mini|Die erste vollständige Bibelübersetzung Martin Luthers von 1534, Druck Hans Lufft in Wittenberg, Titelholzschnitt von Meister MS. mini|hochkant|Die letzte Fassung von 1545, die noch zu Luthers Lebzeiten erschienen ist

Die Lutherbibel (Abkürzung LB) ist eine frühe protestantische Bibelübersetzung aus dem 16. Jahrhundert und das Werk des Reformators Martin Luther unter Mitarbeit weiterer Theologen. Sie umfasst und übersetzt das Alte Testament aus der althebräischen und der aramäischen Sprache, die alttestamentlichen Apokryphen aus altgriechischen und lateinischen Quellen und das Neue Testament aus der altgriechischen in die frühneuhochdeutsche Sprache.

Im September 1522 war eine erste Auflage des Neuen Testaments fertig; ab 1534 lag dann eine deutsche Vollbibel vor, an der Luther zeitlebens weiter Verbesserungen vornahm. 1545 erfolgten die letzten Korrekturen der Biblia Deudsch von Luthers eigener Hand. Vor der Lutherbibel waren zwar schon 18 volle Bibelübersetzungen ins Deutsche gedruckt erschienen,Volker Leppin: Die fremde Reformation, C.H. Beck, München, 2016, S. 13 ISBN 978-3-406-69081-5 unter Verweis auf: Rudolf Bentzinger: Zur spätmittelalterlichen deutschen Bibelübersetzung. Versuch eines Überblicks, in: Irmtraut Rösler (Hg.): Ältere Sprache und Literatur in Forschung und Lehre. Festschrift Christa Baufeld. Rostock 1999, Rostocker Beiträge zur Sprachwissenschaft 7, S. 29–41. doch sie beeinflusste die Entwicklung der deutschen Sprache so nachhaltig wie kein anderes Literaturwerk. Damit ist sie mit einer bis heute andauernden Wirkung die traditionsreichste deutsche Bibelübersetzung.

Unter Lutherbibel versteht man heute einerseits Die Biblia Deudsch, die Bibelübersetzung Martin Luthers aus dem 16. Jahrhundert, und andererseits die aus der Biblia Deudsch hervorgegangenen, bis in die Gegenwart weiterrevidierten Bibelübersetzungen, welche für den deutschsprachigen Protestantismus eine zentrale Rolle spielen, wobei die moderne Bibelwissenschaft, aber auch theologische Denkrichtungen und Frömmigkeitsbewegungen (z. B. Pietismus, Evangelikalismus und Liberaltheologie) verändernd ihre Anliegen in die Textgestalten einbrachten. Diese Versionen basieren zwar auf Luthers Übersetzung, unterscheiden sich aber von ihr und untereinander durch sprachliche Modernisierungen und teils auch in der Textgrundlage. Die Evangelische Kirche (EKD) empfiehlt die 2017 revidierte Lutherbibel zum Gebrauch im Gottesdienst. Pfarrkonvent und Kirchensynode der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) nahmen 2018 die revidierte Lutherbibel für den liturgischen Gebrauch an, mit der Einschränkung, „für die Lesungen an bestimmten Sonn- und Feiertagen bei der oftmals verständlicheren und an mancher Stelle auch theologisch präziseren Revision der Lutherbibel aus dem Jahr 1984 zu bleiben.“SELK-Aktuell: Neue Ordnung der gottesdienstlichen Lesungen (23. November 2018). Ebenso wird die Lutherbibel in der Fassung von 2017 in der Neuapostolischen Kirche verwendet. Im Lutherhaus Eisenach widmet sich eine Dauerausstellung speziell der Lutherbibel.

Die Lutherbibel hat folgende Charakteristika:Form, Gliederung und teilweise auch Inhalt des Abschnitts machen Anleihen bei den drei Abschnitten über die Lutherbibeln von 1912, 1984 und 2017 der Webseite

Umfang

Zur Anordnung der biblischen Bücher in der Übersetzung: siehe Auswahl und Reihenfolge der neutestamentlichen und alttestamentlichen Bücher.

Übersetzt wurden das Alte Testament im Umfang des Kanons der Hebräischen Bibel (Tanach), die Apokryphen des Alten Testaments etwa im Umfang der Vulgata und Septuaginta, sowie das Neue Testament.

Textgrundlagen

Zur Entwicklung der Grundtexte siehe: Textgrundlagen der Lutherbibel.

