mini|Emil Stumpp: Wilhelm Abegg (1924) Philipp Friedrich Wilhelm Abegg (* 29. August 1876 in Berlin; † 18. Oktober 1951 in Baden-Baden) war ein deutscher Verwaltungsjurist und politischer Beamter (DDP) im Freistaat Preußen. Als Leiter der Polizeiabteilung ab 1920 sowie als Staatssekretär im preußischen Innenministerium von 1926 bis 1932 war er der Begründer und Leiter der modernen preußischen Polizei nach dem Ersten Weltkrieg. Nach seiner Emigration 1933 war er Gründungsmitglied der Bewegung Freies Deutschland in der Schweiz.

Herkunft Wilhelm Abegg entstammte einer ursprünglich schweizerischen Familie.Stefan Naas: Die Entstehung des Preussischen Polizeiverwaltungsgesetzes von 1931 – ein Beitrag zur Geschichte des Polizeirechts in der Weimarer Republik. Mohr Siebeck, 2003, S. 47, FN 127. Sein Vater Wilhelm Abegg sen. (1834–1913) kam aus Breslau, war promovierter Jurist, Direktor der Deutschen Hypothekenbank in Berlin und Schatzmeister der Gesellschaft für Volksbildung, wurde als Kommerzienrat und Geheimer Admiralitätsrat ausgezeichnet. Seine Mutter Margarethe Abegg geb. Friedenthal (1848–1919) kam aus einer Breslauer Bankiersfamilie. Sein Großvater väterlicherseits war der Strafrechtler und Kriminalist Julius Abegg, der als Professor an der Universität Breslau lehrte.

Wilhelm Abeggs Brüder waren der Chemiker und Luftfahrtpionier Richard Abegg und Waldemar Abegg, Regierungspräsident in der Provinz Schleswig-Holstein. Der Arzt Heinrich Abegg, Direktor der Hebammen-Lehranstalt in Danzig, war sein Onkel; der Anthropologe Hans Wilhelm Carl Friedenthal sein Vetter.

Leben Ausbildung und Beruf Abegg besuchte das Wilhelms-Gymnasium in Berlin und studierte anschließend in Berlin und Göttingen Rechtswissenschaften. In Göttingen wurde er Mitglied des Corps Hannovera. Abegg wurde 1903 bei Johannes Merkel in Göttingen mit dem rechtsvergleichenden Thema „Die Verjährung der Einreden nach dem römischen, gemeinen und bürgerlichen Recht“ zum Dr. iur. promoviert. Anschließend absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung bei den Ältesten der Kaufmannschaft von Berlin.

Nach dem Assessorexamen war Abegg ab 1907 als Verwaltungsjurist im preußischen Staatsdienst tätig, zunächst im Regierungspräsidium Oppeln in Oberschlesien. 1910 erhielt er die Amtsbezeichnung Regierungsrat und wurde ab 1912 im Polizeipräsidium Berlin eingesetzt. Im Ersten Weltkrieg leistete er Kriegsdienst an der Ostfront, zuletzt als Major der Reserve. 1917 wurde er wieder zur Polizei nach Berlin abkommandiert. Nach der Novemberrevolution 1918 wurde er 1920 zum Ministerialrat und Leiter der Polizeiabteilung im preußischen Innenministerium befördert, ab 1923 trug er die Amtsbezeichnung Ministerialdirektor.

Am 15. Januar 1910 erhielt er das DLV-Ballonführerpatent, drei Monate bevor sein Bruder Richard mit einem Ballon verunglückte.

Politischer Werdegang In der Zeit der Weimarer Republik war Abegg ab ca. 1920 Mitglied der linksliberalen, republiktreuen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), später auch des überparteilichen, pro-demokratischen Bündnisses Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. 1930 wird Abegg aufgeführt als Mitglied des „Vertrauenskreises“ (Beirats) der Abraham-Lincoln-Stiftung, einer deutschen Zweigstiftung der Rockefeller Foundation.

Bereits als Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium (ab 1920) machte sich Abegg um die Reform des preußischen Polizeiwesens in politisch schwieriger Zeit durch den Aufbau der modernen Schutzpolizei in Deutschland verdient. Die preußische Polizei kam nach seiner Reorganisation im Mitteldeutschen Aufstand im März 1921 zum Ersteinsatz, wobei auch die Deeskalation als Polizeitaktik erstmals angewendet wurde. Ab 1923 trug Abegg im Bereich der preußischen Polizei die Personalverantwortung und erneuerte die Führungsebene konsequent im republikanischen Sinne, so dass die höheren Dienstränge der Polizei bereits Ende der 20er Jahre durchgängig mit Republikanern besetzt waren.Christopher Clark: Preußen. Aufstieg und Niedergang. 1600–1947. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007, ISBN 3-421-05392-8, S. 719.

Im Oktober 1926 wurde der bisherige Berliner Polizeipräsident Albert Grzesinski (SPD) als Nachfolger seines Parteikollegen Carl Severing preußischer Innenminister. Grzesinski versetzte den bisherigen Staatssekretär des Innenministeriums, den eher konservativ eingestellten Friedrich Wilhelm Meister (ein Mitglied der DVP), in den einstweiligen Ruhestand und berief Abegg zum neuen Staatssekretär. Unterdessen rückte Erich Klausener, welcher der katholischen Zentrumspartei nahestand, zum neuen Leiter der Polizeiabteilung auf.Thomas Albrecht: Für eine wehrhafte Demokratie. Albert Grzesinski und die preußische Politik in der Weimarer Republik. Dietz, 1999, S. 162. Abegg behielt seinen Posten als Staatssekretär und ständiger Vertreter des Ministers auch nach der Ablösung Grzesinskis als Innenminister durch Heinrich Waentig (ebenfalls SPD) im März 1930, welcher im Oktober 1930 wiederum durch Severing ersetzt wurde.

Abeggs besonderes Augenmerk galt in der Folge der zunehmenden politischen Gewaltbereitschaft in der Weimarer Republik sowie frühzeitig dem Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Dabei nutzten er und die Regierung des Ministerpräsidenten Otto Braun die ebenfalls Abegg unterstehende Politische Polizei Preußens zur Überwachung des erstarkenden Nationalsozialismus und seiner Führungspersönlichkeiten, wobei insbesondere über die Person Adolf Hitlers und seiner Finanzierungspartner umfangreiche Dossiers erstellt wurden.

Bei der Preußischen Landtagswahl im April 1932 wurde die NSDAP stärkste Kraft. Die Weimarer Koalition verfehlte die Mehrheit deutlich, die Regierung Braun-Severing blieb aber geschäftsführend im Amt, da auch die rechte Opposition nicht über eine absolute Mehrheit verfügte. In dieser Situation traf sich Abegg, ohne Absprache mit seinem Vorgesetzten Severing, am 4. Juni 1932 mit den beiden KPD-Politikern Ernst Torgler und Wilhelm Kasper. Sie sprachen über eine mögliche Tolerierung der Regierung durch die KPD, um eine Regierungsübernahme durch die Rechtsextremen oder die Einsetzung eines Reichskommissars für Preußen durch die neuernannte Reichsregierung von Papen zu verhindern. Begleitet wurde Abegg von Regierungsrat Rudolf Diels, der im preußischen Innenministerium für die Beobachtung der Kommunisten zuständig war und später erster Chef der Gestapo wurde. Diels machte das Gespräch publik und löste so die Abegg-Affäre aus, welche der rechten Opposition in Preußen und der Reichsregierung als Beleg für eine Konspiration der sozialdemokratisch-linksliberalen Staatsregierung Preußens mit den Kommunisten diente.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957) – Der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes. Peter Lang, Frankfurt a. M. 2010, S. 65–70.

Im Gegensatz zur preußischen Regierung bemühte sich die rechtsgerichtete neue Reichsregierung um Franz von Papen um eine Unterstützung der NSDAP und hob im Juni 1932 das reichsweite Verbot von SA und SS auf. Am Altonaer Blutsonntag (17. Juli 1932) kam es daraufhin zu tödlichen Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten, die preußische Polizei war nicht in der Lage, diese zu unterbinden. Die Reichsregierung von Papen nutzte dieses Ereignis zur Absetzung der geschäftsführenden Landesregierung im sogenannten Preußenschlag. Per Notverordnung des Reichspräsidenten setzte Reichskanzler von Papen am 20. Juli 1932 sich selbst zum Reichskommissar für Preußen ein und erklärte die Regierung des Ministerpräsidenten Braun für abgesetzt.

Abegg, der im Gegensatz zu seinem vorgesetzten Innenminister Carl Severing und dem Kabinett des Freistaats Preußen noch versucht hatte, Gegenwehr zu organisieren, wurde bereits am folgenden Tag – so wie eine Reihe weiterer politischer Beamter – in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Die preußische Staatsregierung hingegen hatte sich dafür entschieden, Gewalt nicht mit Gewalt zu vergelten, und erhob durch ihren Bevollmächtigten und Vertreter im Reichsrat Arnold Brecht nur Verfassungsklage bei dem Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich bei dem Reichsgericht. Der Verfassungsstreit Preußen contra Reich ging für beide Seiten offen aus: die Verordnung von Papens wurde zwar im Urteil vom 25. Oktober 1932 für rechtswidrig erklärt, die Absetzung der Regierung aber nicht wieder rückgängig gemacht.

Auswanderung in die Schweiz In der Folge des zunehmenden Drucks auf Abegg und seine Familie emigrierte er im März 1933 in die Schweiz, nachdem er sich seit 1930 von Berlin aus um die Wiedererlangung des Schweizer Bürgerrechts bemüht hatte.

In Zürich war er von 1933 bis 1949 Anwalt für internationales Recht und insbesondere an Hilfsaktionen für Flüchtlinge beteiligt. Er betrieb hier eine Anwaltskanzlei gemeinsam mit Dr. Alhard Gelpke (1894–1989). Von hier aus kämpfte er während der NS-Zeit weiter vielbeachtet gegen das NS-Regime in Deutschland, gründete und führte namhafte Organisationen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, wie die Schweizer Sektion der Bewegung Freies Deutschland. Ab 1935 arbeitete er bei den Vorbereitungen zur Schaffung der „Deutschen Volksfront“ mit, war ab 1944 Vorsitzender der „Gesellschaft für abendländische Kulturpolitik“ und 1944/45 Mitglied der „Gesellschaft der Freunde freier deutscher Kultur“. Er war Mitglied des „Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller“ (SDS). 1944 wurde er Gründungsmitglied der „Bewegung Freies Deutschland“ (BFD) und wurde 1945 deren Landes-Präsident. 1944/45 war er Redaktionsmitglied des Publikationsorgans „Freies Deutschland“. Er stand im Meinungsaustausch mit Allen Welsh Dulles vom Office of Strategic Services in Bern, brach diesen Kontakt allerdings 1944 ab.

Gerücht um Bombenattentat auf Hitler In der Literatur hält sich nach wie vor das Gerücht, dass der im Exil in der Schweiz lebende Abegg bereits 1938 einen Bombenanschlag auf Hitler und andere nationalsozialistische Führungspersonen geplant habe.James P. Duffy, Vincent L. Ricci: Target Hitler: the plots to kill Adolf Hitler. Greenwood Publishing Group, 1992, S. 23; books.google.de Er habe kleine Bomben bauen wollen, die – in der Kleidung von Selbstmordattentätern – versteckt, ausgedehnten Schaden angerichtet hätten. Dazu habe er eine Gruppe aus ehemaligen preußischen Polizeibeamten zusammengestellt, die in Uniformen italienischer Kuriere Zugang zu Hitler und anderen Führungspersonen hätten suchen sollen. Der Plan sei zuerst aus technischen Gründen verzögert und später aufgegeben worden, weil Abegg erfahren habe, dass hochrangige Militärs der Wehrmacht einen Befreiungsschlag gegen Hitler planten. Diese Gerüchte gehen allerdings auf eine umfangreiche Aktenfälschung des Schweizer Juristen Dr. Alhard Gelpke und seiner Ehefrau zurück, denen es in den 1950er und 1960er Jahren gelang, zahlreiche Archive und Historiker in der Schweiz und in Deutschland für das angebliche Abegg-Archiv zu interessieren. Der Hauptteil dieses gefälschten Archivs, das auch Erwartungshaltungen wie die Finanzierung von Hitlers Aufstieg durch die Wirtschaft bediente, wurde 1959 für 8000 Franken an Michael Kohl, den späteren Leiter der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn verkauft.Klaus Urner: Zehn preussische Polizeioffiziere und das „Abegg-Archiv“. In: Der Schweizer Hitler-Attentäter. Drei Studien zum Widerstand und seinen Grenzbereichen. Frauenfeld / Stuttgart 1980, S. 131–143.

Nach dem Krieg erlitt Abegg auf einer Vortragsreise durch Deutschland einen Schlaganfall, so dass er sich zu seinem Bedauern nicht mehr am Wiederaufbau des Staatswesens beteiligen konnte.

Familie Abegg heiratete 1904 Hildegard Hofmeier (* 1881), die Tochter des Konteradmirals Paul Hofmeier (1850–1917)Deutsches Geschlechterbuch. Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien. Band 92, C.A. Starke, 1936, S. 338–339.. Das Paar hatte zwei Kinder.

Nachwirken mini|Göttinger Gedenktafel für Wilhelm Abegg