Domenico Morosini († Februar 1156 in Venedig) regierte von 1148 bis 1156 Venedig. Nach der historiographischen Tradition, wie die staatlich gesteuerte Geschichtsschreibung der Republik Venedig genannt wird, war Morosini ihr 37. Doge.

Gleich zu Beginn seiner Herrschaft besiegte die verbündete venezianisch-byzantinische Flotte die Normannen Süditaliens. Mit König Wilhelm I. von Sizilien, mit dessen Normannenreich man seit langem im Krieg stand, kam es zu einem Friedensschluss, der die Herrschaft Venedigs in der oberen Adria sicherte, auch wenn es auf Istrien Widerstand dagegen gab. Venedigs Einfluss in der Adria erstreckte sich nun ungehindert bis in die Marken und nach Dalmatien, wo es jedoch zum Konflikt mit Ungarn kam. Dort gelang die Unterstellung der venezianischen Kirche Dalmatiens unter den Patriarchen von Grado. Ein Vertrag mit dem römisch-deutschen König Friedrich Barbarossa erkannte Venedigs überkommene Handelsprivilegien an, was die Mittlerstellung als Handelsdrehschreibe zwischen dem östlichen Mittelmeerraum und dem lateinischen Westen stabilisierte.

Die Macht des Dogen innerhalb der Republik Venedig wurde durch eine neue Eidesleistung eingeschränkt, zugleich wurden ihm einflussreiche Berater beigegeben. Darüber hinaus wurde die Erblichkeit des Dogenamtes, die schon seit langem verboten war, endgültig unterbunden. Das Bündnis mit Byzanz, nach Auffassung eines Teils der führenden Köpfe ein Bündnis mit Schismatikern, führte zu heftigen internen Konflikten. Der Papst verhängte das Interdikt über Venedig. 1150 gelang durch ein Eheprojekt ein Ausgleich zwischen den streitenden Familien, die Venedig dominierten.

Familie, Herkunft, Aufstieg Die Morosini sind seit dem 10. Jahrhundert in Venedig nachgewiesen, sie gehören zu den zwölf noblen Häusern Venedigs und damit zu den ältesten und vornehmsten Mitgliedern des Großen Rats der Republik Venedig (siehe: Patriziat von Venedig). Aus der Familie sind neben mehreren Feldherren und Flottenführern zwei Kardinäle, ein Patriarch und insgesamt vier Dogen hervorgegangen: Nach Domenico waren dies die Dogen Marino Morosini (1249–1253) und Michele Morosini, der nur vier Monate nach seiner Wahl im Jahre 1382 an der Pest starb, sowie der wegen seiner militärischen Verdienste mit dem Ehrentitel Il Peloponnesiacus ausgezeichnete Francesco Morosini (1688–1694).

Über die Zeit vor Domenicos Wahl ist wenig bekannt. 1124 hielt er sich in Tyros auf, 1147 reiste er mit einem weiteren Gesandten nach Konstantinopel.Irmgard Fees: Die Unterschriften der Dogen von Venedig im 12. und 13. Jahrhundert, in: Christian Lackner, Claudia Feller (Hrsg.): Manu propria. Vom eigenhändigen Schreiben der Mächtigen, Böhlau, 2016, S. 149–169, hier: S. 157.

Als Sohn des Pietro oder, wie andere behaupten, des Francesco Morosini, gehörte Domenico einem Zweig (ramo) der Morosini-Familie an, die im Wappen ein blaues Band auf goldfarbenem Grund führte. Sein Geburtsdatum ist nicht überliefert. Von der Familie seiner Ehefrau Sofia, die im selben Grab beigesetzt wurde, ist nichts bekannt. Ihr Name erscheint nur in einer Inschrift auf diesem gemeinsamen Grab, ansonsten ist über sie nichts überliefert. Ihr gemeinsamer Sohn Domenico wurde später, nämlich 1170 bis 1171, als Schiffsführer gegen Zara ausgesandt. 1172 erscheint er unter den elf Wählern des Dogen Sebastiano Ziani, somit des Nachfolgers seines Vaters im höchsten Amt. Neben Domenico und Marino hatte der Doge wahrscheinlich drei weitere Söhne namens Giovanni, Marco und Roberto (vielleicht noch einen Morosino, doch handelt es sich in diesem Fall wohl um eine Verwechslung mit Domenico). Auch hatten Sofia und Domenico eine Tochter, die in zweiter Ehe den Dogen Pietro Polani heiratete.

