Endogamie ( und : „Innenheirat“) bezeichnet in der Ethnosoziologie eine Heiratsordnung, die Eheschließungen innerhalb der eigenen sozialen Gruppe, Gemeinschaft oder sozialen Kategorie bevorzugt oder vorschreibt; der Partner soll beispielsweise derselben Abstammungs- oder Volksgruppe, Glaubensgemeinschaft oder sozialen Schicht angehören. Das Gegenteil ist die Exogamie, bei der außerhalb der eigenen Gemeinschaft geheiratet wird oder werden soll, beispielsweise in Gesellschaften mit einem zweiteiligen Moiety-System. Beide Regeln gründen auf jeweiligen moralischen, religiösen oder rechtlichen Vorstellungen von der eigenen und der anderen Gruppenzugehörigkeit und welchen Gruppen heiratsfähige Personen angehören.
Wie alle Heiratsregeln kann Endogamie als Sollerwartung (präferenziell) oder als vorgeschriebene Norm (präskriptiv) wirken. Bei einem strikten Endogamiegebot werden Heiraten außerhalb der eigenen örtlichen, wirtschaftlichen, politischen, religiösen oder ethnischen Gemeinschaft nicht geduldet und unter Umständen mit dem Ausschluss aus der Gruppe bestraft. Solche Heiratsverbote müssen sich aber nicht auf Sexualkontakte von unverheirateten Mitgliedern mit Angehörigen anderer Gruppen beziehen. Eine eigene Form der Endogamie bildet die Isogamie als bevorzugte Heiratsverbindung von Partnern mit gleichem sozialen Status, also innerhalb derselben Schicht, Klasse oder Kaste.
Endogame Heiratsregeln finden sich weltweit bei vielen Einwanderergruppen, die nur untereinander heiraten, sowie bei vielen Ethnien und indigenen Völkern in Form von Kreuzcousinen- oder Parallelcousinenheiraten (siehe die Bintʿamm-Ehe). Zusammen mit endogamen Bestimmungen existieren meist gleichzeitig (untergeordnete) exogame Heiratsregeln, die sich oft auf eine gemeinsame Abstammung beziehen: Während der Ehepartner aus der gleichen sozialen Gruppierung kommen soll, darf er aber grundsätzlich nicht zur selben Untergruppe gehören, beispielsweise soll er der eigenen Religion, aber nicht dem eigenen Clan angehören.
Gründe für Endogamie Die Gründe für die auslösende Endogamie sind unterschiedlich: Sie kann geographisch bedingt sein, wenn eine Population beispielsweise auf einer Insel längere Zeit weitgehend isoliert lebt. Bekannte Beispiele dafür sind die Isländer,A. L. Price, A. Helgasonu. a.: The Impact of Divergence Time on the Nature of Population Structure. An Example from Iceland. In: PLoS Genetics. Band 5, Nr. 6, Juni 2009, S. e1000505 (doi:10.1371/journal.pgen.1000505, ).A. Helgason, B. Yngvadóttir u. a.: An Icelandic Example of the Impact of Population Structure on Association Studies. In: Nature genetics. Band 37, Nr. 1, Januar 2005, S. 90–95 (, doi:10.1038/ng1492). die Bewohner einiger Inseln in Kroatien,Vanja Saftić, D. Rudan, L. Zgaga: Mendelian diseases and conditions in Croatian island populations. Historic records and new insights. In: Croatian Medical Journal. Band 47, Nr. 4, August 2006, S. 543–552, . Bewohner der amerikanischen Insel Martha’s Vineyard,Nora Ellen Groce: Everyone Here Spoke Sign Language. Hereditary Deafness on Martha’s Vineyard. Harvard University Press, Cambridge 1985, ISBN 0-674-27041-X. der französischen Insel Réunion, Tristan da Cunha,J. S. Jones: How different Are Human Races? In: Nature. Band 293, Nr. 5829, 1981, S. 188–190.S. Eickhoff, P. Beighton: Genetic Disorders on the Island of St Helena. In: S Afr Med J. Band 68, Nr. 7, 1985, S. 475–478. der NorfolkinselC. Bellis, R. M. Hughes u. a.: Phenotypical Characterisation of the Isolated Norfolk Island Population Focusing on Epidemiological Indicators of Cardiovascular Disease. In: Hum Hered. Band 60, Nr. 4, 2005, S. 211–219; karger.com (PDF; 152 kB; 9 Seiten). und der Kapverden.S. Beleza, J. Campos, J. Lopes u. a.: The Admixture Structure and Genetic Variation of the Archipelago of Cape Verde and its Implications for Admixture Mapping Studies. In: PloS one. Band 7, Nr. 11, 2012, S. e51103 (doi:10.1371/journal.pone.0051103, ).
Geographisch isolierte Populationen können auch in abgelegenen Gebieten außerhalb von Inseln vorkommen und entsprechend eine höhere Frequenz von Erbkrankheiten aufweisen. Beispiele dafür existieren unter anderem in Nordschweden und Finnland,K. Kristiansson, J. Naukkarinen, L. Peltonen: Isolated Populations and Complex Disease Gene Identification. In: Genome Biol. Band 9, Nr. 8, 2008, S. 109 (doi:10.1186/gb-2008-9-8-109, ). Saudi-Arabien, Libanon, Israel, Polen, der Schweiz, Italien, Pakistan,A. D. Overall: The influence of the wahlund effect on the consanguinity hypothesis: consequences for recessive disease incidence in a socially structured pakistani population. In: Hum Hered. Band 67, Nr. 2, 2009, S. 140–144 (doi:10.1159/000179561). Indien,T. J. Pemberton, F. Y. Li u. a.: Impact of Restricted Marital Practices on Genetic Variation in an Endogamous Gujarati Group. In: Am J Phys Anthropol. Band 149, Nr. 1, 2012, S. 92–103 (doi:10.1002/ajpa.22101, ). Iran,N. M. Ghiasvand, E. Shirzadu. a.: High incidence of autosomal recessive nonsyndromal congenital retinal nonattachment (NCRNA) in an Iranian founding population. In: American Journal of Medical Genetics. Band 78, Nr. 3, Juli 1998, S. 226–232 (). Tunesien,N. Ben Halim, N. Ben Alaya Bouafif u. a.: Consanguinity, Endogamy, and Genetic Disorders in Tunisia. In: J Community Genet. Band 4, Nr. 2, 2013, S. 273–284 (doi:10.1007/s12687-012-0128-7, ). BrasilienK. B. Gomes, V. C. Pardini u. a.: Founder effect of the 669insA mutation in BSCL2 gene causing Berardinelli-Seip congenital lipodystrophy in a cluster from Brazil. In: Ann Hum Genet. Band 71, Teil 6, 2007, S. 729–734. sowie in den Niederlanden.K. Sleegers, G. Roks u. a.: Familial clustering and genetic risk for dementia in a genetically isolated Dutch population. In: Brain. Band 127, Teil 7, 2004, S. 1641–1649 (Volltext: PMID 15130954).
In der Vergangenheit steckte oft die Religionszugehörigkeit den möglichen Heiratsraum ab („relative Endogamie“). Ausnahmen gab es vor allem am Rande endogamer Räume. Heute noch gibt es religiöse Gründe für Endogamie bei Angehörigen von Religionen mit einer begrenzten Zahl von Anhängern, einer vernachlässigbar kleinen Zahl von Konvertiten und einem Tabu gegen Heiraten mit Menschen, die nicht derselben Religion angehören (ethnisch-religiöse Gruppen). Die auch hier als Folge der Endogamie statistisch häufiger auftretenden Erbkrankheiten wurden bisher am besten erforscht bei den Amischen, traditionell lebenden Mennoniten (wie den Altmennoniten) und HutterernM. Payne, C. A. Rupar u. a.: Amish, Mennonite, and Hutterite Genetic Disorder Database. In: Paediatrics & Child Health. Band 16, Nr. 3, März 2011, S. e23–e24 ().N. C. Orton, A. M. Innes u. a.: Unique disease heritage of the Dutch-German Mennonite population. In: American Journal of Medical Genetics. Band 146A, Nr. 8, April 2008, S. 1072–1087 (, doi:10.1002/ajmg.a.32061). sowie bei aschkenasischen und sephardischen Juden.H. Ostrer, K. Skorecki: The Population Genetics of the Jewish People. In: Human genetics. Band 132, Nr. 2, Februar 2013, S. 119–127 (doi:10.1007/s00439-012-1235-6).
Schließlich kann Endogamie auch kulturell bedingt sein, beispielsweise innerhalb einer Sprachgruppe mit relativ wenig Sprechern und geringer Vermischung mit umgebenden Sprachgruppen. Beispiele für solche kulturellen Gruppen mit endogam bedingten Erbkrankheiten sind die Basken in Frankreich und Spanien,F. Bauduer: History of Biological Anthropology of the Basque Population. Empiricism with Molecular Genetics. In: Histoire des sciences médicales. Band 42, Nr. 2, 2008, S. 123–130 (). eine türkischstämmige Population in den NiederlandenJ. Zlotogora: Multiple mutations responsible for frequent genetic diseases in isolated populations. In: Eur J Hum Genet. Band 15, Nr. 3, 2007, S. 272–278; nature.com (PDF; 91 kB; 7 Seiten). sowie die französisch sprechenden Kanadier in Québec.A. M. Laberge: Prevalence and distribution of genetic diseases in Quebec: impact of the past on the present. In: Médecine Sciences. Band 23, Nr. 11, November 2007, S. 997–1001 (, doi:10.1051/medsci/20072311997).
Das auf Wachstum durch Mission angewiesene Christentum hat demgegenüber – wohl auch bedingt durch die rasche Urbanisierung und Bevölkerungsvermischung der Spätantike – beginnend mit Ambrosius von Mailand und Augustinus von Hippo das Exogamiegebot radikalisiert und das Endogamieverbot stufenweise ausgeweitet, bis es im 11. Jahrhundert bis zum 7. Grad nach römischer Zählweise ausgedehnt und damit praktisch nicht mehr umsetzbar wurde.Emmanuel Todd: Traurige Moderne – Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-72475-6, S. 137–139: Abschnitt Christliche Innovation I: Radikale Exogamie, hier S. 138.
Soziale Bedeutung Endogamie verstärkt den Gruppenzusammenhalt (das Wir-Gefühl) und die Abgrenzung nach außen (siehe auch Soziale Homophilie). Endogamie sichert nicht zuletzt die gemeinsame, verwandtschaftliche Verfügungsgewalt über soziale und materielle Ressourcen (beispielsweise Landbesitz), daher tendieren Oberschichten zu ihr. Sie findet sich als soziale Endogamie, zumeist als Übergangserscheinung, besonders auch bei Einwanderergruppen. Endogamie schützt Minderheiten davor, in Mehrheitsgesellschaften oder einem Umfeld mit anderen sozialen Praktiken und Überzeugungen aufzugehen. Während in Gesellschaften mit Kastensystemen oder vergleichbaren Traditionen das endogame Heiraten die Einordnung einer Gruppe in die gesamtgesellschaftliche Struktur erleichtert, schützt Endogamie Minderheitengruppen in anderen Gesellschaften vor Anfeindungen, indem sie durch eine Aufteilung des Heiratsmarktes die Gruppenkonkurrenz verhindert.
Asymmetrische Endogamie Viele soziale Gruppen und Gemeinschaften befolgen eine asymmetrische (ungleiche) Endogamie: Während für bestimmte Gruppenmitglieder endogames Heiraten innerhalb der eigenen Gruppe vorgeschrieben ist, dürfen andere Mitglieder auch exogam, außerhalb der eigenen Gemeinschaft heiraten. In solchen Fällen werden die Heiratsregeln oft nach Geschlechtern unterschieden (siehe dazu Anisogamie, Geschlechtertrennung). So haben muslimische Männer das Recht, weibliche Angehörige anderer Religionsgemeinschaften zu heiraten, während dies Musliminnen zumeist verwehrt bleibt. Laut den jüdischen Religionsgesetzen (Halacha) dürfen Jüdinnen und Juden nur eine Person heiraten, die entweder eine jüdische Mutter hat (Religionszugehörigkeit über die matrilineare Abstammung) oder die zur jüdischen Religion übergetreten ist.
Bevorzugte und vorgeschriebene Endogamie Von der verbreiteten Gewohnheit, dass viele Menschen dazu neigen, Mitglieder ihrer eigenen sozialen Gruppe zu heiraten (bevorzugte, präferentielle oder soziale Endogamie), unterscheiden sich die ausdrücklichen Heiratsregeln verschiedener Gruppen, die Endogamie besonders streng ausüben (vorgeschriebene, präskriptive oder strikte Endogamie).
Bei der sozialen Endogamie sind die Übergänge zwischen der Verpflichtung seitens der Gruppe, der Gewohnheit der Gruppenmitglieder und dem natürlichen Zusammentreffen innerhalb der Gruppe fließend (Mitglieder derselben sozialen Gemeinschaft treffen häufiger aufeinander und teilen gemeinsame Überzeugungen und Gewohnheiten).
Gemeinschaften, in denen strikte Endogamie praktiziert wird, fordern traditionell, moralisch, religiös oder rechtlich von ihren Angehörigen die Heirat nur innerhalb der eigenen Gruppierung, Schicht oder Religion. Das Kastensystem in Indien ist ein übergreifendes Ordnungssystem (weitgehend) endogamer Gemeinschaften, die nur in derselben Gruppe heiraten dürfen/sollen.