Obwohl das Lautenwerk von Johann Sebastian Bach mit sieben Werken für Laute solo, wobei nur BWV 995 und BWV 998 ausdrücklich der Laute zugewiesen sind, sehr überschaubar ist, nimmt es in der Welt der Lautenkompositionen und entsprechend in der des heutigen Gitarrenrepertoires einen wichtigen Platz ein. Als Ensembleinstrument findet die Laute im Werk Bachs ebenfalls Verwendung (z. B. BWV 198 und BWV 245).
Bachs Werk gilt als richtungsweisend in der Ausschöpfung der polyphonen Möglichkeiten auf der Laute. Als einer der Höhepunkte zählt hier die Fuge c-Moll aus der Partita BWV (Bach-Werke-Verzeichnis nach Wolfgang Schmieder) 997. Die absteigende Melodie mit dem ersten Kontrapunkt wird ab Takt 56 in der Bassstimme gegen eine chromatisch ansteigende Bassbewegung gesetzt, während die Mittelstimme in einer Sechzehntelbewegung den Satz harmonisch „füllt“.
Entstehung Die Entstehungszeit der Werke ist, wie teilweise auch die Echtheit der Autorschaften, nicht eindeutig zu klären. Eine wichtige Anregung für Bachs Lautenwerke mag seine Bekanntschaft mit dem damals im deutschen Sprachraum berühmtesten Lautenisten Silvius Leopold Weiss gewesen sein. Thomas Kohlhase geht in seiner Dissertation über Bachs LautenwerkeThomas Kohlhase: Johann Sebastian Bachs Kompositionen für Lauteninstrumente, Dissertation, Tübingen 1972 von einem Zeitraum der Entstehung der Werke von etwa 30 Jahren aus, der sich von Bachs Weimarer Zeit bis etwa 1740 erstreckt.
Bach hat seine Lautenkompositionen in einem Doppelsystem aus Diskant-, Tenor- oder Violin- und Bassschlüssel notiert; teilweise ist der Violinschlüssel hierbei oktavierend gemeint. Damit verwendete Bach in keiner seiner Kompositionen für Laute die bis zu seiner Zeit übliche Notation in Tabulatur. Ausnahme hiervon bilden einige Takte in BWV 998, die Bach aus Platzgründen in Orgeltabulatur notierte. Aus diesem Grund ist es jedoch schwierig, die Werkgruppe der sogenannten „Lautenwerke“ eindeutig einem bestimmten Instrument zuzuweisen.
Die für Laute gesicherten Kompositionen schrieb Bach für eine 13-chörige Laute (Barocklaute) oder Theorbe in der neufranzösischen Lautenstimmung (G-A-d-f-a-d′-f′).Edmund Wensiecki: Johann Sebastian Bach (1685–1750). Lautenmusik. Für die Gitarre neu bearbeitet und herausgegeben, mit einer kurzen Einführung in die Lautentabulatur. Musikverlag Friedrich Hofmeister, Hofheim am Taunus 1965; 8. Auflage ebenda 1977, S. 4 (Vorwort, Stuttgart, Dezember 1964).
Suiten Suite g-Moll BWV 995 mini|240px|Manuskript der Suite g-Moll
Sätze: Prélude (Präludium) ¢¢: steht für alla breve. g-Moll – Presto 3/8 g-Moll Allemande ¢ g-Moll Courante 6/4 g-Moll Sarabande 3/4 g-Moll Gavotte I ¢ g-Moll – Gavotte II en Rondeau ¢ g-Moll Gigue 3/8 g-Moll
Entstehung: Die Suite g-Moll BWV 995 ist eine für die 14-chörige Laute konzipierte VersionKonrad Ragossnig: Handbuch der Gitarre und Laute. Schott, Mainz 1978, ISBN 3-7957-2329-9, S. 46. der Suite Nr. 5 für Violoncello solo in c-Moll (BWV 1011, genannt auch „Suite discordable“) – genauer: Beide Fassungen gehen auf eine gemeinsame Urversion zurück, bei der allerdings nicht geklärt ist, ob sie für Laute oder Cello geschrieben war.
Fraglich ist die WidmungVgl. Pièces pour la Luth à Monsieur Schouster par J. S. Bach. (Innentitel: Suite pour la Luth par J. S. Bach). Notiert im Tenor- und Bassschlüssel. Königliche Bibliothek Brüssel, um 1720. an einen „Monsieur Schouster“, die Kohlhase in Verbindung mit dem Lautenisten Schuster bringt, der nachweislich zwischen 1741 und 1784 in Dresden gewirkt hat. Die zeitliche Verschiebung deckt sich demnach mit der Vermutung, dass die Widmung nachträglich hinzugefügt wurde. Schulze stellt eine Indizienkette auf – die zwar hypothetisch ist, aber nicht abwegig erscheint – nach der der Widmungsträger der Leipziger Verleger Jacob Schuster sei, für den Bach eine zur Veröffentlichung bestimmte Transkription anfertigte. Zeitlich würde sich diese Annahme mit der Kohlhases decken, Schulze geht von dem Entstehungsjahr 1730 aus.
Musik: Die Suite beginnt mit einer französischen Ouvertüre aus einer Einleitung in punktierten Rhythmen und einem Fugato – der typische Einleitungssatz für eine barocke Orchestersuite.
Suite e-Moll BWV 996 Sätze: Praeludio ¢ e-Moll – Passaggio-Presto 3/8 e-Moll Allemande ¢ e-Moll Courante 3/2 e-Moll Sarabande 3/2 e-Moll Bourrée ¢ e-Moll Gigue 12/8 e-Moll
Entstehung: Kohlhase setzt die wohl in Weimar komponierte Suite e-Moll BWV 996 als älteste voraus und datiert sie auf vor 1717: Ein terminus post quem ergibt sich aus einem Stilvergleich mit frühen Bachschen Klavier- und Orgelstücken. Nach RagossnigKonrad Ragossnig: Handbuch der Gitarre und Laute. 1978, S. 47. sind zwei Abschriften erhalten: Eine von Johann Gottfried Walther um 1715 angefertigte handschriftliche Übertragung im Doppelsystem (Sopran- und Bassschlüssel) und eine nicht zuzuordnende Abschrift aus einem Sammelband, der heute im Besitz der Bibliothèque royale de Belgique in Brüssel ist.Vgl. darüber hinaus Praeludio con la Suite da Gio. Bast. Bach aufs Lauten Werk. (Kopie aus dem Sammelband des Bachschülers Johann Ludwig Krebs im Doppelsystem, Staatsbibliothek Berlin).
Musik: Diese Suite wird in der Literatur, beruhend auf einer umstrittenen Nummerierung der Lautensuiten durch Hans Dagobert Bruger„Raus aus dem Ghetto ...“ Peter Päffgen sprach mit Eliot Fisk. In: Gitarre & Laute. Band 10, Nr. 2, 1988, S. 31–35; hier: S. 35. (1894–1932), oft als „Lautensuite Nr. 1“ bezeichnet. Nach dem einleitenden Präludium erfolgt mit dem etwa einminütigen Presto ein erster polyphoner Höhepunkt der Suite. Im Ablauf von Allemande, Courante und Sarabande wird das Tempo immer mehr herausgenommen, bis es in der Bourrée wieder etwas lebhafter zugeht. Dieser Satz wurde mehrfach von Rockmusikern adaptiert. Die abschließende Gigue ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich die polyphone Kompositionskunst Bachs auch auf die Laute erstreckt, obgleich Zweifel daran bestehen, dass die Komposition eindeutig der (13-chörigen) Laute, und nicht etwa einem (etwa von Bachs Schüler Johann Ludwig Krebs) auch „Lautenwerk“ genanntenFrederick Noad: The Baroque Guitar (= The Frederick Noad Guitar Anthology. Band 2). Ariel Publications, New York 1974; Neudruck (mit CD): Amsco Publications, New York / Sydney, ISBN 978-0-8256-1811-6, S. 37 (Bourrée). Lautenklavier, zuzuweisen ist.Thomas Schmitt (1986), S. 27.
Suite c-Moll BWV 997 Sätze: Prélude c c-Moll Fuga 6/8 c-Moll Sarabande 3/4 c-Moll Gigue 6/8 c-Moll – Double 6/8 c-Moll
Entstehung: Als eines der späteren Werke Bachs wird die Suite c-Moll BWV 997 vermutet. Ein Autograph von Bach ist nicht erhalten, als mutmaßliche Entstehungszeit gilt die Zeit zwischen 1738 und 1741, in der eine Niederschrift von Johann Friedrich Agricola in Leipzig entstanden ist.
In einigen frühen Abschriften fehlen der zweite und der fünfte Satz der Suite, die Fuge und das der Gigue angeschlossene Double. Diese sind aber heute eindeutig als Bachsche Schöpfung anerkannt. Die Frage nach der Besetzung der Suite ist ungleich schwerer und bis heute nicht eindeutig zu klären.