Die Übersetzung des Alten Testaments umfasst den masoretischen Text in hebräischer und aramäischer Sprache. Die Apokryphen des Alten Testaments dagegen wurden anfangs aus der lateinischen Vulgata, teils aus der griechischen Septuaginta übersetzt und später ausschließlich aus der Septuaginta. Textgrundlage des Neuen Testaments war ursprünglich das Novum Testamentum Omne. Seit der LB 1883 wurde die Textgestalt von textkritischen Fassungen des NT Graece beeinflusst und seit der LB 1956 bestimmt.

Übersetzungstyp

Es handelt sich um eine philologische Übersetzung (siehe dazu den Artikel Bibelübersetzung), die gleichzeitig durch die starke Orientierung an der Idiomatik der Zielsprache Deutsch deutliche kommunikative Elemente enthält – ein damals innovativer und kontrovers diskutierter Ansatz. Die Bilderwelt ist vielfach auf den deutschen Leser zugeschnitten.

Sprachstil

Zu Luthers eigenem Sprachstil siehe: Luthers sprachschöpferische Leistung.

Nachdem die Versionen des 20. Jahrhunderts sich der modernen deutschen Sprache angenähert hatten, hatte die Revision 2017 den Grundsatz, wieder möglichst nahe an Luthers Sprachstil zu bleiben, sofern dieser heute noch verständlich ist.

Beigaben, Kernstellen

Die meisten Ausgaben der Lutherbibel enthalten nicht zum Text gehörige Abschnittsüberschriften sowie Verweise auf Abschnitts-, Vers- und Wortparallelen. Oft gibt es einen Anhang mit Sach- und Worterklärungen zum biblischen Umfeld (z. B. Landkarten, Maße, Gewichte). Schon Luther hat „Kernstellen“ mit besonders wichtigen Aussagen im Druck hervorheben lassen. Zur späteren Entwicklung und zum Gebrauch der Kernstellen siehe den Abschnitt Bibelgebrauch im Pietismus.

Der Weg zur Biblia Deudsch von 1545 mini|Friedrich der Weise ließ Luther auf dem Rückweg von Worms zum Schein überfallen und auf die Wartburg (hier: Innenansicht des Haupttors) bringen. Luther verbrachte hier den Winter 1521/22 mit der Übersetzung des Neuen Testaments. mini|Die winterliche Wartburg, Schauplatz von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments mini|hochkant|Luthers Arbeitsplatz auf der Wartburg

Übersetzung des Neuen Testaments Untergetaucht als „Junker Jörg“, begann Martin Luther während seines Aufenthalts auf der Wartburg (4. Mai 1521 bis 1. März 1522) mit der Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen. Philipp Melanchthon hatte ihn zu dieser Arbeit motiviert, wahrscheinlich während Luthers kurzem Besuch in Wittenberg im Dezember 1521. Nachdem das Novum Instrumentum Omne von Erasmus 1516 in Druck gegeben worden war, hatten sich Humanisten an der Übersetzung einzelner Teile ins Deutsche versucht. Johann Lange z. B., Luthers Mitbruder und früherer Griechischlehrer in Erfurt, hatte 1521 ein deutsches Matthäusevangelium drucken lassen. Luther strebte aber eine kommunikativere Übersetzung an. Außerdem wollte er das Neue Testament als Ganzes der Öffentlichkeit vorlegen.Stefan Michel: Die Kanonisierung der Werke Martin Luthers im 16. Jahrhundert. Mohr Siebeck, Tübingen 2016, S. 36f.

Luthers Handapparat auf der Wartburg Luther hatte auf der Wartburg die Vulgata zur Hand,Heinrich Bornkamm: Die Vorlagen zu Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. In: Theologische Literaturzeitung 72/1 (1947), Sp. 23–28 (Digitalisat) oder sie war ihm auswendig so präsent, dass er das Buch gar nicht mehr brauchte. Nikolaus Gerbel aus Straßburg hatte ihm eine Ausgabe seines griechischen NT geschenkt (griechischer Text nach Erasmus, aber ohne Beigaben). Außerdem hatte Luther auch das Novum Testamentum Omne des Erasmus (2. Auflage 1519) zur Verfügung, welches in zwei Spalten den griechischen Text mit Anmerkungen und daneben eine neue lateinische Übersetzung bot. Diese Edition war für Luther wichtig, weil sein Griechisch nicht so ausgeprägt war, dass er mit dem Urtext ohne Hilfe von Philologen wie Erasmus oder Melanchthon selbständig hätte arbeiten können.

