einzelfälle? Rechte Strukturen in den Sicherheitsbehörden. Cilip.de, 27. November 2019 Er bestritt jeden Kontakt zu Franco Albrecht und behauptete, er habe Bücher zur Waffen-SS nur aus Interesse an der Biografie seines Großvaters gekauft. Über die Kontaktdaten seines Handys fanden die Ermittler sechs Mecklenburger Prepper, die sich in ihrer Chatgruppe „Nordkreuz“ über einen erwarteten Staatskollaps austauschten und diesen zum Töten linker Gegner nutzen wollten.Jörg Köpke: Mecklenburg und die Eiserne Reserve. Wolfsburger Allgemeine Zeitung, 15. September 2017 (Archivlink) Im Juli 2017 sagte S. dem Staatsschutz, eine Gruppe „Nord“ ehemaliger Elitesoldaten bereite sich gezielt auf den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung an einem „Tag X“ vor. Mindestens einer davon habe aus „Hass auf Linke“ und Flüchtlinge Namen, Adressen und Fotografien von Zielpersonen gesammelt, die „weg“ müssten. Zwei seiner Bekannten hätten den Datenordner und einen gefüllten Waffenschrank gesehen.Josef Hufelschulte, Alexander-Georg Rackow: Die Verschwörung. Focus Online, 17. November 2018.

Am 28. August 2017 ließ der Generalbundesanwalt zwei der sechs Personen unter dem Verdacht festnehmen, sie hätten einen Terrorakt vorbereitet und Linke im Krisenfall erschießen wollen.Sebastian Erb et al.: Warten auf „Tag X“, in: Kleffner/Meisner (Hrsg.): Staatsgewalt, Freiburg 2023, S. 34–36 Die übrigen vier wurden als Zeugen vernommen. Am 4. September 2017 erfuhr der Innenausschuss des Bundestags von der Gruppe und ihrer Kommunikation.

Mitglieder Gründer und Leiter der Gruppe war Marko Gross aus Banzkow. Er war früher Fernspäher und Fallschirmspringer, später Beamter im Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern (LKA). Als Präzisionsschütze in dessen Spezialeinsatzkommando (SEK) hatte er etwa Geiselbefreiung trainiert.Christina Schmidt, Sebastian Erb: Auf der Feindesliste. taz, 6. Juli 2019 Schon bei der Bundeswehr war sein „Interesse für die jüngere Militärgeschichte“ der NS-Zeit aufgefallen. Während seiner Fortbildung zum gehobenen Polizeidienst brachte er Bücher über die Wehrmacht und die SS zur Arbeit mit und trug T-Shirts mit rechtsextremen Parolen. Mindestens zwei Meldungen dieses Verhaltens an Vorgesetzte im Jahr 2009 und ein alarmierender Vermerk an die LKA-Führung blieben folgenlos.„Nordkreuz“-Gruppe: SEK-Polizist fiel schon vor Jahren mit rechtsradikalen Ansichten auf. Der Spiegel, 7. August 2020

Ende 2015 trat Gross der Chatgruppe „Nord“ auf Telegram bei und gründete dort dann die weiteren verschlüsselten Chatgruppen „Nord Com“, „Nordkreuz“ und „Vier gewinnt“.Annelie Naumann: 55.000 Schuss gehortet: Im Gerichtssaal zwinkert der Ex-Polizist seinen Bekannten zu. Welt online, 20. November 2019 Als Nutzer „Hombre“ administrierte er sie, organisierte Mitgliedertreffen, sammelte Geld für deren Depots und verteilte Aufgaben. Im November 2016 schickte er einem Trainer auf einem Schießplatz in Güstrow ein Video von einem Nussknacker, der seinen rechten Arm nach oben bewegt und „Sieg Heil“ sagt. Im Januar 2017 sandte der Schießtrainer ihm Regeln zur „Reinhaltung der Deutschen Rasse“ von 1938.Christina Schmidt, Sebastian Erb, Natalie Meinert, Daniel Schulz: Rechte Prepper-Gruppe Nordkreuz: Die Spur nach Güstrow. taz, 4. April 2020 Zum „Führergeburtstag“ am 20. April 2017 sandte Gross ihm ein Bild Adolf Hitlers mit der Aufschrift „Happy Birthday“.Christian Althoff: Polizeimunition in falschen Händen. Westfalenblatt, 2. März 2020 Im Nordkreuz-Chat nannte Gross den damaligen Bundesaußenminister Heiko Maas „Abschaum“ und versandte Bilder von Soldaten, die mit ihren Waffen auf einen am Boden liegenden Menschen zielten; darunter stand „Asylantrag abgelehnt“.

Der im August 2017 festgenommene Haik Jäger aus Grabow war Kriminaloberkommissar in Ludwigslust und gehörte wie Gross zur Partei Alternative für Deutschland (AfD). Der mit ihm festgenommene Rechtsanwalt Jan Hendrik Hammer war nach Eigenaussage Kampfschwimmer bei der NVA gewesen. Bis 2015 war er FDP-Abgeordneter in Rostock, 2017 war er stellvertretender Vorsitzender der „Unabhängigen Bürger für Rostock“ (UFR).Alles, was wir über die mutmaßliche rechte Terrorzelle von Mecklenburg wissen. Vice, 29. August 2017 Ab 2016 veranstaltete Hammer an seinem Geburtstag mit seinen Gästen ein Wettschießen um einen Pokal, den er nach dem Rostocker Mehmet Turgut, dem erschossenen fünften von neun Opfern der NSU-Mordserie benannte. In der Einladung schrieb Hammer, der Pokal sei einem „südländischen Neubürger“ gewidmet, den „gar fiese Mörder hingerafft“ hätten. Der eingeladene Marko Gross gewann das Schießen und sandte Hammer eine Standard Operation Procedure des KSK, die er von Frank Thiel in Güstrow erhalten hatte. Hammer bedankte sich schriftlich und erwartete „weitere Schritte“. Gross antwortete: „Prima, dann geht es jetzt los in NORD.“ Damit begann die Aktivität der Gruppe.Dirk Laabs: Staatsfeinde in Uniform, Berlin 2021, S. 161f.

Horst S. aus Krakow am See war bis März 2017 Vizelandeschef des Reservistenverbandes von Mecklenburg-Vorpommern. Er besaß die Handydaten von rund 30 Nordkreuzmitgliedern. Die meisten kamen aus der Region zwischen Schwerin, Hagenow und Ludwigslust und trafen sich öfter beim Handwerksmeister Axel M. aus Crivitz. Fast alle gehörten zum Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr im Kreisverband des Fliegerhorsts Laage und/oder zur Polizei Mecklenburg-Vorpommern, einige früher zu deren SEK. Alle hatten somit Zugang zu Waffen, Munition und waren geübte Schützen.200 Leichensäcke und Ätzkalk bestellt: Rechtsextremes Netzwerk plante Attentate auf politische Gegner. Tagesspiegel, 28. Juni 2019 Nach Angaben von Gross bestand die Gruppe aus Bankern, Medizinern, Sportlern, Technikern, Ingenieuren, Polizisten und selbstständigen Handwerkern.Fabienne Hurst, Robert Bongen, Julian Feldmann: Rechtsterror-Ermittlungen: Gründer der „Prepper“-Gruppe ist Polizist. Panorama, 7. September 2017

Frank Thiel war der Inhaber des Güstrower Schießplatzes und der Firma Baltic Shooter. Er war mehrfacher deutscher Meister mit der Kurzwaffe und bildete Spezialkräfte aus Deutschland und dem Ausland aus. Seine jährlichen Special Forces Workshops wurden von den besten Berufsschützen der Sicherheitsbehörden besucht und von großen Rüstungsfirmen gefördert. Mitveranstalter war bis 2018 das LKA, bei dem Gross arbeitete. Er und sein rechtsextremer Chatpartner waren bei Thiel angestellt. So erhielt seine Firma genaue Einblicke in polizeiliche Interna. Er selbst gehörte bis 2017 zu Nordkreuz.

Mehrere Mitglieder hatten Kontakte zum völkisch-neuheidnischen Thule-Seminar.Christina Schmidt: Rechtes Prepper-Netzwerk besteht trotz Terrorermittlungen fort. Zeit, 2. Juli 2021

Der Wasserschutzpolizist Sven J. aus Rostock hatte zeitweise mit Gross rechtsextreme Chats ausgetauscht. Bei ihm fanden Ermittler im November 2019 illegale Patronen, Waffen und NS-Devotionalien. Die Staatsanwaltschaft Schwerin hielt seine Mitgliedschaft bei Nordkreuz für unzureichend belegt und übergab das Verfahren der Staatsanwaltschaft Rostock. Diese erfuhr erst 2020 von J.'s rechtsextremen Chats. Bis dahin war er neun Mal bei Polizeimissionen im Ausland eingesetzt worden, so 2018 bei der vierwöchigen Frontex-Mission „Poseidon“ gegen „illegale Migration“ und Schleuser auf der Insel Samos.Christina Schmidt, Sebastian Erb: Nazi-Chats und Auslandsmissionen. taz, 19. April 2020

