mini|alt=|Drostes Arbeitsmanuskript von Am Thurme (links; rechts Die beste Politik) Am Turme (Originalschreibweise Am Thurme) ist ein im Jahr 1842 erstmals erschienenes Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff. Darin bringt das lyrische Ich den drängenden Wunsch zum Ausdruck, die ihm gesetzten Grenzen zu überwinden und kraftvoll handelnd in die Welt einzugreifen. Gleichzeitig erkennt es jedoch, dass dies unmöglich ist. Der Text wurde zunächst als Erlebnisgedicht gedeutet, das einzelne Handlungsschritte in zeitlicher Abfolge schildert. In jüngerer Zeit wird die „Erlebnisfiktion“ im Gedicht betont. Demnach werden die beschriebenen Beobachtungen ausschließlich in der Vorstellung der Sprecherin lebendig und die eigentliche Sprechsituation setzt erst mit dem Lösen des geflochtenen Haares am Textende ein. Neben einer biografischen Lesart wurde das Gedicht auch feministisch interpretiert. Die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger etwa nannte es im Jahr 1994 „das erste und vielleicht das beste feministische Gedicht in deutscher Sprache“. Am Turme zählt zu Drostes bekanntesten lyrischen Texten und zum Kanon deutscher Gedichte.
Hintergrund Entstehung mini|hochkant|Eingang zur Meersburg mit Kapellenturm (2016) Das Gedicht entstand während des ersten Aufenthaltes Annette von Droste-Hülshoffs auf der Burg Meersburg am Bodensee, wo die Schriftstellerin vom 30. September 1841 bis zum 29. Juli 1842 ihre ältere Schwester Jenny besuchte. Diese war mit Joseph von Laßberg verheiratet und bewohnte die Burg mit ihrer Familie seit 1838. In den Jahren zuvor war der Schriftsteller Levin Schücking zu einem engen Vertrauten Drostes geworden, die ihn im Rüschhaus regelmäßig empfing. Das geschah in der Regel unter Aufsicht ihrer Mutter Therese, was einen längeren ungestörten Austausch der beiden erschwerte. Für den Besuch am Bodensee hatten die Schwestern organisiert, dass Schücking gleichzeitig mit Droste auf der Meersburg sein konnte, und hielten den Plan vor der Mutter geheim. Die Schriftstellerin bewohnte ein rundes Turmzimmer im nordöstlich gelegenen Kapellenturm. Während ihres Aufenthalts auf der Meersburg war Droste von alltäglichen Pflichten befreit und verbrachte viel Zeit mit Schücking, der inspirierend auf sie wirkte. Dadurch wurden die Monate auf der Meersburg zu einer außerordentlich produktiven Schaffensphase. Insgesamt schrieb die Schriftstellerin dort rund 60 Gedichte, die einen Grundstock für ihre 1844 erschienene, zweite Gedichtsammlung bildeten, neben Am Turme auch Die Taxuswand, Der Knabe im Moor und Die Mergelgrube.
Veröffentlichung mini|hochkant|alt=|Erstveröffentlichung unter dem Titel Am Thurm im Morgenblatt für gebildete Leser vom 25. August 1842 Auf dem Arbeitsmanuskript aus dem Meersburger Nachlass (Abb. oben) steht Am Thurme links neben dem Gedicht Die beste Politik; umseitig notiert sind Die Taxuswand und Guten Willens Ungeschick. Der Text muss bis Anfang Februar 1842 entstanden sein: Zu dieser Zeit sandte Schücking ihn mit neun weiteren Gedichten zur Veröffentlichung an das Morgenblatt für gebildete Leser, das bereits am 16. Februar Der Knabe im Moor abdruckte. Am 25. August 1842 erschien Am Turme, drei Monate vorher war dort bereits die Novelle Die Judenbuche veröffentlicht worden. Die Möglichkeit, die Texte in absehbarer Zeit zu publizieren, ging auf die engen Kontakte Schückings zum Cotta-Verlag zurück und wirkte sich förderlich auf die literarische Produktion aus.
Das Morgenblatt hat dieser Ausgabe ein Motto aus dem Drama Heinrich VI. von William Shakespeare vorangestellt, das in einem thematischen Bezug zu Am Turme steht. Mit den Worten “My courage try, / And thou shalt find, that I exceed my sex” („Prüfe meinen Mut, / Und du wirst sehen, dass ich mein Geschlecht übertreffe.“) fordert Jeanne d’Arc den Dauphin Charles auf, sie in den Kampf gegen die englische Besatzung einzubeziehen.Jennifer Janet Jermann (Hrsg.): William Shakespeare: King Henry VI, Part I. Englisch-Deutsche Studienausgabe. Deutsche Prosafassung, Anmerkungen, Einleitung und Kommentar. Stauffenburg, Tübingen 2003, Erster Akt, 2. Szene, Zeile 89 f.: “My courage try by combat, if thou dar’st, and thou shall find that I exceed my sex.” (Prüfe meinen Mut im Kampf, wenn du dies wagst, und du wirst sehen, dass ich mein Geschlecht übertreffe.)
Wie sich später zeigte, stieß die Gedichtveröffentlichung im Morgenblatt auf große Resonanz: Im Dezember 1843 erfragte die Redaktion von Droste weitere Beiträge. Eine entsprechende Bitte zitierte die Schriftstellerin in einem Brief: „Die Erzählung ›die Judenbuche‹ hat in ihrer Eigenthümlichkeit auf die Besten unserer Leser den größten Eindruck gemacht, und die Gedichte ›der Knabe im Moor, die Taxuswand, Am Thurme, u.s.w.‹ werden von den Kennern und Freunden der Poesie sehr hoch gestellt.“
Für die große Gedichtausgabe von 1844 nahm Droste den Text in die Gruppe Fels, Wald und See auf. Dort ist er das dritte von insgesamt zehn Gedichten, die von 1832/1833 (Fragment) bis 1843/1844 (Das öde Haus) entstanden sind und einen Bezug zur Bodensee-Region aufweisen. Diese Gedichte sind hinsichtlich ihrer Strophenformen und Reimschemata sowie ihrer Motive vielgestaltig. Am Thurme verfügt über ein lyrisches Ich – wie Das öde Haus und Am Bodensee – und schildert „eine Seelenlandschaft von einem hohen Überblickspunkt aus“ – wie Die Schenke am See. Von einer Epochenzuordnung des Drosteschen Œuvres, welches früher vielfach dem Biedermeier oder der Spätromantik zugerechnet worden war, ist man mittlerweile abgekommen.
Text Am TurmeDer Text wird hier in modernisierter Rechtschreibung wiedergegeben, vgl. Die ursprüngliche Rechtschreibung und Zeichensetzung geht aus der nebenstehenden Fotografie des Morgenblatts und, leicht verändert, aus dem Gedichtband von 1879 hervor (vgl. Wikisource).
Ich steh’ auf hohem Balkone am Turm, Umstrichen vom schreienden Stare, Und laß’ gleich einer MänadeMänaden sind Frauen im Gefolge des Dionysos, die in einen begeisterten Rausch verfallen können. den Sturm Mir wühlen im flatternden Haare; O wilder Geselle, o toller Fant,Unreifer, leichtfertiger Bursche. Ich möchte dich kräftig umschlingen, Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand Auf Tod und Leben dann ringen!
Und drunten seh’ ich am Strand, so frisch Wie spielende Doggen, die Wellen Sich tummeln rings mit GeklaffNach der älteren Form klaffen für kläffen, Gekläffe. und Gezisch, Und glänzende Flocken schnellen. O, springen möcht’ ich hinein alsbald, Recht in die tobende Meute, Und jagen durch den korallenen Wald Das Walroß, die lustige Beute!
Und drüben seh’ ich ein WimpelWimpel sind schmale Flaggen am größten Mast, ein Erkennungszeichen von Kriegsschiffen. wehn So keck wie eine Standarte, Seh auf und nieder den Kiel sich drehn Von meiner luftigen Warte; O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff, Das Steuerruder ergreifen, Und zischend über das brandende Riff Wie eine Seemöwe streifen.
Wär ich ein Jäger auf freier Flur, Ein Stück nur von einem Soldaten, Wär ich ein Mann doch mindestens nur, So würde der Himmel mir raten; Nun muß ich sitzen so fein und klar, Gleich einem artigen Kinde, Und darf nur heimlich lösen mein Haar, Und lassen es flattern im Winde!
Anmerkungen
Form Das Gedicht besteht aus 4 Strophen mit jeweils 8 Versen. Diese weisen im regelmäßigen Wechsel vier Hebungen mit einer männlichen Kadenz und drei Hebungen mit einer weiblichen Kadenz auf und bilden durchgehend einen Kreuzreim. Alle Verse beginnen mit einem Auftakt, an den überwiegend im Daktylus angeschlossen wird. Jede Strophe gliedert sich in zwei Hälften, die jeweils eine Satz- und Sinneinheit bilden und in Beziehung zu anderen Strophen stehen: „In den Mittelstrophen beschreibt der erste Satz Wahrgenommenes, der zweite Erwünschtes. […] In der ersten folgt auf die Darstellung der wirklichen die der ersehnten Situation; in der letzten Strophe ist es umgekehrt.“ Was als „wirklich“ anzusehen ist, ist Gegenstand der Interpretation. Räumlich ist die erste Strophe oben „auf hohem Balkone“ verortet, die zweite „drunten“ (in der Nähe), die dritte „drüben“ (in der Ferne), was den „Wunsch nach immer weiter ausgreifender Aktivität“ unterstützt.
Inhaltlich lassen sich vier „Aussagefelder“ erkennen: Anfangs steht das Ich auf dem Balkon und sein Ringen mit dem Sturm im Mittelpunkt, danach der Gedanke, ins Meer einzutauchen und zu jagen, dann wünscht sich das Ich an das Steuerruder eines Schiffs, bevor schließlich die Sehnsucht betont wird, dies in anderen Rollen zu erleben, und die Erkenntnis folgt, dass das nicht möglich ist. Die im Verborgenen gelösten Haare bilden einen Rahmen zu den „flatternden Haaren“ vom Anfang. Verbunden werden die Strophen durch häufige Wiederholungen der Versanfänge – allein neun Verse beginnen mit einem „Und“ –, die für eine schnelle Abfolge der Eindrücke sorgen und ihre Fülle unterstreichen. Am Schluss verweist der „Jäger“ (V. 25) zurück auf die zweite und der „Soldat[]“ (V. 26) auf die dritte Strophe.
Die Dynamik des Textes entsteht auch durch die Verwendung zahlreicher Verben der Bewegung, die häufig im Infinitiv stehen, etwa „springen“, „jagen“, „streifen“. Hinzu kommen als Attribute einige Präsenspartizipien, die ihre Bezugswörter ebenfalls in Bewegung versetzen, etwa „spielende Doggen“, „tobende Meute“, „brandende[s] Riff“. Dem Verb kommt eine „beherrschende Stilfunktion“ zu, allerdings wird die Bewegung vom lyrischen Ich „nicht vollzogen, sondern aus der Distanz des Beobachters wahrgenommen oder im Modus des Wunsches imaginiert“. „Meute“ und „Beute“ lassen sich dem Wortfeld „Jagd“ zuordnen, „Standarte“ und „Soldaten“ dem Bereich „Krieg“. Dabei steht die „tobende Meute“ der Doggen als Bild für die bewegten Wellen. Zählt man „gleich einer Mänade“ und „gleich einem artigen Kinde“ hinzu, treten Vergleiche in jeder Strophe auf. Sie verstärken die Bildhaftigkeit des Textes. Dabei ist die Jagd auf das Walross „durch den korallenen Wald“ ein „naturwidriges Bild […]; denn einen Korallenwald gibt es nur im warmen südlichen, das Walroß dagegen nur im nördlichen Meer“, was das „Unmögliche des Begehrens“ unterstreicht.
Die Begrenzung des lyrischen Ichs und seine Desillusion wird am Gedichtschluss auf verschiedene Weise verdeutlicht: Aus der „Mänade“, einer begeisterten, im Rausch befindlichen Frau, wird ein „artige[s] Kinde“; aus dem „möcht’ ich“ wird ein „muß ich“ und „darf nur“ und aus dem „Sturm“ ein „Winde“. Diese letzte Zurücknahme wird grammatisch verstärkt. Anfangs lässt das Ich „den Sturm / Mir wühlen im flatternden Haare“: Hier ist der Sturm ein Akkusativobjekt. Am Schluss lässt das Ich die Haare „flattern im Winde“: Hier sind die Haare das Objekt, der Sturm ist abgeflaut zu einer adverbialen Ortsbestimmung, was Bild und Formulierung gewöhnlicher erscheinen lässt. Die ersehnte Entgrenzung des lyrischen Ichs und seine tatsächliche Begrenzung sind sprachlich und inhaltlich durch eine Reihe von Gegensätzen gestaltet: „stehen/sitzen, oben/unten, Luft/Wasser, Mann/Frau, können/wollen, aktiv/passiv, Indikativ/Konjunktiv, wild/artig.“
Interpretation Die Deutungen des Gedichts folgten im Laufe der Zeit verschiedenen Schwerpunkten, die sich nicht trennscharf abgrenzen lassen und sich wechselseitig ergänzen. Anfangs überwogen die Auslegungen des Textes auf der Grundlage der Biografie der Dichterin und den Verhältnissen ihrer Zeit. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen verstärkt feministische Erklärungsansätze auf. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts traten Interpretationen hinzu, die die Bedeutung der räumlichen Gegebenheiten im Gedicht untersuchen.
Biografisch mini|Die Meersburg am Bodensee, eine Illustration der Malerin Sally Wiest für Die Gartenlaube (1897). Ganz rechts: der Kapellenturm.