mini|Statue aus Khorsabad, Louvre, Paris mini|Ischtar-Tor, Pergamonmuseum, Berlin
Die mesopotamische Kunst repräsentiert die kulturelle Blüte einer der ersten Hochkulturen des Alten Orients ab etwa 3000 v. Chr.
Mesopotamien, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, umfasst Gebiete des heutigen Irak, Südwest-Irans, Syriens und Südost-Anatoliens. Diese Region wird seit dem Neolithikum von Menschen besiedelt, die hier um 3000 v. Chr. erstmals den Rang einer Hochkultur erreichten. Dieser Hochkultur liegt vor allem das Volk der Sumerer zugrunde. Im Laufe des dritten Jahrtausends tritt mit den Akkadern eine semitische Gruppierung auf, die sich schließlich durchsetzt und deren Nachfahren (vor allem die Assyrer) bis in das erste Jahrtausend hinein die dominierende Gruppierung im Alten Orient bleibt. In der Mitte des zweiten Jahrtausends tritt mit den Kassiten eine weitere Ethnie auf, die vor allem im Süden Mesopotamiens für mehrere Jahrhunderte dominant bleibt. Erst in der Spätzeit des Alten Orients gewinnen die Perser die Oberhand.
Diese und andere Völkerschaften steuerten ihren Beitrag zur Kunst des Landes bei. Trotzdem gibt es bestimmte Elemente, die über die Jahrtausende konstant bleiben oder zumindest als typisch mesopotamisch erachtet werden können. In der Architektur ist es die Verwendung von Lehmziegeln und der Bau von Tempeltürmen, den Zikkurats. Die Plastik hatte nur im dritten vorchristlichen Jahrtausend eine größere Bedeutung. Im Flachbild ist vor allem die Glyptik bemerkenswert. Flachreliefs erfreuten sich in fast allen Epochen einer großen Beliebtheit, erlebten aber unter den Assyrern, die ihre Paläste damit reich ausschmückten, einen Höhepunkt. Von der Malerei, die einst sicherlich bedeutend war, ist, von Zufallsfunden abgesehen, nur wenig erhalten.
Zur besseren Übersicht werden die Kulturen und Reiche im Folgenden geografisch eingeordnet, wobei sich die Verortung jeweils auf das Kerngebiet und nicht auf die Gesamtverbreitung bezieht.
Südmesopotamien Frühgeschichte Die Frühgeschichte Mesopotamiens entspricht ungefähr der Zeit von 3500 bis 2900 v. Chr. Es sind die Uruk VI-IV und Dschemdet-Nasr-Zeit genannten Perioden, in welchen vor allem in Uruk monumentale Tempelanlagen errichtet wurden. Man nennt diese Zeit gelegentlich auch „frühsumerische Zeit“, da die sich zeitlich anschließende Epoche vor allem von der Kultur der Sumerer geprägt war. Da jedoch unklar ist, wann und wie die sumerische Bevölkerung nach Mesopotamien gelangt ist, bleibt diese Bezeichnung anachronistisch.
Architektur Die beeindruckendsten Monumente der Frühgeschichte sind die Tempelanlagen von Uruk. Hier wurden monumentale Bauten errichtet. Ihnen ist meist eine mit Nischen versehene Fassade gemeinsam. Das Innere hatte einen T-förmigen Hof.
mini|150px|Mosaik vom Steinstifttempel
Der sogenannte Kalksteintempel war 70 × 30 m groß und aus Kalksteinblöcken errichtet. Dies ist schon allein bemerkenswert, da sonst so gut wie alle mesopotamischen Bauten aus Lehmziegeln bestanden. Es ist jedoch unsicher, ob der ganze Bau oder nur seine Fundamente aus Stein bestanden. Der Bau war streng symmetrisch angelegt. In seinem Inneren befand sich ein großer, fast die ganze Länge einnehmender Hof, der von diversen Räumen umgeben war. Im Süden erweiterte sich der Hof, sodass das Innere im Grundriss T-förmig erscheint. Der Bau war mit einer Nischenfassade versehen. Die Funktion als Tempel ist nicht gesichert, scheint aber durch die Masse und Form der Architektur, die anderen Tempeln in der Anlage entspricht, wahrscheinlich. Der Inanna-Tempel in Uruk war mit Säulen geschmückt und hatte einen monumentalen Hof. Die Wände waren mit Mosaiken dekoriert, die aus kleinen Stiften geometrische Muster bildeten.
Andere Tempel dieser Zeit konnten in Eridu, Tell Uqair und Tell Brak ausgegraben werden. Diese Beispiele haben einen inneren Hof ohne die Erweiterung. Viele dieser Tempel stehen auf einem Podium, waren also über den Rest der Stadt erhaben. Im Tempel von Tell Uqair fanden sich umfangreiche Reste von Wandmalereien.Moortgat: Die Kunst des Alten Mesopotamien, S. 22–31
Rundbild mini|100px|Sog. Bärtiger Mann aus Warka
Es gibt nur wenige Rundbilder aus dieser Phase. Es handelt sich meist um anspruchslose Tonidole, wenige sind in Stein gearbeitet. Diese sind meist eher grob. Eine Statue aus Uruk, die sich heute im Louvre befindet, zeigt einen nackten Mann. Er trägt ein wulstiges Stirnband und einen vollen Bart. Die Beine sind nur summarisch gearbeitet. Die Interpretation des Werkes bereitet Schwierigkeiten. Nackt werden in der Regel Gefangene dargestellt, während Haar- und Barttracht auf einen Fürsten deuten. Ist hier ein gefangener Fürst wiedergegeben?Moortgat: Die Kunst des Alten Mesopotamien, S. 32–34
In einer Schicht der Dschemet-Nasr-Zeit in Uruk fand sich auch ein nahezu lebensgroßer Frauenkopf aus Marmor. Es handelt sich um das Teil einer Kompositstatue. Anstelle der Augenbrauen und Augen finden sich Rillen und Höhlen, die einst Einlagen enthielten. Auch der Scheitel weist eine Rille auf, die sicherlich zur Befestigung einer Haartracht diente. Dieses Gesicht gilt als das frühste rundplastische Kunstwerk ersten Ranges.(Bild) Das Bildwerk wurde bei der Plünderung des Nationalmuseums von Bagdad gestohlen, konnte jedoch wiedergefunden werden
Flachbild Aus dieser Epoche stammen einige Alabastergefäße, deren Außenseiten mit flachen Reliefs dekoriert sind und einen guten Eindruck von der künstlerischen Höhe dieser Zeit vermitteln. Eine hohe Vase aus Uruk zeigt Szenen in drei Registern. Im obersten sind Träger dargestellt, die einer Person, vielleicht einer Gottheit, diverse Gaben bringen. Im mittleren Register erscheinen nur Opferträger und zuunterst Tiere und Pflanzen. Die Interpretation der Darstellungen ist unsicher. Wird hier ein reales Ereignis oder eine mythologische Begebenheit wiedergegeben? Die Figuren sind voll, etwas gedrungen, aber doch wohl proportioniert.
mini|150px|Zylindersiegel
Im Flachbild sind auch zahlreiche Darstellungen auf Rollsiegeln erhalten. Ein weites Repertoire an Bildern ist belegt. Es gibt kultische Darstellungen, Opfer- sowie Jagd- und Kriegsszenen. Besonders typisch für diese Periode sind Darstellungen wilder Tiere und Mischwesen, die oftmals heraldisch angeordnet sind.Moortgat: Die Kunst des Alten Mesopotamien, S. 34–36
Frühdynastikum Dies ist die Periode von circa 2900 bis 2350 v. Chr. Es sind die Namen erster Herrscher überliefert, die auch auf zeitgenössischen Denkmälern belegt sind. Die politisch führende Rolle hatte die Stadt Kisch inne. In vielen Bereichen sind Neuansätze in der Kunst und Bautechnik zu beobachten, die es rechtfertigen, dies als eigene Epoche zu behandeln. Das Menschenbild ist vor allem durch die Abbildung großer Augen und großer Nasen gekennzeichnet. Die Figuren wirken oft expressionistisch, naturfern und sind hochgradig stilisiert.
Architektur In der Baukunst halten neue Techniken Einzug. Es erscheinen nun plankonvexe Ziegel, die auf einer Seite gewölbt sind. Für wichtige Bauten werden tiefe Gruben ausgehoben, die oftmals mit reinem Sand gefüllt wurden. Aus dieser Periode stammt das erste bekannte monumentale Palastgebäude Mesopotamiens.
Der am besten erforschte Tempel dieser Periode ist der Ovaltempel in Hafaǧi. Der eigentliche Tempelbau steht auf einer Plattform, auf die man über eine Treppe gelangte. Vor der Plattform lag ein großer Hof, um den sich diverse Räume gruppierten. Die ganze Anlage war von einer ovalen Mauer umgeben. Ein vergleichbarer, schlechter erhaltener Tempel wurde in el-Obed ausgegraben. Der Tempel des Šarra in Tell Agreb ist ganz anders konzipiert. Es handelt sich um einen fast quadratischen Bau mit starken Außenmauern und verschiedenen Höfen. Obwohl diese Tempel zunächst unterschiedlich wirken, haben sie jedoch die Tempelmauer gemeinsam, die sie von der Außenwelt abschirmen. Im Tempelbereich befanden sich Priesterwohnungen und Wirtschaftseinheiten.
Der erste bisher ausgegrabene Palast stammt aus Kisch.Moortgat: Die Kunst des Alten Mesopotamien, S. 52, Abb. 19 Das Gebäude besteht aus zwei Teilen, die nacheinander errichtet wurden. Es gab einen monumentalen Eingang. Im Zentrum des nördlichen und älteren Baues befand sich ein Hof, der wohl der Kern der Anlage war. Im Süden lag ein späterer Anbau mit zwei großen Hallen im Westen. Der Plan ist rechtwinklig.
Plastik mini|Beterstatue
Es gibt zahlreiche Bildwerke aus dieser Periode. Sie fanden sich meist in Tempeln und stellen wohl Beter vor Gottheiten dar. Sie tragen in der Regel einen langen Bart und langen Rock, der am unteren Ende mit einem Zottensaum versehen ist. Der Oberkörper ist nackt. Frühere Beispiele wirken oft stark stilisiert. Die Figuren haben übergroße Augen, eine große Nase und der Kopf ist meist zu klein im Verhältnis zum Körper.
Einige Bildwerke aus Mari zeigen vergleichbare Stilmerkmale, jedoch in abgeschwächter Form. Hier ist die Hinwendung zu einer eher naturalistischen Darstellungsweise zu beobachten.
Flachbild Eine gut bezeugte Denkmälergruppe sind Weihetafeln. Sie sind meist in drei Register gegliedert und haben als Hauptthema eine Symposionsszene. Auf der einen sitzt eine Frau, auf der anderen ein Mann. Beide halten sie jeweils einen Trinkbecher in der Hand. Zwischen beiden steht ein großer Mischkrug, daneben gibt es zahlreiche Diener, Musikanten und Tänzer. In der Mitte haben die Tafeln ein Loch, durch das sie offensichtlich an einem bisher nicht sicher identifizierten Objekt oder an eine Tempelwand angebracht wurden. Der Stil der dargestellten Figuren erinnert an zeitgenössische Statuen. Nase und Augen sind übergroß. Die meisten Figuren erscheinen mit freiem Oberkörper und tragen einen Rock mit Zottensaum.
In der Glyptik finden sich vergleichbare Motive, Symposionsszenen und Helden, die Raubtiere bezwingen. Auch hier ist eine Stilisierung der Figuren zu beobachten. Oftmals entsteht ein Geflecht von Figuren, das als Figurenband bezeichnet wird. Auch in der Glyptik werden die Figuren stark stilisiert. Die Gliedmaßen und Körper sind überdünn.
I Dynastie von Ur Diese Periode umfasste den Zeitraum von circa 2550 bis 2340 v. Chr. und gehört dem Frühdynastikum an. Die erste Dynastie von Ur ist als erste gut durch zeitgenössische Inschriften belegt.
Architektur Aus dieser Periode sind so gut wie keine Neubauten erhalten. An alten Tempeln wurde weitergebaut, wobei kaum Neuerungen zu beobachten sind.
Rundplastik Im Gegensatz zur Architektur ist die Plastik dieser Periode sehr gut belegt. Hier sind vor allem zahlreiche sogenannte Beterfiguren zu nennen. Meist ist ein stehender Mann dargestellt. Er hat einen freien Oberkörper und trägt einen langen Rock mit Zotten. Die Ausführung dieser Figuren ist zunächst relativ naturalistisch. Die Figuren verlieren über die Zeit immer mehr an Plastizität. Das Gesicht ist bei den besseren Werken meist wohlproportioniert. Die Hände sind über der Brust verschränkt. Aus dieser Periode gibt es auch zahlreiche Bildwerke von Frauen. Sie fallen meist durch ihre Frisuren und Turbane auf. Eine Beterfigur aus Lagasch ist vollkommen blockhaft.
Flachbild mini|Weihetafel des Ur-Nansche als Tempelbauer
Die Weihetafeln mit zentraler Durchbohrung erfreuten sich weiter großer Beliebtheit. Es kommen nun jedoch andere Themen auf. Es werden Gottheiten dargestellt, denen Opfer dargebracht werden. Die Figuren wirken meist gedrungen, haben übergroße Augen und Nasen. Das Gesicht ist meist im Profil wiedergegeben.