Bis auf eine TabulaturbearbeitungVgl. Partita al Liuto. Composta dal Sigre Bach. (1761). Nur die Sätze Präludium, Sarabande und Gigue der Suite in französischer Lautentabulatur. Stadtbibliothek Leipzig. sind alle überlieferten Abschriften in Klavierpartitur geschrieben, die aber aufgrund der Stimmführung auch keine Eindeutigkeit zugunsten des Klaviers rechtfertigen. Auffällig ist in der durchweg dreistimmigenJürgen Braubach: Die Sprache der Figuren. Zur Hermeneutik der Bach’schen Lautenfuge am Beispiel der Fuga c-moll BWV 997. In: Gitarre & Laute. Band 8, Nr. 2, 1986, S. 51–56. Fuge die ungewöhnliche Führung der Mittelstimmen. Kohlhase schließt: „Bei ihrer vorwiegend linearen und schrittweisen Bewegung erscheinen Sept-, Dezim-, Undezim- und Duodezimsprünge klanglich störend und satztechnisch mangelhaft. Spätestens hier wird klar, dass die Notierung des oberen Systems nicht wörtlich gemeint sein kann. Wenn man den Violinenschlüssel nämlich als oktavierten Violinschlüssel liest, wird der Satz stimmig und ausgeglichen.“
Aus einem Dezim- wird folglich ein Terzanschluss, aus dem Sept- ein Sekundanschluss usw. Beide denkbaren Fassungen sprechen jedoch aufgrund der Spielbarkeit gegen das Klavier. Die oktavierte Fassung lässt die Suite für (13-chörige) Laute spielbar und satztechnisch ausgeglichen erscheinen. Sowohl die zeitgenössischen Tabulaturbearbeitungen als auch die heutigen Ausgaben richten sich nach dieser Lesart, es herrscht allerdings immer noch Unklarheit über die Gründe dieser eigenwilligen Notation. Geht man jedoch von der Tatsache aus, dass das heutige Notationssystem der Gitarre ebenfalls einen oktavierten Violinschlüssel voraussetzt, könnte man Bach unterstellen, dass er sich dieses System selber entwickelt hat und trotz Klavierpartitur dem Lautenisten im Violinschlüssel ein neues System präsentiert.
Gänzlich Verwirrung verursacht jedoch die Tatsache, dass das Double offensichtlich nicht diesem Prinzip untersteht. Kohlhase ist sich der Widersprüche und Ungereimtheiten bewusst und geht hypothetisch davon aus, dass es sich bei der Suite c-Moll um eine Suite für ein Lautenclavier gehandelt haben könnte. Da die Entwicklung des Lautenclaviers genau in die Entstehungszeit der Lautensuite fällt, wäre es möglich, dass die Suite als Lautensuite mit vier Sätzen konzipiert war, zu denen dann ein fünfter Satz trat, sozusagen ad libitum, falls das Stück auf dem Lautenclavier ausgeführt würde.
Musik: Ungewöhnlich ist der zweite Satz, da es sich hier um eine für Bach seltene Da-capo-Fuge handelt.
Suite E-Dur BWV 1006a Sätze: Prélude 3/4 E-Dur Loure 6/4 E-Dur Gavotte en Rondeau ¢ E-Dur Menuett I 3/4 E-Dur – Menuett II 3/4 E-Dur Bourrée 2 E-Dur Gigue 6/8 E-Dur
Entstehung: Auch die Suite E-Dur BWV 1006a ist eine Bearbeitung einer früheren Solosuite, der 3. Violinpartita E-Dur BWV 1006, die um 1720 entstand. Die Transkription erschien als Autograph um 1737 jedoch ohne Angabe eines Instrumentes, weshalb lange Zeit Uneinigkeit über die Besetzung herrschte. Der Tonumfang (A bis e’’) entspricht eher dem der Laute („das Cembalo reichte zu Bachs Zeit nur bis C hinab“Edmund Wensiecki: Johann Sebastian Bach (1685–1759). Lautenmusik. S. 71.), auch wenn die damals übliche Stimmung das Werk für eine übliche 13-chörige Laute sehr unbequem erscheinen lässt, wobei Bach auch ein 14-chöriges InstrumentThomas Schmitt (1986), S. 26 f.Konrad Ragossnig: Handbuch der Gitarre und Laute. Schott, Mainz 1978, ISBN 3-7957-2329-9, S. 45–50; hier: S. 46–49. zur Verfügung gestanden haben könnte. Philipp Spitta lässt in einem Brief an den damaligen Besitzer des Autographs keinen Zweifel daran, dass er das Werk für Clavier (also Tasteninstrument wie Cembalo oder Clavichord) eingerichtet sieht. Da Bach aber für einige seiner Suiten Scordaturen voraussetzt, ist dies auch für die E-Dur Suite denkbar. Kohlhase geht aufgrund der untypischen Charakteristika in Sachen Tonumfang, Satz und Figurenwerk von einer eindeutigen Hinweisung auf ein Zupfinstrument aus, das er als Laute bestimmt. Die Bearbeitung wird zwischen 1735 und 1740 datiert. Obwohl sie keine Widmung trägt, ist anzunehmen, dass sie für einen der beiden berühmten Lautenisten Silvius Leopold Weiss oder Johann Kropffgans transkribiert wurde, die beide nachweislich 1739 in Bachs Haus musiziert haben.
Präludien und Fugen Präludium, Fuge und Allegro Es-Dur BWV 998 Sätze: Prélude 12/8 Es-Dur Fuga c Es-Dur Allegro 3/8 Es-Dur
Entstehung: