mini|T. C. Boyle (2012) América (Originaltitel The Tortilla Curtain; „Tortilla Curtain“ bezeichnet umgangssprachlich die „durchlässige“ Grenze zwischen Mexiko und den USA) ist ein Roman des US-amerikanischen Autors T. C. Boyle aus dem Jahr 1995. Hauptthemen sind „amerikanische Werte“, die teils begründeten, teils paranoiden Ängste und die Ausländerfeindlichkeit einer gehobenen Mittelschicht gegenüber illegalen Einwanderern sowie Armut und Umweltzerstörung.
Die deutsche Übersetzung stammt von Werner Richter.
Handlung Schauplatz des Romans ist das Gebiet um den Topanga Canyon bei Los Angeles Mitte der 1990er Jahre. Anhand der Geschichten zweier Paare, die vordergründig nichts zu verbinden scheint, skizziert Boyle zwei extrem unterschiedliche Welten. Zunehmend ergeben sich Kreuzungspunkte dieser Lebensgeschichten.
Delaney Mossbacher, New Yorker mit europäischen Wurzeln, lebt seit kurzer Zeit mit seiner zweiten Frau Kyra, Workaholic und erfolgreiche Immobilienmaklerin, sowie deren sechsjährigem Sohn aus erster Ehe, Jordan, in der vornehmen Wohnsiedlung Arroyo Blanco am äußersten Nordrand von Los Angeles. Delaney kommt aus gutsituierten Verhältnissen, sieht sich als liberal, ist begeisterter Wanderer, naturwissenschaftlich und ökologisch interessierter Journalist und schreibt eine monatliche Kolumne für eine Naturzeitschrift. Daneben kümmert er sich um Haushalt und Kind.
Sein Gegenspieler Cándido Rincón hat bereits etliche Sommer als illegaler Wanderarbeiter in den USA verbracht und ist unlängst mit seiner schwangeren 17-jährigen Lebensgefährtin América aus Mexiko nach Kalifornien geflohen. Die beiden campieren illegal in einem Canyon unterhalb einer vielbefahrenen Straße, zunächst unterhalb und nahe Arroyo Blanco.
Delaney und Cándido begegnen einander erstmals, als Cándido von Delaney angefahren und verletzt wird. Cándido spricht nur spanisch, macht aber klar, dass er weder Krankenwagen noch Polizei will. Delaney gibt ihm 20 Dollar und fährt weiter. Er glaubt, dass sich Cándido mit Absicht vor das Auto geworfen hat.
Eigentlich war Cándido – wie jeden Tag – auf dem Weg zu einer Arbeitsvermittlung, die sich nicht um Illegalität kümmert, hat jedoch in seinem Zustand keine Chance und kehrt in sein Camp zurück. Vom Hunger getrieben, geht wenige Tage später América trotz Cándidos Protest zu dieser Arbeitsvermittlung und bekommt am fünften Tag einen Job: steinerne Buddhastatuen mit ätzendem Lösungsmittel verkaufsfertig zu polieren. Zwar hintergeht sie der Padron sofort, indem er ihr die für sechs Arbeitsstunden versprochenen 25 Dollar erst nach acht Stunden auszahlt und sie auf dem Heimweg auch noch sexuell belästigt, doch ist dies Américas erstes selbstverdientes Geld, und die Freude, jetzt Essen für beide kaufen zu können, überwiegt. Bereits am zweiten Arbeitstag wird die Frau jedoch auf dem Heimweg von zwei Latinos beraubt und vergewaltigt. Sie wird nie wieder auf Arbeitssuche gehen.
Cándidos Gesundheitszustand bessert sich allmählich, und er findet „gut“ bezahlte Arbeit für drei Wochen, bis der wegen Krankheit ausgefallene, legal im Land lebende Latino, der eine Green Card hat, den Platz des Illegalen wieder einnimmt.
Delaney hat zu gleicher Zeit Probleme mit den Nachbarn: Die Überfremdung, zunehmend Thema in Arroyo Blanco, gibt angesichts seines Unfalls mit dem Mexikaner auch ihm zu denken, vor allem da auch Kyra die Illegalen als Beeinträchtigung ihres Immobiliengeschäfts erkennt. Kyra lässt über ihre Kontakte die Arbeitsvermittlung an der Straße auflösen und unterstützt die Errichtung einer Mauer um Arroyo Blanco – gegen „Coyoten, Schlangen, und Ausländer“. Nachdem die Wohnsiedlung zunächst bloß mit einem bewachten Tor abgeriegelt war, gegen das Delaney noch protestiert hatte, wird sie jetzt gänzlich ummauert.
Nach Schließung der Arbeitsvermittlung und Ankündigung von Razzien will Cándido mit América in die von Mexikanern bewohnte Siedlung Canoga Park ausweichen, wo er jedoch von einer Latino-Gang in eine Falle gelockt, zusammengeschlagen und seiner gesamten Barschaft beraubt wird. Verzweifelt geht er mit der hochschwangeren Frau zurück in den früheren Canyon; unterwegs stillen sie ihren Hunger aus der Mülltonne eines Restaurants. Durch die Erlebnisse gerät América in eine Art Schockstarre.
Später scheint Cándido wieder Glück zu haben: Er bekommt Arbeit, und zu Thanksgiving schenkt ihm ein Kunde in einem Supermarkt einen Truthahn – ein Werbegeschenk des Supermarkts, mit dem der Kunde selbst nichts anfangen kann. Beim Versuch, das Tier zu braten, löst Cándido jedoch einen Waldbrand aus, der großen Schaden verursacht und auch die Wohnsiedlung Arroyo Blanco bedroht, die dem Inferno in letzter Minute nur wegen einer Winddrehung entgeht. Nebenbei verliert Cándido ein weiteres Mal die gesamten Ersparnisse. Cándido und die hochschwangere América entkommen dem Feuer knapp und gelangen dabei in unmittelbare Nähe von Arroyo Blanco.
In einem Geräteschuppen bekommt América ihr Kind, ein Mädchen, das sie „Socorro“, spanisch für Hilfe, nennt. Cándido baut aus Holzpaletten und Trümmern, die er in den Gärten der evakuierten Siedlung findet, einen Unterstand an einem ihm sicher scheinenden Ort oberhalb der Siedlung, aber wieder am Bach. América vermutet inzwischen, dass ihr Kind blind sein könnte, und will zu einem Arzt, was Cándido aber verhindert. Er wiegelt ab: Das nötige Geld wäre ohnedies nicht vorhanden.
Delaney erlebt sich zu dieser Zeit als „von den Ausländern bedroht“: Nachdem an die Außenwand seiner Siedlung zweimal Graffiti mit obskurer Bedeutung (jedoch nicht in Spanisch) gesprüht wurden, versucht er die Sprayer zu stellen, zuletzt, indem er zwei Fotofallen benutzt, die er früher für die Dokumentation von Wildtieren angeschafft hatte. Auf einem der ersten Bilder erkennt er den Mann, den er seinerzeit angefahren hat: Cándido – der allerdings nichts mit den Graffiti zu tun hat, sondern unterwegs war, um aus den umliegenden Gärten Früchte zum Überleben zu stehlen. Delaneys Obsession richtet sich jedoch jetzt auf diesen Mexikaner. Am Weihnachtstag entdeckt er ihn in der Nähe des Supermarkts, stoppt seinen Wagen verkehrsbehindernd und versucht ihn zu stellen. Cándido flüchtet und provoziert dadurch einen Auffahrunfall, der auch Delaneys nahezu neuen Acura beschädigt.
Überzeugt, den Täter erkannt zu haben, und wütend über den Schaden an seinem Auto, verfolgt Delaney Cándido in strömendem Regen, kontrolliert ein weiteres Mal seine Fotofallen und muss feststellen, dass der Sprayer nicht der Latino, sondern der Sohn des Wortführers von Arroyo Blanco war. Das Beweismaterial vernichtet er, den Ausländer will er jedoch stellen und der Polizei übergeben. Er nimmt die Pistole an sich, zu deren Erwerb ihn der Vater des Sprayers einmal überredet hatte, und gelangt bis zu Cándidos Hütte. Während er die Waffe auf Cándido und América richtet, schwemmt eine Schlammlawine sie alle samt dem Unterstand fort. Cándido und América retten sich auf ein Dach, das Baby wird aber fortgerissen. Als Delaney am selben Dach angespült wird, greift Cándido nach der Hand seines Feindes.