Einen Lehrer mit möglichen Kontakten zu Nordkreuz suspendierte das Landesbildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern im Dezember 2020 vorsorglich vom Dienst.Lehrer wegen mutmaßlicher Nähe zu rechtsextremen Netzwerk „Nordkreuz“ suspendiert. Spiegel, 14. Dezember 2020

Ziele Laut dem Generalbundesanwalt bereiteten sich einige Gruppenmitglieder auf den Zusammenbruch der bundesdeutschen Gesellschafts- und Staatsordnung am „Tag X“ vor. Sie glaubten, die Flüchtlingspolitik werde private und öffentliche Haushalte verarmen lassen, Anschläge und sonstige Straftaten würden zunehmen. Sie sahen die befürchtete Krise als Chance, „Vertreter des politisch linken Spektrums festzusetzen und mit ihren Waffen zu töten“.

Laut Axel M. rechneten sie mit Klimakatastrophen, Stromausfällen, einer „Flüchtlingswelle“ von Muslimen und einem Banken-Crash. Ihr Ideengeber war der Österreicher Walter K. Eichelburg, ein Autor rechtsextremer Verschwörungstheorien. Dieser behauptet, Muslime würden einen baldigen Aufstand („Muselrevolte“) vorbereiten und dann die Städte erobern. Bürgerwehren müssten die „Rückeroberung“ vom Land aus beginnen. Dabei werde „Blut fließen ohne Ende“. Man müsse Muslime kreuzigen oder pfählen, ebenso einige „linksgrünversiffte“ Politiker und Bürokraten, damit alle sähen, wer die Feinde seien und „was mit ihnen passiert, wenn sie sich nicht freiwillig ergeben.“

Mittel Vorratsdepots und Bunker Für den erwarteten Staatszusammenbruch legte jedes Gruppenmitglied eine „eiserne Reserve“ aus Konserven, Notstromaggregaten, Waffen und Munition an. Manche bauten laut Axel M. Bunker unter ihren Häusern. Die Ermittler fanden bei mehreren Mitgliedern Depots mit Treibstoff, Nahrungsmitteln und Munition. Jeder zahlte dafür etwa 600 Euro in eine gemeinsame Kasse.Martin Kaul, Christina Schmidt, Daniel Schulz: Rechtes Netzwerk in der Bundeswehr: Hannibals Schattenarmee. taz, 16. November 2018

Waffen, Munition, Schießtrainings Alle Nordkreuzmitglieder besaßen als Jäger oder Sportschützen legal Waffen, fuhren gemeinsam zu Schießübungen nach Güstrow, zur Polizeischießbahn nach Plate oder zur Schießsportanlage des Bundeswehrreservistenverbands in Hagenow. Dort trafen sie regelmäßig Horst S., den ehemaligen Bundeswehrmajor. Vom Güstrower Schießstandbetreiber Frank Thiel erhielten sie weitere Waffen und Munition und nahmen an seinen Kursen teil. Ein Ausbilder am Fliegerhorst Laage ließ sie nach Dienstschluss am Flugsimulator den Eurofighter fliegen.

Im September 2017 fand die Polizei bei Marko Gross neben legalen auch illegale Waffen.Julian Feldmann: Wieder Waffenfund bei „Preppern“: Keine systematische Erfassung bei Behörden. NDR, 19. September 2017 Danach stellte man fest, dass spätestens seit April 2012 rund 10.000 Patronen aus dem LKA gestohlen und an Gross und die Gruppe Nordkreuz gelangt waren. Eine LKA-Sonderkommission und Polizeidienststellen anderer Bundesländer ermittelten monatelang abgeschottet dazu, um Behördenlecks auszuschließen. Am 12. Juni 2019 nahm die Staatsanwaltschaft Schwerin vier des Munitionsdiebstahls verdächtige SEK-Beamte fest und ließ ihre Wohnungen und Diensträume durchsuchen.Munition gestohlen: Vier Polizisten in Mecklenburg-Vorpommern festgenommen. RND, 12. Juni 2019