Haben oder Sein (engl. To Have or to Be?) ist ein populäres gesellschaftskritisches Werk des Sozialpsychologen Erich Fromm aus dem Jahr 1976. Es zählt mit Die Kunst des Liebens aus dem Jahr 1956 zu seinen bekanntesten Werken, erschien ebenfalls zuerst als Band in der US-amerikanischen Buchserie World PerspectivesWorld Perspectives auf LibraryThing als Band Nr. 50 mit Originaltitel „To Have or to Be?“. Abgerufen am 3. Mai 2020. und wurde dann in zahlreiche Sprachen übersetzt. Das Buch war schon kurz nach seinem Erscheinen ein internationaler Bestseller und traf mit seiner Konsumkritik den Nerv der damaligen 68er-Generation, für die das Buch, so einige Kritiker, zum Kultbuch geworden ist.
Fromm skizziert in „Haben oder Sein“ eine Analyse der westlichen Gesellschaft, die aus seiner Sicht zunehmend vom Streben nach Besitz, vom fassadenhaften, markt- und konsumorientierten „Haben“ dominiert wird. Dem stellt er die Geisteshaltung des seelischen „Seins“ gegenüber, eine Haltung, in der Besitztümer keine Rolle spielen, und beruft sich auf zahlreiche philosophische und religiöse Ansätze, die diese Haltung befürworten, darunter Buddha, Jesus und Meister Eckhart. Das gesellschaftskritische Buch zählt zu den Ansätzen der philosophischen Anthropologie; Fromm skizziert im letzten Teil des Buches, wie die Gesellschaft die Geisteshaltung des Habens zugunsten einer Haltung des Seins überwinden könnte.
Eine Fortsetzung bzw. Ergänzung ist das aus den damals unveröffentlicht gebliebenen Manuskripten entstandene Buch Vom Haben zum Sein, das von Fromms Schüler und literarischen Nachlassverwalter Rainer Funk herausgegeben wurde. In dieser Schrift zeigt Fromm u. a. anhand eigener Erfahrungen mögliche Wege und Irrwege auf, die beim persönlichen Bestreben zu mehr Gemeinwohlorientierung und schöpferischem Sein auftreten.Erich Fromm: Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung. Herausgegeben von Rainer Funk. 9. Auflage, Ullstein Taschenbuch, 2016, ISBN 978-3-548-36775-0, S. 9–11 (Zu diesem Buch von Rainer Funk).
Inhalt Das Werk ist in die Einführung und drei Hauptteile unterteilt. In der Einführung legt Fromm seine kulturpessimistische Sichtweise dar, übt Kapitalismuskritik und beschreibt „eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen“. Im ersten Teil (Zum Verständnis des Unterschieds zwischen Haben und Sein) zeigt Fromm unter anderem etymologische, soziolinguistische, philosophische, religiöse und alltägliche Beispiele für den Unterschied zwischen Haben und Sein auf. Im zweiten Teil (Analyse der grundlegenden Unterschiede der beiden Existenzweisen) analysiert er die Unterschiede zwischen beiden Charakterorientierungen. Im dritten Teil, Der neue Mensch und die neue Gesellschaft, schließlich legt er die Krise der Gesellschaft dar und stellt Lösungsansätze vor.
Einleitung In der Einleitung konstatiert Fromm, dass sich die Hoffnung, dass durch die Industrialisierung für alle Menschen ein größtmögliches Glück möglich wird, nicht erfüllt hat. Vielmehr sieht Fromm, dass die jetzige Lebensweise die Menschheit zu einer ökologischen oder kriegerischen Katastrophe führt. Das Überleben der Menschheit, so Fromm, hängt von einer fundamentalen Veränderung der menschlichen Grundwerte ab.
Anlass für Fromms Schrift war auch die damalige Kritik am materiellen Überfluss und am unbegrenzten Wachstum des Industriezeitalters, welche der Autor als „Fortschrittsreligion“ bezeichnet.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 13–14 (Einführung […]): „Diese Trias von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete den Kern der neuen Fortschrittsreligion […]“. Hervorhebung im Original. Diese war sowohl im Westen als auch im Ostblock vorherrschend. Fromm stützt sich auch ausdrücklich auf die Berichte des bzw. an den Club of Rome von Dennis Meadows (Die Grenzen des Wachstums, 1972) sowie den zweiten Bericht von Mihajlo D. Mesarovic und Eduard Pestel (Menschheit am Wendepunkt, 1974) als Begründung dafür, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen für das Überleben der Menschheit unabdingbar seien. Auch Ernst Friedrich Schumacher (Small is beautiful, 1973) wird zitiert. Zum ersten Mal, so Fromm, sei es notwendig, dass für das weitere physische Überleben der Menschheit psychische und soziale Veränderungen nötig sind.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 21.
Fromms Buch zielt darauf ab, die Existenzweisens des Habens und Seins darzustellen und inwiefern die beiden Existenzweisen für das Entstehen eines neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft relevant sein können. Eine solche Darstellung sei nach Fromm notwendig, weil ohne eine Vision die Gesellschaft sich nicht ändern könne.
Zum Verständnis der Unterschiede zwischen Haben und Sein Fromm beginnt seinen ersten Teil des Buches mit der Aussage, dass für die meisten Menschen Besitz, etwas zu haben, eine natürliche Sache ist. Als wichtigste Form des Habens nennt Fromm das Konsumieren in der heutigen Überflussgesellschaft. Fromm weist jedoch darauf hin, dass viele große Denker dem Streben nach Besitz eine Absage erteilt haben, so z. B. Buddha oder Jesus.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 27, 37. Diese Existenzweise, in der das Haben, das Streben nach Besitz keine Rolle spielt, umschreibt Fromm als Existenzweise des Seins und versucht, anhand einiger Beispiele die Unterschiede zwischen der Existenzweise des Habens und des Seins zu illustrieren, darunter zunächst einige Alltagserfahrungen wie Lernen, Erinnern, Sprechen, Autorität ausüben, Wissen, Glauben oder Lieben. Im Fall von Wissen sagt Fromm etwa, dass bei einer Existenzweise des Habens es nur darum gehe, sich möglichst viel Wissen einzuverleiben, etwa um eine Prüfung zu bestehen, während es bei der Existenzweise des Seins um ein produktives Zuhören und echtes Interesse am Thema gehe. Beim Lieben wiederum kontrastiert Fromm die Haltung, über den Partner als Eigentum zu verfügen, mit einer echten Liebe.
Fromm erläutert schließlich, dass schon das Alte Testament und der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart eine fundamentale Unterscheidung zwischen Haben und Sein machen und (in ihren Worten) eine Existenzweise des Seins propagieren. Bei Meister Eckhart etwa ist die höchste Tugend, jegliches Habenwollen, Gier und Egoismus zu überwinden, um eine „produktive innere Tätigkeit“ anzustreben.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 69.
Analyse der grundlegenden Unterschiede der beiden Existenzweisen Die heutige Gesellschaft, so analysiert Fromm, stützt sich auf Privateigentum, Gewinn und Macht, womit die Basis für eine Existenzweise des Habens gelegt sei. Diese gesellschaftlichen Werte prägen auch die Verhaltensweisen und Einstellungen der Gesellschaftsmitglieder. Fromm kritisiert hier speziell die Einstellung einer Wegwerfgesellschaft, die rasch Gegenstände zugunsten von Neuerwerbungen fallen lässt, statt die vorhandenen Besitztümer zu pflegen.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 73–76. Menschen, die der Existenzweise des Habens folgen, sind durch Habsucht und Gier gekennzeichnet. Die Identität des Einzelnen ist nicht dadurch bestimmt, was er ist, sondern was er hat. Fromm verweist in diesem Zusammenhang auf die anale Phase in der Persönlichkeitsentwicklung nach Freud, eine frühe Phase der Entwicklung, in der Besitzenwollen und Einverleiben eine Rolle spielen. Bleibt der Mensch auf dieser Phase stehen, so ist er als krank zu bezeichnen. Die heutige Gesellschaft, so Fromm, besteht aus einer Vielzahl von analen Charakteren, deren Entwicklung nicht zur Reife gelangt ist, sondern die auf dieser frühen Phase des Besitzenwollens stehen geblieben ist; es ist also eine kranke Gesellschaft.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 85–86.
Im Gegensatz zur Existenzweise des Habens stellt Fromm die Existenzweise des Seins. Diese ist unter anderem durch eine produktive innere Tätigkeit gekennzeichnet, ein Einsatz der eigenen Gaben und Talente. Fromm unterscheidet diese Art von produktiver Tätigkeit von einer bloßen Geschäftigkeit, in der der ausführende Mensch von seiner Arbeit entfremdet ist.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 89–91. Einen Schwenk der Gesellschaft zur Existenzweise des Seins hält Fromm für durchaus möglich und zitiert dazu einige neurologische und soziale Studien, die belegen, dass selbst Kinder und auch Erwachsene in der Lage sind, Besitzstreben zu überwinden und stattdessen zu geben, zu teilen und sogar Opfer zu bringen, wie etwa die englische Gesellschaft während des Zweiten Weltkrieges oder die vielen engagierten Personen in pflegenden und medizinischen Berufen.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 99–106.
Eine Bewegung von einem Haben zum Sein hätte nach Fromm auch weitere Auswirkungen: So verschwindet z. B. das Gefühl der Unsicherheit und Angst, seine Besitztümer zu verlieren, zugunsten einer Sicherheit, in sich zu ruhen, in der Existenzweise des Seins. Antagonismus schwindet zugunsten von Solidarität. Bloßer Nervenkitzel bei Vergnügungen beim Haben-Charakter machen Platz einer Empfindung echter Freude beim Sein-Charakter. Ein Leben, das sich auf das Anhäufen von Besitz in Vergangenheit und Zukunft konzentriert, schwindet zugunsten einer Konzentration auf die Gegenwart, das Hier und Jetzt.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 107–126.
Der neue Mensch und die neue Gesellschaft Im dritten Teil seines Werkes arbeitet Fromm die Grundbedingungen heraus, durch die sich die Menschen und die Gesellschaft vom Gedanken des Habens lösen und sich der Sicht des Seins verpflichtet fühlen können. Er betont dabei, dass die Geschichte gezeigt hat, dass es weder richtig sei, dass sich zunächst der Gesellschaftscharakter ändern müsse, damit die Bedingungen gegeben sind, dass sich auch einzelne Menschen in ihrer Einstellung ändern können, noch dass sich umgekehrt zunächst einzelne Menschen und kleine Menschengruppen zu ändern suchen müssen.Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein, überarbeitet von Rainer Funk. dtv, München 1979, ISBN 3-423-01490-3, S. 130. Fromm beobachtet, dass die Religion den Gesellschaftscharakter nicht zum Positiven verändern kann, da sie inzwischen keine Bedeutung in der heutigen westlichen Gesellschaft mehr hat, sondern einer geheimen Religion gewichen ist, in deren Zentrum das Vermarkten des eigenen Selbst steht (siehe auch: Marketing-Charakter).