Ein scheinbar im Hintergrund stehendes drittes „Paar“ sind zwei Mexikaner, die im selben Canyon, weiter flussabwärts, ihr Lager hatten. Meistens tritt bloß ein Mischling „mit Baseballmütze, Schirm nach hinten“, in Erscheinung, ein Macho, der sich während seiner Arbeitssuche an América heranmacht, zunächst abblitzt, sie aber wenig später zusammen mit seinem indigenen Kollegen vergewaltigt. „Der mit der Baseballmütze“ tritt auch gegenüber Kyra und Delaney mehrmals auf: Kyra belästigt er bei einem ihrer Verkaufsobjekte, Delaney auf einer seiner Wanderungen, bei der Delaney das Schlaflager der beiden am Bach bemerkt. Im Zuge des Brandchaos werden sie von Delaney angezeigt und verhaftet, jedoch mangels Beweisen entlassen.
Themen Der Roman schildert das Leben illegaler Einwanderer aus Mexiko in den USA. Diese Menschen, deren Leben in der Heimat von Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt geprägt ist, hoffen auf den American Dream: Sie wollen nicht nur den eigenen Lebensstandard und Sozialstatus verbessern, sondern unterstützen mit ihrem Lohn auch ihre Familien in Mexiko. Ihre Hoffnungen machen jedoch bald der Ernüchterung Platz: Ihre Arbeit ist hart und schlecht bezahlt, sie werden wie eine niedrigere menschliche Rasse behandelt (sexuelle Belästigung, Beschimpfungen, Umgang mit gesundheitsschädlichen Stoffen) und leben in ständiger Angst vor den Behörden.
Aufgrund ihrer meistens dürftigen schulischen Ausbildung können die Hispanics nur im Niedriglohnbereich arbeiten, etwa auf Baustellen oder Plantagen, und werden deshalb auch für das Sinken des Mindestlohns verantwortlich gemacht. Rassistische amerikanische Bevölkerungsgruppen sehen in ihnen die Ursache für Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Schwäche und begründen dies damit, dass dem Staat durch die illegalen Einwanderer Einnahmen aus der Lohn- und Einkommensteuer entgehen.
Struktur und Erzählperspektive Der Roman weist eine klare Gliederung in drei Teile mit den Überschriften Arroyo Blanco, El Tenksgeevee und Socorro auf. Die einzelnen Teile bestehen aus jeweils acht Kapiteln mit abnehmender Länge; der dritte Teil ist damit der kürzeste.
Die Handlung, die sich über einen Zeitraum von etwa sieben Monaten erstreckt, besteht aus zwei Erzählsträngen, in denen das Geschehen im Raum des Topanga Canyon aus verschiedener Perspektive geschildert wird. Zum einen werden die Ereignisse aus der Sicht des wohlhabenden weißen Paares Kyra und Delaney Mossbacher dargestellt, zum anderen aus dem Blickwinkel des verarmten mexikanischen Paares América und Cándido Rincón dargeboten, die sich als illegale Einwanderer in Kalifornien aufhalten.
Im Hinblick auf die Erzählhaltung bedient sich T. C. Boyle der Perspektive eines selektiven auktorialen Erzählers, der die vier Protagonisten als Reflektorfiguren benutzt, um neben dem äußeren Handlungsrahmen auch die innere Erlebnis- und Empfindungswelt der Figuren auszuleuchten und in deren Erinnerungen zuvor Geschehenes zu präsentieren, das mit einer Bewertung des Gegenwärtigen verknüpft werden kann.Siehe Vgl. auch Ernst H. Andrecht: T. C. Boyle. Tortilla Curtain. Interpretationshilfe Englisch. Stark Verlag, Freising 2006, ISBN 3-89449-803-X, S. 43f. und 48.
Die Erzählperspektive ist in den einzelnen Kapiteln deutlich getrennt und wechselt sich ab: Wird in einem Kapitel das Leben der Mossbachers in der oberen Mittelschichtswelt geschildert, so beschreibt das nächste Kapitel die Lebenssituation der beiden Mexikaner aus der sozialen Unterschicht. Dabei markieren die Kapitelanfänge unmittelbar den Perspektivenwechsel; teilweise setzt die Geschichte genau an dem Punkt ein, an dem die Handlung des vorherigen Kapitels endet; teilweise wird ein und dasselbe Ereignis aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der Protagonisten erzählt. Jeweils im fünften Kapitel des ersten und des zweiten Teils findet sich die Kolumne Delaneys Pilgrims at Topanga Creek, die den Handlungsverlauf symbolisch kommentiert. Im letzten Teil entfällt diese Kolumne; stattdessen wird von Delaneys Recherchen und seinen erfolglosen Bemühungen berichtet, sich auf das Schreiben zu konzentrieren.