In den Quellen erscheint Domenico Morosini zum ersten Mal 1124, wie die Inschrift auf seinem Grab ausweist, nämlich als „primus expugnator“ der Stadt Tyros.Emmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 1, Giuseppe Orlandelli, 1824, S. 240 f. Die Eroberung dieser Stadt erfolgte am Ende eines Flottenunternehmens, das der Doge Domenico Michiel ins Heilige Land geführt hatte. Diese Flotte, auf Bitten Balduins II. von Jerusalem aufgelegt, war am 8. August 1122 von Venedig aufgebrochen. Weil Byzanz 1119 die Erneuerung des umfassenden Handelsprivilegs von 1082 verweigert hatte, griff die Flotte unterwegs das byzantinische Korfu an, musste jedoch unverrichteter Dinge die Belagerung des Hauptortes abbrechen und im Frühjahr 1123 weiter in die Levante fahren, wo sie Ende Mai ankam. Nach mehreren Siegen begann am 15. Februar 1124 die besagte Belagerung von Tyros, das am 7. Juli kapitulierte. Auf der Rückfahrt wurde das byzantinische Rhodos geplündert. Von der Basis auf Chios attackierten die Venezianer Samos, Lesbos und Andros. Im August 1126 sah sich Kaiser Johannes II. Komnenos gezwungen, Venedigs Privilegien anzuerkennen. mini|links|Roger II., normannischer König Süditaliens (1130–1154); Abbildung aus dem Liber ad honorem Augusti des Petrus de Ebulo, 1196 mini|Teil des Antwortschreibens des byzantinischen Kaisers Manuel Komnenos an Papst Eugen III. zur Kreuzzugsfrage vom August 1146. Das 1144 verlorengegangene Edessa, das von Truppen des französischen Königs Ludwig VII. zurückerobert werden sollte, gab den Anlass zu diesem Schriftwechsel. Manuel erklärt darin seine Bereitschaft die französische Armee zu empfangen und zu unterstützen, doch beklagt er zugleich, er habe den Brief von einem Gesandten des französischen Königs und nicht unmittelbar vom Papst erhalten. Der aus einer Pergamentrolle aus neun Einzelpergamenten bestehende, vom Kaiser abgefasste Brief befindet sich im Vatikanischen Geheimarchiv, ASV, A.A. Arm. I‑XVIII, 404. Die Rolle ist 440 cm lang und 38 cm breit. Der Ausschnitt zeigt den Übergang vom griechischen (49 Zeilen) zum lateinischen (13 Zeilen) Teil des Schreibens, dazwischen die eigenhändige Beglaubigung des Kaisers in Zinnoberrot, bestehend aus der Angabe des Monats und der Indiktion.Brief Kaiser Manuel Komnenus’ I. an Papst Eugen III. in Hinsicht auf den Kreuzzug, Vatikanisches Geheimarchiv, archive.org, 22. August 2013. Im September 1147 hielt sich Domenico Morosini als Gesandter des Dogen Pietro Polani, zusammen mit Andrea Zeno, in Konstantinopel auf. Die beiden Männer sollten die Bedingungen für eine Militärallianz gegen die Normannen Süditaliens aushandeln, die den Durchzug des Zweiten Kreuzzuges zu ihrem Vorteil ausgenutzt und Korfu in einem Überraschungsangriff eingenommen hatten. Der seit 1143 als Nachfolger Johannes’ II. herrschende Kaiser Manuel I. Komnenos hatte Gesandte nach Venedig geschickt, die dort um Hilfe ersuchten. Im Oktober 1147 schlossen die beiden Venezianer mit dem Kaiser einen Vertrag, der Abgabenfreiheit auch auf Kreta und Zypern (durch ein Chrysobull, durch das die lateinische Fassung überliefert ist) im Austausch gegen Flottenhilfe vorsah. Im März 1148 gestattete der Kaiser darüber hinaus eine Ausdehnung des venezianischen Händlerquartiers in der Hauptstadt. Die venezianische Flotte war im Winter 1147 auf 1148 aufgelegt worden und sollte unter Führung des Dogen Polani aufbrechen. Doch dieser erkrankte in Caorle, so dass er das Kommando seinem Bruder Giovanni und seinem Sohn Naimerio überlassen musste. Nach Venedig zurückgekehrt, starb der Doge, während die Flotte noch unterwegs war.

Dogenamt Domenico Morosini wurde daraufhin zum Dogen gewählt, musste sich aber sogleich dem Kampf gegen die Normannen widmen. Zwar hatte im Frühjahr 1148 sein Vorgänger persönlich das Kommando über die Flotte übernommen, er erkrankte jedoch schwer. Das Kommando hatten daraufhin Domenico und Naimerio Polani, Bruder und Sohn des Dogen, erhalten. Der Doge starb während der laufenden Flottenexpedition zwischen Februar und Juli 1148. Der Widerstand gegen die Venezianer dauerte auf Korfu noch bis zum Sommer 1149 an, als sich die normannische Garnison ergab. Die verbündete venezianisch-byzantinische Flotte gewann vor Kap Malea zudem eine Seeschlacht gegen die Normannen, die König Roger II. ausgesandt hatte, um die griechischen Küsten zu verwüsten. Erst in einem Friedensschluss zwischen der Republik und Wilhelm I. von Sizilien, dem Nachfolger des Ende Februar 1154 gestorben Roger, wurde Venedigs Vorherrschaft in der Adria nördlich von Ragusa gesichert.

Gegen Ende des Krieges rebellierte allerdings die istrische Stadt Pola gemeinsam mit anderen Städten auf der Halbinsel. Morosini schickte eine Flotte von 50 Schiffen unter dem Kommando seines Sohnes Domenico und des Marco Gradenigo. Sie erzwangen die Auflösung des dortigen Städtebundes, so dass sich noch im selben Jahr 1150 Pola, Parenzo, Rovigno, Cittanova und Umago zur Leistung eines Treueids veranlasst sahen. Deren Vertreter unterschrieben am 2. April einen von 17 Personen beeideten Vertrag, den danach auch der Bischof von Pola abzeichnete.

Innenpolitisch gelang es Domenico Morosini, die Spannungen, die sich unter seinem Vorgänger Pietro Polani zwischen den Polani, dem Patriarchen Enrico Dandolo und den Badoer aufgebaut hatten, zu entschärfen und das aufgeheizte Klima zwischen den Parteien zu beruhigen. Die Auseinandersetzungen hatten sich an der Frage entzündet, ob Venedig dem Kaiser von Byzanz Hilfe leisten sollte. Enrico Dandolo, der Patriarch von Grado, und die Badoer hatten dagegen opponiert, Schismatiker zu unterstützen (dieses Schisma bestand bereits seit 1054). Der seinerzeitige Doge Polani ließ seine Gegner ins Exil schicken und die Häuser der Dandolo in der Gemeinde S. Luca abreißen. Dies veranlasste Papst Eugen III. dazu, gegen Venedig das Interdikt zu verhängen. Domenico Morosini gelang es um 1150 zu einem Ausgleich zu gelangen. Dazu sollte eine Tochter des Raniero Polani, Sohn des Dogen Pietro Polani, einen Andrea Dandolo heiraten, Neffe des Patriarchen. Der Patriarch Enrico Dandolo kehrte daraufhin mit allen Verbannten zurück, und die Abmachung fand auch die Zustimmung Papst Eugens.

1152 griff Venedig militärisch gegen Ancona ein, denn diese Stadt hatte sich nach venezianischer Auffassung der Piraterie schuldig gemacht. Unter einem anderen Sohn des Dogen, Marino Morosini, fuhr eine Flotte Richtung Marken. Noch im selben Jahr wurde ein Freundschaftsvertrag geschlossen, der es den Händlern Anconas gestattete, frei in Venedig tätig zu sein; Venedig seinerseits wollte alle Bürger dieser Stadt behandeln, als wären sie Bewohner ‚einer der besten Gemeinden Venedigs‘.

Um die Kontrolle in Dalmatien zu intensivieren, ließ der Doge seinen Sohn Domenico zum Conte (Grafen) von Zara erheben. Doch unterstellten sich Spalato, Traù und Sebenico dem König von Ungarn. Um zu verhindern, dass die Städte einem anderen Erzbistum unterstellt würden, übergab Papst Anastasius IV. 1154 das Pallium dem Bischof von Zara Lampredius (1141 bzw. 1154–1178) und erhob die Stadt zum Sitz des Metropoliten von Dalmatien. 1157 bestätigte dies Papst Hadrian IV. und hielt darüber hinaus fest, dass ganz Dalmatien zur Obödienz des Patriarchen von Grado gehören sollte. mini|Karte der Inseln Venedigs im 11./12. Jahrhundert Des Weiteren schloss der Doge einen Vertrag mit einem der Kreuzfahrerstaaten, dem Fürsten von Antiochia, der Handelserleichterungen vorsah. Auch König Friedrich Barbarossa erkannte im Dezember 1154 gegenüber den Unterhändlern Venedigs – dem Dogensohn Domenico, Vitale Faliero und Giovanni Bonaldo – die Privilegien Venedigs an.

Anscheinend wurde unter Domenico Morosini die sogenannte Promissione ducale eingeführt, eine beeidete Reihe von Pflichten und Machtbeschränkungen, die später auch schriftlich festgehalten wurde, und die im Laufe der folgenden Jahrhunderte erheblich an Umfang zunahm. Dies gilt nach der 1143 erfolgten Einsetzung von beratenden Sapientes und des Verbots der Erblichkeit als ein weiterer Schritt, die Macht des Dogen einzuschränken und die Bildung einer Dynastie zu verhindern.