Luther übersetzte auf unterschiedliche Weise, wobei nicht aufzuhellen ist, warum er sich jeweils für eine der folgenden Optionen entscheidet: Er folgt der Vulgata und übersetzt den griechischen Text wie sie. Er folgt der Vulgata gegen den griechischen Text. Er folgt der Vulgata trotz der Korrektur des Erasmus. Er folgt der Übersetzung des Erasmus gegen die Vulgata. Das ist der Normalfall dort, wo er von der Vulgata abweicht. Er folgt den Anmerkungen bei Erasmus gegen die Vulgata, auch dort, wo Erasmus sie in seiner Übersetzung nicht umgesetzt hat. Er verbindet verschiedene Anregungen zu eigener Gestaltung. Er übersetzt selbst (falsch) aus dem Griechischen gegen Erasmus und gegen die Vulgata. Die selbständige Arbeit am griechischen Text war Luthers Ideal, das er aber unter den Arbeitsbedingungen auf der Wartburg und ohne den Rat der Experten noch nicht umsetzen konnte. Er übersetzt frei, dem Sinn nach, angeregt durch die Anmerkungen des Erasmus. Die „Lutherstube“ auf der Wartburg war bezogen auf die Bibelübersetzung der Ort, „wo Luther die sicheren Krücken aus der Hand warf und eigene, wenn auch z. T. unbeholfene Schritte versuchte“.Heinrich Bornkamm: Die Vorlagen zu Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. In: Theologische Literaturzeitung 72/1 (1947), Sp. 23–28, hier Sp. 26.

Stuttgarter Vulgata, eine Bibel aus dem Umkreis Martin Luthers 1995 schien es, als sei in der Württembergischen Landesbibliothek die lateinische Bibel entdeckt worden, die Luther auf der Wartburg benutzte. Dieses 1519 in Lyon gedruckte Buch ist voller Einträge einer Person, die sich mit Luthers Übersetzungsarbeit beschäftigt hat, eine ihm ähnliche Handschrift hat, aber (nach aktuellem Stand) nicht Luther selbst ist.

Bedeutung der lateinischen Bibel Es ist nur ein Teil der Wahrheit, dass Luther sich in diesen Wochen – getreu dem humanistischen Motto ad fontes („zu den Quellen“) – von der Vulgata ab- und dem griechischen Urtext zuwandte. Denn er nahm noch 1530 in seinem Sendbrief vom Dolmetschen alle Beispiele aus der lateinischen Bibel. Der Einfluss der Vulgata ist in der Lutherbibel stark spürbar, die so ein Erbe der mittelalterlich-lateinischen Tradition im deutschen Sprachraum bis heute bewahrt. Bei der Revision 2017 beispielsweise wurden die Bearbeiter des Lukasevangeliums immer wieder mit dem Phänomen konfrontiert, dass Luthers Übersetzung Lesarten bietet, die er in keinem griechischen Text finden konnte, sondern die aus seiner Vertrautheit mit dem Vulgata-Wortlaut herrühren.Martina Böhm: Warum sich Josef nun (besser) in das judäische Land aufmacht und die Prophetin Hanna (leider) um 21 Jahre jünger geworden ist. Chancen und Probleme der Revision der Lutherbibel, an Beispielen aus dem Lukasevangelium gezeigt. In: Evangelische Theologie 76/4 (2016), S. 281–293, hier S. 286. Ein Beispiel ist die Anrede „mein Sohn!“, wo vom griechischen Text „Kind!“ gefordert wäre: , , .

Der entscheidende Unterschied, den auch Luther selbst in seinem Sendbrief vom Dolmetschen (1530) an der berühmten, aber meist nur verkürzt zitierten Stelle von „dem Volk auf's Maul schauen“ hervorhebt, war, dass Luther sich von der dogmatischen Verpflichtung auf die Vulgata und damit auf die lateinische Sprache und auch die lateinische Sprachstruktur (die die Übersetzungen vor Luther geprägt hatten) befreit hatte. Damit blieb zwar die Vulgata neben dem griechischen Urtext eine wichtige Textquelle, aber Luther konnte sich für die sprachliche Gestaltung in großer Freiheit auf die Zielsprache einlassen.Martin Luther: Ein Sendbrief vom Dolmetschen. 1530, WA 30/II, 637,19-22: „man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deutsch reden, … sondern, man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den und mercken, das man Deutsch mit jn redet.“ Siehe dazu auch: Siegfried Kreuzer: Vom Dolmetschen, S. 277.

Beispiele für die Übernahme der Vulgata-Tradition gegen den Urtext In den beiden folgenden Fällen hat erst die Revision von 2017 Luthers Übersetzung korrigiert, jeweils mit dem Hinweis: „Luther übersetzte nach dem lateinischen Text.“

Philipper 4,7 … καὶ ἡ εἰρήνη τοῦ θεοῦ ἡ ὑπερέχουσα πάντα νοῦν φρουρήσει τὰς καρδίας ὑμῶν καὶ τὰ νοήματα ὑμῶν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ.