Die sinotibetischen Sprachen (auch transhimalajische Sprachen genannt von George van Driem, Thomas Owen-Smith und anderenGeorge van Driem: , in: Nathan Hill, Thomas Owen-Smith (Hrsg.): Trans-Himalayan Linguistics, Berlin: Mouton de Gruyter, 2014, S. 11–40.) bilden mit rund 1,3 Milliarden Sprechern die zweitgrößte Sprachfamilie der Erde. Die insgesamt etwa 340 Sprachen werden in China, dem Himalaya-Gebiet und Südostasien gesprochen. Sie teilen sich nach Meinung der meisten Forscher in die beiden Hauptzweige Sinitisch (chinesische Sprachen, acht Sprachen mit 1,22 Milliarden Sprechern) und Tibetobirmanisch (330 Sprachen mit 70 Millionen Sprechern) auf. Das Sinotibetische ist im Hinblick auf Zeittiefe, interne Vielfalt und kulturelle Bedeutung durchaus mit der indogermanischen Sprachfamilie zu vergleichen.
Früher wurden häufig auch die Tai-Kadai-Sprachen, die Hmong-Mien-Sprachen (auch Miao-Yao-Sprachen genannt) und das Vietnamesische zum Sinotibetischen gerechnet. Seit etwa 1950 geht die Mehrheit der Forscher jedoch davon aus, dass die Tai- und Hmong-Mien-Sprachen jeweils eigene genetische Einheiten bilden und nicht näher mit dem Sinotibetischen verwandt sind, während das Vietnamesische als eine austroasiatische Sprache erkannt worden ist. Die Gemeinsamkeiten in der Phonologie, Syntax und dem Wortschatz zwischen diesen Sprachen und dem Sinotibetischen werden auf Entlehnungen und langzeitige areale Kontakte zurückgeführt.
mini|hochkant=1.1|Sinotibetische Sprachen (rot dargestellt) neben den anderen Sprachfamilien der Welt mini|hochkant=1.1|Zweige der sinotibetischen Sprachen:
Verbreitung und Hauptsprachen 250px|mini|Ursprung und Verbreitung der Sinotibetischen Sprachen. Das rote Oval ist die späte Cishan- und die frühe Yangshao-Kultur. Die schwarzen Pfeile sind die vermuteten Wege der nicht-sinitischen Expansion. Dabei wurde die linguistisch vergleichende Methode auf die von Laurent Sagart im Jahr 2019 entwickelte Datenbank mit vergleichenden linguistischen Daten angewendet, um Lautkorrespondenzen zu identifizieren und Kognaten zu ermitteln. Dann wurden phylogenetische Methoden verwendet, um Beziehungen zwischen diesen Sprachen abzuleiten und das Alter ihrer Herkunft und ihres Heimatlandes zu schätzen.
Nach der Anzahl der Sprecher (1,3 Mrd.) ist das Sinotibetische hinter dem Indogermanischen (2,7 Mrd. Sprecher) die zweitgrößte Sprachfamilie der Erde. Nach der Anzahl ihrer Sprachen (etwa 340) nimmt sie weltweit den fünften Rang ein, hinter Niger-Kongo, Austronesisch, Trans-Neuguinea und Afroasiatisch.
Die Aufteilung in die beiden Hauptzweige ist sehr unsymmetrisch. Während zum Sinitischen nur die acht chinesischen Sprachen (besser Dialektbündel) zählen, die allerdings 1,2 Mrd. Sprecher in China und Taiwan auf sich vereinen, besitzt der tibetobirmanische Zweig rund 330 Sprachen mit nur 70 Mio. Sprechern, von denen sich etwa die Hälfte auf eine einzige Sprache – das Birmanische (oder Burmesische) – konzentriert. Die tibetobirmanischen Sprachen werden im Himalaya-Gebiet und dem angrenzenden Südostasien gesprochen, vor allem in Tibet (das heute zu China gehört), Südchina, Birma (heute auch Myanmar genannt), Nepal, Bhutan, Sikkim und Nord-Indien, vereinzelt auch in den nördlichen Landesteilen Pakistans und Bangladeschs sowie in den südostasiatischen Staaten Laos, Vietnam und Thailand.
Die größten sinotibetischen Sprachen gehören mit Ausnahme des Birmanischen alle zum sinitischen Zweig. Die sprecherreichste Sprache ist das Mandarin (Hochchinesisch) mit 875 Mio. Sprechern. Es folgen die sinitischen Sprachen Wu (80 Mio.), Kantonesisch (70 Mio.), Min (60 Mio.), Jinyu (45 Mio.), Xiang (36 Mio.), Hakka (Kejia) (33 Mio.) und Gan (21 Mio.). Die sprecherreichsten tibetobirmanischen Sprachen sind die Birmanischen Sprachen (von 35 Mio. Muttersprachlern und weiteren 15 Mio. Zweitsprechern in Birma gesprochen), das südchinesische Yi (4,2 Mio.), Tibetisch (2 Mio. Muttersprachler; 4,5 Mio. Sprecher zusammen mit Khams- und Amdo-Tibetisch), die Sprache Sgaw (2 Mio. Sprecher im Kayin-Staat Myanmars) und Meithei mit fast 2 Mio. Sprechern in den indischen Bundesstaaten Manipur, Assam und Nagaland.
Der Artikel enthält als Anhang eine Tabelle aller sinotibetischen Sprachen mit mindestens 500.000 Sprechern, in der die Klassifikation und das Verbreitungsgebiet dieser Sprachen beschrieben ist. Der unten angegebene Weblink bietet die vollständige Klassifikation und die aktuellen Sprecherzahlen aller sinotibetischen Sprachen.
Schriftsprachen und Schriftsysteme
Chinesisch ist eine Schriftsprache mit einer 3500-jährigen eigenständigen ideographischen Schrift und einer entsprechend umfangreichen schriftlichen Überlieferung auf allen Gebieten der Wissenschaft, Literatur und Religion. Neben dem Chinesischen sind Tibetisch und Birmanisch die besterforschten sinotibetischen Sprachen. Sie besitzen die längste und umfangreichste schriftliche Tradition mit einem Schwerpunkt buddhistischer Texte, die mit von indischen Schriftformen abgeleiteten Alphabeten geschrieben wurden. Die tibetische Schrift stammt aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., ihre ältesten längeren Texte – aus dem 9. Jahrhundert – wurden in den Höhlenklöstern von Dunhuang gefunden. Die frühesten Belege für die birmanische Schrift sind Inschriften aus dem 12. Jahrhundert. Die große Mehrzahl der übrigen tibetobirmanischen Sprachen ist – auch heute noch – schriftlos, lediglich Newari, Meithei und Lepcha hatten eigene auf dem Devanagari basierende Schriften entwickelt, in denen historische und religiöse Texte fixiert wurden. Diese Sonderentwicklungen sind inzwischen aufgegeben worden, die drei Sprachen werden heute – wie auch andere tibetobirmanische Sprachen in Indien und Nepal – in Devanagari- oder Nepali-Schrift geschrieben.
Im chinesischen Bereich wurde neben der dominanten chinesischen Schrift einige Sondersysteme entwickelt: die an chinesische Zeichen angelehnte tangutische Schrift für die ausgestorbene Sprache Xixia (Tangutisch) und eine piktographisch-syllabische Schriftform für das Naxi (Moso), eine Variante davon wurde für das benachbarte Yi (Lolo) benutzt. Erwähnenswert ist darüber hinaus die sogenannte Frauenschrift (Nüshu), welche von Frauen der Provinz Hunan im 15. Jahrhundert entwickelt wurde.
Untereinheiten Interne Gliederung
Auf Grund der aktuellen Forschungslage – wie sie in van Driem 2001, Matisoff 2003 und Thurgood 2003 zusammenfassend dargestellt ist – lässt sich die folgende interne Gliederung des Sinotibetischen begründen, wenn auch noch nicht über alle Untereinheiten ein vollständiger Konsens erzielt wurde:
Interne Gliederung des Sinotibetischen
Sinotibetisch Sinitisch Min der Rest: mit Mandarin (Hochchinesisch), Wu, Kantonesisch, Jinyu, Xiang, Hakka (Kejia) und Gan Tibetobirmanisch Bodisch mit den Untereinheiten Tibetisch, Tamang-Ghale, Tshangla, Takpa, Dhimal-Toto Westhimalayisch Mahakiranti mit Kiranti, Magar-Chepang, Newari-Thangmi Nord-Assam mit Tani (Abor-Miri-Dafla), Khowa-Sulung, Mijuisch, Idu-Digaru Hrusisch Bodo-Konyak-Jingpho mit Bodo-Koch (Barisch), Konyak (Nord-Naga), Jingpho-Sak (Kachin-Luisch) Kuki-Chin-Naga mit Mizo-Kuki-Chin, Ao, Angami-Pochuri, Zeme, Tangkhul, Meithei (Manipuri), Karbi (Mikir) Qiang-Gyalrong mit Xixia-Qiang und Gyalrong Nungisch Karenisch Lolo-Birmanisch mit Lolo (Yipho) und Birmanisch Einzelsprachen: Pyu †, Dura †, Lepcha, Mru, Naxi, Tujia, Bai
Eine ausführliche Diskussion dieser Einheiten siehe unten.
Statistische und geographische Daten
Die folgende Tabelle gibt eine statistische und geographische Übersicht über die Untereinheiten des Sinotibetischen. Die Daten basieren auf van Driem 2001 und dem unten angegebenen Weblink „Klassifikation der sinotibetischen Sprachen“. Die Anzahl der Sprachen ist deutlich niedriger als in Ethnologue, da Ethnologue – entgegen der mehrheitlichen Forschungsmeinung – viele Dialekte zu eigenständigen Sprachen erklärt.
Die Untereinheiten des Sinotibetischenmit Anzahl der Sprachen und Sprecher und ihren Hauptverbreitungsgebieten
Spracheinheit Alternat. Name AnzahlSprachen AnzahlSprecher HauptverbreitungsgebietSINITISCHChinesisch81220 Mio.ChinaTIBETOBIRMANISCH 33068 Mio.Himalaya, Süd-China, SüdostasienBodischTibetisch i. w. S.647 Mio.Tibet, Nord-Indien, Pakistan, Nepal, BhutanTibetisch 515,6 Mio.Tibet, Nord-Indien, Pakistan, Nepal, BhutanTamang-Ghale 91,2 Mio.NepalTshangla 1150 Tsd.BhutanTakpaMoinba180 Tsd.Indien: Westspitze Arunachal / TibetDhimal-Toto 235 Tsd.Nepal: Terai, Indien: West-BengaliWesthimalayisch 14110 Tsd.Nord-Indien: Kumaon, Lahul, Kinnaur; West-TibetMahakirantiHimalayisch402,3 Mio.NepalKiranti 32500 Tsd.Nepal (südl. des Mount-Everest-Massivs)Magar-Chepang 5700 Tsd.Zentral-NepalNewari-Thangmi 3950 Tsd.Nepal: Kathmandu-Tal / Gorkha DistrictLepchaRong150 Tsd.Indien: Sikkim, Darjeeling; Nepal, BhutanDura † 1†Nepal: Lamjung DistrictNord-AssamBrahmaputranisch32850 Tsd.Indien: Arunachal Pradesh, Assam; BhutanTaniAbor-Miri-Dafla24800 Tsd.Indien: Zentral-Arunachal-PradeshKhowa-SulungKho-Bwa410 Tsd.Indien: Westl. Arunachal PradeshIdu-DigaruNord-Mishmi230 Tsd.Indien: Arunachal Pradesh (Lohit District)MijuischSüd-Mishmi25 Tsd.Indien: Arunachal Pradesh (Lohit District)Hrusisch 37 Tsd.Grenzgebiet Indien (Arunachal Pradesh) – BhutanBodo-Konyak-Jingpho 273,4 Mio.Nordost-Indien, Nepal, Birma, SüdchinaBodo-KochBarisch112,3 Mio.Nordost-Indien: AssamKonyakNord-Naga7300 Tsd.Indien: Arunachal Pradesh; NagalandJingpho-SakKachin-Luisch9800 Tsd.Bangladesh, Nordostindien, Nord-Birma, Süd-ChinaKuki-Chin-Naga 715,2 Mio.Nordost-Indien: Nagaland, Manipur, Assam, ArunachalMizo-Kuki-Chin 412,3 Mio.Nordost-Indien, Bangladesh, BirmaAo 9300 Tsd.Nordost-Indien: NagalandAngami-Pochuri 9430 Tsd.Nordost-Indien: NagalandZeme 7150 Tsd.Nordost-Indien: Nagaland, ManipurThangkul 3150 Tsd.Nordost-Indien: Nagaland, ManipurMeitheiManipuri11,3 Mio.Nordost-Indien: Manipur, Nagaland, AssamKarbiMikir1500 Tsd.Nordostindien: Assam, Arunachal PradeshQiang-Gyalrong 13500 Tsd.Süd-China: SichuanXixia-QiangTangut-Qiang10250 Tsd.Süd-China: SichuanGyalrongrGyalrong3230 Tsd.Süd-China: SichuanNungischDulong4150 Tsd.Süd-China, Nord-BirmaTujia 1200 Tsd.Süd-China: Hunan, Hubei, GuizhouBaiMinchia1900 Tsd.Süd-China: YunnanNaxiMoso1280 Tsd.Süd-China: Yunnan, SichuanKarenisch 154,5 Mio.Birma, ThailandLolo-Birmanisch 4042 Mio.Birma, Laos, Süd-China, Vietnam, ThailandLoloYipho277 Mio.Süd-China, Birma, Laos, Vietnam, ThailandBirmanisch 1335 Mio.Birma, Süd-ChinaMru 140 Tsd.Bangladesh: Chittagong; Birma: ArakanPyu † 1†ehemals Nord-Birma
Die Primärzweige des Tibetobirmanischen sind halbfett gedruckt, dahinter folgen jeweils die Untereinheiten.
Klassifikation: Historischer Überblick Anfänge im 19. Jahrhundert
Die Anfänge einer Erforschung der sinotibetischen Sprachen werden erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts greifbar. Verschiedene Forscher und Missionare fassten die Sprachen Chinas, Südostasiens und des Himalaya-Gebiets zu einer Sprachgruppe Indo-Chinesisch zusammen, die das Chinesische, die Taisprachen, Miao-Yao (heute Hmong-Mien genannt), Karenisch, Tibetobirmanisch und teilweise auch das Mon-Khmer umfasste. Diese Gruppierung wurde wesentlich über typologische Merkmale wie Tonsprache und Einsilbigkeit definiert. Das Tibetobirmanische wurde als Gruppe schon 1818 von B. H. Hodgson erkannt, erste interne Gliederungsversuche dieser Gruppe stammen von Friedrich Max Müller (1854).
Conrady, Konow und Li